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Das jüdische Centralblatt · 1882-08-16 · 16 (16.8.1882) · p. Seite 190

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
16 (16.8.1882)
Date
1882-08-16
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
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190 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. Was die Schönheit betrifft, so gibt es einzelne Erscheinungen, welche den Menschen schon auf den ersten Anblick fesseln. Diese Wirkung steigert sich umso höher, je öfter und länger wir sie sehen. Diese iJtre Zauber-weit liegt in ihren prachtvollen, grossen Augen. Die brünette Schönheit ist die vorherrschende und wenn so ein kleines spanisches Judenmädchen seine grossen Augen auf uns wirft, bringt es uns mit seinem feurigen Blick in nicht geringe Verlegenheit. Blickt uns aber ein seidenhaariges blondes Mägdlein mit seinen schwärmerischen, grossen blauen Augen an, so fühlen wir, wie süss sich sein seelenguter, sanfter Blick in unser Herz einschleicht. Die brünette Schönheit ruft im ersten Moment eine grössere Wirkung hervor, die blonde siegt allmälig, aber ihre Wirkung ist bleibender, tiefer. Die brünette Schönheit peitscht mit unbezähmter Wildheit die Leidenschaft in unserer Brust auf, die Blonde mit ihrem sanften Bb'ck, die reinste, süsseste Liebe. Ein Kuss der brünetten Schönheit betäubt, berauscht, ein Kuss der blonden wiegt uns in die süssesten Träume des Glückes ein. Und wie fromm und religiös die Mädchen sind. Ich war bei einer reichen spanischen Judenfamilie zum Diner geladen. Als bereits Bämmtliche Familienmitglieder dem Altersgrade entsprechend um den mit zahlreichen Silbergeräthschaften beladenen Schemel Platz genommen haben, kam neben mir ein 13 jähriges, wundervolles, kleines Mädchen zu sitzen, mit dem ich eine lebhafte und interessante Conversation unterhielt; natürlich spielte im Gespräche das Gesticuliren mit den Händen die wirkungsvollste Rolle, da dies zur Verständigung den besten Behelf bot. Mitten im lebhaftesten Gespräch ward meine schöne Nachbarin plötzlich stumm wie eine Bildsäule. Ich forschte nach der räthselnaften Ursache ihres Stillschweigens, aber ich vermochte es in der Eile nicht zu entdecken Da bemerkte ich einen Diener herumgehen, in der Hand einen Ibrik (Kupferkrug), einen Legen (Kupferteller), und ein Peskir (Handtuch) haltend. Jedermann wusch sich die Hände, trocknete sie ab und betete. Auch meine kleine stumme Nachbarin betete mit der beneidenswerthesten Andacht. Bemerkenswerth ist, dass das Peskir, nachdem es der Diener dem Hausherrn übergeben hatte, unter den um den Schemel Sitzenden die Runde macht, aber der Zipfel des Tuches bleibt immer in der HanJ des Aeltesten; das Tuch ist nämlich so lang, dass es den ganzen ziemlich grossen Schemel umfasst. Nach dem Mittagmahl wiederholte sich das Waschen, natürlich mit Gebet, das fast eine halbe Stunde lang dauerte. Ihre Speisen sind dieselben wie bei den Mohamedanern und auch sie benützen blos Löffel ohne Messer und Gabel. Nach dem Mittagsmahl sangen die Männer zumeist Tempellieder; die Frauen aber füllten inzwischen ihreTabatiereu sorgfältig mit kleinen Cigaretten und theilten sie dann mit ihren Gatten. Die Juden wohnen zumeist in den grösseren bosnischen Städten. <Sie beschäftigen sich selten mit Ackerbau, (!) sondern betreiben entweder einen grösseren Handel oder das Geldwechslergeschäft. Vordem waren sie in ihren Freiheiten gerade so beschränkt wie die Christen, aber sie genossen, seitens der Mohamedauer immer mehr Vertrauen, als die übrigen Rajahs. In politischer Beziehung besassen die Juden in Bosnien gar keine Wichtigkeit. Das Zusammenhalten ist bei ihnen nicht in der Organisation, sondern in jedem natürlichen Verhältnisse zu suchen, welches in der ganzen Welt zwischen den Juden besteht und in der Zeit der Unterdrückung am besten zu Tage tritt. Sie bezahlen gemeinsam die ihnen auterlegten Stenern, die