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Das jüdische Centralblatt · 1882-06-01 · 11 (1.6.1882) · p. Seite 124

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
11 (1.6.1882)
Date
1882-06-01
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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124 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. Die Elegie auf ihren Tod im TIS gedruckt, wurde 2 Jahre später verfasst. (2) Der zu frühe Verlust der geliebtesten und tüchtigsten Familienmutter Hess einen Vater und 2 zarte Kinder, ich will nicht sagen in Verzweiflung, weil Verzweiflung nicht da sein kann, wo Glaube an Gott herrscht, aber in keiner kleinen Trauer. Die sparsame Lage der Familie gestattete nicht eine bezahlte Haushälterin zu nehmen, und der liebevolle Vater wollte eine 2te Ehe nicht eingehen. Wir selbst mussten uns daher, Vater. Sohn und Tochter allen häuslichen Arbeiten unterziehen. Unterwiesen von den Cousinen Rachel und Allegra, habe ich mehrere Jahre hindurch das Mittagmal bereitet, bis meine erwachsene Schwester nieine Mutter vertrat. Ich erinnere mich manchmal mit Locke oder einem anderen Philosophen in der Hand gesessen zu haben, in der Meinung, dass das Feuer seine Pflicht erfülle, als plötzlich jemand hinzukam und mir sagte, dass das Holz nicht brenne, und dass ich mich in einem raucherfüllten Räume befinde. Da meine Mutter sah, dass ich keine Neigung zum Drechslerhandwerk hatte, wollte sie mich in'j Comptoir eines Kaufmannes geben. Da aber ihr Tod mich an's Haus fesselte, wurde ihr Plan vereitelt; auch hatte weder mein Vater noch ich Neigung zu demselben. So w; r eine Anhäufung von Unglücksfällen Ursache, dass ich meine Studien fortsetzen konnte, ohne mich im Geschäft zu zerstreuen. Wie aber ohne Lehrer, ohne Führer, ohne Bibliothek und ohne Mittel studiren! — Dem half die Vorsehung so ab. Erstens besass mein Vater sehr gute hebräische Werke theils als Erbe seiner Vorfahren, theils von ihm selbst angeschafft; da er aber wenig italienische Bücher hatte, und diese selbst von geringem Werte waren, zog er die Grammatik aus den philosophischen Werken Benjamin Martin's. Ein französischer Tischler verpfändete bei ihm durch mehrere Jahre die Reisebücher La Harpe's und andere französische Werke. Im Hause meiner Tante Benedetta war auch eine mittelmässige hebräische Bibliothek [auch die wichtigsten grammatischen Werke enthielt sie], die von meinem Onkel David angekauft, vor seinem Tode meinem Cousin Isac überlassen wurde. Von diesen meinen Verwandten erhielt ich jedes beliebige, Buch und zur Tante gieng icn, so oft ich wollte, und las so lange ich wollte; diess in Bezug auf hebräische Literatur. Viel schwieriger wurde mir das Aneignen der anderen Wissenschaften und der Literaturgeschichte. Ich besass die moralischen Novellen von Soave, welche in der (2) Luzzatto hat im Kiunor näijh eine Elegie, 2 Jahre nach diesem traurigen Ereigniss abgei'asst, veröffentlicht. Der bis dahin im Herzen eingeschlossene Schmerz fand seinen Ausfluss in dieser Elegie, in tiefgefühlten und von kindlicher Liebe durchtränkten Worten. 1 öffentlichen Schule zur Übersetzung aus dem italienischen in's Französische dienten. Ich besass auch seine Moralisten Pflichten, welches ich zufällig erhalten hatte. Die Leetüre dieser Bücher i tiösste mir Achtung gegen ihren Verfasser ein. und : ich wünschte seine übrigen Werke zu lesen. Mir scheint, dass in dem Vorworte, das vom Drucker den ' Novellen vorgesetzt wurde, zu den In^ittätoneh der Logik, Metaphysik und Ethik von Soave die Rede war, und im Jahre! 