Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 9 (1958-1959)
- Issue
- 199 (15.3.1959)
- Date
- 1959-03-15
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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LITERATUR - ECHO Jacob Dr jjenger: Nah um Goldmann — ein Leben fuer Israel mit einem Vorwort von Prof. Franz Boehm. (Europaeische Verlagsanstalt, Frankfurt. 2 Baende, 580 Seiten) Eine gute Biographie lieber einen I Dichter oder Staatsmann ist immer lehrreich und interessant und so | werden auch die zwei Baende der eben erschienenen Lebensbeschreibung ueber “Nahum Goldmann—ein Leben fuer Israel” viele Leser finden, die dem Verfasser, Jacob Draenger, fuer sein anziehendes und fesselndes Werk Beifall zollen werden. Franz Boehm, in seinem geistreichen Vorwort, wirft erstaunliche Fragen auf, die beruehrend, aber auch schwer zu beantworten sind. Boehm sagt auch, dass diese Biographie “so viel Neues, Erstaunliches und Erregendes, so viel Bedeutsames und Wissenswertes” enthaelt. Das ist richtig, sogar fuer Juden, die Zeugen der historischen Leistungen Gc’.diranrs waren und sind. Seine Mutter, Rebecca Goldmann, erzog ihn um, seinem Volke zu dienen, j Als sein Vater, der hebraeische Dichter j Salomon Goldmann, gefragt wurde, j was sein Sohn werden wird, antwortete er: “Advokat des juedischen Volkes”. | Wir erfahren, dass Nahum schon | als Schueler sich journalistisch i betaetigt hatte und mit dreizehn! Jahren staendiger Mitarbeiter des “Frankfurter Israelitischen Familienblattes” wurde. Wegen der Schulbehoerden durfte die Zeitung seinen Namen nicht bekannt geben und deshalb erschienen seine Beitraege unter dem “Pseudonym” “Ben Koheleth”. Der junge Nahum war schon damals-als Redner und Journalist-kampffaehig und geistreich, eifrig und feurig.Am 29.Ju!i 1910, also kaum 16 Jahre alt, veroeffentlichte er einen scharfen Leitartikel “Salomon Reinach, ein Typus”, der eine lebhafte Diskussion erregt hatte, und die Folge war, dass Prof. Reinach, Kunsthistoriker und Archaeloge, als Vizepraesident der “Alliance lsraelite Universelle” demissionieren musste. Vergebens hatte sich Reinach bemueht, ausfindig zu machen, wer eigentlich unter “Ben Koheleth” schreibe. Erst zwanzig Jahre spaeter, bei einer Zusammenkunft mit Goldmann, erfuhr er es. Goldmann musste im Jahre 1914 als “feindlicher Ausiaender” nach-Bad Nauheim übersieddn. Hier schrieb er mehrere Essays und schickte auch seine Artikel der “Frankfurter Zeitung”, welche sogar in der Wilhelmstrasse Beachtung gefunden hatten. Und so wird der “feindliche Ausiaender” eingeladen, um Mitarbeiter der “Abteilung fuer juedische Angelegenheiten im Auswaertigen Amt” zu werden. Djemal Paschas Verordnungen gegen die juedischen Kolonisten in PaOaestina wurden auch in Berlin bekannt. Goldmann suchte den Theologen H. Strack, der Einfluss auf Kaiserin Auguste Viktoria hatte, auf, erzaehlte ihm ueber die Verwuestungen in Palaestina und ersuchte ihn, diesbezuegliche Gegenschritte zu unternehmen. Er tat dies, und tatsaechlich intervenierte Kaiser Wilhelm in dieser Sache. Eine “Encyclopaedia Judaica” herauszugeben, war ein alter jugendtraum von Nahum Goldmann. Die Idee hatte er eigentlich von seinem Onkel, dem hebraeischen Dichter Ben Avigdor, der sich darueber mit dem achtjaehrigen Nahum zu unterhalten pflegte. Und wenn ein Nahum Goldmann mit dem Kopf durch die Wand will, so wird der Kopf ganz bleiben und die Wand zusammenstuerzen. Freilich hatte er oft Kopfschmerzen-'bis Jakon Klatzkin ihm im Jahre 1921 zurief “Ich bin bereit” und bis das Projekt wirklich realisiert wurde. Die wunderbare Geschichte ueber die “Encyclopaedia Judaica wird hier ausfuehrlich erzaehlt. Sah man Goldmann zusammen mit Klatzkin und Solow'eitschik, so pflegte man in Berlin zu sagen “Hier geht die Encyclopaedia |udaica” oder “Die Batlanim aus der Bismarckstrasse”. Die ersten 10 Baende (A-L) erschienen in den fahren 1928-1934. Aber die Arbeit wurde durch Hitler unterbrochen und alle drei mussten