Gross-Berliner C.V.-Post
- Journal
- Gross-Berliner C.V.-Post
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- 3 (7.2.1926)
- Date
- 1926-02-07
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Sy e n n i ii 0 bedauerte ja selbst neulich in einer Versammlung in Steglitz, daß Gegner der Völkischen sich grundsätzlich nicht mehr einfinden! — Ls ist jedoch unzweifelhaft, dah dieser Winter des Mißvergnügens die Giftfaal jener Volksverheher erneut üppig ins Kraut schießen läßt; man lese nur die Versammtungskalender völkischer Blätter: da ist kein Abend in der Woche frei, kein Stadtteil wird vernachlässigt, und das Thema lautet in Variationen „Enteignung der Fürsten oder der internationalen Schieber?", „Arbeitslosigkeit und ausbeutendes Raffertum" usw. — Auftakt zu dieser Kakophonie des Antisemitismus find die wieder häufiger werdenden Ausschreitungen des völkischen Mobs in und vor gewissen Lokalen des Westens. — Auf der Straßen-. Untergrund- und Stadtbahn äußert sich das antisemitische Treiben nicht so explosiv, nimmt jedoch mitunter Formen an, die dem anständig Gesinnten — gleichviel, ob Jude oder Christ — die Schamröte ins Gesicht treiben. Kürzlich fuhr eine vielbeschäftigte Aerztin mit einer älteren, fußleidenden Dame auf der Straßenbahn. Beide hatten Stehplatz. Da erhob sich vor ihnen eine Dame von ihrem Sitzplatz, um den Wagen zu verlassen und zog mit langgestrecktem Arm ein ihr völlig fremdes, kräftiges junges Mädel auf ihren Platz. Das junge Ding war ganz verdutzt, setzte sich aber dann auf den ihr so nachdrücklich übereigneten Sitzplatz; die übrigen Wageninsassen blickten nicht weniger erstaunt, bis ein Herr aufftand und der Leidenden seinen Platz anbot. Die Aerztin und ihre sußkranke Begleiterin sind deutsche Jüdinnen; die Dame, die ihnen den Platz vorenthielt, beabsichtigte augenscheinlich eine antisemitische Demonstration, denn das junge Mädchen erweckte in ihrer Blondheit bei ihr wohl den Eindruck der „Reinrassigkeit". Der Herr, der beiden die erfrischende Lektion erteilte, machte übrigens dem Aeußercn nach den Eindruck eines Nichtjuden. — Derartige beschämende Erlebnisse sind leider nicht vereinzelt: erfreulich ist aber die Feststellung der Beobachtung, dah ebenso wie bei den Exzessen des nationalistischen Pöbels in Kssentlichen Lokalen und auf der Straße, auch auf der Straßen-, Untergrundbahn usw. sich meist Besonnene finden, die energisch und mit Erfolg den Ausschreitungen entgegentreten. Ein derartiges Auftreten verfehlt denn auch selten den Eindruck auf die untätigen „Unbeteiligten" und trägt viel zur Aufklärung und Reinigung der getrübten Atmosphäre bei. Alles in allem. ein trübes Bild, diese von gewissenlosen Hetzern künstlich geschaffene Entfremdung zwischen Bürgern einer großen Stadt, die nichts trennt als eine verschiedene Glaubensausfassung, und die so vieles einen sollte! — Cs muß jedoch zur Steuer der Wahrheit anerkannt werden, dah auch in unseren Mauern die Zahl derer in der überwiegenden Mehrzahl ist, die den Antisemitismus in jeglicher Form ablehnen. Und wie viele Zeitgenossen nehmen gedankenlos Schlagworte auf und geben sie weiter! Segensreich hat an der Beseitigung des „Unverstandes der Massen" auf diesem Gebiete die große Organisation des C.V. gewirkt, durch Aufklärung