Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 12 (16.6.1882)
- Date
- 1882-06-16
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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lio DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. Medicin den 1. Theil des Trankes zu geben. Als er mich verliess, sagte er: geben Sie acht, wahrscheinlich stirbt er um Mitternacht. Es war ein Wunder, dass ich nicht starb, was wird aus mir, wenn er stirbt? Denket Euch, in welcher Gemüthsstimmung ich mit der Medicin nach Hause kam. Nachdem ich ihm einen Löffel voll gegeben, setzte ich mich zu seinem Kopfkissen, und er, der seine Lage nicht kannte, sagte mir: warum gehen Sie nicht zu Bette? Ich schlief mit ihm in einem friulanischen Bette, das vom Vater noch von S. Daniel mitgebracht wurde. Ich wehrte mich dagegen, zitterte wie eine Bach weide, bei dem Gedanken zu einem Sterbenden mich zu legen, und zu welchem Sterbenden! zu meinen Lehrer undVater. Aber da ich ihn nicht aufregen konnte, noch wollte, fügte ich mich seinem Willen; als er aber nach einigen Minuten mit dem Kopfe schüttelte und sagte: Sie haben diese Misnah nicht ganz verstanden [ich entsetzte mich, weil ich nicht wusste, dass es ein Fieberfrösteln ist, denn ich dachte es wäre das Zeichen des herannahenden Todes]. Aber wie verdoppelte sich mein Schmerz, als er bald darauf hinzufügte: Was liegt denn da für ein Eber? Ich erhob instinctmässig den Kopf und sah auf der Thürschwelle einen blonden geschossenen Eber. Er schwieg und schlief ein, ich erhob mich, kleidete mich an und sah, dass es 2 grosse Gewebe rohen Hanfes waren. Diese Betäubung erschreckte mich noch mehr, denn ich hielt es für Todesröcheln. Ich kniete beim Bette nieder, betete zu Gott und weinte; da ich es aber nicht länger aushalten konnte, rief ich Sanguinetti [dem und dessen Frau er ein Zimmer umsonst gab. damit seine Schwester Nina eine Gesellschafterin habe und gleichzeitig zwischen mir und ihr wache], und nachdem er sich erhoben und meinem Meister sich genähert sagte er: was röcheln, was Tod! er schnarcht, schläft gut, und die Fiberhitze hat sich sehr verringert. Wenn ich an eine Auferstehung glaubte, fühlte ich sie jetzt bei mir, ich blieb beim Kopfkissen sitzen, hielt das Ohr hin und als das Schnarchen langsam aufhörte und es mir Schlaf zu sein schien, wollte ich ihn nicht wecken, um ihm die 2. Portion der Medicin zu verabreichen. Beim Morgengrauen fragte er mich: Schon auf, bat mich dann ihm etwas Wasser zu geben, trank es und sagte: Es gelit gut. lassen Sie mich, ich will noch schlafen. Ich verliess das Zimmer, und beim Studium wiederholte ich das Morgengebet mit vielen von mir verfassten Einschiebseln als Gebet, Hoffnung und Dank, solche von denen Manzoni sagt: Nur Gott allein versteht diess und nimmt es gut auf. 1 1/i Stunden später rief er mich und bat, auf ein Blatt Papier zu schreiben, was er mir vorsagen würde. Ich gehorchte zitternd, denn ich fürchtete, es wäre ein neues Kopf schütteln; er aber dictirte mir ganz heiter ein Sonett [das er in diesen 11/2 Stunden verfertigt hatte] in italienischer Sprache, an dessen Anfang ich mich wol erinnere: Padre del ciel (Vater des Himmels] denn diesem und nicht der ärzlichen Kunst schrieb er seine Heilung zu. Dieses Sonett wurde später. wenn ich nicht irre, von ihm in's Ebräische übertragen. Als ich herausgieng, fand ich den Arzt, der sehr frühge-' kommen war, und mich fragte: ist er todt? Ich hätte ihn getödtet; sagte ihm aber mit schalkhafter Miene: gehen Sie hinauf und fragen Sie ihn. Hinaufgekommen sah er am . Rande des Bettes das Sonett, las es, und als er gehört hatte, dass der&trebende es verfasst, sagte er, wenn auch nicht laut, doch im Gedanken: haec mutatio dexterae Excelsi diese (Veränderung) günstige Wendung ist ein Zeichen der göttlichen Macht und erklärte ihn ausser Gefahr. Diess. glaube ich, zeigt am besten die Gemüthsruhe jenes seltenen erhabenen Geistes. Auch folgendes mag ein Beweis hiefür sein. Ein Jahr später starb der Rabbiner A. E. Levi. Luzzatto fieng an bekannt und geschätzt zu werden, und weil unter den 3 Häuptern der israel. Gemeinde ein gewisser Angelo Gentilomo ein Dilletant der Literatur war, der Luzzatto würdigte, Hess er ihn rufen und bat ihn eine HJ"!^ hebräisch und ital. u. z. für den I nächsten Montag (es war Freitag) zu verfassen, und er nahm es an. Des Abends legte er sich und sagte: morgen stehe ich nicht auf, und er schlief ein. Er stand zeitlich früh auf, frühstückte ein wenig und bat mich dann, ihn allein zu lassen und im Studirzimmer zu bleiben, um zum Rufe bereit zu sein. Kurz darauf ruft er mich, sagt mir eine ital. Strophe 2 bis 3 mal, lässt mich sie wiederholen und sagt dann: Jetzt können Sie gehen. So verfasste er während des Sabbats 11 Strophen und kaum durfte man schreiben, so sagte er 11 wolgeformte Strophen her. Er erhob sich jedoch nicht, blieb im Bette, schickte sich an, die 11 hebräischen Strophen zu verfassen, die von mir aufs Papier niedergeschrieben wurden. Es war noch nicht Mitternacht und die Hw*p war m heiden Sprachen vollendet; er sagte mir, dass ich zu Bette gienge, und schlief bis zum späten Morgen; dann schrieb ich ihm das Gedicht rein ab, suchte das Anagramm für das Jahr, und Sonntag Nachmittag war das Gedicht in den Händen der 2 Vorsteher, die es dem Drucke übergaben. Ich i glaube, er erhielt 25 Gulden, soviel aber ist gewiss, dass i er diese Summe zur Befriedigung eines lang gehegten 1 Wunsches, welcher ihm umgemein viel Freude bereitete, verwandte u. z. wuchs seine Bibliothek stets, und bis jetzt waren die Bücher in alten Kästen, in Glasursteinen, in Gestellen mit Fächern, aus dem ehemaligen Laden seines Vaters; nun wollte er ein eigenes Möbelstück hiefür, und als er einst von seinen Lectionen nach Hause kehrend | die beidenWände des Studirzimmers mit 2 Bücherschränken I bedeckt fand, war er von einer Freude und Heiterkeit, dass er mir ein Kind schien, das die gewünschte Spielerei erhalten hat. Er dachte sofort daran, die Bücher gehörig aufzustellen und wollte, dass ich dabei sei, nicht so sehr, um ihm zu helfen, als vielmehr damit ich die Titel und den für die Bücher passenden Platz kennen lerne, um bei seiner und meiner Arbeit sie rasch bei der Hand zu haben; und diess war mir in der Zukunft von grossem