Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 9 (1958-1959)
- Issue
- 191 (5.11.1958)
- Date
- 1958-11-05
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4. “DAS ECHO 5. November 1958. Eine Untersuchung zum christlich-juedischen Verhaeltnis in Israel Christen und Christenfragen in Israel Von Dr. Franz Glaser. Statistischer Ueberblick: Die Gesamtzahl der Bewohner des Staates Israel hat im Sommer 1957 rund 1930 000 erreicht. 11 Prozent die Franziskaner (logischerweise Gegner jeder nationalen Aenderung in Palaesitna) Israel gegenüber unfreundlich eingestellt gewesen seien, zum Unterder Gesamtbevoelkerung sind Nicht- ¡schied von den Franzosen, die mehr juden, etwas mehr als i Prozent | zu Israel geneigt waeren. Heute wird (44 000) Christen. Von diesen Christen sind etwa drei Fünftel Katholiken (26 500) verschiedener Riten und Nationen und zwei Fünftel Orthodoxe und Protestanten. Die Mehrheit der Katholiken, rund 18 000, sind griechischkatholisch, die Minderheit, rund 6000, roemisch-katholisch. (Der Ausdruck “roemisch-katholisch” wird im Morgenland grundsactzlich nicht gebraucht, vielmehr durch die Bezeichnung “Lateiner” ersetzt. Denn “Rum-Katholik” ist die arabische Bezeichnung der Griechisch- Katholischen, weil Rum der arabische Name für Byzanz - Konstantinopel- Ostrom ist). Ausserdem sint^ noch katholisch, das heisst den Papst als ihr Oberhaupt anerkennend, rund 2500 Maroniten in Galilaea, die ihr Zentrum im Libanon besitzen. Unter den nichtkatholischen Christen besitzen die Griechisch-Orthodoxen die Mehrheit; ausserdem gibt es etwa 1000 Kopten, 700 Armenier, 50 Syrer-Jakobiten und eine schwankende Zahl von Angehoerigen der russischen orthodoxen Mission. Protestanten gibt es etwa 1500—2000. Die Christen des Staates Israel siedeln zu sieben Achteln im Norden des Landes, der Rest vor allem 5n Jerusalem, {Jaffa (das jetzt Tel Aviv eingemeindet ist), Lydda und Ramie. In Galilaea sind zwanzig Doerfer teilweise oder ganz christlich israelischerseits aehnliches kaum mehr behauptet. Man stellt im Gegenteil fest, dass der Realist Msgr. Vergani in angenehmste Beziehungen zu Israel getreten sei und dass man sich mit ihm sehr gut verstehe. Auch die franziskanische Einstellung zum Staate Israel sei heute positiv, was zum Beispiel aus der Tatsache hervorgehe, dass gegenwaertig auch Franziskaner-Patres zusammen mit jüdischen Einwanderern Schnellkurse für Hebraeisch besuchen. Die Griechisch-Orthodoxen und der Kommunismus Die Griechisch-Orthodoxe Kirche in Israel laboriert an einem besonderen Problem wie auch in den arabischen Staaten, in denen sie in Erscheinung tritt. Ihre Oberschicht sind Griechen. Der Metropolit, Erzbischof von Nazareth, lsidoros, ist Grieche, und die meisten kirchlichen Würdentraeger und hoeheren Priester sind es auch. Sie befinden sich oft in einer gewissen nationalen Spannung zur arabischen Bevoelkerung, aus der sich die Masse der Glaeubigen rekrutiert. Die zugleich existierende russische religioese Mission arbeitet in religioesen Fragen mit den Griechisch-Orthodoxen zusammen, sie beteiligen sich wechselseitig an ihren Zeremonien usw. lsidoros untersteht dem griechischen Patriarchen Benediktos in der Jerusalemer Altstadt — und die russische religioese Mission die dem Patriarchen 'in Moskau. geographische Siedlungsfortsetzung des christlichen Libanon. Die hier lebenden