Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 12 (16.6.1882)
- Date
- 1882-06-16
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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138 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. pflegen übernommen, fand er, dass im vergangenen Monat die Summe 16 Ii. 60 Kreutzer (damaliges Geld) wäre, und dass die 2. Seite in 3 Theile: Einnahme, Ausgabe und fromme Ausgaben getheilt war. Fromm*' Spenden bei solchen Einnahmen! Ja meine Herren, da waren 30 Kreutzer jeden Freitag für die Wittwe, eine väterliche Erbsehaft, die er selbst, solange er in Triest war, gab, und das er später von Vita bis zum Tode der Wittwe geben liess. Vita blieb im Hause Luzzatto's 5 Jahre, bis er sich verheirathet hatte. In diesen Jahren studirte er mit einer solchen Liebe und Ausdauer unter der Führung seines grossen Meisters, dass er bald seine grosse Unwissenheit einsah, aber er machte erstaunliche Fortschritte im hebräischen, im Klarschreiben in Prosa und Poesie, wovon er eine Probe in den un(^ m der die zu Ehren seines Meisters und Vaters geschrieben wurde, und in den letzten Jahren ein Capitel zur 500jährigen Feier Petrarea's und eine Elegie auf den Tod Victor EmanueFs gegeben. Vita, der noch nicht 20 Jiahre alt und bis dahin immer im Hause seines Meisters war. trat als Lehrer in die Talmud-Thora von Triest. und in einigen Jahren wurde ihm die Leitung der höchsten Klasse übertragen: in der That hatte er die ganze moralische Leitung schon früher unter dem Ritter Rabb. Cologna, der ihn zum Schwiegersohne machte, unter den nachfolgenden Rabbinen die in Italien wol bekannt sind, Rabb. Treves (Vater der Verleger Treves in Mailand) und dem berühmten Prediger Rabb. Tedeschi. In jener Schule machte Vita zur Freude Luzzatto's viel tüchtige Schüler im hebräischen Fache, worunter der gegenwärtige Rabbiner von Triest Melli, und der tüchtige Schriftsteller und Rabbiner Moses Tedeschi. Aus einigen Briefen Luzzatto's an Zelman [denn das ist der eigentliche Name Vita"s. der gewöhnlich Lehmr Vita genannt wurde] wird man ersehen, wie sehr er seinen Schüler achtete, sowol als Lehrer, als auch als Schriftsteller und Dichter. Er liess ihu nicht aus dem Auge, wreil aus einem seiner Briefe ersichtlich ist, dass er fürchtete, Vita könnte sich von der Leetüre moderner französischer Autoren zu einer der Tugend und dem Judenthun) feindlichen Philosophie verleiten lassen. Andererseits wird man das ganze philosophisch-moralische System Luzzatto's sehen, der seinem Vita antwortet, als dieser in allzugrosser Verzweiflung ihm den Tod eines seiner besten Schüler Isaac Lenghi mittheilte, wo Luzzatto schloss: Seien Sü nicht betrübt:, und seien Sie glücklich. Sie waren stets in brieflichem Verkehr, seitdem Luzzatto sich nach Padua in's Collegium rabbinicum begab; aber da ein grosser Theil der Briefe Luzzatto's an Vita von Familienangelegenheiten voll war, vernichtete Vita sie, und bewahrte nur die. welche beitragen können, das Wissen die Klugheit oder die Tugend seines Wohlthäters besser kennen zu lernen, Diese Briefe schenkte er dem Dr. Isaja Luzzatto, dem würdigen Sohne des Prof. Luzzatto, da er wusste, dass die kindliche Liebe und Verehrung, mit welcher er seinen grossen Vater und mit ihm das Judenthum veri herrlichen will, ihm die Frucht zeigen wird, die daraus geschöpft werden kann. [Aus einer Zuschrift Zelman's an Dr. Isaja Luzzatto, die ihm aus Melbourne zukam]. Das meiste lernte ich nicht aus Büchern, sondern aus dem lebendigen Verkehr mit diesem grossen Meister, der mich in den Stand setzte, hebräische philosophische Werke zu lesen und zu erklären u. z. eine damals moderne hebräische Grammatik, in hebräischer Sprache von einem Deutschen verfasst unter demTitel h*hü?2^ ferner dieMisehnajoth mit dem j Commentare des Maimonides, die erste Ausgabe, von den j Bibliomanen sehr geschätzt (wenn ich nicht irre von J^*"]) mir aber wegen des groben Druckes sehr unangenehm, dann eine Physik in lat. Sprache, die man au der Turiner Universitaet gebrauchte, a^ch die Physik in scholastische und geometrische Formeln gebannt, eine Arbeit von Jesuiten, um den Geist dem, der einen hatte, zu tödten. Jene lehrreichen Bücher waren, wie er mir später lächelnd sagte, um zu erfahren, ob ich wirklich dem Studium geneigt sei, gewählt worden; nachdem aber die Prüfung zu Ende war, entschloss er sich mich von meiner Armut, meiner Unwissenheit und der Gefahr, Kaufmann zu werden, welches mein grösster Schrecken war, zu entreissen. Aber um die Macht seiner edlen Handlung anzuzeigen, welche vielleicht sonst eine Propaganda für das Studium zu sein scheinen könnte, muss ich erklären, dass er mich zwar im Hause behalten wollte, mir aber anrieth ein Handwerk, das etwas Geist erfordert, zu lernen; bald dachte er an einen Uhrmacher, wozu sein Vater ihn machen wollte, dann wieder an einen Steinmetz, weil er mit einem ehrbaren und gelehrten Deutschen, der in dieser Kunst tüchtig war, in freundschaftlichem Verkehre stand. Ich liess ihn reden, suchen — in mir herrschte nur ein Gedanke: ein zweites Er zu werden, eine thörichte unausführbare Sache, die mich aber wunderbar unterstützte, Fleiss und Ausdauer an den Tag zu legen, die er selbst bewunderte: Diess zur Steuer der Wahrheit, ohne alle Umschweife. Dann kam das erste Frühstück, er selbst brachte aus der Küche einen grossen Tiegel, voll mit einem gelben dicken Stoff: es war gelber Reis mit Rindsfetten zubereitet, [denn Gänsefett konnte aus Geldmangel nicht beschaffen werden]. Er schnitt sofort eine Scheibe davon, als ob es Parmesaner Käse wäre, aber in meine Nase stieg ein so abscheulicher Geruch, dass ich eine Grimasse schneiden musste, und als er diess sah, sagte er j jene einfachen und rührenden Worte: Wenn es Ihnen nicht gefällt, so haben Sie Recht; ich aber habe nichts anderes, und ich that mir Gewalt an und verschluckte es. Darauf sagte er: Zu Mittag wird der Reis besser sein, und in der That kam eine Brühe [brodo garba genannt] aus Eiern und Limonen hiezu, indem er dachte,