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Das jüdische Centralblatt · 1882-10-16 · 19 (16.10.1882) · p. Seite 223

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
19 (16.10.1882)
Date
1882-10-16
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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223 Öger Wochenabschnitt enthält, sie bietet ans gar reichen Stoff zur Vergleichung mit den judenfeindlichen, oder sogenannten „antisemitischen Bewegungen" in unsern Tagen. Wenn wir das Treiben unserer modernen Judenfeinde dem •©ebahren des alten Egypterkönigs Pharao gegenüberstellen, so werden wir zwischen diesen beiden Erscheinungen, trotzdem der Schauplatz derselben so verschieden, trotzdem eine Kluft von mehr denn drei Jahrtausenden sie von einander trennt, eine Aehnliehkeit wahrnehmen, die geradezu unser Erstaunen erregen muss. So lasset nns denn von jenen verblassten Bildern, die die heilige Schrift heute vor uns aufgerollt, den Schleier heben und in dem, was in den Zeiten einer grauen Vorwelt und ira fernen Morgenlande sich zugetragen, für die Vorgänge in unseren so vielgerühmten 19. Jahrhundert, in der Mitte der kultivirten Welt Verständnis und Klarheit suchen. I. Meine andächtigen Zuhörer! Es ist eine traurige, aber leider nur zu oft bewährte Wahrheit, dass man für empfangene Wolthaten ein allzuschwaches Gedächnis hat, dass man selbst seines grössten irdischen Wohlthäters, dem man nächst Gott sein Glück und Wohlergehen zu verdanken hat, gar leicht vergisst, ja dass man das Gute, das man erhalten, nicht selten mit schnödem Undanke lohnt. Diese schmerzliche Erfahrung sollten auch die Söhne IsraeFs zum ersten Male in Egypten machen. Ihr wisset es, dass in diesem Lande eine fürchterliche Hungersaoth ausgebrochen war, dass eine verheerende Landplage sieben Jahre lang in dieser Gegend wüthete und dass nur Josef es war, der, geleitet von einer höhern Einsicht das Land vom sichern Untergange und die Bewohner desselben vom elenden Hungertode rettete. Nun, so lange Josef lebte und zum Heite des ganzen Landes mit Aufopferung aller seiner Kräfte wirkte, so lange er an der Spitze dieses grossen Reiches stand und die Aufmerksamkeit aller auf sich gefesselt hielt, so lange blieben auch seine Angehörigen, die Söhne IsraeFs, in dem Besitze ihrer Rechte und Freiheiten, so lange lebten sie friedlich und ungestört im Lande Gosen, das ihnen vom Könige mit der grössten Bereitwilligkeit zum Wohnsitze angewiesen worden war. Doch nach dem Tode dieses edlen Wohlthäters, nachdem er zu Grabe getragen und der Zauber seiner Persönlichkeit geschwunden war, von dieser Stunde an wollte Niemand von Josef wissen, da war jegliche Erinnerung an die unschätzbaren Wohlthaten und grossen Verdienste dieses edlen Mannes aus dem Gedächtnisse und jegliches Gefühl der Dankbarkeit aus den Herzen aller geschwunden, da kam der unversöhnliche Hass und der bittere &roll gegen die Fremdlinge, gegen die eingewanderten Söhne IsraeFs im vollsten Masse zum Ausbruche. Dass einst aus ihrer Mitte, dass einst aus der Mitte dieser! verhassten Fremdlinge ein Engel des Heiles, ein Ret- | ter für die Egypter erstanden, der Voik und Land I vom Untergänge erlöste, daran wollte sich niemand j mehr erinnern, dies war schon längst vergessen. Qp^l; ppv ns irr ab n*mv -polesen wir iü der hei- : ligen Schrift. Und es erstand ein neuer König in i Egypten, der von Josef und seinen Verdiensten nichts wusste, nichts wissen wollte, bemerken dazu unsere | Weisen. Derselbe König, der Josef, den edlen Wohl- | thäter, an die Spitze seines Reiches gestellt und ihn mit Begeisterung als einen Mann, aui dem der Geist Gottes ruht, bezeichnet hatte, derselbe Herrscher, der die Söhne Israel'.-; mit der grössten Bereitwilligkeit in sein Land gerufen und mit Gunstbezeugungen anfangs überhäuft hatte, derselbe Pharao war es, der nachher die Juden Ausnahmegesetzen unterwarf, der seinem Volke die Erlaubnis ertheilte, ja ausdrücklich befahl, dass man den Söhnen IsraeFs die Fesseln der Sklaverei anlege, dass man durch eine unmenschliche, rücksichtslo&e Behandlung und durch schwere Arbeiten ihnen das Leben verbittere und tausendfache Höllenqualen täglich bereite. Meine Geehrten, wundert Ihr Euch über eine, solche schnöde Undankbarkeit und Pflichtvergessenheit eines ganzen Volkes? Wahrlich, Ihr alle kennet ja ein gar grosses und zahlreiches Voik, das den Söhnen IsraeFs ein noch viel grösseres Heil, die Erlösung vom geistigen Untergange zu verdanken hat und das nicht minder die Wohlthaten, die es empfangen, mit Hohn und Verachtung, mit Feuer und Schwert gelohnt hat. Und wisset Ihr, m. G., weswegen die undankbaren Egypter die eingewanderten Israeliten so sehr hassten und mit Eckel und Widerwillen auf sie herablickten. Denn ein Gräuel war den Egyptern das arme schlichte Hirtenvolk und ein solches waren ja auch die eingewanderten Israeliten, fügen unsere alten Lehrer erklärend biezu. Weil den Egyptern, die in den schmählichsten Götzendienst veisunken waren, die Schafe heilig waren, und wie sollten sie es zusehen, wie die Hirten die geweihten Thiere verächtlich vor sich hertrieben und zu ihrem (iebrauche mit der grössten Gleicbgiltigkeit schlachteten! Die Thiere und die vernunftlosen Geschöpfe wurden von ihnen, wurden von den Egyptern angebetet und göttlich verehrt: die Katzen und die Schafe ruhten bei ihnen auf den kostbarsten Decken und Polsten, die Priester setzten in goldenen und silbernen Gelassen kniebeugend die vorzüglichsten Speisen ihnen vor, und starb in einem Hause ein solches heilige geweihte Thier, so legten alle Hausgenossen Trauerkleider an und Schoren sich die Augenbrauen ab als Zeichen des tiefsten Schmerzes also die Thiere und die vernunftlosen Geschöpfe wurden von den Egyptern hoch und heilig gehalten, göttlich verehrt und die Menschen, die Israeliten mit Füssen getreten, geknechtet, raishandelt und verfolgt. Meine Ge-

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