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Das jüdische Centralblatt · 1882-06-16 · 12 (16.6.1882) · p. Seite 135

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
12 (16.6.1882)
Date
1882-06-16
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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DAS JÜDISCHE CENTRALRLATT. 135 Hier endet meine erste Lebensperiode, die Periode der innern Entwickelung; eine Zeit in welcher die Vorsehung mittelst Armut. Schüchternheit und Einäugigkeit mich von dem Einflüsse der Gesellschaft entfernt hielt, um mich in dieselbe reif eintreten zu lassen, und hinreichend gekräftigt zu sein, um nur im Guten von derselben beeinflusst zu werden. In der letzten Zeit drängte raein Vater in mich irgend ein Handwerk, wovon ich leben könnte, zu erlernen; ich aber war aber hietür taub, indem ich von einem andern unwiderstehlichen Trieb beherscht war, denn ich war in der Wissenschaft des Judenthums vertieft und ich hielt sie einer Reform bedürftig. Ich fand den Glauben erschüttert und verdorben durch Cabbalisten, die heilige Schrift theilweise von den Copisten oder Punctatoren verändert, und den Sinn der heiligen Schrift verdunkelt durch ältere und neuere Commentatoren, die Grammatik nur stofflich ohne Philosophie betrieben; in den schönen Künsten den Geschmack verdorben sowol in der Prosa wie in der Poesie. Ich glühte, eine Veränderung hierin hervorzubringen und so hatte ich keinen anderen Gedanken als diesen (,). Ich arbeitete, meinem Vater zu gefallen, ohne jedoch Lust zur Arbeit zu haben und er Hess mich am 17. Tammuz (21. Juli 1818) schriftlich unterschreiben, däss er seine Pflicht erfüllt, mich ein Handwerk zu lehren, und wenn das seinige mir nicht getaugt, ich ein anderes hatte wählen können, so dass, wenn ich es einst bereuen sollte, die Schuld nicht auf ihn, sondern auf mich fallen würde {-). Der jugendliche Dichter tadelt die Menschen, dass sie nicht die Harmonie der Natur erfassen, die von Gott spricht und dass sie nicht begreifen, wie seine Allgüte den Guten und Schlechten Wolthaten erweist. Die Guten jedoch werden erblühen in einer Welt, wo der Ruhm nie aufhört. Die letzte Strophe ist besonders schön. In derselben zeigt der Autor ihr Rild in jenem Käfer, der unscheinbar doch von so grossem Nutzen ist. Der Seidenwurm aber, scheinbar todt, arbeitet inzwischen, um die anderen zu bereichern, plötzlich aber erwacht er und fliegt weiter. S. M. (') Siehe Tedeschi's Leichenrede p. 29—30 anf S. D. Luzzatto, gehalten am Abend des 26. October 1865 in der grossen Synagoge zu Triest. Da berührte Tedeschi, was Luzzatto selber im Maggid, 3 Jahrg. p. 58 in den Toledoth Schedal schilderte. ('-') Dieser Rrief findet sich nicht in der Autobiographie. Dr. lsaja Luzzatto fand sie unter einer unzählbaren Menge von Rriefen seines Vaters. Er trägt nicht das hier angegebene Datum und enthält nicht das ganze, von dem hier die Rede ist. Aber da auch dieser Rrief kurz nach dem 18. Jahre geschrieben, ähnlichen Inhaltes ist, möge er hier seinen Ehrenplatz finden. Diese väterliche Ermahnung ist ebräisch, aber recht unvollkommen. Es sind viele Italianismen und grammatische Fehler darin. Der Leser wird sich erinnern, dass Ezechias nie orthographisch schreiben lernen wollte. Diess der Wortlaut des Rriefes: „Sohn des Ezechias höre mich, lass mich dir rathen .und Gott stehe dir dabei. Du bist 18 Jahre worden. Gehe suche dich anständig zu ernähren. Jetzt ist die Zeit, wo du für deine Redürfnisse sorgen musst. Wenn du nicht so thust, kannst du auch einst ein Wegelagerer werden. Denn wenn du eine Missethat begangen, wirst du Metall in