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Das jüdische Centralblatt · 1882-05-15 · 10 (15.5.1882) · p. Seite 111

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
10 (15.5.1882)
Date
1882-05-15
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 111 Grundprinzipien der Ethik im Judenthum. Vom Bezirksrahbiner A. Roth in Siklös. Die Thora ist die ewig frische Quelle der Gesittung und Versittlichung. „Die Thora fängt mit Liehen an und mit Lieben schliesst sie.u Alle Rechte des Individuums werden durch Ge- und Verbote proklamirt, allen Verhältnissen der Familie, des Staates, der menschlichen Würde und der Sittlichkeit drückt sie den unverfälschten j Charakter der religiösen Pflicht auf. Die Brüderlichkeit, die Verpflichtung gegen Arme, Wittwen, Waisen und Fremdlinge bis auf die ausserordentliche Beschränkung des Pfändungsrechts, ja eine gewisse Berechtigung der Hausthierealles die?s wird von 1 der Thora mit Wort und That als uuerlässliehe Pflicht geboten und dessen Übertretung als schwere Versündigung angerechnet. Moses war der Erste, der das grosse Prinzip der menschlichen Brüderlichkeit gelehrt hat. Er will, dass alle Menschen vereinigt seien, nicht bloss durch die Bande der Gerechtigkeit, sondern auch durch die Liebe. „Liebt, sagt er, deinen Nebenmenschen wie Dich selbst" Er war auch der Erste, der die Einheit des Menschengeschlechtes gelehrt hat, denn wenn derselbe Glaube sich auch in der Zend-Awesta findet, so darf man nicht vergessen, dass Zoroaster frühestens dem 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung angehört, und dass Moses ihm 8 bis 9 Jahrhunderte vorangegangen war. In keinem Buche der ältesten zivilisirten Völker wurden die Lehren des Rechtes, der Gerechtigkeit, der Menschen- und Tugendliebe in solchen prägnanten Worten ausgedrückt, wie in den Büchern Mosis und der Profeten. In Jndien hat uns die Idee der Persönlichkeit ganz zu fehlen geschienen, nicht allein in der Philosophie, sondern auch in der Theologie und Kosmogonie, nirgends sind die Prinzipien des Rechtes und die Gesetze der Justiz weniger gekannt und verrichtet gewesen, nirgends sind die Unveränderlichkeit und das Sklaventhum tiefer in die Institutionen und Sitten eingedrungen. In Egypten hat die Idee eines Kampfes zwischen zwei Klassen von Göttern Platz gegriffen, welches für die Gleichheit der Menschen von schädlichen Einflüssen war, daher bemerken wir sowohl in den Traditionen als auch der Gesetzgebung dieses alten Landes nicht den Gedanken des Rechtes, wie wir ihn verstehen, die Idee einer allgemeinen Gerechtigkeit, die über alle Menschen ihr schützendes Schild breitet. In Persien besteht, durch Zoroaster wieder aufs Neue belebt, der Kampf noch; aber zwischen zwei bestimmten Grunasätzen, von denen einer das Gute und der andere das Böse ist, hier handelt es sich zwar nicht, wie im Jadjour-Veda von einem unbestimmbaren Prinzip, von einem Dasein ohne Charakter, das mit der Natur verschmilzt, auch handelt es sich nicht wie in dem Mysterium von Isis und Osiris einem heldenmüthigen Paare, das ohne Hoffnung mit einem unsichtbarem Feinde kämpft, sondern von zwei ungleichen Prinzipien von denen das beste und stärkste doch in einer Zeit in Schranken gehalten und in einer andern besiegt wird. Bei solchen Prinzipien konnte die Idee der vollkommenen Sittlichkeit nicht verwirklicht werden. Nur die Bibel spricht von einem einzif/en Gotte, nicht allein unterschieden von der Natur, sondern auch die freiwillige, allweise, allmächtige und allgütige Ursache aller Wesen. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erd>% der Gott der Geister, der alles Fleisch belebt, er ist ein barmherziges und gnadenvolles Wesen, er ist zu Allen gut, und barmherzig gegen alle seine Geschöpfe. Und der Mensch trägt nach der h. Schrift denselben Charakter in sich, denn er ist im Ebenbilde Gottes geschaffen. Als Gott sein Gesetz seinem bevorzugten Volke gegeben, sagte er zu ihm: „Siehe ich habe dir heute vorgesetzt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse, wähle das Leben, dass du lebest du und deine Nachkommen. Der höchste Ausspruch der h. Schrift über die Bestimmung des Menschen ist: Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige Euer Gott. Der Mensch soll den Gedanken der Heiligung als den sein ganzes Sein und Thun durchströmendes vor Augen haben, der Lebenswandel des Menschen, sein Verhalten zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zu den aussermenschlichen Wesen findet in der Heiligung seine Ausstrahlung und Verwirklichung. Also kein Buch der Völker hat die Attribute der sittlichen Persönlichkeit sei es in Gott, sei es im Menschen so begriffen, wie die h. Schrift; in keinen also das grosse | Prinzip der moralischen Brüderlichkeit so gelehrt wurde, wie in dieser. Eines der treffendsten und anschaulichsten Bilder des Judeiithums, sagt Dr. Jellinek ist der Regen, denn wie die Regentropfen, welcher von der Höhe zu der Erde fallen. Alles erquicken, den Grashalme und den Boden, die Baumblüthe und den Ast, an den sie hängt, allen Frische und neues Leben mittheilen, den Vögeln in der Luft, die Thiere in den Wäldern, die Menschen in ihrer Wohnsitzen, so erstreckt sich der belebende Einfluss des Judenthums auf alles, was wir wahrnehmen und womit wir in Berührung kommen. Nicht bloss das Verhältniss des Menschen zum einig-einzigen Gotte und den ihm ebenbürtigen Mitmenschet wird vom Judenthum genau bestimmt und geregelt, sondern auch dessen Beziehungen zur Natur und ihren mannigfachen Geschöpfen offenbart sich der Geist des Judenthums, der die Bekenner desselben von schädlichen Irrthümern befreiet, ihre Menschenwürde schützt, ihren Rang in der Schöpfung wahrt und ihre alle Lebensäusserungen veredelt. .. (1) Predigten von Dr. Jellinek 3. Theil S. 152.

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