Christen koennen als die Nachkommen der Einwohner aus der Zeit des Wirkens Christi angesehen werden. Die Katholiken Nach aussen hin am meisten sichtbar und aktiv im Staate Israel sind die griechisch-katholischen Araber, die Die einzige protestantische Kirche in Israel mit einer groesseren Zahl von Glaeubigen ist die anglikanische. Sie zaehlt ungefaehr 1000 Seelen, häuptsaechlich Araber in Nazareth und in Haifa. Die Taetigkeit der verschiedenen protestantischen Kirchen, der Schottischen, der Lutheranischen, ,der Baptisten-Kirche, der Pfingst-Kirche, der Melkiten, wenngleich deren zahlen-; Adventisten, der Zeugen Jehovas, der maessiges Gewicht innerhalb der Brüder-Kirche, der Quaeker und der Weltkirche nur etwa 300 000 betraegt. Nazaraeer-Kirche ,deren Anhaenger- Ihr religioeses Oberhaupt ist Erzbisschaft je ein paar hundert nicht überchof Georges Hakim, der in Haifa steigt, is hausptsaechlich missiona residiert. Die “Lateiner” haben logischerw'eise die groessere internationale Bedeutung. 35 verschiedene religioese Orden künden von ihrer Gegenwart in Israel: jede- Orden ist mit einigen Haeusern, Kloestern und Schulen vertreten — sie zaehilen ungefaehr 700 Priester, Moetiche und Nonnen. Das Oberhaupt der Lateiner ist der “Lateinische Patriarch” von Jerusalem, Alberto Gori, dessen Residenz sich in der Jerusa'enter Altstadt, also auf derzeit jordanischem Staatsgebiet, befindet: sein Generalvikar für Israel ist Msgr. Antonio Vergani. Franzosen, Italiener und Spanier repraesentieren die Lateinische Kirche in erster Linie. Die Italiener sind vor aülem in der kirchlichen “Politik” und in der Verwaltung massgebend, die Franzosen in den Schulen und Hospitaelern. Der Franziskanerorden, in dem hier hauptsaechlich Italiener und in zweiter Linie Spanier hervortreten, hat die “Custodia della Terra Santa” inne, den Schutz und die Verteidigung der Heiligen Staette im Raume von Kairo bis Konstantinopel. Patriarch Gori gehoert ihm an, ebenso der Custos P. Angelico Lazzeri. Auch der gegenwaertige apostolische Delegierte für Palaestina und Jerusalem, Msgr. Giuseppe Sensi, ist Italiener, ebenso der obengenannte Msgr. Vergani. Im Laufe der vergangenen 9 Jahre des Bestehens des risch ausgerichtet. Man nimmt an, dass sich rund zweihundert protestantische Geistliche und Missionaere in Israel dauernd aufhalten. Neue Kirchen Die Zahl der Kirchen und Kloester aller christlichen Konfessionen zusammen erreicht in Israel auch ungefaehr zweihundert. Drei Viertel davon sind katholisch. Seit dem Bestehen des Staates Israel sind eine Reihe neuer Kirchen gebaut worden — die erste war die koptische Kirche in Nazareth, die 1950 entstanden ist. Auch Msgr. Hakim hat einige Kirchen gebaut; ihm ist auch der Bau des Priesterseminars der griechisch-katholischen Kirche in Nazareth zu verdanken. Den Anlass zu diesem Bau gab der Wunsch der israelischen Regierung, den Priester- Nachwuchs der arabischen Christen im Lande ausgebildet zu sehen, damit er nicht dem israelfeindlichen politischen Einfluss in einem der anderen arabischen Staaten ausgesetzt sei. Im Dorf Gusch Halab im Norden von Galilaea, das von 1200 Maroniten bewohnt wird, wurde im Mai 1957 eine Maronitenschule errichtet. Die Kirchen haben im Staate Israel alle Privilegien aus der türkischen Zeit Palaestinas und aus der Zeit des britischen Mandats bewahrt. Es bestehen