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Das Echo · 1959-01-30 · 196 (30.1.1959) · p. [Seite 3]

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Journal
Das Echo
Volume
9 (1958-1959)
Issue
196 (30.1.1959)
Date
1959-01-30
Page
[Seite 3] (sequence 3)
Language
German
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30, Januar 1959. “DAS ECHO“ 3. ln Deutschland werden wieder patriotische Sprüche in Marmor gehauen, Gedenktafeln enthüllt und Kriegsmonumente ‘‘ln Erinnerung an die Helden zweier grosser Kriege”, wie Theaterkulissen vor den Abgrund der Vergangenheit geschoben, um unserer, ach so ruhebedürftigen Gegenwart den Blick ins Bodenslose zu ersparen. Das Aergerniserregende wird geknebelt, so gut se eben geht; um so aergerniserregender ist es dann natürlich, wenn sich Persoenlichkeiten des oeffentlichen Lebens, die im eigenen Interesse bemüht sind, dem deutschen Volk sein schlechtes Gewissen auszureden, ploetzlich der unausweichlichen Notwendigkeit gegenüberstehen, an den 1938 njedergebrannten Synagogen Erinnerungstafeln aufzustellen. Eine peinliche Geschichte! So blieb auch dem Gemeinderat der Stadt Ludwigsburg nichts anderes übrig, als eine Empfehlung der “Israelitischen Kultusvereinigung Württemberg und Hohenzo- 'llern zur Diskussion zu stellen, die Empfehlung naemlich, man moege für ejne würdige Inschrift als gegenwaertige und in die Zukunft wirkende Mahnung Sorge tragen. Peinliche Geschichte! Denn bedeutet es nicht eine arge Zumutung für einen bundesdeutschen Gemeinderat, der um bundesdeutsche Ordnung und Sicherheit besorgt ist, mit einer in Stein gemeisselten Inschrift an 30 demolierte und in Brand gesteckte Synagogen, Friedhofskapellen und jüdische Gemeindehaeuser, an mobilisierte Massen, Verbrecherparolen und sechs Millionen ermordete Juden erinnern zu müssen, und mit solcher Erinnerung das deutsche Volk zu beunruhigen, das eben dabei ist, sich in aller Ruhe ein wenig zu restaurieren? Schliesslich haben diverse Meinungsumfragen der Nachkriegszeit ergeben, dass sich ein Dritte] der westdeutschen Bevölkerung immer noch zum Antisemitismusbekennt, waehrend über 50 Prozent der Befragten klipp und klar zum Ausdruck brachten, dass sie mit einer Eroerterung des Judenproblems nichts mehr zu tun haben wollten. Was für eine peinliche Geschichte! Die Gemeinderaete der Stadt Ludwigsburg steckten die Koepfe zusammen und raetselten hin und raetselten her. Was dabej herauskam? Nun — der Entschluss der Ludwigsburger Stadtvaeter erweist sich in einem Briefwechsel des Gemeinderats mit der Israelitischen Kultusvereinigung als Dokument der Verantwortungslosigkeit. Man hoere und staune. Die “Israelitische Kultusvereinigung Württenberg und Hohenzollern” schrieb an den Oberbürgemeister der Stadt Ludwigsburg: “Uns ist mitgeteilt worden, dass der Gemeinderat beschlossen hat der Erinnerungstafel folgende Inschrift zu geben: Auf diesem Platz stand von 1884 bis 1938 die Synagoge. Sie wurde am 10. November 1938 zerstoert. — Wir erlauben uns, in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam zu machen, dass spaetere Generationen nicht mehr wissen werden, was das Datum “10. November 1938” bedeutet, und dadurch der Eindruck entsteht, dass die Synagoge durch Kriegseinwirkung zerstoert worden ist. Um diesem falschen Eindruck zu verhindern, schlagen wir vor, dem zweiten Satz das Wort “gewaltsam einzufügen, so dass dieser dann lauten würde; “Sie wurde am 10. November 1938 gewaltsam zerstoert_Wir sind der sicheren Hoffnung, dass Sie unserer Bitte statt geben werden...” Die “Israelitische Kultusvereinigung Württemberg und Hohenzollern” schrieb an den Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg, nachdem die vorgetragene Bitte monatelang ohne Antwort geblieben war: “Da uns der endgültige Bescheid noch nicht zugegangen ist, nehmen wir an, dass die Entscheidung über den Inhalt der Inschrift noch bevorsteht ... Sollte jedoch dieser Text genauso wie der zuerst beschlossene lauten, so dürfte es wohl t Die peinliche Gedenktafel Rolf Seeliger schrieb kürzlich in der bekannten demokratischen Wochens chrift “Die Andere Zeitung” (Hamburg) einen bemerkenswerten Artikel den wir unseren Lesern nicht vorenthalten moechten. Hier wird wieder einmal klar bew.te sen, dass Tföile des deutschen Volkes noch immer nichts