Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 9 (1958-1959)
- Issue
- 186-188 (10.9.1958)
- Date
- 1958-09-10
- Page
- [Seite 9] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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10. September 1958. i í DAS ECHO” Página Nueve c n vm n ns una r v ro EINE BETRACHTUNG von MAGNUS DAVIDSOHN Betrachtet man den Inhalt des Gottesdienstes an den Hohen Festtagen naeher und sieht man ihn vom Standpunkt der Historiker, so gewahrt man, dass Jahrhunderte jüdischer Wanderung und jüdischen Leidens das Gebetbuch geformt haben, wie es sich uns heute darstellt. Das religioese Gemüt schuf den Hymnus aus den Psalmen und anderen jüdischen Schriften. Die grossartigen Bilder der Prophetie dienen gleichfalls den hohen und heiligen Festen. Gebet reiht sich an Gebet — diesesMosaikbild bedeutet den Inhalt aller Gottesdienste des ganzen Jahres. Es ist selbstverstaendläch, dass die Hohen Feste mit ihrem heiligen Charakter einen Gebetreichtum in weitem Ausmass geschffen haben. Diese Gebete gleichen nicht denjenigen anderer Konfessionen. Gewiss, das stille Gebet soll Herz und Seile starken und erheben. Aber in der Hauptsache sind alle diese Gebete zu Gott gemeinsam gedacht. Wir sprechen sehr wening Gebete für uns allein. Ja, selbst das Sündenbekenntnis ist ein gemeinsames. Wir nehmen gleichsam die Schuld des anderen auch auf uns, Wii beten Geschichte. In verhaeltnismaessig raschem Aufstieg kam innerhalb des jüdischen Volkes das wahrhaft Religioese zum Durchbruch und mit ihm in der Frühzeit des Volkstums die innige Verbindung mit dem Goettlichen durch Gebete. Aus dem einstmaligen Opferdienst ist der Herzensdienst der Gebete geworden. Und beinahe jedes Jahrhundert des jüdischen Volkes, das sich kennzeichnet durch Wanderung, Leid und Mühsal, zeigt die Gebete, angefangen von wahrhaft rührender Schlichtheit, aufsteigend zu machtvoller Groesse des Ausdrucks. Der jüdische Mensch — und stehe er seinem religioesen Judentum noch so fern — fühlt sich an diesen heiligen Tagen nicht wenig durch das Gebet der Tradition innig verbunden. Er kennt diese Gebete aus seiner Kindheit Tagen, sprichtsie zum Teil leise für sich, so leise, dass nur seine Seele mitschwingt. Nun erwacht wieder sein refligioeses Empfinden, führt ihn heraus! aus allem Getriebe der Welt hinauf zu! den Hoehen jenes Idealismus, der den mundervollen Teil der Stimmung dieser Tage bedeutet. “Gedenke unser zum Leben, Koenig, der Du am Leben Wohlgefallen hast, und schreibe uns in das Buch des Lebens um Deinetwillen. lebendiger Gott”. Dieser Begriff des Gedenkens, der uns immer wieder Verbindung mit dem Goettlichen, unseres armen Leben bewusst macht und unser Herz zu demjenigen lenkt, an den wir glauben und auf den wir vertrauen, begegnet uns sehr oft in den Gebeten der heiligsten Tage. Lange Gebete sind nach und nach aus jenen verschiedenen Zeiten entstanden, in denen uns immer Not und Tod umdroht haben. Man denke da an das Owinu malkenu-Gebet: “unser Vater unser Koenig”. Einstmals war dieses Gebet von Rabbi Akiba zur Zeit der Dürre entstanden. Nur der erste und der letzte Vers wurde von ihm geformt, und wo gaebe es ein Gebet in Israel, dass nicht festgehalten wurde, wenn es sich in so unmittelbarer Weise an Gott wendet wie gerade dieses. Aus diesen ursprünglichen Versen des Bekenntnisses sind zahlreiche andere geworden, und es istl genau zu erkennen, in welcher Zeit der naechste Vers angefügt wurde. “Hoere unsere Stimme, sei mild und barmherzig gegen uns”. Die geaengstigte Seele hat diesen Vers aus anderem Gebet entnommen und fügt ihn hier an. Und je oefterdie Wiederholung des Anrufes an “unseren Vater, unseren Koenig” kommt, um so erschütternder wirkt sie, ohne in Monotonie zu verfallen, gleichviel, ob im Stillen dieses Gebet verrichtet wird oder ob es der Mittler und die Gemeinde wechselweise zum Ausdruck bringen. All das Gebetete dieser besonderen Tage ist so eindringlich, so gottverbunden, wie der Moment es erheischt. “Wir sind arm an guten Werken, so tue an uns j Liebe und Güte und hilf uns!” Fast scheu kommt dieses letzte Wort über unsere Lippen und ist bei vielen von Traenen begleitet, “W’hauschienu” das ist eines der vielen Gebete, die uns einen und zu einem anderen Begriff führen. -Wir wollen ja nicht nur allein an den heiligen Tagen im Gebet die Stimmung finden, die wir die wahrhaft festliche nennen. Heiliger grosser Optimismus des Juden! Zu aller Zeit noch hat er den Hymnus erklingen lassen. Dieser Hymnus darf in der Liturgie des ganzen Jahres nicht fehlen. Wir wenden uns ja nicht allein an den Helfer, sondern an den Schoepfer alles Seins, der uns durch alle Wechselfaelle des Schicksals geleitet, gross und