Ueberfluss haben, aber in der Form von Fesseln. Höre mich, ich spreche nicht in meinem Interesse. Ich bin denn doch nur ein Wurm. Mir genügt alles, und mit meiner Hände Eine äusserst falsche Ansicht des Maimonides stand damals im Einklänge mit meinem Geiste und reichte mir Trost. Er nämlich lehrt (Tesuva Cap. 9) dass die zeitlichen Güter, welche die heil. Schrift verspricht, nicht als Lohn, sondern als Mittel gegeben sind, um sich dem Studium zu widmen. Jene Lehre verdankt ihren Ursprung gewissen Philosophen, welche die Welt (dh. die Menschen) verachten und die menschliche Vollkommenheit in das speculative Leben verlegen, und behaupten, dass nur der Philosoph nach dem Tode sich mit dem Weltgeiste vereine, und diese Vereinigung war nach ihnen die wahre Seligkeit, wo jedoch jede Persönlichkeit aufhörte, also eitel war, und bloss zum Scheine als Lohn unserer Mühen sein sollte. Die heilige Schrift hingegen lehrt uns entgegen der I gßostischen Lehre, die Menschen, die geselligen Tugenden mein als die erhabenen und oft chimärischen Speculationen zu lieben. Die menschliche Vollkommenheit beruht nach den Profeten im Befolgen des göttlichen Weges, welcher vom Anfang (Genes. 18, 19) das Ausüben von Menschlichkeit und Gerechtigkeit befiehlt (l) Mein Geist fühlte das Bedürfniss, sich der Speculation zu widmen, und so war Maimonides' Gedanke mir an¬ Arbeit und des Allmächtigen Hilfe finde ich mein kärgliches Rrod. Du weisst, dass ich nicht klage. Aber dich geht die Sache sehr i an. Ich spreche der Wahrheit und der Gerechtigkeit und! deines eigenen Glückes wegen. Sei tapfer und muthig, verzage : nicht. Sei männlichen Mutes und Gott wird dir helfen das nöthige [ zu verdienen. Du wirst auch so eine Freude, die ewig dauert,; erlangen. Mancher erwirbt sich eine Welt durch viele Arbeit, mancher I wieder in einer Stunde. Siehe, dass deine Stunde eine günstige! sei, der Herr verleihe Kraft seinem Volke, der Herr segne sein i Volk mit Frieden." S. M. Nachdem mein lieber Freund Rev. S. Morais den Rrief meines j Grossvaters vom Ebräischen in's Englische übersetzt und im Jewish | Record veröffentlicht hatte (Philadelphia) war er so gütig eine italienische anzufertigen, nachdem er hörte, dass ich sie im Mose ' veröffentlichen will. Mehr als 25 Jahre ist er von der Heimat fern, und schreibt ein so vortreffliches Italienisch. Vor einigen Tagen fand ich in dem 1. Ruche der Memoiren p. 148 den Rrief vom 17. Tammuz 5578 von der Hand meines Grossvaters. Diess die wörtliche Uebersetzung: „17. Tammuz Denkschrift und Aufi forderung für meinen Sohn S. D. Luzzatto, den ich bitte mein; Drechslerhandwerk zu erlernen wie diess meine Pflicht ist, oder er möge sich ein anderes Handwerk wählen; denn ich wünsche sehnlichst, dass er ein Handwerk erlerne, und zwar wie unsere Chachamim sagen m*^"!1^^; daher diese Schrift HTlp, •<•*• <—U"-ror* ■■"•^H*^ l~f^'} T^v?rT l"> rn lui i iT1 ~ i— i i^vu i if—> | ^u» ihm dienen wird zum Zeugniss, dass nicht ich, sondern er schuld! an seinem Unglück ist, während wenn er reich sein wird, diess ihm zur Unterhaltung oder doch zum Gewinn dienen wird. Ezechia Luzzatto. Der oben angeführte Rrief. aus dem ebräischen übersetzt, von meines Vaters Hand auf einem fliegenden Rlatt geschrieben, trägt das Datum vom 8. Kislev 5579 (6. 1818) und trägt die sonderbare Ueberschrift: Cervel b'"Q *jK J. L. (') Ausführlich handelt hierüber Luzzatto in seiner Teologia morale, wovon ein.Theil in englischer Sprache im Jewish Index 1872 in Philadelphia erschien und der unedirte Theil sich in der Hand des Uebersetzers befindet.

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