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Das jüdische Centralblatt · 1882-08-16 · 16 (16.8.1882) · p. Seite 189

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
16 (16.8.1882)
Date
1882-08-16
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. um über ihr Wesen nachzudenken. Wir finden in ihr spanische Schönheit, die Trägheit der Türkin und das tiefe Gefühl des Juden; wir finden in ihr den eigentümlichen Stolz des Spaniers, die Empfindlichkeit der Türkin und die jüdische Leidenschaftlichkeit. In ihren Bewegungen verräth sie spanische Grazie, in ihrer Kleidung den bizarren Geschmack der Türkin und den jüdischen Geist. Ein wunderbares iuternatiolales Gemisch, welches zur Folge hat, dass das in uns erweckte Interesse sich möglichst steigere. Habe ich von den spanischen Juden behauptet, dass sie blos mit hebräischen Schriftzügen schreiben können, so kann ich von den spanisch-jüdischen Frauen sagen, dass sie dies nicht einmal mit hebräischen Lettern im Stande sind; die Zahl derjenigen, die hierin auch nur einigermassen bewandert sind, ist eine überaus geringe. Aus hebräischen Gebetbüchern zu lesen versteht aber der grösste Theil, was daher stammt, dass der älteste Sohn in jeder Familie verpflichtet ist, die Mädchen beten zu lehren. Auf die geistige Ausbildung der Mädchen wird, wie bei den Mohamedanern, gar keine Sorge verwendet. Schon die Erziehung der Knaben ist genug mangelhaft und man könnte ihrer staunenswerthen Unwissenheit halber die Eltern der sträflichen Nachlässigkeit zeihen, aber von dem Unterricht, oder der Ausbildung der Mädchen ist im Allgemeinen keine Spur vorhanden. In ganz Bosnien finden wir keine einzige Mädchenschule. Dass die Mohamedaner solche Schulen nach Art der Medressen nicht errichten, ist begreiflich, da sie das Mädchen mit 11 — 12 Jahren schon sorgfältig in ihren Harems verbergen; dass aber die spanischen Juden, die diesor Massregel nicht unterworfen sind und auch materiell im Stande wären, diesbezüglich ein Opfer zu bringen, eine Mädchenschule nicht errichten, das ist ein bedauernswerthes Symptom und findet nur darin seine Erklärung, dass sie den Mangel nicht fühlen, deren Notwendigkeit nicht wahrnehmen und im Allgemeinen unfähig sind, die Bildung auch nur zu würdigen. Ich weiss es aus verlässlicher Quelle, dass die einzige grössere Mädchenschule, welche die spanischen Juden errichtet haben, in Nis existirt, aber auch ihre Tage sind in Folge der Theilnahmslosigkeit gezählt. Man kann getrost in ganz Bosnien die Häuser sämmtlicher spanischer Juden durchwandern und wir werden ausser Gebetbüchern nichts vorfinden. Unserer Ansicht nach ist das ein unbegreiflicher Zustand. Die Männer gehen den ganzen Tag ihren Geschäften nach und Abend füllen sie die Zeit mit Essen und Trinken oder Kartenspielen aus. Zu bemerken ist, dass bei ihnen auf das Essen und Trinken nicht geringe Sorge verwendet wird und dass die wichtigsten -Momente der Tagesarbeiten das Essen bildet. Aber was machen denn die Frauen den ganzen Tag? Der Mann ist bis Abends nicht zu Hause und der spanische Jude kennt das nicht, die Frau in seinem Geschäfte zu verwenden; er lässt sie nicht in seinen luftigen Bazar hineinsetzen und lässt durch sie nie seine Waare verkaufen; sie bleiben zu Hause auf sich selbst angewiesen und so ist es für sie eine doppelte Aufgabe, die Langweile zu vertreiben, besonders bei den Wohlhabenden, die nicht einmal die kleinen häuslichen Arbeiten selbst verrichten. Sie wachsen heran, werden alt und nie werden sie auch nur den Wunsch hegen, dass man auch etwas lesen müsste. Von der grossen Welt erfahren sie nie etwas, aber sie sind auch gar nicht neugierig: sie haben keine Ahnung, was eine gedruckte Zeitung, was die Poesie ist. Unwillkürlich drängt sich uns nun die Frage auf, wie es kommen mag, dass die Frauen die Langweile, diesen Zerstörer des Familienlebens, dieses Gift des Familienglückes, trotzdem niemals empfinden. Ihr Leben ist so bewunderungswürdig räthselhaft, ihre Institutionen, Gebräuche so lieb, so schön, dass um ihr Lehen selbst wie die Poesie erscheint; das Leben einer jeden einzelnen Frau ist eine Poesie, eine liebliche Idylle, worin sie sich glücklich, überglücklich fühlt. Dort sitzen sie stundenlang auf einem Platz, mit ihren träumerischen grossen Augen vor sich