in Wort und Schrift; aber auch durch Schulung ihrer Mitglieder, denen sie in unermüdlicher Arbeit die geistigen Waffen für den Kampf um Wahrheit gegen antisemitische Lügengewebe bereitete und vor allem dadurch, dah sie stets, gestützt auf die Tatbereitschaft ihrer großen Mitgliederzahl, sich vor die Bedrängten schützend gestellt hat. Unzweifelhaft sähe es ohne diese opfervolle, nimmermüde Tätigkeit der Männer und Frauen, die täglich in der „Drecklinie" im Kampfe stehen, noch trüber aus, als geschildert wurde. Und wenn die häßlichsten Erscheinungsformen des Antisemitismus in den letzten Monaten zurückgedrängt wurden, jo ist es nicht zuletzt diesem tatkräftigen Wirken zu verdanken. — Wie akut jedoch die Gefahr eines neuerlichen Durchbruches der „völkischen Bewegung" in diesem krisenschwangercn Winter ist, das versuchte ich im Laufe meiner Ausführungen aufzuzeigen, das zeigt jede Zeile der hoffnunggeschwellten völkischen Zeitungen, und die Auslassungen ihrer Führer lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig; darum wäre Vertrauensseligkeit gerade jetzt unheilvoll und — Bereitschaft ist das Gebot der Stunde. — Meier Kunze — Hausbesitzer Kunze Von Skadkral A. All ei h (DDP.). Schimmer als die wirtschaftliche Notlage unseres Volkes ist die durch sie verursachte und begünstigte Verhetzung der einzelnen Bevölkerungsschichten durch gewissenlose Agitatoren, denen jedes Mittel recht ist, aus Ehrgeiz oder Prositsucht zu einer Führerrolle zu gelangen. Geradezu erschreckend geskaltel sich diese Hetze gegen unsere jüdische Bevölkerung in der Gegenwart. Noch heute versuchen dis rechtsgerichteten Kreise unsere jüdischen Mitbürger zu verdächtigen, daß Deutschlands Niederlage den politischen Einflüssen der Juden und eine rücksichtslose Ausbeutung des Volkes den jüdischen Kriegsgewinnlern und den hohen Zinssätzen der Banken zuzuschreiben fei. Diese geradezu trostlosen, weil ungerechlferligien Angriffe sind heute in ihrer verheerenden Wirkung mit größerer Aufmerksamkeit zu verfolgen als in der ruhigen, sicheren Wirtschaftslage Deutschlands zu Stöckers und Ahlwardks Zelten. Ein charakteristisches Kennzeichen dieser Verschlechterung eines gerechten und sozial eingestellten Volkswillens bietet das Ergebnis der letzten Stadtverordnetenwahl am 25. Oktober v. I. Die Zahl der Anhänger der Deutschsozialen Partei hat sich seit der letzten Wahl am 16. Oktober 1921 von 12 280 auf 29 786, also von 7 auf 13 Proz. der Gesamlwählerschaft erhöht; der Zuwachs an Stimmen macht also 94 Proz. gegenüber der Wahl 1921 aus. Nun trat die Deutschvölkische Freiheitspartei mit einer Stimmenzahl von 28 880 Stimrnen in die Erscheinung; sie hat das verbesserte Wahlergebnis der Deutschsozialen noch um 5000 Stimmen überholt und entsendet wie die Kunzepartei jetzt 3 Vertreter in das Stadtparlarnent. Von den 6 Vertretern dieser Körperschaften haben bisher nur zwei das Wort verlangt. Der Stadtverordnete D a n i ck e hat erst kürzlich in seinen Angriffen gegen einen Berliner Arzt dargetan, auf welchem tiefen Niveau sich die Ausführungen eines Vertreters deutschsozialer Anschauungen bewegen können, wenn man nicht den Anreiz der Lachmuskeln inmitten ernster Arbeit als Erfolg solcher Tiraden buchen will. Richard Kunze, der geistige Führer seiner Dreimännerpartei, hat sich durch Reden bemerkbar gemacht, die sich, von einigen antisemitischen Floskeln abgesehen, in nichts von den kommunistischen Scharfmachereien unterscheiden. Kunze, ein ehemaliges Mitglied des „Freisinnigen" Volksvereins von Cchöneberg, der so oft betonte, daß er von Kindesbeinen an in freisinniger Gesinnung erzogen worden sei, ist bei verschiedenen Landtagswahlen als jreisimriger Wahlmann ausgestellt worden. Bei einer Stadtvcrordnetenwahl stellte er sich als „Mieter-Kunze" den Wählern vor und versprach. besonders die Interessen der Mieter gegen die Hauswirte und Terrainfpekulanten zu vertreten. Das hinderte ihn jedoch nicht, gleich nach der Wahl sich der Hausbcsitzerfraktion vnzuschliehen, und nachdem er selbst ein Grundstück erworben harte, wurde er sogar Vorstandsmitglied des Haus- und Grundbesitzervereins und vertrat in der Stadtverordnetenversammlung die ächasfung eines Hausbesttzerprivilegs. Nachdem er noch 1907 für die Kandidatur Fijchbecks in Liegnitz gewirkt hatte, übernahm er das Generaksekretariat der konservativen Partei in Sachsen. Dieser kurze Hinweis mag genügen, den Mann zu kennzeichnen, dessen antisemitische Giftmischerei so unsäglichen Schaden anzurichtcn imstande ist. " Wie die Tätigkeit dieser Gruppe zu werten ist, zeigt ein Antrag, in dem sie verlangte, den Beamten der Gruppen 1 bis 7 eine Teuerungsbeihlkie von 50 Wk. zu zahlen, trotzdem Herr Kunze als Abgeordneter wohl wußte» daß die im Reichstag gefaßten Beschlüsse automatisch die Beschlußfassung der städtischen Körperschaften beeinflussen mußten, so daß der Antrag in dieser Form im Rahmen der nun einmal geltenden gesetzlichen Bestimmungen gar nicht anzunehmcn war. Die Aufklärung der Beamten, daß ihre Notlage so nicht zu bessern sei, überlieh er lieber den anderen Parteien, um sich als Retter der Bedrängten aufspielen zu können; seine Ausführungen waren dabei um so bedauerlicher, als er sich bemühte, einen Teil der Beamtenschaft gegen den anderen auszuspielen, während eine Besserung nur zu erreichen ist, wenn alle Gruppen den Zusammenhalt anstreben. Solchen» Treiben gegenüber sind die städtischen Behörden machtlos; möglich, dah die Stadtverordnetenversammlung sich durch Verbesserung ihrer Geschäftsordnung gegen antisemitische Uebergriffe erfolgreicher zu schützen weiß. Hauptsache bleibt, dah sich die besonnene Bürgerschaft zur Bekämpfung dieser „Schande auch unseres Jahrhunderts" aufrafft und durch Aufklärung in Wort und Schrift dazu "Veiträgt, den Klassen- und Rassenkampf endgültig zn beseitigen. Ich hoffe von öer Sesunöung . . . Von Skadlv. Prof. 6. Nordmann (DDp.). Das deutschvölkische Treiben hat in der Reichshauptstadt den Höhepunkt überschritten und ist im Abflauen. Bon einer politischen irgendwie erfolgreichen Tätigkeit der Partei im Stadtparlament kann gar keine Rede sein. Die Stadt selber kann gegen die Methoden der Partei nichts tun. Ich hoffe von de? Gesundung der wirtschaftlichen Verhältnisse und der Heilung der Kriegspsychose, daß auch der politische Kampf in absehbarer Zeit in anständigen Formen geführt wird und der Klassen- und Rassenhaß, die gesellschaftliche Achtung, die Verleumdung des politischen Gegners und was sich sonst noch an Unkultur in der Politik zeigt, überwunden wird.