Reichen für die Armen. Es war eine allgemein bekannte Thatsache, dass sie. und die Z-inzareu. zu den ßeissigs'en und tclrfjtvc!:üf<li eisten Bewohnern Busniens gehören, die ausserdem auch seitens ihrer Seelsorger der Erpressung niemals ausgesetzt waren, ja die jüdischen Priester (Chacham), mit Ausnahme des in Sarajewo wohnhaften Oberrabbiuers (Chacham ba§i), bezogen sogar im Allgemeinen gar kein Gehalt. Interessant ist der Charakterzug bei den bosnischen Juden, dass sie soweit nur möglich Comfort und Genuss suchen. Die Reicheren halten im Winter förmliche Saisons und im Sommer suchen sie irgend ein bosnisches Heilbad auf. Ein solcher Curort ist Kiszeljak. Hier findet sich über den Sommer jeder reichere bosnisch« Jude ein. Hieher bringen die Frauen ihre schönsten Kleider und Schmuckgegenstände und treiben in diesen Sachen hier einen wirklichen Luxus. Die \on einander entfernt wohnhaften Jünglinge und Mädchen haben hier Gelegenheit Bekanntschaft zu schliessen, und in Kiszeljak pflegen auch die Juden alljährlich zahlreiche Verlobungsfeste zu feiern. Wird der bosnische Jude alt und zur schweren Arbeit unfähig, so entsteht in ihm die unbezähmbare Sehnsucht, weit, weit nach Osten fortzuwanderu: nach Palästina. Sein einziger Wunsch ist, sein, müdes Haupt in der Nähe der heiligen Gräber zur ewigen Ruhe zu legen. Wer es nun im Stande ist, thut dies, und ohne Kosten und Mühen zu scheuen, wandern sie dahin und sehen Bosnien, seine Berge, Felder und Wälder niemals wieder. Zumeist stellen sie sich zahlreich zusammen und unternehmen in Gesellschaft die weite Wanderung. Sie leben gerne in Bosnien, aber sterben wollen sie da nicht.. Ganze Caravanen begleiten die Wanderer bis an die Grenze Bosniens. Dort wird von einander ergreifender, herzlicher Abschied genommen, die Frauen jammern und weinen, als ob sie einen Lebenden begraben würden, die Männer beten und sämmtliche Versammelten küssen die Hände der Alten. Diese Auswanderung hat ihre eigene Ursache. Es geschieht dies nicht aus purer blinderPrömmigkeit, sondern stammt daher, dass die Mohamedauer Alles, was zum Anzeichen einer fremden Religion dienen könnte, öffentlich niemals dulden wollten, so auch die öffentlichen Friedhöfe nicht. In Bosnien konnte man früher dreierlei Friedhöfe unterscheiden: diejenigen der Mohamedauer, der Christen und der Juden. Im Friedhofe der Mohamedaner befanden sich mit einer Turbanspitze versehene gemeisselte Grabsteine, buntfarbig und mit zahlreichen arabischen Sprüchen versehen; der Friedhof der Christen hatte keine Umfriedung, die Gräber wurden mit uiederen und möglichst einfachen Holzkreuzehen versehen; in dem jüdischen Friedhofe aber bestanden die Grabsteine aus nichts anderem, als aus drei Steinstücken, ohne jedwede Schrift und Zeichen. Die Steine wurden einfach nächst der Landstrasse aufgelesen und übereinander gelegt; dieselben aneinander zu befestigen mit Eisen oder Holz war streng verboten, und da die Mohamedaner in den christlichen, wie in den jüdischen Friedhöfen ihre Hausthiere weiden lassen konnten, wurden diese losen Steine bald derart zerstreut, dass die einzelnen Familien schon nachKurzem die Gräber ihrer Todten nicht zu erkennen vermochten. Dies war die Ursache, dass in den alten bosnischen Juden, sobald sie ihren Tod herannahen fühlten, die heisse Sehnsucht entstand, über das weite Meer in die Nähe der heiligen Gräber zu wandern und dort z* sterben. gSteceflm Grammatikalisches Zum Worte bemerkt der Hwb USD von Mendelssohn : das 2 in nD03ist hierunregelmässig mit dem PIUS dps verdrängten anzeigenden Jf bezeichnet, weil der Eigenname in der Regel kein anzeigendes ,*J erhält. Meines Erachtens befindet sich aber das HniD üier §anz regelmässig am Platze, indem die Hilfsbuchstaben vor einem Worte, :nit dem der Satz schliesst, ein erhalten. Bensev in seinem Talmud § 35 führt eben das Wort HD/212 als Beispiel zu dieser Regel an.

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