1814 beeilte ich mich, mir dieselben zu verschaffen u. z.! Band nach Band, so oft ich 30 bis 40 Kreutzer hatte. : [Mein Vater gab mir von Zeit und Zeit einige Kreutzer, nie Hess er mich ohne etwas Geld in der Tasche.] j Bevor ich aber das gelesen, noch irgend ein anderes philosophisches Buch, schrieb ich einen hebräischen Brief meiner Cousine Rachel, worin ich die Existenz S einer Seele in den Thieren behauptete; Sätze, die ich später bei Soave bestätigt fand. Die Institutionen Soave's liessen mich sehr viele philosophische Schriftsteller kennen und ich kaufte mir Locke : in der Uebersetzung von Soave. Dann hatte ich das | Glück Condillac's Werke, > 5 Kreutzer per Band, zu i kaufen. I Die geringe Anzahl der Bücher, und dass ich nur eines j auf einmal kaufen konnte, zwang mich langsam und mit i Ueberiegung zu lesen. ( ) Wer immer eine wahre Liebe zum Judenthume fühlt, ' muss voller Bewunderung gegen diese Tochter Israels sein. Denn Rachel Morpurgo ist die strahlende Lilie, deren herrlicher Duft die jüdische Literatur durchweht. Der Rabb. Marco Tedeschi s.! A. macht bei einer mit meisterhafter Hand entworfenen Panegyrik! auf S. D. Luzzatto folgende Bemerkung: Rachel Morpurgo (Enkelin I des vorzüglichen Dichters Efraim Luzzatto, der Petrarca der Ebräer; genannt), ein Mädchen von einfachem Glauben und seltenem Scharfsinn, wurde durch ihre Schriften und ihre hebräischen Gedichte die | voll von religiöser Begeisterung sind, eine Seltenheit in unserem Jahrhundert und demgemäss von den hervorragendsten Männern | Italiens und Deutschlands mit Lobgedichteu und Beifallsbriefen! geehrt. Der Brief S. D. L. an die Cousine Rachel über die Seele der I Thiere findet sich im 1. Buch der Memoiren zum Memoire XXI a | und wird am Schlüsse dieser Autobiographie übersetzt werden. In j der hebräischen Zeitschrift Kochbe Jizchak tiudet sich ein Sonett Hache] Morpurgo's, welches wegen seiner Wichtigkeit (ausser dem! lebhaften Geiste und angenehmen Style) in dieser Autobiographie erwähnt zu werden verdient. Luzzatto schrieb im Alter von 16 j Jahren eine Poesie, die sich auf die talmudische Legende stützt, dass die Thora einst den Nachkommen Ismaels und Esaus angeboten wurde und dass Israel das, was von den anderen zurückgewiesen wurde, mit feurigen Herzen und inniger Dankbarkeit angenommen.; In dieser Dichtung nennt der judendliche Dichter seine Cousine noch ernster als die Thora selbst; denn während die göttliche To.hter I um Liebhaber gieng, wolle die Jungfrau aus dem Hause Morpurgo j nicht heirathen. Sie antwortete mit fast denselbon Worten des Cousins, aber in einem i anderen Sinne, in einem Sonett, welches eine Stelle im Zohar zu I Grunde hatte. Sie sagt, die Thora habe gerade deshalb mit einem i grösseren Lichte über Israel geleuchtet, weil ihre strahlende Schön- | heit von anderen zurückgewiesen wurde, aber sie weiss, dass ihre! Schönheit keinen Einfluss auf einen Mann haben könnte, dass ihr j spröder Sinn von einer versprochenen Liebe, welche nicht die Eiri- I willigung der Eltern erhalten, herrühre, und dass der Messias selber nicht, von ihrem Entschlüsse ledig, zu bleiben, sie abbringen könnte. , Aber sie änderte doch schliesslich diesen Entschluss. — Luzzatto führte eine lebhafte Correspoudenz mit Rachel und widmete ihr einen Dankeshymnus in seinem autobiographischen Gedicht, für ihren Rath und Unterstützung in literarischen Sachen.

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