hinstauntnd, ohne sich zu rühren, ohne auch nur ein Wort zu sprechen; ihre dünnen Cigaretten fabriciren sie mit staunenswerther Geschicklichkeit und den kräuselnden Rauch von sich blasend, vertilgen sie eine nach der andern; auf weichen Teppichen liegend, schlürfen sie tropfenweise aus der ohnedies fingerhutgrossen Schale ihren Kaffee; und in all' dem verrathen sie eine solch' unendliche Ruhe, eine solche bewunderungswürdige Gleichmütigkeit, wie wir sie nicht einmal bei dem gleichmüthigsten und kaltblütigsten Engländer finden. Die spanische Jüdin ist auf ihre Kleidung sehr eitel und hegt eine ausserordentliche Vorliebe für die reichen und glänzenden Kleider. Ihre Werktags- und Festkleider haben ein und denselben Schnitt und unterscheiden sich blos in der Qualität des Stoffes. Die Mädchen tragen einen weiten Salvar (Pluderhosen), in Wochentagen aus bunter grossblumiger Leinwand: diesen Salvar kann das Mädchen ohne Unterschied des Alters erst dann mit einem Kleid vertauschen, wenn es Muzeir (Braut) wird; die Frau trägt schon sehr selten und blos zu Haus den Salvar, aber sie tragen Abzeichen, bestehend aus einem giletförmigen Kleidungsstücke, welches von dem Miszir aba, einem kurzen breitärmeligen Leib bedeckt wird Diese Kleidungsstücke werden in festtäglicher Ausgabe aus Seide und Atlas verfertigt, reich mit Goldverschnürungen ausgenäht. Auch die Frisur der Frauen ist ganz eigenthümlich. Führt man die Muzeir zur Trauung, so wird das ganze Haar von der Wurzel ab uniarniherzig abgeschnitten und die langen Flechten werden dem unglücklichen, wollte sagen, glücklichen Opfer in den Schoss gelegt, zum Zeichen, dass sie, die bei Einem bereits Gefallen gefunden, fernerhin gar keinen Wunsch hegen solle, einem Andern zu gefallen. Und mit leichtem Herzen opfert jedes spanische Judenmädchen in Bosnien einen der wichtigsten Ergänzungstheile seiner Schönheit. Nachdem das junge Weibchen auf diese Weise ihres Haarschmuckes beraubt wurde, bindet man ihm etwas Nachthaubenförmiges aus schwarzer Seide ziemlich fest über den Kopf von der Stirn bis zum Halswirbel, darüber kommt noch etwas Mützenartiges (kein Fez), an welchem aus Seidenfäden imitirte Haarflechten bemerkbar sind. Die Mädchen tragen im Zimmer und auf der Gasse einen Fez und ihr Haar ist im einem Zopf zusammengeflochten. Sie lieben ausserordentlich die Prätiosen und nicht selten birgt die Schmuck-Cassette einer spanischen Jüdin grosse Schätze in sich. Bei einer Gelegenheit fragte ich einen reichen spanischen Juden, ob er einen antiken Schmuck besitze; er brachte in den Bazar aus den Schuckgegenständen seiner Frau ein kleines Collier herein, das mit Perlen und Edelsteinen reichlich besetzt war und wofür er ganz einfach 2800 Gulden verlangte, bemerkend, dass dies nicht der relative, sondern der effective Werth sei. Sie lieben sehr die Schmuckgegenstände, besonders den Halsschmuck und schon bei der Geburt des Mädchens — sagte lächend der spanische Jude — fangen Vater und Mutter an, zu der für dasselbe bestimmten Halskette die Goldstücke zu sammeln. Ihre Kleider tragen die spanischen Jüdinnen in einer ausserordentlich malerischen und interessanten Weise. Damit steigern sie den Reiz ihrer Bewegungen nur noch mehr. Das Aufstehen, das Niedersetzen, das Gehen, das Stehen, das Alles geschieht mit grosser Geschicklichkeit, mit Reiz und Anmuth, was um so Staunens, werther ist, als doch von ihnen keine Einzige tanzen kann, und wohl nur äusserst selten wird man eine Familie finden, wo man anlässlich irgend eines grossen Festtages eine mit Tanz verbundene Unterhaltung zu veranstalten pflegt. Das Spazierengehen kennen die spanischen Jüdinnen nicht, ja sie halten es für eine Schande und Ehrlosigkeit, wenn das Mädchen auf der Gasse viel herumgeht. Aut ihre Ehre sind sie sehr behutsam und es gehört wahrlich zu den seltensten Fällen, dass eine spanische Jüdin der Untreue beschuldigt würde, dass aber gar ein Mädchen vom Hause durchgehe, was bei den Mohamedanern sehr oft vorkommt, das ereignet sich in den Häusern der spanischen Jv. nie. Ihre Namen sind ähnlich den unserer Judenmädchen, aber spagniolisirt, wie z. B. : Sarittya Sali, Istirittya Esther, Rüvkeittya Rebeka, Hanittya Hani, Mirussa Mirjam' Lunittya Lina u. s. w.

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