Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Centralblatt · 1882-09-13 · 18 (13.9.1882) · p. Seite 209

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
18 (13.9.1882)
Date
1882-09-13
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9620166-9626018-9625364--218-9625369
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 209 Dingen getrennt lebt, desto leichter sie erkennen und erforschen kann. (l) Philosophie und Rhetorik waren seine Lieblingsbeschäftigung. Die männliche and würdevolle Beredsamkeit Pasqualis, unterstützt von seinerGeistesschärfe und populär gegemacht durch Einfügung von historischen Momenten, wurde ihm viel mehr Bewunderer verschafft haben, wenn nicht bei der grossen Fülle der Thatsachen und Worte eine monotone Wiederkehr derPeriode und eine unangenehme Stimme gewesen wären. Aber mehr als all diess, war ihm, der an philosophischen Studien gewöhnt war der hohle Bombast so mancher berühmter Redner* verhasst, und er sagt von sich selber dass das Spiel mit Worten und den concetti nicht seine Art sei und führt an, dass Cicero (Tullius) wollte4 dass der Redner männlich, mannhaft, warm energisch sei und fügt hiezu: Was nützen mir in der Sprache grosse und hohe Redensarten, wo nichts Grosses in der Wärme der Beredsamkeit, in der Kraft der Beweisführung, in dem Reichthum ungewöhnlichen Wissens, in der Genauigkeit der Zeichnung, in der wolangelegten Vertheilung der einzelnen Theile und des Ganzen durchleuchtet. (2) Aber mehr als zur Kanzel war er für die Schule geschaffen Er widmete sich ganz dem Katheder, und hatte sich dazu schon würdig vorbereitet, dass er die venetianische und paduanische Jugend privat unterrichtet hatte, es fortsetzte im öffentlichen Studium in Padua, wo er im Jahre 1820 zum ordentlichen Professor der Aesthetik erwählt wurde, ein ungeschicktos Amt, in Italien damals last neu, wenn auch nicht dem Wesen, so doch der Form nach. Am 10. November 1820 hielt er an der Universitaet zu Padua seine Antrittsvorlesung über Aesthetik. Da sagte er: Wenn nur ein mittelmässiger oder gar kein Wert in mir wäre, so nähre ich sicherlich in meiner Brust keine gewöhnliche Neigung und Liebe zur Arbeit, und es ist mir angenehm mich daran zu erinnern, was ich ohne unbescheiden zu sein, sagen kann, dass ich so manche Müssest und i>n mit ernsten Studien zugebracht, die der Weisheit nicht feindlich und, Jen Musen nicht unangenehm waren Und in der Einleitung seines Werkes über den Fortschritt sagt er: Ich bin ein Mann von Wort und Ehre. (') Ein Lob der Einsamkeit, findet man in seinen Discorsi Band II p. 395—6. Und viel früher I ßd. p. 315—6 sagt er: Was würde aus uns, wenn Hunger, Durst und andere Leidenschaften uns Tag und Nacht qnälen wurden und dieselben nicht durch das Kecht und die Pflicht in Zügel gehalten wurden? Abgesehen davon, dass diess uns von unseren Studien ablenken würde, könnten wir die schlechten Neigungen anderer leiten, wenn wir es nicht verstünden, die eigenen Leidenschaften zu bezwingen und zu beherrschen? Wir würden zwar declamiren, aber es wäre umsonst, wenn wir nicht in uns das Muster tragen, wonach sie zu bilden sind . . Und was ist es das uns die Anlage und die Gewohnheit einer Lebensform von allem was gemein und niedrig ist, ein Leben das genug hat an einer massigen Kost, an kurzem Schlaf, kurzer Erholung und erfüllt ist von dem heiligsten Pflichtsbewusstsein und die Einsamkeit und Zurückgezogenheit zu lieben versteht, gibt? 0 einsame Orte, o Zurückgezogenheit. 0 glückliches Alleinsein! (-) Vorrede zu den Thaten und Ruhmesthaten des Thaumaturgen von Padua pag. XIX—XXIII. (l} Vorlesungen, pag. 231 der Discori Vol. II. Ich habe immer auf dem Wege der Ehre meine Pflichten erfüllt. Ich habe nie gelogen und war nie hinterlistig, und wurde immer als Ehrenmann geachtet. Dass Pasquali, — so liest man in den biographischen Notizen — die Wissenschaft des Schönen (die Ästhetik) in den möglichst besten Formen behandelt, wagen wir nicht zu beurtheilen — sie haben Lob und Tadel geerntet, das gewöhniche Loos eines jeden irgendwie bedeutenden Werkes. So viel ist sicher, dass sie noch immer als Text in vielen Schulen dient, und dass in Bologna eine zweite Ausgabe veranstaltet wird. Nach vielen Jahren wurde jene Lehrkanzel zur philologischen Abtheilung geschlagen — das hätte ihm den Zutritt zu einer glänzenderen und weniger mühsamen Laufbahn öffnen können. Aber Pasquali zog die Stille des Klosters vor, liebte mehr die ruhigen Studien. Das Leben Luigi Pasquali's war eine beständige Übung der edelsten Kräfte der Seele, das glücklichste Leben auf Erden. Dasselbe Alter welches keinen Trost in den Monologen finden konnte, fand ihn in der Erinnerung an die früheren Studien, in dem Lesen neuer Bücher, in dem Abfassen wissenschaftlicher und kunsthistorischer Denkschriften, in der Abfassung seines Werkes über den Fortschritt, ein Werk, dessen Prospect grossartig ist. Und ich bemerke hinzu; dass es bei einem geistlichen Manne, der im Alter von 74 Jahren auf dem Wege der Analysis über dem Fortschritt zu schreiben beginnt, merkwürdig ist, ohne Übertreibung, ohne List, heiter und ernst, streng logisch zn bleiben. (-) I. Und jetzt möge der geneigte Leser in raschem Fluge mit mir einen Blick auf die Werke Pasquali's werfen, um den vorzüglichsten Theil seiner Gedanken etwas näher kennen zu lernen. Welcher Schule er angehört, erhellt zweifellos aus folgenden Worten: Die Thaisache (3) und die Erfahrung beeinflussen noch immer auch die geringste Thät meines Geistes und meines Willens. Es schien mir, nie abweichen zu dürfen von der italienische Schule, die ganz concret, ganz praktisch, ganz deutlich und durch die Sinne wahrnehmbar ist, sowol bei der eigenen Arbeit, als wenn sitf andere zur Arbeit anleitet, oder die Arbeit eines andern beurtheilt (■;. Und an einer andere Stelle sagt er: Ich beschränke mich auf diese und ähnliche Untersuchungen, indem ich mit der grössten logischen Strenge dabei verfahre und wenn ich dieses erreicht habe kümmere ich mich nicht um andere Quellen, sondern halte mich blos (') In einer seiner Reden sagt er (Vol. II p. 300). Wir müssen diese Wahrheit einer strengen Prüfung von Seiten der Vernunft unterwerfen. Unter diesen Thatsachen versteht er die wuuderbare Verbreitung des Evangeliums im ganzen Universum. 0) Brief an Prof. De Castro p. 12 — 14

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.