Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 10 (15.5.1882)
- Date
- 1882-05-15
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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112 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. Autobiographie des S. D. Luzzatto. (Fortsetzung,) I Im Alter von 6 oder 7 Jahren hatte ich das Glück einen jugendlichen Lehrer zu haben, der nur um 11 Jahre älter als; ich war, und da er kaum seine Laufbahn begonnen, und | begabt und talentirt war. sein Amt mit Talent und Lust j übte. Er als Lehrer und ich als Schüler wurden zu- ' sammen in eine höhere Klasse gesetzt. Da er mit mir das Buch Jjob las und es erläuterte, tieng ich im Alter von S Jahren das wahrhaft poetisch Schöne zu erkennen an. Die geräuschvollen politischen Ereignisse dieser Zeit boten mir Veranlassung einige schlechte Verse in hebräischer und italienischer Sprache abzufassen. Das Studium des Buches Jjob liess mich das Bedürfniss neuer Commentare für die heilige Schrift fühlen, und ich sagte einst meinen Mitschülern, dass ich in vorgerückterem Alter neue Commentare. bessere als die Rasjchi's verfassen würde. Um ihnen einen Begriff von meinem Commentiren zu geben, sagte ich ihnen, dass die Heimat j Jjob's früher Utz (p£) genannt, das biblische Beth El sei; weil in der Genesis Jacob einem (>rte den Namen I Beth-El, der nach rückwärts Utz heisst; gegeben. Um neine j Zuhörer zu überzeugen, öffnete ich die Genesis (Cap. 28. Vers 16) und wie gross war meine Ueberrasehung und Verwirrung, als ich fand, dass nicht Utz. sondern Lus der alte Name der Stadt Beth-El war. Die kindische Keckheit wurde vernichtet, aber der Geist der Untersuchung und der Prüfung blieb davon unberührt und ungeschwächt. Mein Vater kam häufig zu den wöchentlichen und halbjährigen Prüfungen, die in der öffentlichen Schule statt fanden. Bei einer Semestraiprüfung, die mit grosser; Feierlichkeit und unter zahlreicher Betheiligung statt fand, kam es vor, dass als ein Kind die 3 Reiche der Natur nannte, einer der Leiter ihm eine nützliche Erj klärung zu geben glaubte und hinzufügte: So gehört j zB. diese TvM aus Holz dem Mineralreiche an; mein j Vater erho1 seine Stimme vom äussersten Ende des | Saales und sprach: Ich bitte um Verzeihung, das Holz ist eine Pflanze. Diess eine Probe seines rücksichtslosen! Freimutes. (l) (') Diese Freiheit zeigte sich auch bei dem Sohne (S. D. L.) Es war diess ein charakteristischer Zug Luzzatto's, dass er obwohl gewöhnlich sanft und heiter, in den heftigsten Zorn gerathen konnte, Avenn er Heuchelei oder Mangel an ehrlichen Grundsätzen gewahrte. In einem an seine Freunde gerichteten Schreiben beklagte er sich über den heuchlerischen Styl des Jahrhunderts und in Folge dieser Aufrichtigkeit als Kritiker wurden seine Worte oft fälschlich ausgelegt, indem man behauptete, es sei ihm nur um die Verminderung des Ruhmes seines Nächsten zu thun. Er schrieb; einmal im Maggid: Meine Nachsicht und meine Mässigung in! Bezug auf mein eigenes Ich werden niemals -zu stark auf die Probe j gesetzt, ich vermag allem Widerstand zu leisten; aber wenn ich für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfe, ist mein Herz ganz Feuer j und ich kann es nicht länger bezähmen. S. M. Mit 9 Jahren k;t.m ich in die obere Klasse, wo Marco Isar Cologna Vicerabbiner der Gemeinde war, und der ältere Bruder (jedoch nicht von derselben Mutter) der Ritter Abraham de Cologna. Es war ein Greis von ungeheuerem Wissen und sehr strengen Sitten und flösste mir die höchste Verehrung ein, so dass ich auf sein geringstes Wort, auf die scheinbar unbedeutendste Handlung die grösste Aufmerksamkeit verwandte. Er war für jene Zeiten ein grosser Grammatiker und in der Wissenschaft sowol wie im Leben äusserst genau. Er war e.$ 4er mir Ute Liehe zur itebräisi-J,, .<i Grranwiuttk tcini detö Streben nach aewiss'enhctfte?' Beobachtung and, Prüfung einßösste. Fast 10 Jahre studirte ich täglich mehrere Stunden unter Cologna und eine Stunde Talmud unter Anweisung des Rabbiners Abraham Eiiezer Levi, geboren in Jerusalem und seit 1801 Oberrabbiner von Triest: bei letzterein studirte ich fast 5 Jahre. Er war tief und sehr scharf im Pilpul; aber es war em aufrichtiger und kein sophistischer Pilpul Avie seine Religiosität eine strenge aber auch ehrliche war. Oft von der Gicht geplagt, liess er uns. damit wir nicht zu lange seinen Unterricht entbehren, in sein Zimmer kommen. Er lag am Schmerzenslager und wir sassen um ihn. unsere Talmudexemplare aufs Bett legend. Um dieselbe Zeit (1810) begann ich das Studium der deutschen Sprache bei Herrn Mayer Randegger, damals Lehrer an der öffentlichen israelitischen Schule; der mich aach eine kurze Zeit im französischen unterrichtete, bis zur neuen Organisation, weiche die Schule von der französischen Regierung erhalten sollte. Die ebräischen Studien, die bis dahin bis auf 1 oder 2 Stunden meine ganze Zeit in Anspruch nahmen, wurden jetzt verkürzt, um neuen Unterriehtsgegenständen Zeit zu geben. Ausser dem hebräischen, deutschen und der Arithmetik wurde italienisch, französisch und lateinisch, Geographie und Weltgeschichte unterrichtet. Cologna unterrichtete italienisch und lateinisch, Rafoel Benedetto Segre Deutsch und Arithmetik, und als sich später Cologna wegen vorgerückten Alters zurückzog, auch italienisch und lateinisch. Leon Vita Saraval, Lehrer und Vicedirector der Anstalt unterrichteteEbräisch, Französisch Geographie undGeschichte. Saraval war Besitzer einer kostbaren Bibliothek (') und ein Mann von ausgebreiteten Kenntnissen, und trug viel dazu bei die enge Sphäre meiner Gedanken zu erweitern, indem er von Zeit zu Zeit die verschiede»en Zweige der Wissenschaft, bald wieder die Namen der Gelehrten vergangener Zeiten nannte. Mit Begeisterung nannte er Mendelssohn, Newton und andere grosse Männer, und als er uns die Weltgeschichte in einem aus Frankreich stammenden Lehrbuche lernen liess, ( ) Diese Bibliothek wurde käuflich vom jüd. theol. Seminar in Breslau erworben. M. G.