Gross-Berliner C.V.-Post
- Journal
- Gross-Berliner C.V.-Post
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- 4 (3.9.1926)
- Date
- 1926-09-03
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Gegen öen wirtschaftlichen Boykott! Von Patentanwalt Dipl.-Ing. H. Herzseld. Für besonders wichtig und dringlich halte ich die Behandlung des wirtschaftlichen Boy. kotts, der einem erheblichen Teil unserer jüdischen Mitbürger die Existenzmöglichkeit zu nehmen droht, insbesondere des Boykotts von jüdischen Angest e l l t e n und Arbeitern. Die zunehmende Konzentration und Vergesellschaftung der wirtschaftlichen Unternehmungen hat zur Folge gehabt, daß für die Anstellungen nicht inehr der Besitzer oder sonst eine äußerlich in die Erscheinung tretende Person maßgebend ist, die entweder vorurteilsfrei war oder der doch wenigstens das Interesse des Unternehmens wichtiger war als ein vielleicht latenter Antisemitismus. In den großen Unternehmungen haben dagegen meist auf die Auswahl der Bewerber die Bureauvorsteher einen wesentlichen Einfluß, die vorwiegend weniger das Interesse ihres Unternehmens als die Befriedigung ihres persönlichen Machtkitzels erstreben. In diesen Kreisen ist aber der Antisemitismus stark verbreitet. Auch dort, wo die Anstellung an einer Stelle konzentriert ist, ist häufig mit antisemitischen Neigungen des allmächtigen Personalchefs zu rechnen, die er gefahrlos betätigen kann, weil er im Dunkeln bleibt oder sich leicht hinter anderen decken kann. Besonders schlimm liegen nach meiner Kenntnis die Verhältnisse in der Schwerindustrie. chemischen Industrie, wie überhaupt in der Technik. Ich erwähne nur als Beispiel, daß eines unserer bedeutendsten technischen Unternehmungen, das von einem Iuden gegründet und zu seiner Weltbedeutung entwickelt worden ist, das heute noch von einem jüdischen Generaldirektor geleitet wird, und das in erheblichem Umfange mit jüdischem Kapital arbeitet, jüdische Arbeitskräfte — abgesehen von besonderen Ausnahmefällcn — nicht mehr einstellt» seitdem ein antisemitischer Personalchef das Regiment führt. Möglichkeiten zur Bekämpfung solcher Erscheinungen durch den Central-Verein sind zweifellos gegeben. Wissen ist Macht! Von Sanitätsrat Dr. Alfred G o l d f ch m i d t. Der Eentral-Berein sollte auf wissenschaftlichem Gebiete in gewissen Abständen Aufsätze bringen, die sich durch Kürze und Prägnanz auszeichnen — natürlich solche, die irgendeine Beziehung zu dem Tätigkeitsgebiet des Central-Dereins haben. Historisches*) wäre dabei zu bevorzugen. Auch auf literarischem Gebiete könnte Aehnliches geschehen — gelegentlich vielleicht auch nur Wiedergaben ohne erläuternde Ausführungen — als Beispiel Verse aus Beer-Hofmann „Jaacobs Traum", Heine über Judenhaß (aus Shakespeares Frauengestalten-Jessica), Heines Stellung zu Deutschland: Die Episode Kunz von der Rosen aus „Italien". — In Bezirksversammlungen könnten derartige Reminiszenzen gelegentlich Verwendung finden. In jüdisch-polemischer Be¬ *) Als Beispiel kurzer historischer Darstellung sei aus meine Schrift verwiesen: .Auf dein Wege der Freiheit zur Gleichheit und Brüderlichkeit" — Breslau 1806 — vom Central-Verein seinerzeit kn vielen Exemplaren verbreitet. ziehung soll sich der Central- Verein größteZurückhaltungauf. erlegen, Angriffe der Gegner natürlich zurückweisen, gewisse Dinge aber nur durch Festnagelung an den Pranger stellen, ohne selbst in die Tiefe des Angriffs herabzusinken. Die Haupttätigkeit muß sich natürlich in der Richtuilg bewegen, wie sie sich durch die Jahrzehnte bewährt hat. Gegen öen Irrwahn öer Raffencheorie! Von Direktor Dr. Sigmund Feist. Reben der gewohnten Abwehrarbeit wäre hauptsächlich die breite Masse darüber aufzuklären, wie sehr abwegig und jeder tatsächlichen Grundlage entbehrend die R a s s e nverhetzung innerhalb des deutschen Volkes ist. Es wird in der Tat wenige Gebiete der Wissenschaft geben, die auf einem so unsicheren und schlüpfrigen Boden subjektive Behauptung«« in die Massen schleudern, die von urteilslosen Gläubigen als positive Tatsachen ausgenommen und weiter verbreitet werden. Gelingt es den Bemühungen des Central-Vereins den Irrwahn der R a f s e n t h e o r i e zu