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Das jüdische Centralblatt · 1882-10-16 · 19 (16.10.1882) · p. Seite 222

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
19 (16.10.1882)
Date
1882-10-16
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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222 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. dennoch traf sie gerade zu dieser Zeit der schwerste Schlag, und sie werden vertrieben ans dem Lande, dem sie ihre hingebungsvolle Thätigkeit hatten geweiht und gewidmet. Von Himelshöhen hatte Gott hinabgestürzt die Zierden Israels, weil sie vernachlässigt die Religion ihrer Vorfahren, weil sie aufgiengen unter den uichtjüdischen Mitbrüdern, weil sie für unmöglich hielten, dass man an ihren wolverdienten Rechten rütteln könnte. So lasset uns denn m. a. Z. Nutzen ziehen aus der Geschichte, die eine untrügliche Lehrmeisterin ist, lasset uns nicht Kindern gleich nutzlos die an unseren Vorfahren ergangenen Strafen kennen, ohne uns vor ihnen nach Möglichkeit zu schützen, lasset uns beherzigen und bewähren das Wort, des heutigen Festes, dann wird die irdische Hütte an Dauer und Festigkeit gewinnen, weil der göttliche Schutz sie schützen wird. AMEN Der aite Egypterkönnig Pharao und die modernen Judenfeinde. Vortrag, gehalten am Sabbath Scbemoth in dem Betb-Hammidrasch zu Kempen [Pr. Posen] von dem Rabbinats-Kanditaten. Ignatz Mürtz. Meine andächtigen Zuhörer! Es ist eine merkwürdige Erscheinung in der Geschichte des jüdischen Volkes, dass zwischen den Vorgängen und Ereignissen der Gegenwart und deu Schicksalen und Begebenheiten der Vergangenheit ein gewisser Zug von Ähnlichkeit und Gleichartigkeit obwaltet. Schon unsern alten Lehrern ist diese Wahrnehmung nicht entgangen und sie drücken sie kraftwoll in den Worten aus: die Väter sind das Vorbild für die Kinder, in den Schicksalen und Begegnissen unserer Vorfahren stellt sich jederzeit unsere eigene Geschichte in kurzen Umrissen vorbildlich dar. Und in der That, wenn wir auf die Geschichte des jüdischen Volkes einen forschenden Blick werfen, wenn wir mit denkendem Geiste in den Annalen lesen, in welchen Israel's wechselvolle Erlebnisse und Schicksale verzeichnet sind, so tritt uns nicht selten zwischen den Vorkommnissen der Gegenwart und denen, die einer längst entschwundenen Zeit angehören, eine so auffällige Aehnlichkeit entgegen, dass es uns fast scheinen will, als ob zwischen beiden eine innere Verbindung und ein innerer Zusammenhang herzustellen sei. Freilich sind die Beziehungen und Verhältnisse, unter denen die Erscheinungen an den Tag treten, anders geartet und gestaltet, freilich wird der Schauplatz immer ein anderer und die handelnden Personen tragen den Stem- : pel ihres Zeitalters an sich; allein die inneren Triebfedern I und die wirkenden Faktoren, sie bleiben immer dieselben,! der Geist, von denen die Geschehnisse getragen werden, | und die Absicht, die sich in denselben ausspricht, haben! sich nicht geändert. — Israel hat nämlich nicht in den ' Blättern seiner Geschichte welterschütternde Eroberuni gen und gewaltige Triumphe im Bereiche der rohen Wirk, j samkeit zu verzeichnen, die die bunteste Abwechselung und Mannigfaltigkeit der Begebenheiten und Ereignisse I bedingen und hervorrufen; Israel's Annalen sind viel- : mehr, insofern sie sich den äussern Erscheinungen des! Lebens zuwenden, mit den Schilderungen jener abscheu- | liehen Gräuelthaten und Bedrückungen ausgefüllt, die die j Bekenner des Judenthnms von der Bosheit, Feindseligkeit und der Tücke raubsichtiger Horden seit Jahrhunderten zu erdulden hatten, und diese bösen Leidenschaften, diese Ausgeburten der Hölle sind stets dieselben geblieben, sie haben ihre äussere Gestalt, nicht aber ihr inneres Wesen geändert. Mag ein Volk seiner Einsicht und Erkenntnis sich noch so sehr rühmen, mag es in Bildung und Civilisation, in Kunst und Wissenschaft noch so weit fortgeschritten sein und eine nie geahnte Stufe der Vollkommenheit erreicht zu haben wähnen; die bösen Triebe und d;e zügellosen Leidenschaften, die in demselben, gleichsam wie eine Elementargewalt, zum Ausbruche kommen, sie haben im wechservollen Laufe der Zeiten nichts von ihrer unheilvollen Wirkung verloren, sie stif- | ten ebensosehr, wen man nur ihnen freien Lauf lässt, in den Tagen der Erleuchtung und Bildung Unheil und Verderben, wie in den Zeiten barbarischer Finsterniss und fanatischer Unduldsamkeit. Die entarteten Kräfte der menschlichen Natur lassen sich eben nicht von einer sozusagen einstudirten Klugheit und Bücherweisheit in j Fesseln schlagen, und wenn überhaupt von einem Einwirken von Kultur und Bildung, die mit keiner Erkenntniss der Wahrheit und Gottesfurcht gepaart ist, auf die Mächte der Finsterniss und des Wahnes die Rede sein kann, so besteht wahrlich dieses nur darin, dass sie | um so raffinirter und erfinderischer geworden, in unzähligen Hüllen und Masken aufzutreten und für ihre bösartigsten Ausgeburten einen Schutz- und Deckmantel zu finden wissen. — Deswegen, meine andächtigen Zuhörer, weis die Geschichte des jüdischen Volkes nur von unsäglichen Leiden und Bedrückungen, nur von den verheerenden Wirkungen entfesselter Leidenschaft, die sich immer gleich bleibt, zu berichten, weil sie eine Leidensgeschichte ist, deswegen, sage ich, finden wir für alle äussere Erscheinungen, die Unduldsamkeit und Feindseligkeit hervorgerufen, ein ähnliches oder verwandtes Bild in den Annalen der Vorzeit, deswegen ist unsere Verj gangenheit das Spiegelbild unserer Gegenwart. I Und wahrlich, mein Geehrten, auch für unsere neueste j Tageserscheinungen, auch für das Wesen, welches unsere I modernen Judeuf aide treiben, brauchen wir nicht lange nach einen Seitenstücke zu suchen. Eine Erzählung von den Schicksalen Israel's in Egypten, welche unser heu-

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