religioese Gerichte, die ihre Entscheidungen ohne Einfluss der Zivilbehoer- Staates Israel ist von jüdischer Seite | den in Personalangelegenheiten treffen, zuweilen darüber geklagt worden, dass i und die Zivilbehoerden fuhren deren Urteile durch. Patriarch Gori hat das Katholiken bindende Sonderrecht (Personenrecht, Mitgiftfragen u.a.) 1954 in arabischer Sprache niedergeschrieben: es soll in diesem Jahr auch hebraeisch herauskommen. Zum neuen Buch von John Günther Russland, Juden und Israel John Günther, der bekannte Reise- Berichterstatter Amerikas, hat in seinem neuesten Buch über das heutige Russland mit einer Fülle von interessantem und aufschlussreichem Material aufgewartet. Günther ist ein scharfer Beobachter und ein vortrefflicher Berichterstatter. Er ging nach Russland, hat viel gelesen und noch mehr gefragt, um in seinem umfangreichen Buche jene Art. von Informationen zu I praesentieren, die man über Russland i haben will. Er weiss uns in knapper, recht gedraengter Form das Wesentliche über das neue Russland zu vermitteln, uns über Staat und Menschen, Entwicklung und ungeahnten Aufstieg, soziale Zustaende und Lebensverhaelttnisse eingehend zu informieren. Was Günther will, ist ja vor allem zu unterrichten, so weit wie moeglich sachlich und objetiv zu berichten. Er hat sich seine Informationen aus allen ntoeglichen Quellen zusammengehalt, um uns ein lebendiges, oft faszinierendes Bild des Sowjet-Staates, 40 Jahre nach der Revolution, zu entwerfen. Günther versucht, uns den modernen russischen Menschen mit all seinen Aufgaben und Problemen sowie inneren Gegensaetzen klar vor Augen zu führen. Leidenschaftslos und mit all seinen Licht- und Schattenseiten, Vor- und Nachteilen. Es ist ein packendes Bild des sowjetrussischen Menschen in seinem geistigen, poiitichen, sozitfen sowie weltanschaulichen Habitus. Russland steillt sich als eine riesige, kompixe Gesellschaft vor, teilweise recht primitiv, zugleich aber atemberaubend modern. Sein Menschentypus: auf der einen Seite verzagt, unterdrückt, ja demoralisiert, aber zugleich auf der anderen Seite beaengstigend selbstsicher und zielbewusst. Ist doch der moderne Russe ein Produkt dieser vom Staate aus gesetzten Zielbewusstheit. Aber diese exakte Zielsetzung des heutigen “hottto technologus" führt ja überall und nicht weniger in Russland zu geistigen Stoerungen und “Ausschreitungen”, die der Russe im Trinken zu überwinden sucht. Es ist moderner “escapism”, und getrunken wird in Russland viel, das bezeugen nicht zuletzt die offiziellen Empfaenge des Sowjetstaates. Wie einst im 19. Jahrhundert, so steht auch noch das heutige System im Zeichen der “Orthodoxie, der Bürokratie und des Nationalismus”. Es ist im Grunde genommen der alte panslawistische Glaube an die Erloesungs-Mission des russischen Volkes, das die Welt, und besonders den Westen, zu führen bestimmt ist. Wo einst der orthodoxe russische Glaube (im scharfen Gegensatz zur “abfaellrgen” westlichen Kirche Roms) stand, ist heute der uneingescharaenkte, dynamische Glaube an die Doktrin des Marximus-Leninismus getreten. Es ist die alte “Orthodoxie” mit einem umgekehrten Vorzeichen! Die Gruesse, die uns Günther in seinem Buche über Juden Sowjetrusslands übermittelt, sind recht traurige, ln seinen weitlaeufigen Ausführungen über die Entwicklung des heutigen russischen Staates und