Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 16 (16.8.1882)
- Date
- 1882-08-16
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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138 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 1 lichteten unter seinen grauen Augenbrauen zwei kluge Augen hervor. Ich theilte ihm in jüdischer Sprache mit, dass ich mir einige Bücher finden werde. Während er meine Rede hörte, legte er den Tschibuk weg und lächelte. Ich konnte mir sein Schweigen uud sein Lächeln nicht erklären. Dann sagte er im eigenthümlichen Tone des Phlegma's und der Ueberraschung in radebrechendem Jüdisch: „Ze beszi" — mit dem Arm auf den Boden des Bazars hinweisend — „onachi C'hacham' velo chacham, beni, en Ii szefarim", (Das ist meine Wohnung; ich bin der 'Weise', aber kein Gelehrter, mein Sohn; ich habe keine Bücher.") Er wunderte sich, dass ich jüdisch sprechen konnte; er, so versicherte er, wisse nur spanisch und croatisch, und wenn ich künftig mit ihm verkehren will, s olle ich mich nur einer dieser Sprachen bedienen. Andererseits kann man einzelne spanische Juden finden, die bewundernswerthe Sprachkenntnisse besitzen. So machte ich die Bekanntschaft eines 24jährigen Jünglings, des Buchhalters des berühmten und reichen Geschäftshauses Mardodiö. Dieser junge Manu ist aus NiS gebürtig und spricht spanisch, italienicsh, türkisch, serbisch, arabisch, persisch, französisch und auch ein wenig deutsch- Lesen kann er nur jüdisch und türkisch. Die Geschäftsbücher führt er in jüdischer Sprache. Die Sprachen hat er auf praktischem Wege erlernt. Auch in Bezug auf d;e innere Einrichtung der Wohnungen, die Möblirung und selbst den Haushalt befolgen die spanischen Juden das Vorbild der mohamedanischen Juden. Auch sie haben ein Szelamlik, d. h. Männerzimmer und einen Harem für die Frauen. An den Wänden der Zimmer zieht sich auch hier der Länge nach eine eingemauerte, langweilige Holzplatte hin, die regelmässig mit einer Decke überzogen ist, deren Qualität von der Bedeutung des Gastes oder des Feiertages abhägt. An Samstagen und anderen Feiertagen werien die erwähnten Holzplatten mit Teppichen bedeckt; darin besteht der ganze Luxus des Möbels. Ebenso wie bei den Mohamedanern entbehren auch die Männerzimmer der spanischen Juden allen überflüssigen Pomp und Schmuck. Man findet da weder Spiegel noch Bilder, aber auch die üblichen Möbelstücke — den Geräthkasten ausgenommen — werden hier selten gesehen. Nirgends Tisch oder Sessel oder Bett. Es gibt jedoch einige reiche Häuser, die in dieser Hinsicht bereits Re formen eingeführt, möblirte Gemächer besitzen, wo wir feine Sopha's und weiche Armsessel finden. Diese Möbel bilden bei den übrigen Bewohnern immer den Gegenstand grösster Bewunderung. Die spanischen Juden wenden alle ihre Fähigkeiten und ihre ganze Thätigkeit dem Geschäfte zu. Durch ihre Hände geht fast Alles, was von Aussen in's Land und was aus dem Lande hinausgeführt wird. Sie kümmern sich nicht um die Politik und widmen ihre ganze Aufmerksamkeit dem inneren Bedarf und der Nachfrage zu und iind bemüht, die Waaren je wohlfeiler zu erwerben. Sie streben rächt nach Grundbesitz und hegen geringe Ansprüche. Ihre Häuser bauen sie — nameutlich aber die Reichen — ziemlich fest, und was hier zu den Seltenheiten gehört, sie versehen ihre Häuser auch mit guten Rauchfängen. Der spanische Jude kennt nh-ht den Stolz. Sein Reichtum mag noch so gross sein, er lebt dennoch in der aufrichtigsten Freundschaft mit dem Aermsten. Die Zusammengehörigkeit ist bei den spanischen Juden überhaupt in solchem Masse vorhanden, wie sie selbst bei der Mohamedanischen Bevölkerung kaum zu finden ist. Sie versammeln sich jeden Morgen zum Gebet. Als Tempel dient ihnen ein grosses Zimmer in der Wohnung des Gemeindevorstehers. Die Möblirung dieses Zimmers oder Tempels besteht aus der unvermeidlichen Holzplatte, einem runden Tische uud aus einem kleinen Kasten, in welchem die mit Gold und Silber reichge. lichmückten die heilige Schrift enthaltenden Gesetzesrollen sich Tiefinden. Hier versammelt sich die Gemeinde, Gross und Klein jeden Morgen, und am Samstag dreimal