aus der vergangenen Nazi-Tragoedie lernten und die Vergangenheit unverarbeitet blieb. fVVenn wir auch davon überzeugt sind, dass es heute in Deutschland we.'ie Kreise mit sauberer demokratischer Gesinnung gibt), so bleibt dennoch der in gewissen Kreisten starke Antisemitismus eine ernste Gefahr für die echte Dentokrattsi erung Deutschlands. Dieser Artikel beweist die mangelnde Courage manetter deutscher Amtsstellten, den Opfern des Nazismus Tribut zu zollen. besser sein, wenn von dem Anbrin- •gen einer Erinnerungstafel abgesehen wird”.' Die “Israelitische Kultusvereinigung Württemberg und Hohenzollern” schrieb .an den üesamtgemeinderat der Stadt Ludwigsburg, nachdem die Mehrzahl des Gemeinderats in namentlicher Abstimmung eine Aederung des Textes der Gedenktafel abgelehnt und sich für die Unverbindlichkeit des zuerst geplanten Wortlauts entschlossen hatte: “Mit Befremden haben wir von dem Beschluss des Gemeinderais Kenntnis genommen ,trotz unseres Einwandes der Erinnerungstafel die Inschrift zu geben: Auf diesem Platz stand von 1884 bis 1938 die Synagoge. Sie wurde am 10. November 1938 zterstoert. — Von einer Gedenktafel erwartet man, dass sie das wahre Schiksal der Synagoge darlegt. Der vom Gemeinderat beschlossene Text vermeidet bewusst diese Klarstellung. Unter diesen Umstanden kann die Israelitische Kultusvereinigung keinen Wert darauf | legen, dass durch eine Gedenktafel 1 der Zerstoerung der Synagoge gedacht ward”. Der Oberbürgermeister der Stadt j Ludwigsburg schrieb an die “Israe- I litische Kultusvereinigung Württemberg i Hohenzollern”: 1 “Ich persoenlich bedaure sehr, dass es gerade bei dieser nochmaligen Beratung über die Inschrift zu gegensaetzlichen Auffassungen innerhalb des Gemeinderates gekommen ist. Mitentscheidend waren dabei aber wohl auch verschiedene Differenzen,-die sich in letzter Zeit zwischen den einzelnen Fraktionen aufgetan haben. . . Die Ansicht der drei Parteien (FDP, CDU und BHE) unterschied sich von dieser der SPD darin, dass sie es für zweckmaessiger halten, keine neue Anklage zu erheben, sondern durch eine ernste und stille (!) Mahnung dazu beizutragen, die Wiederholung solch tief bedauerlicher Geschehnisse auszuschliessen . .. Ich waere deshalb ausserordentlich dankbar, wenn auch Sie, von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, dem Beschluss des Gemeinderates Versaendnis entgegenbringen würden". Die “Israelitische Kultusvereinigung Württemberg und Hoenzoliern” schrieb an den Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg: “Auf Ihr Schreiben, das sich mit dem unseren gekreuzt hat, haben wir zu bemerken, dass wir unserem Schreiben nichts hinzuzufügen haben". Angesichts der beispiellosen Vorgaenge des Grauens, die mit der nationalsozialistischen Judenpolitik verbünden waren und jede menschliche Vorstellungskraft übersteigen, erscheint es wie Hohn, wenn in der Bundesrepublik von verschiedenen Seiten d.as Dogma von der "Zweckmaessigkeit, keine neue Anklage zu erheben”, verkündet wird. Man propagiert das Verschweigen eines schreienden Unrechts und lockt — ejn Rundblick beweist es — das unverbesserlich antisemitische Gesinnungsgesindel ans Licht “demokratischer” Aktivitaet. Schon wieder werden Juden angepoebelt und schikaniert, schon wieder werden Synagogen beschmutzt und jüdische ürabdenkmaeler beschaedigt, schon wieder werden (die Redaktion der “Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung” in der Bundesrepublik weiss davon ein Lied zu singen) .anonyme Drohbriefe geschrieben und verbrecherische Redensarten wie Keulen geschwungen. Da ist beispielsweise ein Student, der als Angehoeriger der Marburger Burschenschaft “Germania” im “Nachrichtenblatt der Bonner Studentenschaft” Hitlers Konzentrationslager verteidigt hat. Und da ist ein Rechtsanwalt und ehemaliger Luftwaffenrichter, der den auf Grund seines Naziartikels von der Korporation ausgeschlossenen Studenten im Auftrag der “Alten Herren” der “Germania” in flammender Rede verteidigt hat: “Ich will Ihnen mal was sagen (die Burschenschaft stand stramm) — die Verbrennungsoefen der KZ’s waren von den Amerikanern errichtete Attrappen und die photographierten Leichenhügel stammten aus Dresden! Na also! Damit ist die Sache erledigt!,,. Frondizi stabilisiert.... von unserem argentinischen