Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 15 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS JÜDISCHE CEÄTRALBLATT. 171 Wenn in vielen romanischen Dialekten sowohl des Französischen als Italienischen die Leber die schwäre genannt wird, so liegt der Grund dieser Bezeichnung, abgesehen davon, dass thatsächlich die Leber, weil zum grössten Theile aus Blut bestehend, schwerer ist. auch ohne Zweifel darin, dass im hebräischen in der Bibel, die Leber IM die schwere par excellence genannt wird. Das Deutsche Sprichwort Wurde ist eine Bürde (8) ist im hebräischen mehr als ein Sprichwort; denn der Hebräer hat für beide Begriffe, für Würde, sowol als für Bürde, nur das eine Wort »das Schwere"; bonos est onos sagt der Lateiner; wahrscheinlich kommt auch der die Redensart: Ein wichtiger Gegenstand; er geht gewichtig. Auch im Französischen sind tiefgreifende Constructionen vom Hebräischen abzuleiten und durch erst verständlich. Wenn im Französischen die Zukunft durch gehen ausgedrückt wird, so wird man wol nicht darin den eigentlichen Grund linden, weil auch im Sanskrit das Futur durch Einschiebung oder Anhängung der Radix ya die ursprünglich gehen bedeutet, sondern man wird viel richtiger und einfacher, wie diess schon der selige Toff aus Bisenz gethan, auf die Stelle in der Genesis Caput 25 Vers 32 verweisen DIE^ "ibltl ich gehe zum Tode d.h. ich werde sterben. Denn sämtliche europäische Sprachen, wenn sie die Zukunft umschreiben, gebrauchen das Hilfszeitwort SsXecv wollen, hoci. Eine interessante Parallele bietet das in Sirach vorkommende NrTQ^D^ KC'-K die Leute des Guten=rechtschaffene Leute, mit dem genau so gebildeten und die gleiche Bedeutung habenden homme de bien. Die Redensart faire son chemin „glücklich werden", trifft mit dem biblischen 12"H IT^im 0) er wird seinen Weg machen d.h. glücklich sein, vollkommen zusammen. Dass das französische HDIXS HJftP nicht in dieser Stunde, sondern sofort bedeutet und hier in dem französischen tont a V heure zum Vorbild gedient, habe ich bereits gezeigt. Wie HSDfi H^TS Hebamme ganz analog mit dem französischen sage-femme gebildet ist, habe ich in meinem Aufsatze: Literarischen Notizen in Nr. 1 von Dr. Rahmer's jüdischem Literaturblatt vom Jahre 1881 gezeigt. (Fortsetzung folgt) (H) Eine schöne sinnige Zusammenstellung von Sprichwörtern auf biblischem Grunde hat C. Schulze in Herrig's Archiv für das Studium moderner Sprachen und Literaturen, Band XXVIII p. 329—349 geliefert. ( ) Jesaja Caput 48, Vers 15. Q ) Siehe mein Jüdisches Centralblatt p. 152 bei der Besprechung von Dr. Wünshe's Uebersetzung des Midrasch Debarimrabba. Grundprinzipien der Ethik im iudenthume. Von Bezirksrabbiner Roth in Siklo's. (Fortsetzung.) Zweitens beruht die Ethik des Judenthums nicht nur auf die ethische Natur Gottes, welcher der Mensch ähnlich zu werden streben soll, sondern auch auf die ethische Stimme in der Natur, auf die er höre und dessen Ermahnungen und Wahrnungen er erfasse und beherzige, und da die Natur keinen Eudämonismus kennt, weil sie! nur strict die von Gott bestimmten Gesetzen befolgt,! so hat auch die jüdische Ethik, die in der Natur ihre j Motivirung hat, keine eudämonistischen Zwecke. Während die Griechen die Natur als Prototyp der Schönheit, des Ebenmasses, der Harmonie betrachteten und darnach das Leben ordneten und schmükten, haben die Juden in der Natur das Musterbild des Guten, des Wahren, der Befolgung der Gesetze gefunden, welche das Leben regieren und erfüllen sollen. Für die Griechen waren die ästhetischen, für die Juden die sittlich religiösen Motive die stärksten. (*) Heinrich Heine sagt sehr treffend: .,Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsamme Männer (2). Der Fabeldichter, sagt der geistreiche Dr. Jellinek, lässt auch die Natur, die Himmelskörper, Minerale, Pflanzen und Thiere zur Belehrung des Menschen reden, allein nur selten tönt die Stimme der Belehrung aus dem Innern der Natur, aus dem Wesen, der Beschaffenheit und der Eigenschaften j ihrer Gegenstände, sondern er verwandelte sie durch die I poetische Fiktion in vernunftbegabte, von Leidenschaften I bewegte Geschöpfe, welche wie die Schauspieler auf der römischen Bühne eine Maske tragen und jene Rollen spielen, welche der Dichter ihnen vorschreibt. Ganz anders aber gestaltet sich die Ethik der Natur unter der Betrachtung und Bearbeitung ier Juden. Das Leben ihrer j Einzelwesen, wie es als reale Naturerscheinung an uns vorüberzieht nicht im Farbenschmucke der Dichtung, regt den ethischen Sinn des jüdischen Beobachters an und prägt ihm sittliche Lehren ein. Er trägt nichts Menschliches in die Natur hinein, fingirt keine menschliche Leidenschaften und Eigenschaften im Pflanzen und Thierreiche, appelirt nicht an unsere Phantasie, das sie in eine erdichtetes Welt sich versetze, sondern macht uns aufmerksam auf das, was um uns her in Wirklichkeit geschieht, und zeigt uns in telologischer Weise den ethischen Nutzen, welchen wir aus dem Walten der Natur ziehen können. (3) 0) Siehe v. Dr. Lazarus zur Geschichte der talmudischen Ethik S. 3. (*) Verm Schriften Band 1. S. 80. (8) Der jüd. Stamm v. Dr. Jellinek S. 131.