Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 16 (16.8.1882)
- Date
- 1882-08-16
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 187 Ezechia Luzzatto als Schriftkundiger. Dass Ezechia fleissig Talmud studirt, selbst im vorgerückten Alter, ist, bereits in der Autobiographie Luzzatto's mitgeteilt worden, wo wir erfahren, dass Ezechia mit seinem Sohne den ganzen Talmud durchging. Sein Talent aber bekundet sich vorzüglich imCommentiren und hier wiederum in der Synonymik, wo er das zu leisten versuchte, was Tomaseo für die italienische Sprache schuf (1). Beim Commentiren befolgte er die Methode Kimchi's in Bezug auf Lakonismus, Klarheit und Verschiedenartigkeit der Bedeutungen. Die räthselhafte Deutung Ibn Esras, die Leichtigkeit der Sprache, wie wir sie bei Abrabanel finden. Es sind einige Skizzen des Commentars zu den Psalmen, zum Ecclesiasten wie zu anderen Theilen der Bibel vorhanden, von denen wir später etwas mittheilen. Den Philologen würde vorzüglich sein Pentateuchcommentar unter dem Titel ',-[ THp "pl^tt^S interessiren. Den sonderbaren Titel erklärt der Autor wie folgt in der Einleitung des Werkes: Als ich die Erklärung zu den Worten •yrtX *pTP schrieb, bemerkte ich, dass bei Jehuda er sich des Stammes, es werden dich loben, *"T*n^ bedeutet, bei Dan wiederum des gleichstamigen p^, er wird sein Volk richten, ebenso Gad, der Stamm Gad TmJ 12 und da ich fürchtete, dass das Wort zweideutig sein würde, wenn ich es durch Glück übersetzen würde, zog ich vor, es durch.Schaar, Heer zu übersetzen würde, da ich immer auf die göttliche Hilfe und nicht auf Glück vertraute. Die bosnischen Juden. von Adolf Strausz. In Bosnien finden wir auffallend viel spanische Judenfamilien, deren grössterTheil nicht nur wohlhabend ist, sondern auch reiche und blühende Geschäfte besitzt. Diese sind schon alte Einwohner Bosniens und Nachkommen jener spanischen Juden, die im XV. und XVI. Jahrhunderte aus Spanien vertrieben wurden und die, theils über Constantinopel, theils aber aus dem südlichen Theile Italiens kommend, sich hier niedergelassen haben. 'Auch in ihrer neuen Heimat wurde der Handel alsbald ihre ausschliessliche Beschäftigungsart und sie betrieben eine lange Zeit hindurch in nicht geringem Masse die verschiedenen Handelszweige. Gegenüber den Juden ist der Mohamedaner in vielen Beziehungen brüderlich; die Ursache hievon liegt darin, dass ihre Beligionen in Manchem verwandt sind; andererseits aber haben die Juden in Bosnien, in diesem exponirtesten Theile der Türkei, wo die inneren Wirren und äusseren Zwistigkeiten niemals aufgehört hatten, ihre Lage wohl aufgefasst (') Der Titel dieses berühmten Werkes ist: Nuovo Dizionario dei sinonimi della lingua italiana comp!lata da Nicola Toraaseo. Parte prima. Firenze, Presto Pietro di Vieusseux editore, 1839. und während die Mohamedaner das Schwert heldenhaft handhabten, unterstüzten die Juden ihre Unternehmungen mit Geld, ohne Rücksicht auf die Ziele des Krieges. So waren sie stets nicht geringe Stützen der mohamedanischen Bevölkerung. Die Juden waren nie solchen allgemeinen Verfolgungen ausgesetzt wie die Christen, obschon auch sie nur einen Theil der Rajah bildeten. Ihre Anzahl war jedoch in ganz Bosnien stets so gering, dass sie von den Mohamedanern ernstlich gar nicht in Betracht genommen wurden. Die Verfolgung der Christen begann erst dann lebhaft zu werden, als sie wegen der drückenden Lasten zu murren und sich zu bewegen begannen. Die