Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 15 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9620166-9626018-9625325--178-9625329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
172 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. Der Profet Je^ajah macht dem israelitischen Volke den Vorwurf, das es undankbar gegen seinen Gott sei, der es grossgezogen und emporgebracht, und ruft ihm zu: „Es kennt der Ochs seinen Eigentbümer, und der Esel die Krippe seines Herrn, Israel aber kennt nichts und hat keine Einsicht; also die Dankbarkeit, worauf so viele ethische Lehren beruhen, sollen wir von den Thieren lernen. Arbeitsamkeit, sollen wir, sagt Salomo, von der Ameise lernen, sie hat keinen Oberherrn, keinen Vorsteher und Gebieter, und doch bereitet sie im Somer ihre Nahrung und sammelt in der Ernte ihre Speise. Aber nicht nur Arbeitsamkeit sondern auch strenge Ehrlichkeit sollen wir von der Ameise lernen, die trotzdem sie keinen Aufseher hat, dennoch einander nicht bestehlen. (4J Wenn auch die Thora es nicht gelehrt hätte, so kann, aagt der Talmud, Sittsamkeit dich die Katze, redliche Arbeil die Ameise, Keuschheit die Taube, ehelichen Umgang der Hahn lehren. Das bittere Oelblatt im Munde der Taube, weiche Noah ausgeschickt hatte, ermahne dich, das es besser sei, bei schmaler Kost frei und unhabhängig zu leben, als für Leckerbissen seine Freiheit hinzugeben, bemerkt der Midrasch. Wie das Wasser von der Höhe herab in die Niederung fliesst, so strömt der Geist der eehtenWissenschaft nur in solche Männer ein, weiche sich nicht überheben, bescheiden und demüthig sind (''). So gestaltet der jüdisch-theologische Geist, sagt der geistreiche Dr. Jellinek, die Gegenstände, Erscheinungen und Einrichtungen in der Natur zu losen Blättern eines ethischen Lehrbuches, welches das höhere sittliche Leben fördern sollen. Ja diese jüdisch-ethische Energie, hat ein kleines, ganz eigentümliches literarisches Product zu Tage gefördert, das unter denNamen „Pirke Schira" bekannt ist. In demselben werden nämlich dem Himmel und der Erde, der Sonne, dem Monde und den Sternen, dem Tag und derNacht, den Wolken, demRegen, denBlitzstrahlen dem Winde, und dem Thautropfen, dem Wasser, den Quellen, den Strömen und Meeren, der Wüste und den Fluren, zahlreichen Pflanzen und Thieren, Bibelverse in den Mund gelegt, welche entweder den Eigenthümlichkeiten derselben entspLechen oder deren Namen enthalten, und die sie als religiös-sittliche Mahnung denMenschen zurufen. Es ist dieses kleine Literaturwerk gleichsam eine Bibel der .Natur (8). (Fortsetzung folgt.) 0) Wie Raschi zuSp. R6V7 bemerkt DPIKI nnsritt nbn: nrx (5) Erubin 100 b. (*) Midrasch zu Noah. (7) Tarith 7. b. Ich könnte noch mehrere solche Stellen anführen, aus welchen zu entnehmen wäre, auf welche ethische Lehren die Natur uns aufmerksam macht. (") Der jüd. Stamm v. Dr. Jellinek S. lo-i. Rede, gehalten in der Synagoge zu Belovar Paraseha Pinchas 5642. von Dr. M. Grünwald. R. Simon. Sohn Gamalils lehrt: Drei Dinge sind es, die! den Bestand der Gesellschaft sichern und festigen und kräftigen; das eine ist die Wahrheit und Wahrhaftigkeit, das zweite ist Recht und Gerechtigkeit, und das dritte ist Frieden und Zufriedenheit. Wahrheit, Recht und Frieden! Welch inhaltsschwere Worte! Wahrlich ein je le von diesen würde Stoff zu mehr als einer Stunde bieten; wir wallen uns heute aber nur mit dem letzten,! mit dem Frieden beschäftigen, mit dem letzten sage ich,! aber nicht mit dem geringsten. Es sind alle 3 angefür- | ten gleich wichtig, gleich nothwendig zur Erhaltung der I menschlichen Gesellschaft, Der Friede aber, er bildet I dennoch den Schluss und Grundstein in der menschlichen I Gesellschaft. Ohne Frieden, keine Freude, kein Heil, ' kein Glück. Aber nicht den Frieden will ich besprechen,; wo man unbekümmert um das allgemeine Wohl sein ei-! genes ich zum Ziel und Brennpunkte aller Wünsche und I Neigungen macht, nicht den Frieden, der bloss nach trä- | ger Ruhe sich sehnt. Das ist nicht der wahre Friede, : von einem solchen Scheinfrieden spricht schon der Pro-! phet Jesaja mit den Worten: Ihr nennt Friede und Heil,! es ist aber kein Friede und kein Heil. Der wahre i Friede, er muss gar oft und fast immer erkämpft, er- I fochten und erstritten werden. Und dass der Kampf, so er | in Gottes Namen geführet wird, den Frieden, den wahren | und echten, den klaren und beglückenden, herzerfreuenden Frieden zur Folge hat, welch' schöneres Beispiel m. j a. Z. könnte ich Euch heute vorführen, als das im heutigen Wochenabschnitte. Pinchas, im Feuereifer für die göttliche Sache, durchglüht für Sittlichkeit und Keuschheit der Sitten, fürchtet nicht einen Fürsten in Israel zu tödten; und trotzdem ist sein Lohn der schönste, den ein Menschenherz erreichen kann; Gott selbst schliesst mit ihm einen Bund des Friedens und Heils. „Ich gebe ihm meinen Bund des Friedens und Heils," sagt die heilige Schift. Diesen Satz zu Grunde legend, wollen wir in dieser Stunde betrachten, warum der Friede, der beglückende und herzerfreuende unserer Zeit fehlt, und wollen zu zeigen versuchen, auf welche Weise er wieder bei uns seine bleibende Stätte aufschlagen könnte, wozu Du uns o Gott deinen Beistand angedeihen lassen mögest, AMEN. i. „Ich gebe ihm meinen Bund des Friedens." Die beseligende Kraft des Friedens, sie ist in den verschiedensten Zeiten im WTort und Lied, im Sang und Weise gefeiert und gepriessen und verherrlicht worden. Friede, ein Wort, das nach der sinnigen Ansicht unserer Weisen,