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Das jüdische Centralblatt · 1882-06-16 · 12 (16.6.1882) · p. Seite 137

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
12 (16.6.1882)
Date
1882-06-16
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 137 nachdem die hebräischen Studien durch die 2 .Jahre des Besuches der Academie vernachlässigt worden waren, erfasste ihn eine solche Liebe zum Ebräischen, dass er auch an den Wochentagen des Abends zu Luzzatto kam, einen Spaziergang mit ihm machte und ihn nach Hause begleitete; und da sie immer über Studien sprachen, prüfte Luzzatto das Wissen des Jünglings oder richtiger, zeigte ihm seine gro.se Unwissenheit in diesen Sprachen (ital. frz. und deutsch) und in den Wissenschaften (Geschichte, Geographie, Naturgeschichte und a.) in welchen er öffentlich gelobt wurde; und während er diese schmerzliche Entdeckung machte, entgieng ihm kein Wort, welches den Jüngling entmuthigen oder erröthen liess, auf welchen er seine ganze Liebe setzte; und als er sah. dass er das kindische übermüthige Treiben und diu Gefährten veriiess, um sich dem Manne hinzugeben, der voll von Güte und Wissen, jedoch bar jedes äusseren Ansehens, jeder Stimme und anderer äusserer Eigenschaften, die oft in Jugendalter verführerisch genug wirken war. Die Intimität wurde weiter und fester. Luzzatto erzählte ihm sein Leben, seine Studien, zeigte ihm die vollendeten und Loch zu vollendenden Arbeiten; Vita hinwiederum erzählte ihm alles Elend der Familienangelegenheiten, dass er wol einsehe, wie gross seine Unwissenheit, aber auch die glühende Liebe zum Studium, und wie abhängig er er von seinem Onkel der zwar gut, aber kurz angebunden sei, der für seinem Neffen nichts weiter als ein Bureau timien will, um sobald als möglich etwas Geld, die arme Mutter zu unterstützen, zu verdienen. Der mitleidige [gefühlvolle] Luzzatto dachte lange darüber nach und ertheilte ihm den Rath ein Handwerk zu lernen [auch hatte er schon mit einem Graveur gesprochen], da er den Handel so sehr verschmähe, und während er ihn hebräisch und lateinisch unterrichtete, ihm Bücher der Geschichte und Physik lieh; während er ihm seine Schätze öffnete; seine kleine aber gewählte Bibliothek lieh, seine gedruckten, noch nicht veröffentlichten und begonnenen Arbeiten zeigte, sagte er: Auch Sie sollten studiren. Aber nach einem Jahre, genau nach der ersten Begegnung, verschied nach kurzem aber schmerzreichen Leiden der verehrte Vater Luzzatto's; nun war er Herr des Hauses [mit seiner jüngeren Schwester] und er bat Vita bei ihm zu leben, bei und mit ihm zu studiren, ohne einen Plan für die Zukunft, ohne das prakt'sche Resultat dieser Studien im Auge zu haben. Gerade damals fand Vita's Onkel eine kleine Stelle in einem grossen Bankhause in Triest, so dass der verzweifelte Schmerz Vita's das vollste Mitleid Luzzatto's erregt hatte. Und da wollen wir eine Anecdote, die vollen Glauben verdient, weil Vita ein freiherziger Mann ist und sein Freimut sie mittheiien will, anführen. Luzzatto's Vater war ein tiefer Denker, unablässig arbeitsam [Drechsler und Mechaniker], mehr als seine schwachen Augen es gestatteten, und mildthätig über die Massen. Ieden Freitag gieng er zu einer unglücklichen Wittwe, sich ein Kleid ausbessern zu lassen, um den! Vorwand zu haben, ihr damalige 30 Kreutzer zu | geben, welches keine klein« Ausgabe für ihn war. Er! vermiethete die ganze Flur seines Hauses 2 friaulisehen christlichen Familien, die sein Handwerk betrieben, und wenn wenig Arbeit war, nahm er den Zins nicht an. Jeden Zeittheil benutze er zum Studium, und mehr als durch lange Gebete, langes Nachdenken unterstützte er den \ Sohn in seinen Untersuchungen, soweit sein Wissen reichte, : auch in der höheren Philologie, die nicht nach seinem Ge- | schmacke war. So war der gute Alte, so kannte ihn Vita; nun dieser Mann war ein Cabbalist, ei glaubte, dass der Mensch ein reiner Geist werden und dann mit den himmlischen Mächten (Sefiroth) in Ver- I biiulung treten könne, welche mir von der himmlischen! Allmacht abhängen. Philosoph oder Cabbalist? Wir erzählen und kritisiren nicht. — Luzzatto hatte, wie er später erzählte, sofort den Gedanken Vita hrs Haus zu nehmen, Und da er gute Vorsätze auch sofort ausführen wollte, sprach er darüber mit seinem Vater; dieser aber sagte: ich wäre zufrieden; da ich aber ein Mädchen habe, scheint es mir nicht rathsam einen jungen Mann in's Haus zu nehmen, bevor ich nicht weiss, ob im Falle eine Liebe entstehen sollte, es zu einer Heirath komme; wie dem immer sei. ich will eine n^frW machen, die ich, wie du mein Sohn weisst. in wichtigen Fällen! meines Lebens gemacht. Er machte dem cabbalistischen j Formale gemäss eine Anfrage, und den nächsten Tag sagte i er nein. Denn man sagte mir im Traum: Er wird es j wie Napoleon machen, S. D. Luzzatto war nicht Cabbalist : aber er achtete seinen Vater hoch und sprach nicht mehr von | der Sache. Aber kaum hörte sein Vater zu leben auf | (21. April 1824) theilte er seinen Plan Vita mit, den dieser unter Thränen der Freude und Dankbarkeit an- I nahm, und zwar im Herbst des Jahres 1824 (13. Juni) am | Samstag vor dem Montag, wo er in das Bankhaus eintreten sollte, ohne der Mutter, die diess weder billigte noch tadelte, die es vielleicht aber nicht glaubte, ein Wort zu » sagen. Am Sabbat beim Morgengrauen gieng Vita nach . Pondares. warf ein Steinchen in die Sommerläden des 1.! Stockwerkes, und Luzzatto kommt im Hemde heraus, öffnet ihm die Thüre und mit derselben sein Herz und sein Wissen. Das Gerede, das dadurch in den Häusern der Bekannten und Verwandten entstanden, war gross Vita aber war ein Schelm, von kühnem und standhaftem Charakter, er liess die Leute reden, gieng seiner W>ge, denn er war 17 Jahre alt. Um zu wissen, welche Güte und welche Grossmuth S. D. Luzzatto damals übte, muss man wissen, dass er damals ein armer Mann | war, und Vita erzählte, später erfahren zu haben, dass sein I Lehrer ein Buch, wohin er die Ein-und Ausgaben einschrieb, hatte, und als er einst, wo er allein war, sehen wollte, wie gross das monatliche Einkommen dieses Mannes sei, der einen Jüngling ganz zu ver-

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