Juden hingegen haben weder gemurrt noch eine Bewegung hervorgerufen, sondern ertrugen mit Geduld ihre Lasten und zahlten bereitwillig die Steuern, denn sie genossen hier im Vergleiche zn ihrem Leben in Spanien wahre himmlische Glückseligkeit. Die spanischen Juden haben bezüglich ihrer Sitten, Kleidung und Lebensweise in Bosnien sich die Mohamedaner zum Vorbilde gewählt und suchten dieselben mit thunli.hster Genauigkeit nachzuahmen. Die Männer und Frauen kleiden sich genau so wie die Mohamedaner, nur hier und da sieht man einen Juden in einem Kleide nach französischem Schnitte. Natürlich trägt er in diesem Falle keinen Turban, sondern einen Fez. Die meisten tragen jedoch grosse, bunte Turbans und binden um ihre Hüfte ein 4—5 Meter langes Linnen- oder Halbseidentuch. Ja, ich habe Einige gefunden, die in der Nachahmung so weit gingen, dasssie gleich den Türken ihre Köpfe glatt rasiren, und als ich diesbezüglich den Sohn eines steinreichen Kaufmannes zur Rede stellte, antwortete er, dass dies sehr schön sei und dass es ihm sehr gut stehe. Von einer allgemeinen Bildung ist bei den spanischen Juden keine Rede. Sie lehren die Kinder beten nnd ein wenig jüdisch schreiben. Man findet in ganz Bosnien kaum zwei, drei Schulen. Gewöhnlich figurirt der Chacham als Jugendbildner; er ist gleichzeitig der Seelsorger der Gemeinde, der Rathgeber, Schächter und Kirchendiener in einer Person. Und nachdem zumeist nur alte Leute die würdige Stelle des Chacham einnehmen, ist es auch sehr natürlich, dass sie ihren Beruf mit möglichster Unpünktlichkeit ausüben, umsomehr, als sie tagsüber sehr eifrige Geschäftsleute sind. Wer aber der Ansicht ist, dass der Chacham ein grosser Gelehrter ist, befindet sich in grossem Irrthume. Ehre den Ausnahmen, doch habe ich Gelegenheit gehabt, einige kennen zu lernen, und zu erfahren, dass sie nicht viel mehr wissen, als die übrigen Juden gewöhnlich zu wissen pflegen. In dem Punkte sind hier alle Juden gleich, dass sie Alle ohne Ausnahme schreiben können, jedoch nur jüdisch, und während sie bei uns mit jüdischen Lettern deutsche Worte niederschreiben, schreiben die bosnischen Juden mit jüdischen Buchstaben spanisch. Unter sich, zu Hause, in den Bazars, in dem Tempel sprechen sie immer spanisch, und man findet nicht selten spanische Juden, deren Grossvater bereits in Bosnien geboren wurde und die dennoch keiner anderen Sprache mächtig sind, als der spanischen. Wenn man ihnen begegnet, weiss man nicht sofort, in welcher Sprache man sie anreden soll. Wir wissen, dass der Christ croatisch spricht, der Mohamedaner entweder türkisch oder croatisch, ott beides und jedenfalls das croatische besser; denn ein bosnischer Mohamedaner, der fliessend und rein türkisch reden könnte, ist nicht leicht zu finden. Wenn wir aber einem bosnischen Juden begegnen, gerathen wir bezüglich der Sprache alsbald in Verlegenheit. Ich Iiielt mich einmal längere Zeit in Dervent auf und langweilte mich ungemein. Ich hätte mir gerne irgendwo ein Buch geliehen, um mir aut diese Weise Zerstreuung zu schaffen. Ich suchte daher den Chacham auf,der auf dem Boden seines ziemlich primitiv eingerichteten Bazars sass, die Füsse über einander geschlagen und den unvermeidlichen Tschibuk im Munde, Er war ein schöner, ehrwürdiger Greis mit langem, sebeeweissen Bart und, wie wir es oft bei den polnischen Juden sehen, zwei die Schläfen vollkommen bedeckenden langen, weissen Schmachtlocken. Als er mich anblickte,