Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Centralblatt · 1882-06-01 · 11 (1.6.1882) · p. Seite 128

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
11 (1.6.1882)
Date
1882-06-01
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9620166-9626018-9625273--130-9625281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

128 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. schien mehr Sache des Gedächtnisses als des Verständnisses, die Gedanken die sein Geist schuf und die das Wesen seiner Reden bildeten, waren Wortgeklingel, sein Charakter schien mir egoistisch, denn er liess mich nie etwas lesen, was mir hätte nützen können, besonders da mein Vater ihn gebeten mich lateinisch lesen zu lassen und seine Eigenliebe mir recht kleinlich schien, da er sich über den Beifall, den man seinen schalen Witzen schenkte, freute. Der arme Mann würde ein milderes Urtheil verdienen, ich aber beurtheile ihn nicht, sondern sage meine Meinung, die ich seit 30 Jahren über ihn habe. Eines Tages endlich war Rabb. Levi von seinem Landaufenthalt in die Stadt zurückgekehrt und bat mich in seinem Namen ihn zu begrüssen. Ich war schon einige Monate von den Vorlesungen des Rabb. Levi abwesend, hatte also nicht den Mut, und wollte auch die Ursache hievon dem Cologna nicht mittheilen. Er sah mein Verlegenheit und schrieb sie meiner Schüchternheit und meinem Mangel an Höflichkeit zu. Darauf predigte er mir über Derech Erez (Höflichkeit) und sagte ^"H nmn1? rWtp un(* wo^e m meiner Begleitung den Besuch machen. Meine Verlegenheit verdoppelte sich, aber dagegen war nichts einzuwenden. Ich gieng also mit ihm, zum Glücke aber war der Rabbiner nicht zu Hause. Eine verwittwete Tochter war da, und er bat sie, 1000 Empfehlungen ihrem Vater zu überbringen, gebrauchte auch den Satz und fügte hinzu, dass sie den Sinn dieses Wortes wol verstehe [eine Sache, von der das Gegentheil bekannt war]. Endlich giengen wir nach Hause und ich führte ihn nach Hause, und auf dem Wege setzte er seine Predigt über Derech Erez fort; und derjenige, der ihn nicht gekannt hätte, hätte glauben müssen, es sei Schmeichelei und niedrige Heuchelei, und ich wurde davon so angeekelt, dass ich nicht mehr dahin kehrte. Das warder 25. August, der 1. Eüul. mein 16. Geburtstag. Der Ekel, den diese falsche Höflichkeit gegen einen Mann, den er nicht achtete u. z. weil er ihn für einen Asiaten, bar jeder europäischen Cultur hielt, hervorbrachte, liess mich die einfache Tugend das ungebildeten Jerosolimitaners höher achten, und den höflichen Worten misstrauen, welche übrigens meinem Vater ganz fremd waren. Die Leetüre des Artikels Park von de Jan mrt in der alten Encyclopädie (von d' Alembert) verband in meinem Geiste alle Laster mit dem Charakter der Athener, und liess mich jener falschen Höflichkeit den Namen Atticismus beilegen. Ich blieb damals ganz ohne Lehrer, aber der Himmel hatte für meine Bedürfnisse bereits gesorgt. Im Mai 1816 kam von Görz nach Triest als Hofmeister in ein achtbares Haus mein Cousin Samuel Vita, Sohn David Lolli's (S'-QiTtf) und blieb in Triest. Er war mein intimster Freund. Meine Schüchternheit und die Ungleichheit des Alters [er war 13 Jahre älter] bewirkte, dass wir erst nach 6 Monaten uns recht kennen lernten, aber nach geschlossener Bekanntschaft wurden unsere Herzen nur durch den Tod getrennt. In dem Zeitraum von 21/,, Jahren, die er in Triest war, vergieng kein Tag, wo wir nicht ein oder 2 Stunden zusammen waren. In einigen Dingen besser unterrichtet als ich, mit einem äusserst klaren Geiste begabt und ein aufrichtiger Freund der Wahrheit, diente mir seine Ueberlegenheit zum Sporn, sein Tadel zum Zügel und seine Freundschaft als Stütze und Trost in meinen Arbeiten und meiner Isolirung. Jede Arbeit zeigte ich ihm, jeden meiner Gedanken theilte ich ihm mit, und die freundschaftliche Unterredung war immer lehrreich und vortheilhaft. Unsere Ansichten waren in einigen Principien verschieden; er plaidirte für die cabbalistischen Bücher, ich für das selbstständige Urtheil. (12) Solche Discussionen schärften unsern Geist ohne den Frieden unserer Freundschaft oder die Bande, die unsere Herzen vereinigten, zu lockern. Seiner Freundschaft verdanke ich auch die des berühmten J. S. Reggio. Im Jahre 1817 sammelte ich in einem Werke, betitelt a^e meine Gründe gegen das Alter der Vocal und Accentzeichen und der cabbalistischen Bücher. Mein Freund wollte mich des Irrthums überführen und schrieb seinem Freunde Reggio, theilte ihm einen kurzen Bericht über mein Werk mit und schilderte mit den schrecklichsten Farben die anticabbalistischen Consequenzen, die ich aus [der Jugend der Accent - und Vocalzeichen zog. Im Mai dieses Jahres antwortete ihm Reggio und widerlegte mich. Ich schrieb seinen Brief in meine Memoiren und widerlegte ihn. Lolli schrieb wieder an Reggio und erhielt einen langen gelehrten Brief, der damit schloss, dass er von jeder weiteren Antwort hierüber sich enthalten wolle. (M) Um die Gefühle, welche diese 2 grossen und guten | Männer vereinigte, gebührend zu schildern, müsste man die Cor- | respondenz, die in den Bikk ure haittim veröffentlicht ist,, j und auf welche im Ozar Nechmad und in anderen jüdischen Zeitschriften, an welchen Luzzatto mitarbeitete, angespielt wird, repro- ' duciren. Es möge die Mittheilung genügen, dass während Samuel Yita Lolli in Triest als Privatlehrer und später in Görz als Lehrer an der Tamud-Thora wirkte, er seinen Vater durch Wort und That. ermunterte, in seinen kritischen Untersuchungen fortzufahren, die die heilige Litteratur so sehr bereicherten. Ich bin sicher, dass wenn dieser Mann eine seinem ungeheuren Wissen und seltenem Scharfsinn entsprechende Stellung gefunden hätte, er nachhaltige Spuren auf dem Gebiete der talmudischen Literatur zurückgelassen hätte. Trotzdem besteht noch von ihm eine hebräische Grammatik und viele unedirte hebräische und italienische an seinen Freund gej richtete Briefe, die vielleicht eines Tags veröffentlicht, meine Aus- I sage bestätigen werden. J. L. | , (12) Man sehe die j^ft D^^pK auf Seite 206 des II. Theiles von Kinnor naim.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.