erhaben in uns lebt. So steht neben dem Gebet der Hymnus, der den Psalmen oder .anderen Schriftstellen entnommen isfe. Man denke dabei an | das Kaddisch. Gewiss, wieder die i welche den einzelnen über alles nur ihm eigene und ihn bewegende hinweg- und hinaushebt in das Grosse und Geheime! Vielgestaltig und vielfaeltig sind diese Hymnen, die in die Liturgie eingefügt sind, ja selbst dann noch fortgesetzt' werden, wenn der oeffentliche Gottesdienst schon zu Ende ist. —- Ist vom Hymnus hier die Rede, so koennen wohl besonders die Psalmen angeführt werden. Jeder dieser 150 Psalmen hat seinen Grün, Keine Freude, kein Leid, keine Stimmung, kein Empfinden, die nicht in den Psalmen zum Ausdruck kaemen und die trotz der vielen Wiederholungen eine unerschoepfliche Quelle für Glaubenstiefe, Herzenserbung, Lebensweisheit und Lebensmut sind. Ein Beispiel des grossartigen Hymnus, den wir eigentlich am Schluss eines jeden i Gottesdienstes sprechen, der aber am | Neujahrs- und Versoehnungsfest in ' den Mittelpunkt des Gottesdienstes i gestellt wird, ist “Olenau l’schabeach”. 1 Die Geschichte teil mit dass dieser Hymnus im 14 Jahrhundert entstanden ist. Schaut man aber naeher hin, so gewahrt man wieder ein Mosaikbild, das den Begriff der Lobpreisung de s Schoepfers in der Welt gibt. Wenn wir das Wort “Boruch” in der Uebersetzimg, die so mannigfach ist, “gelobt”, “gepriesen” ii. v. a. zum Ausdruck bringen, so denken wir nicht an das Ursprungswort “kniegebeugt”. Wir beugen uns vor Gott, aber an diesen drei heiligen Tagen fallen wir auf die Knie und preisen im Hymnus den Schoepfer des Alls. Wir danken ihm, dass wir berufen sind, seine Einheit bekennen zu dürfen. Demütig kniend tun wir es, und wir erheben uns mit dem Bekenntnis und dem jubelnden Ausruf “Boruch schem k’waud malchussau, Taulom woed”, “Gepriesen der Name, die Herrlichkeit seines Reiches für immer und ewig”. Es ist, als ob das dankerfüllte Herz trotz Not und Leid immer wieder Neues ersinnen wollte, un in heiliger Poesie der Groesse Gottes Ausdruck zu geben. Heilige Poesie ist sie nicht auch verbunden mit jenen grossen Bildern, die die Prophetie geschaffen und unsterblich gemacht hat? An jedem Festtag, jedem Sabbat hoeren wir ausgewaehlte’ Kapitel der Prophetie. Gewiss, ,sie sind für eine andere Zeit gedacht — und leben dennoch in uns fort. Jahrtausende sind vergangen, seit in der jüdischen Geschichte Propheten I aufstanden, mit Weissagungen, mit der ursprünglichen Predigt und mit all dem, was in den Zeiten der Not, aber auch in jeden Zeiten zu sagen war, da Israel immer wieder in Sündhaftigkeit zurückfiel, gegen die die Prophetie die herbsten und strengsten Worte fand. Wie unterschiedlich sind diese Prophetenworte! Wie wissen sie zu rühren, zu erheben und zu mahnen. “Ich gedenke Dir die Liebe Deiner Jugend, die Hingebung Deiner Brautzeit, da Du mir in die Wüste nachzogst, in unbesaetes Land”. Mit vielgestaltigen Melodien sind diese anmutigen Worte Jeremias umkleidet. Wie wird dieses Volk Israel gleichsam umworben und ihm Erbarmung verheissen, “Ist mir nicht Ephraim wie ein Lieblingssohn, wie ein Schosskind, das man kost?” Der Versoehnungstag iaesst uns Teile aus dem 57. Kapitel des Propheten Jesaja hoeren: "Und er sprach: Bahnet, bahnet, raeumt den j Weg, hebt weg jeden Anstoss aus i dem Wege meines Volkes”. Das sind j froestende und aufrichtende Worte,! die Jesaja immer findet, wenn er zum Volke Israel spricht. Selbstverstaendlicli hat die Prophetie in der Liturgie des einzigsten Tages die staerksten Worte gefunden, Schilderungen von Bildern, die uns tief erschüttern. Wenn der Glaeubige müde von aller Kasteiung von allem grossen Erleben des Heiligen Tages, sich dem Ende zu naehern glaubt, flammen Prophetenworte auf, die tief aufwühlen, an sein Herz und an die Seele greifen. “Der Gottlose verlasse seinen Weg und der Ruchlose lasse von seinem Gedanken; er bekehre sich zum Ewigen, dass er sich seiner erbarme”. Diese Vielgestaltigkeit der Prophetie, dieser Wechsel der fortwaeherenden Schilderungen ihrer Bilder zaehlen mit zu den grossen Momenten des Gottesdienstes eines Tages, den keine andere religioese Gemeinschaft kennt. Gebet, Hymnus und Prophetie — aus ihnen setzt sich der Gottesdienst der Heiligen Tage zusammen. Dass in dieser grossen Liturgie die Thora in den verschiedenartigsten Folgen eingesetzt ist, ist selbstverstaendlich. Wir haben all das in kurzer Schilderung seiner Bedeutung naeher zu bringen versucht, damit Herz und Seele in diesen Tagen sich vorbereiten auf jenes Kommende, das so heilig und erhaben ist. COMPAÑIA NACIONAL DE INDUSTRIA Y COMERCIO Desea a la Colectividad Israelita de Bolivia mucha felicidad en su nuevo Año! IKII M, LILWJ—l-i n -iL ■ —