zerstören, so wird ein großer Schritt in der Befriedung des deutschen Volkes getan sein. Arbeit an uns unö öen anöeren! Von Joseph kauffmann. Vorsitzender der Ortsgruppe Werßenfee. Der Wiederaufbau des Vaterlandes erfordert die Herbeiführung des inneren Friedens. Als deutsche Staatsbürger sollten wir nach besten Kräften bestrebt sein, an der Milderung der inneren Meinungsverschiedenheiten mitzuwirken. Dazu ist weitere Aufklärungsarbeit und Schaffung eines besseren Kennen lerne ns von Christen und Juden, aber auch Ausgleichung der Klassenunterschiede erforderlich. Als Juden haben wir auch nach Möglichkeit den Frieden innerhalb unserer Religionsgemeinschaft zu erstreben und die Unterschiede zwischen politischen und religiösen Meinungen nicht durch Kampf, sondern durch Belehrung undAufklärung auszugleichen zu suchen. Aber auch Arbeit an uns selbst ist erforderlich. Wir müssen lernen, nicht unfern eigenen religiösen und politischen Standpunkt als alleinberechtigt zu betrachten, sondern auch die Ueberzeugungen anderer zu achten; müssen uns gewöhnen, Aeußerungcn anderer mit Ruhe anzuhören und sie sachlich und überlegt zu beantworten; wir müssen voreilige Empfindlichkeit abzulegen suchen. Ferner müssen wir uns hüten, durch auffallendes Benehmen, angewöhnte Eigentümlichkeiten, Uebertreibungen in Kleidung und Lebensweise unliebsames Aufsehen zu erregen. Iüörscher Geist zu Kampf unö Abwehr! Von Dr. Gertrud Klausner, 7N. d. L. Ein besonders wichtiges Gebiet für die kulturelle Tätigkeit des C. V. scheint mir die Versorgung der Jugend, vor allem der Jugend über 14 Jahren, die nicht automatisch voin Schulunterricht erfaßt wird, mit guter Unterweisung in religiösen, ethischen, kulturellen, historischen Fragen des Judentums. Der Zusammenhang mit der vom C. V. verfolgten Ausklärungs- und Abwehrarbeit ist, glaube ich, jedem klar, der weiß, wie oft und wie schwer jüdische Menschen nicht selbst im Fall des Angriffs und der Nichtachtung in der Lage sind, sofort falschen Darstellungen und Vorwürfen entgegentreten zu können. Zum Teil liegt dies Versagen nicht an der Jugend selbst, sondern an den Eltern, die nicht, wie die Angehörigen anderer Konfessionen, Kenntnis und Vertrautheit mit den Dingen der eigenen Religionsgemeinschaft für einen wesentlichen Faktor der Erziehung und Charakterbildung halten. Sehr oft hört jede Unterweisung in Jtidaicis mit dem vollendeten 13. Jahr auf, zü einer Zeit also, in der der junge Mensch noch nicht mit Reife und Urteil an diesen Fragen Mitarbeiten kann, selbst wenn er guten Unterricht hat. Zweierlei also gäbe es zu versuchen: den Eltern die vorgezeichnete Notwendigkeit darzustellen und sie von ihrer Richtigkeit zu überzeugen und dann die praktischen Möglichkeiten zu ihrer Durchführung zu schaffen. Ich glaube, wenn der C. V. erst den Zusammenhang einer solchen Arbeit mit seinen Zielen erkannt hat, wird er der Durchführung mit der ihm eigenen Tatkraft sich widmen. Daß gerade die Riesenstadt Berlin der rechte Boden für eine derartige Durchdringungsarbeit mit jüdischem Gei st zu Kampf und Abwehr ist, bedarf wohl keines Beweises. Brei Aufgaben. Von Prediger S. Frank» Cöpenick. 1. Der C. V. möge mehr noch als bisher in Wort und Schrift darauf Hinweisen, daß durch Erwerbung und Vermehrung jüdischreligiösen Wissens am besten Aufklärungsarbeit durch einzelne Mitglieder gewährleistet werden kann. 2. Der C. V. darf sich nicht überreden lassen, seine Neutralität gegenüber den verschiedenen religiösen Richtungen im Judentum aufzngeben. 3. Gerade die Berliner Mitglieder, die die Arbeit des C. V. am Orte beobachten können, müssen es als Ehrenpflicht betrachten, schon Anfang Januar eines jeden Jahres ihren Jahres beitrag einzusenden, damit erstens der C. V. ungefähr weiß, mit welchen bestimmten Einnahmen gerechnet werden kann, zweitens beim Werben neuer Mitglieder darauf hingewiesen werden kann. ß 1 der Satzungen des C. V. Oer Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens C. D. bezweckt, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne tlnterschied der religiösen und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowie in der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken.