Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 18 (13.9.1882)
- Date
- 1882-09-13
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 213 geladen, die Urtheile, die über sie gefällt wurden, dann weiss ich es, dass das Amt, das ich übernommen, ein schweres und verantwortungsvolles ist. Aber ich sehe auch, o Herr und Vater, dass Du den reinen und redlichen Willen der Männer, die in Liebe und Treue ihres Amtes walteten, lohntest, dass Du den Wunsch ihres Herzen« erfüllt, dass Du sie gestärkt in ihrem Wirken, dass Du gekräftigt ihren Körper, dass Du ihnen verliehen hast Geist von Deinem Geiste, dass Du sie erfüllt hast mit Deiner Lehre, die eine nie versiegende Quelle wahren Glückes und ungetrübter Freude ist, dann o dann, kehrt Ruhe in mein bewegtes Herz und Friede zieht ein in mein Gemüth, und dankerfüllt wende ich mich o Herr mit dem innigen, aus tiefstem Herzen stammenden Gebete zu Dir, dass dieser Tag, mit dem ich das Amt eines Priesters und Seelenhirten in Israel übernehme, mir selbst und meiner Gemeinde ein herzerfreuender sei und der Ausgangspunkt einer gedeihlichen Entwickelung dieser aufstrebenden Gemeinde, zu Deiner Ehre, zum Frommen der Menschheit, zu Israel's Ruhm. AMEN. J. M, a. Z. Wie Israel zuerst den einen und reinen Gott erkannt hat, so hat es auch zuerst das Ideal eines Priesters und Lehrers in dem unvergleichlichen Brüderpaare Ahron und Mose uns aufgestellt, jene leuchtenden Vorbilder, denen auch nur nachzustreben stets von grossem Nutzen war. Aron versah den Opferdienst, Mose war Verkünder des göttlichen Wortes. Diese 2 Dioskuren. die in unserer Geschichte unzertrennlich vereinigt sind, sie sollen uns zeigen, was die Aufgabe eines Priesters und Lehrers in Israel ist. Ihr wisset es ja m. a. Z. dass seit der Zerstörung des Tempels die Opfer haben aufgehört, dass seitdem die Israeliten keinen selbstständigen Staat mehr bilden, auch die Opfer ihreBedeutung als den Staat erhaltend haben verloren, und dass an ihre Stelle das Gebet ist getreten, wie wol auch die Opferhandlungen mit Gebeten oder zum mindesten mit Segenssprüchen verbunden waren. Opfer und Gebet, sie sollten und mussten sich durchdringen, Gedanke, Wort und That, sie mussten eins werden, so das dagebrachte Opfer ein gottgefälliges und dem das Opfer darbringenden Gnade erwirken sollte. Aber nicht den israelitischen Staat erhaltend allein sollte das Opfer sein, nein, die Opfer galten dem Bestände der gesammten bewohnten Erde; in gleicher Liebe und Innigkeit umfasste das Judenthum von den ältesten Zeiten bis in die jüngste Gegenwart, ja in zärtlich wahrhaft liebevoller Fürsorge sogar die Zukunft der ge-- sammten Menschheit, es kennt und anerkennt nicht die Scheidewand, die den Menschen von Menschen trennt, es kennt nur das Wort: Hat nicht °in Gott uns erschaffen, haben wir nicht alle einen Vater, warum sollen wir treulos sein einer gegen den anderen? Aber wenn auch die Opfer aufgehört haben, wenn sie für uns nunmehr eine blos geschichtliche Bedeutung haben, so ist der Geist, der sie beseelte, die Idee die sie verwirklichen helfen sollte, noch heute geblieben, ja lebenskräftig geblieben. Israel soll und muss auch heute noch mithelfen an Fortbestande, ja an dem Fortschritte der gesammten Menschheit. Und wie der Priester in alter Zeit diess sinnbildlich durch die Opfer bewirkte, so hat der Priester in unserer Zeit die hohe Aufgabe, dieses Ziel stets seiner Gemeinde vor Augen zu halten, dem sie unentwegt nachstreben muss, so sie ihrer Pflicht genügen soll. Was aber m. a. Z. ist der festeste Kitt, was das sicherste Band, das den Menschen zum Menschen führt, was ist die sicherste Bürgschaft eines wahrhaft glücklichen Gemeinwesens. Der Friede ist es, jenes göttliche Geschenk, jenes köstliche Geschmeide, das »ach der sinnigen Anschauung unsere Weisen, Gott selbst sich als Attribut angeeignet. Und führwahr vom Hohenpriester Ahron wird uns berichtet, dass er nicht nur den Frieden geliebt, sondern dass er ihm mit allen Kräften nachgestrebt, ihn sozusagen verfolgt habe, was wol so viel heissen will, dass er nicht geruht und nicht gerastet, bis er Frieden, den wahren und beglückenden Herzensfrieden, hergestellt hatte zwischen den Menschen. Und was war der grösste Segen, der schönste Lohn, den Ahron's Nachfolger in der Hohenpriesterwürde erhielt? Siehe ich gebe ihn zu meinem Bunde den Frieden, sagt die heilige Schrift. Nicht Reichthum, nicht hoher Rang, nicht eine bevorzugte Stellung in der menschlichen Gesellschaft^ vermögen uns das Leben angenehm und menschenwürdig zu machen, sondern das ernste Bestreben Frieden mit uns selbst, Frieden mit unseren Nebenmenschen und Frieden mit Gott zu haben. Denn m. a. Z. so erhaben auch Gott über alles irdische ist, so unerfassbar auch dessen Wesen für den staubgeborenen ist, so ist es für jeden Menschen ein tiefempfundenes Bedürfniss sich in Einklang mit seinem Gotte zu wissen. Es ist eine thörichte und zugleich sündhafte Ansicht, zu wähnen Gott sei so unendlich über den Menschen erhaben, dass er sich um dessen Thun und Lassen nicht kümmere. Wie? er, ohne dessen Willen kein Blatt vom Baume fällt, er, der das das ganze Weltall geschaffen, der für die Erhaltung des geringsten Thieres, der kleinsten Pflanze sorgt,' er sollte der Krone der Schöpfung, des Menschen nicht gedenken. Mit Recht konnte daher der Prophet, der mit Engelszungen sprach sagen: Böse Menschen haben keinen wahrhaften Frieden, kennen nicht die beseligende Kraft des Friedens; nur der gottesfürchtige, tugendendhafte, sittliche Mensch erhält wahren und beglückenden Frieden. Solchen beglückenden Frieden in der Gemeinde bleibend zu erhalten, jeden Keim des LInfriedens zu ersticken und zu beseitigen das ist die erste und wichtigste Aufgabe eines echten und rechten Priesters in Israel (war im alten Israel die Aufgabe Ahron's).