der sozialen Struktur seiner verschiedenen VoeHker, sind auch einige spaerliche Nachrichten über die Juden Sowjet- Russlands enthalten. Als “rasender” Reporter durch das grosse russische Reich, hatte Günther kaum Zeit und Gelegenheit, s-'ch mit der Lage der dortigen Juden eingehender zu befassen. Einige beitaeufige Bemerkungen Günthers zur Lage wirken jedoch erschütternd. Zwar, führt Günther aus, sind heute Pogrome nach dem zaristischen Vorbild ausser Mode gesetzt, dennoch “ist die Lage der Juden im heutigen Russland, besonders der aelteren Generation, die noch ihre Wurzeln in der jiddischen Kultur hat, weit davon entfernt, günstig zu sein”. Zwar ist die Lage seit dem Tode Stalins nicht mehr so schtimm, aber, meint Günther, “sie ist wahrhaftig noch schlimm genug”. “Die Juden”, führt Gunter aus, “sind die einzige nationale Minderheit in der Sowjetunion, der es nicht erlaubt ist, sich in ihrer eigenen Sprache kulturell oder literarisch auszüleben”. Ziffern über russische Juden scheinen vollkommen unzugaenglich zu sein. Wir wüssen kaum, wieviel Juden heute in Russland leben. Günther schaetzt ihre Zahl auf etwa 21 /7 Millionen. In Birobidjan, der “eigentlichen” autonomen jüdischen Republik im Fernen Osten, .machen die Juden etwa die Haelfte der 157 000 zaehlenden Bevoelkerung aus. Wieviel Juden in Moskau oder in den anderen Grossstaedten leben, ist statistisch, nicht festzustellen. Die Schaetzungen gehen weit auseinander. So z. B. schaetzt Günther die Zahl der Juden Moskaus auf etwa 300 000, eine Ziffer, die sicherlich weit nach unten gegriffen ist. In der drittgrossten Stadt Russlands, Kiew, machen die Juden unter einer Bevoelkerung von 1 200 000 rund 15% aus, waehrend in Odessa mit einer Gesamtbevoelkerung von 600 000 der jüdische Anteil etwa 20 % betraegt. In Buchara, berichtet uns Günther, Hebt, neben den einheimischen Usbeken und Tadschiken eine ansehnliche jüdische Gemeinschaft. Wie bekannt, ist der heutige russische Staat stark antizionistisch eingestellt, und d'ese Einstellung beeinflusst, nach Günther, wesentlich das allgemeine Bild des vorherrschenden Antisemitismus. Günther zitiert einige antisemitische Aeusserungen Chruschtschows, denen heute eine weitere Auslaese aus der letzten Zeit hinzugefügt werden koennte. Interessant ist auch, was Günther entdeckt hat, dass die israelische Botschaft in Moskau, neben der deutschen, am meisten überwacht wird. Sowjetrusslands Stellung Israel gegenüber ist ja bekannt. Günther berichtet, dass waehrend des Sinai-Fdldzuges die (Juden sogar im weit entfernten Buchara die offizielle Linie einhalten mussten. Sie unterschrieben ein Manifest “Haetide weg von Aegypten” und brachten ihre “tiefe Entrüstung” über den Israel- Einmarsch in die Sinai-Halbinsel zum Ausddruck. Auch die orthodoxe Kirche musste mitmachen. So hat der Moskauer Patriarch Alexei in seiner Neujahrspredigt 1957, an Hand eines Korinther-Textes, Israel wegen des Angriffes auf Aegypten gebrandmarkt und jene/ “volkfeindlichen Kraefte”, die “den Frieden in Ungarn” g.estoert haben, besonders scharf gezüchtigt. Die Aeusserung einer führenden sowjetrussischen Persoenlichkeit in Zentralisien Günther gegenüber ist besonders aufschlussreich. “Sowjetrussland ist heute die viertgrosste Moslemmacht in der Welt und sie denkt ja gar nicht daran, diese Schlüsselstellung aufzugeben!” Dr. J. MaitHs.