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Das jüdische Centralblatt · 1882-06-16 · 12 (16.6.1882) · p. Seite 139

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
12 (16.6.1882)
Date
1882-06-16
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 139 dass der üble Geruch verschwinden würde; auch das wurde von mir ruhig verschluckt, indem ich an das Wort mVl btP ttST1! na (so ist die Art der Thora] dachte. Die Würze jedoch, die es mich ertragen Hess, war Dankbarkeit und Bewunderung. Nachdem wir nach dem Gebete das Frühstück genommen, gieng er an seine Studien, und ich die Bibel zu lesen, indem ich ihre Hilfe bei jedem Unternehmen anflehte. Und diess bis zum Minchagebete, worauf er in den Tempel Nr. 4 gieng, wo sein Vater hingieng, um Kaddisch zu sagen, wie er das ganze Trauerjahr that. Beim Morgengrauen kleideten wir uns an und begaben uns sofort in den Tempel des Kaddisch wegen, um keine Zeit zu verlieren, jeden Tag mit Ausnahme von Samstag; eine Sonderbarkeit, um deren Erkläiung ich ihn bat; u. z. sagte er: an Werktagen sind wenige, die in den Tempel kommen, und wenige darunter frommm und alt; am Sabbat war der Tempel besuchter, und bei meiner Bank sind solche, welche durch Geschwäz und unnütze Fragen, die mich an das Denken au meinen Vater hindern. [Seine eigenen Worte] mich stören. Nun will ich vom Dessert sprechen, eine andere und schrecklichere Prüfung, die ich zu bestehen hatte. Es war beim alten Vater Sitte, dass, bevor man sich vom Tische erhob statt Obst etwasaus der Bibel gelesen wurde, u. z. las der alte Vater, der Sohn und dann die Tochter von dem Wochenabschnitt und übersetzten: S. D. L. behielt diese Gewohnheit bei, und ich hatte die beschämende Erniederigung zu ertragen, dass ich weniger rasch and nicht so gut las, als seine junge Schwester übersetzte Welche Lection war diess für mich und welcher Sporn! Nach dem Mittagbrode gingen wir an un>ere unabhängige Leetüre, mit Ausnahme der Lecüonen, deren er immer mehr hatte und in bedeutenden Häusern, mehr durch seine Rechtlichkeit und seine Pünktlichkeit als durch sein Wissen berühmt, weil er ohne Künstleei sich die Liebe seiner Schüler erwarb. Wer übrigens die Thätigkeit Luzzatto's in einem Tage schildern wollte, könnte diess in einem Worte thun und das ist Arbeit^ und den Gegenstand gleichfalls mit dem einen Worte: Judenthum. Er las immer auf-und abgehend im kleinen Zimmer, und ich auch; es schienen 2 Schildwachen. Oft hatten wir während des Lesens eine Brotscheibe im Munde, die wir abknuspelten. Bald hielt ich ihn auf und bat am Erklärung einer Stelle, bald theilte er mir einen guten Gedanken vom Autor, den er las und grösstentheils einen seinem ewigen Gedanken, dem Judenthum nützlichen Gedanken, der aus disem Satze sich ableiten liess. So arbeitete er zB. damals an seinem Dialog fTü'T einem Meisterstück gesunder und freier Dialektik. Er erinnerte sich, in Cicero eine Stelle aus Plato gelesen zu haben, die seinen Untersuchungen über das junge Alter der Vocalzeichen zu Statten kam, aber er wusste nicht, wo sie zu finden wäre. Was that er? Er las das Buch de offieiis, die Tusculana, bis er das gewünschte Citat fand, er schrieb es ab und schloss Cicero , für immer ein. So las er cursorisch [ein Jahr früher mit seinem Vater] den ganzen Talmud in der einen Absicht, dass zur Zeit der Talmudisten keine Vocal-und Accentzeichen vorkommen, und dass daher der Zohar von n*"|, dem er zugeschrieben wird, nicht sein könne. —So las er mit mir den Commentar Sforno's und fand dort eine Erklärung über die Inclination der Erdaxe, und er gab mir keine Ruhe, bevor ich nicht den französischen AutoL' durchgegangen und jede Stelle in Mr. Pleche's Buch (Histoire de Ciel, glaube ich, war der Titel) gefunden hatte, und dann sagte er mir: Sehen Sie, was der Franzose in 22 Seiten sagte, thut unser Sforno im 7 oder 8. So las und studirte er die Mathematik von Bossut und Euclid, dann die Werke vom Kopernicus und Kepler. Wozu V um zu wissen, ob die alten Ebräer, die Begründer unseres Kalenders in der That auf ihren Grundlagen beruhten. — So lernte er, ohne speziell darauf sein Augenmerk zu richten, nur seinen geliebten Judenthum zugewandt, alle Wissenschaften in dieser Weise. Von den Studien, die ich machte, werde ich wenig sprechen, da sie nicht wie im Gymnasium geordnet und regelmässig waren, aber er stand mir immer bei in den verschiedenartigsten Studien, vorzüglich in der Bibel, (*) weihte mich in den Stil der berühmtesten Commentatoren ein und sagte mir dann: Fahren Sie selbst fort. Er half mir auch im 1. Jahre im Studium der Misnah und des Talmud [wo ich 1 Stunde täglich studirte, u. z. bei demselben Rabb. Levi, der früher sein Lehrer in diesen Studien gewesen war, auf dessen Ersuchen seine berühmte italienische Übersetzung der Preghiere di rito tedesco erschien (Gebete des deutschen Ritus) und dessen schöne Einleitung mit Recht gelobt wurde. Auf seine Anregung las ich die classischen italienischen Dichter und er sagte mir: Wenn Sie die Dichter verstehen werden, wird Ihnen das Verständnis der Prosaschriftsteller sehr leicht werden. Da er wusste, dass ich in der Handelsacademie einige Kenntniss des Französischen mir | angeeignet, rieth er mir die 2 Bände der Weltgeschichte i von Anquetil zu lesen, und sagte mir: Wenn Sie nicht! verstellen, so ist ein Wörterbuch und eine Gram- | matik und dann der gesunde Menschenverstand, und wenn! das nicht genügt, so bin ich da. Nur das Studium des! Französischen hatte einen gar mächtigen Einfluss auf! mich, doch nicht von mir, sondern von Erinnerungen an ihn soll hier die Rede sein. Ich will also erwähnen, I dass, nachdem ich 9 Monate im Hause war, er schwer an j einer Lungentzündung erkrankte. Der Arzt Dr. Guastalla Senior fand den 3. Tag die Krankheit so arg, dass er erst um 10 Uhr Abends weggieng, hierauf schrieb er ein Recept und befahl mir, ihm sofort nach Zubereitung der I

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