des Tags. Vom Gottesdienste bleibt kein spanischer Jude weg. Während der Zeit des «jettesdienstes und den ganzen Samstag bleibt der Bazar geschlossen. Es gibt keinen Preis, um den er den Bazar öffnen würde. Sie sind in Bezug auf die Religiosität überaus strenge und dulden es nicht, dass Jemand gegen dieselbe Verstösse. Sie beobachten jede Vorschrift mit der grössten Gewissenhaftigkeit, gleichviel ob Fasten oder Feste. In der Morgendämmerung, ungefähr in der Zeit, da der Muezzim vom Erker des schlanken Minarets mit melancholischem Gesänge die mohamedanischen Bewohner aus allen Theilen des Ortes in die Dzamia ruft, sieht man die spanischen Juden in den Tempel eilen. < Nach dem Gottesdienst am Samstag, begeben sich die Jüngeren und die Frauen nach Hause; die Alten dagegen bleiben im Tempel zurück. In dieser Zeit regeln sie die Gemeindeangelegenheiten, die zwischen ihnen aufgetauchten Proces3sachen, mit einem Worte Alles, was im Orte während der Woche sich ereignet hat. Wenn unter ihnen, was wohl eine Seltenheit ist, irgend ein Streit entsteht, gehen sie nicht zum Mudir oder zu einer anderen Behörde, sondern es ordnet dies der Vorsteher der Gemeinde mit Hilfe eines der Aeltesten und Jeder gibt sich damit zufrieden. Nur in solchen Processsachen, die zwischen ihm und einem Andersgläubigen auftauchen, wendet sich der spanische Jude mit seiner Klage an den Mudir. Der spanische Jude ist als Geschäftsmann unermüdlich und umsichtiger als der Mohamedaner, doch ist er ehrlich; als Familienvater ist er gutmüthig, zärtlich und liebt seine Kinder unendlich. Er thut alles Mögliche, um ihnen eine sorgenlose Zukunft zu sichern. Seinen Bazar schmückt er nicht besonders aus, er gibt nichts auf Aeusserlichkeiten. Er richtet keine Aushäugekasten ein, und hält seine Waaren zumeist in Magazinen. Zwischen ihm und dem mohamedanischen Kaufmanne besteht der wesentliche Unterschied, dass, während der mohamedanische Kaufmann in seine Waaren nahezu verliebt ist, und dieselben umsomehr liebt, je länger sie bei ihm bleiben, so dass er sich von denselben kaum trennen kann, der jüdische Geschäftsmann seine Waaren nur insoferne schätzt, als sie einen Werth haben, und er bemüht sich, dieselben sobald t ls möglich zu veräussern. Es ist hundertmal leichter bei spanischen Juden Einkäufe zu machen, als bei einem einem mohamedanischen Kaufmann. Der mohamedanische Kaufmann duldet es nicht, dass man mit ihm feilsche und dass man ihn auf die Mängel der Waaren aufmerksam mache. Der jüdische Kaufmann sucht dagegen seine Waare gefälliger zu gestalten, feilscht und ist mit der ganzen Macht seiner Beredtsamkeit bemüht, den Kauf perfect zu machen. Der mohamedanische Kaufmann rührt sich nicht von seinem Sitze, bis der Käufer den geforderten Preis erlegt, doch springt er, trotz aller Kaltblütigkeit, gleich einem Luchs vom Platze auf, wenn der Kunde einen lächerlichen Preis bietet oder feilscht. Er nimmt ihm die Waare in nicht eben sanfter Weise aus der Hand und weist ihn aus dem Bazar. Der spanische Jude hört den Kunden geduldig bis zu Ende, regalirt ihn mit Cigarettchen und ist im Stande, mit der grössten Geduld stundenlang mit ihm zu feilschen. Allein nicht blos der spanische Jude ist bemüht, äussere Sitten der Mohamedaner nachzuahmen, sondern auch die Frauen sind treue Nachahmerinnen mohamedanischer Lebensweise, so dass zwischen den Letzteren und den mohamedanischen Frauen zu Hause kaum ein Unterschied besteht. Freilich ist der Unterschied auf der Strasse in die Augen springend, denn während die mohamedanische Frau eine Feredsche trägt und das Gesicht sorgfältig bedeckt, tragen die Jüdinnen, obschon die Kleidung im Uebrigen gleich ist, keine Feredsche und empfinden auch nicht die geringste Lust ihr Gesicht zu verbergen. In ganz Bosnien kann man die Erfahrung machen, dass die mohamedanischen Frauen wahre Anhänglichkeit für die Jüdinnen empfinden, was jedoch von den Männern durchaus nicht behauptet werden kann. Eine spanische Judenfrau ist unzweifelhaft eine der interessantesten Erscheinungen nicht nur in Bosnien, sondern im Allgemeinen. Ihre einfache Erscheinung bietet hinlänglichen Anlass,