Deutschland verlassen. “Mit der einen Hand Palaestina bauen und mit der anderen in der Galuth kaempfen”— war und ist Goldmanns Weltanschauung. In allen Einzelheiten beschaeftigt sich d i e Biographie mit Goldmanns zionistischen Anschauungen und Handlungen. Sein Name wurde zuerst in zionistfschen Kreisen Frankfurts bekannt, da er noch ein Gymnasiast, kaum 14 Jahre alt, war, dann in Deutschland, da er Student wurde. Bald spielte er eine Rolle im deutschen Zionismus und man merkte, von einem Zionistenkongress zum anderen, seinen Einfluss Rudolf Am 26. Februar vollendete Rudolf Ullstein sein 85. Lebensjahr, und noch immer betritt er Tag für Tag pünklich um neuen Uhr sein Büro im Druckhaus Tempelhof, von wo aus er mit kritischem Sinn und der Weisheit des Alters über die Geschicke des Hauses wacht, das heute mit rund 4.500 Beschäftigten wieder Deutschlands groesstes graphisches Unternehmen ist. Rudolf Ullstein ist der letzte Überlebende der fünf Brüder, die dem Verlag Ullstein Weltgeltung verschafften. Was Rudolf Ullstein in dem fangen Leben, das er bis heute durchmessen hat, stets am meisten interessierte das waren und sind — Maschinen. ’ Aus dieser Liebe entwickelte sich beinahe zwangslaeufig sein Beruf. Rudolf Ullstein, der das Handwerk des Setzers und Druckers von der Pike auf gelernt hat, wurde der Techniker des Verlages, der mit einem nahezu grenzenlosen Fortschrittsglauben alle Schwierigkeiten meisterte, die ihm die stürmische Entwicklung des Verlages bereitete. in der zionistischen Bewegung. Goldmann ist ein Realpolitiker, oft fuer Kompromisse, gewoehnlich fuer seine Kompromisse. Er ist kein Ussischkin, der nicht “Ja” sagen konnte. Aber Goldmann ist gleichzeitig auch eir. mutiger Kaempfer, der auf Ideale nicht verzichten kann. So kam es, dass er half, Weizmann als Presidenten der Zionistischen Organisation zu stuerzen, und dann, Jahre spaeter, ihn wiedei zum Praesidenten zu waehlen. Verlor er aber eine Schlacht, wie z.B. im Kampf um die Erweiterung der Jewisk, Agency, so konnte er auch “Ja” sagen. Ullstein Viele der Maschinen und Verfahren, die heute in einer Druckerei Selbstverstaendlichkeiten sind, verdanken ihm ihre Entstehung. Er stellte die “Berliner Illustrierte” vom langwierigen Schnellpressendruck auf Rotationsdruck um und erceffnete damit das Zeitalter der Massen-Mustrierten. Er war es, der die “BZ am Mittag” zur schnellsten Zeitung der Welt machte. Zwoelf Minuten naca Feststellung des letzten ßoersenkurses war sie auf der Strasse und schlug damit alle vergleichbaren Zeitungen in den Vereinigten Staaten Nordamerikas um acht Minuten. Mit seiner Besesseiheit für Maschinen kann nur noch seine Liebe zum Sport konkurrieren. Wenn Rudolf Ullstein nicht bei seinen Maschinen zu finden war, dann presthte er zu Pferde durch den Gmnewald oder handhabte das Tennisrjcket. Und als das Auto in Mode kam da wurde aus Rudolf Ullsteins zwei Lieben ploetzlich eine; im Auto war beices: Sport und Maschine. * * * ¥ * * * ¥ * ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ * ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ * ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ -K DAS WUNDER DER TROSTLOSEN NACHT Der Chor der Schatten singt Ueber Eis und Schnee und verhangenem Mond. Nachtvoegel flattern herum Und belagern das drohende Schweigen. Ein kleines Kind jammert die schlaflosen Stunden zuschanden. “Trostlos ist diese Nacht”, wehklagt ein Sterbender. “ Trostlos ist diese Nacht ”, schluchzt Rachel, die ihrer Kinder gedenkt. “Trostlos ist diese Nacht”, groehten die stampfenden Schritte. Und das eilige Echo hallt Durch die trestlocii Nacht aus gestern und heute und morgen. Ich aber lehne tri ein Haupt an die Steine der Klagemauer, Sauge mit meinen Lippen der Jahrtausende Traenen auf Und gedenke unserer Helden : In der trostlosen Nacht rufen die herrlichen Namen, Schmelzen die Mauern der Schande, Wacht wieder das Wunder auf: Hinter dem Ghettowall leuchtet Jerusalem! ILSE BLUMENTHAL-WEISS (Aus “Mahnmal”. ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ Einem grossen Teil unserer Leser duerfte der Name "Ullstein" ein Begriff sein. Wer kannte nicht im vorhitlerischen Deutschland die "Berliner Illustrierte", die "BZ", "Tempo", die "Morgenpost", die beruehmten "Ullsteinbuecher". und die vielen, vielen andern erfolgreichen Verlagsobjekte des Hauses Ullstein? Die "Ullsteins" waren ungewoehnlich grosszuegige Verleger, Perscenlichkeiten mit einem unverkennbar genialen Zug. Einer der grossen Pioniere deutscher Verlcgsarbeit, Rudolf Ullstein, — wurde kuerzlich 85 Jahre; ein Anlass dieses bedeutenden juedischen Mannes zu geidenken. Nahum Goldmann ist auch fuehrend taetig, um die Rechte der Juden in der Diaspora zu schuetzen. Er wird Organisator und “Advokat des juedischen Volkes”. Als Praesident des “Comitee des Delegations Juives” und als Vertreter der Zionistischen Organisation in Genf kam er mit den Staatsmaennern in Kontakt, um zu retten, was noch zu retten war, und um zu helfen, wo Hilfe noch moeglich war. Er war ueberall und rief auch juedische Wdtkonferenzen ein. “Mein Prestige, Excellenz” — sagte er zu Mussolini am 13.November 1934 —■ “beruht auf der Meinung, die da» juedische Voflk von mir hat”. ln der Biographie, illustriert, erscheinen viele Namen, die in der Geschichte des juedischen Volkes und anderer Voelker verankert sind. Mit der Lektuere dieser zwei Baende tauchen historische Begebenheiten, vom ersten Weltkrieg bis zum J.ahre 1936, auf, als Stephen S. Wise die erste Tagung des Juedischen Weltkongresses in Genf eroeffnet hatte. Ein dritter Band, vom Jahre 1936 bis zur Gegenwart, ist in Vorvereitung. Wir sehen Goldmann — den faszinierenden Rhetoriker, den Mann der Feder, den Staatsmann, aber was in der Biographie fehlt, ist die Schilderung Goldmanns .als Mensch, das rein Persoenliche, das persoenliche Portraet, was hoffentlich im dritten Band von Jacob Draenger nachgetragen werden wird. Aber es ist eine Biographie mit dramatischen Szenen und diplomatischen Schlachten, welche gelesen werden soll. Es ist anzunehmen, dass die Biographie, die auch in franzoesischer Sprache da ist, in englischer und in hebraeischer Sprache erscheinen wird. Das Leben und Wirken von Nahum Goldmann, der beute Praesident der Zionistischen Organisation und des Juedischen Weltkongresses ist, soH eine Inspiration fuer alle sein, um mit der einen Hand Israel zu bauen und mit der anderen in der Diaspora zu kaempfen. Josef FraetikeL Der “alte Herr” — wie er heute mit zaerflichem Respekt im Betrieb genannt wird — ist trotz allen aeusseren Erfolgen ein bescheidener und gütiger Mensch geblieben. Als er 1939. immerhin bereits fünfundsechzigjaehrig, als mittelloser jüdischer Emigrant nach England kam da hiess es für ihn, noche einmal von vorn anzufangen. Er zoegerte nicht einen Augenblick. Nacht für Nacht stand er am Schraubstock und an der Schleifmaschine. Doch haben die Jahre der durch Hitler erzwungenen Emigration in Rudolf Ullstein keinerlei Bitterkeit oder Hass hinterlassen. Nach dem Kriege nahm er mit einer Energie, um die ihn Jüngere beneiden koennten, den Kampf um das Werk wieder auf, dem er so lange hatte fernbleiben müssen, dem er sich aber — selbst in den trübsten Stunden — verbunden gefühlt hatte. Ihm war es eine gresse Genugtuung, dass weder Nationalsozialismus noch sowjetische Demontage den Geist aus dem nach ihm benannten Hause hatten vertreiben koennen. Diesen Geist, von dem der unvergessene Berliner Gerichtsberichterstatter Sling anlaesslich des fünfzigjaehrigen Jubilaeums des Hauses behauptete, die Leidenschaft gehoere ganz einfach zum Kontrakt. Rudolf Ullstein, unter anderem Inhaber des Goldnen Bandes der Sportpresse und Traeger des Grossen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland, steht heute einem Unternehmen vor, das die beiden groessten Tageszeitungen Berlins und eine Radio- Illustrierte herausgibt; der Buchverlag ist einer der eroessten Europas. DAS ECHOfür sie - Sie für DAS ECHO.