Korrespondenten Der argentinische Praesident Dr. Arturo Frondizi verkündete zum Jahresende dem argentinischen Volke einen Stabilisierungsplan, der von Argentiniern groesste Enthaltsamkeit und Einsparungen verlangt. Die Sanierung der Finanzen und der Wirtschaft ist zu einem dringendem Gebot geworden, will man den voelligen Zusammenbruch vermeiden. Was Praesident Frondizi verkündeete, sind Massnahmen, die seit Jahren gefordert w'tirden, doch wegen politischer Doktrinen nicht zur Durchführung kamen. Haette Praesident Frondizi diesen Plan vor sechs Monaten bekannt gegeben, so waeren bedeutend weniger Schwierigkeiten zu überwinden. Man nimmt an, dass die argentinische Regierung die unpopulaeren Massnahmen erst ergriff, als von nordamerikanischen Finanzkreisen ein Druck ausgeübt wurde. Es entsteht nun die entscheidende Frage: Werden die argentinischen Politiker aus politischtaktischen Gründen dem vorgesehenen Plan ihre volle Unterstützung verleihen? Die hauptsaechlichsten Merkmale des Stabilisierungsplans sind: Aufgabe des offiziellen Devisenkurses und Einführung eines einzigen Devisenmarktes; freier Im- und Export; Eindaemmung der Kredite und der Kaufkraft; Abbau der oeffentlichen Bürokratie; Einsparungen in der oeffentlichen Verwaltung; Erschliessung des Bodenre:chtums: Foerderung der Industrien und Erhoehung des Exports. Es sind die Lehren der klassischen VoQkswirtschaft von dem freien Spiel der Kr.aefte in der W irtschaft. Es hat lange gedauert, bis man sich zu dieser Erkenntnis durchrang. Wie sieht es nun mit der praktischen Durchführung dieses Programms aus? Argentinien wrnr dor dem zweiten Weltkrieg ein reiches Land und nach ihm noch reicher. Anstatt die Reichstumsquellen auszubauen, wurden im nationalen Hochgefühl die bisher treibenden Kraefte in der argentinischen Wirtschaft ausgeschaltet und eigene Misswirtschaft getrieben. Das Land verschuldete immer mehr. Neben der so entstandenen, fast untragbaren Schuldenlast vernachlaessigte man die bisherige Reichtumsquellle, die Landwirtschaft. Man baute eine Industrie auf die weitgehend vom Import abhaengt. Das ist die Lage, mit der bei der Stabilisierung gerechnet werden muss. Das ungeheuere Defizit im Viehbestand Argentiniens ist bekannt. Ein j«and, dass das Hauptexportland für Fleisch war, muss den internen Bedarf einsehraenken und den Export um die Haelfte kürzen, um so zu versuchen, den Viehbestand innerhalb von drei Jahren auf die alte Hoehe zu bringen. Die Abwanderung der erfahrenen Lan. arbeiter in die Industrie und die eingeführten Sozialgesetze stellen die Viehzüchter vor grosse Probleme. Um den Export der übrigen Landwirtschaftsprodukte steigern zu koenen, sind grosse Neuanschaffungen notwendig. Man hat mit grosser Energie ^Schliessung des Erdoels in Angriff genommen und erste Schritte zur Erhoehung der Kraftquellen ergriffen. Alle diese Massnahmen erfordern zum Anlaufen mindestens drei Jahre, wenn nicht, wie einige Wirtschaftler behaupten, sechs Jahre Zeit, immer vorausgesetzt, dass waehrend dieser ganzen Zeit die erforderlichen Mittel zur Verfügung stehen. Man hat den Im-und Export frei gegeben. Um den Peso auf Grund eines erhoehten Importbedarfs nicht noch mehr abzuwerten, will man durch hohe Importabgaben den Import drosseln. Die ersten Massnahmen auf dem Devisenmarkt haben bereits zum Anschnellen der Preise, insbesondere der Brennstoffe geführt. Diese ausserordentliche Ueberhoehung der Preise an ihrem Ausgangspunkte wird paturgemaess eine Kettenreaktion ausloesen. Die erste Folge ist die starke Erhoehung der Tarife bei den 1 ransportmitteln. Breite Kreise schraenken schon ihre Kaeufe fühlbar ein. Praesident Frondizi hat mit keinem Wort die Arbeiter — und Sozialfrage aber auch nicht die der Heeresausgaben gestreift. Mit der Mobilisierung der Eisenbahner bei ihrem berechtigten Lohnstreik hat die Regierung eine Politik der “harten Hand” ergriffen .hinter der der Heeressekre*taer General Pacheco steht. Mit Ende des vergangenen Jahres sind die Tarifver traege abgelaufen, die nach Massgabe der Arbeitsleistung nunmehr zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern neu ausgehandelt werden sollen Welche sozialen Konflikte sich* hieraus ergeben, ist nicht vorauzusagen. Ehe (Fortsetzung Seite 4)

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