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Das jüdische Centralblatt · 1882-05-15 · 10 (15.5.1882) · p. Seite 110

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
10 (15.5.1882)
Date
1882-05-15
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. von ihm herausgegebenen Zeitungen zu Gesichte zu bekommen". Wenn man weiss, dass die spanisch-portugiesischen Juden selbst gegen Juden anderer Länder zurückhaltend sind und sich fast abschliessend verhalten, so wird man es, wenn auch nicht entschuldigen, so doch begreiflich finden, weshalb der seelengute Herr Semo sich gegen Prof. Schuchardt so zurückhaltend zeigte. Nun zählt Semo nicht mehr zu den Lebenden, und er wird in den lichten Höhen des Jenseits wol erfahren dass die Wahrheit jedem nicht nur mitgetheilt werden darf sondern auch muss. Um nun auf die literarischen Erzeugnisse der spanischportugiesischen Juden nach ihrer Vertreibung aus Spanien und Portugal zurückzukommen, wollen wir mit den Schlussworten Amador de los Los Rios beginnen. Sie lauten (s): Les Juifs d' Espagne ne sont pas dignes de la haine, que la raultitude u toujors professee pour eux et leurs travaux litteraires ne meritent pas la dedaigneuse indifference avec laquelle ils ont ete regardes par presque tous les critiques jusqu ä nos jours. II etait temps d'entrer daris le champ vaste et fecond ou Y on deeouvre ä peine la trace de cultivateurs; il etait temps de se defaire de vieux prejuges et de rendre justice ä tant de genies si brillants que la race juive a produits en Espagne (Die Juden Spaniens verdienen nicht den Hass, den die Menge immer gegen sie gezeigt hat und ihre literarischen Arbeiten verdienen nicht die stolze Gleichgiltigkeit, mit welcher die Kritiker sie bis heutzutage behandelt haben. Es war wirklich einmal hoch an der Zeit, dieses ungeheur fruchtbare Feld, wo man kaum * die Spur der Pfleger und Bebauer erkennt, zu betreten; es war hoch an der der Zeit, sich alter Vorurtheile zu entschlagen und so vielen glänzenden Geistern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, welche die jüdische Prasse in Spanien hervorgebracht). Allerdings ist es wahr, dass diese Worte de los Rios nicht auf die literarischen Leistungen nach, sondern ausschliesslich ror der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal Bezug und Geltung haben. Ja gerade im Gegentheil, er spricht jenen geradezu jedes Verständniss und jede Kentniss des heutigen Spanisch ab. Seite 593 der französischen Ausgabe von Magnabal lesen wir: Dans le XIX. siecle on peut äff inner qu"on rencontrera ä peine chez les nations de V Europe un qui cultive avec purete la langue castillane et qui ait les plus legeres notions de notre litterature. (*) (Man kann kühnlich behaupten, dass es schwerlich einen Juden in Europa gibt, der das reine Castilianische pflegen oder auch nur die geringsten Kenntnisse unserer [d. h. der spanischen] Literatur besässe). Dass diese Annahme eine irrige und falsche ist. einmal weil sehr viele unserer Glaubensgenossen als Romanisten die (3) Frz. Ausgabe, aus dem Spanischen übersetzt vonMagnabal spanische Sprache und Literatur in ihrer Reinheit und Unverfälschheit kennen undkenmn müssen, erhellt von selbst; aber selbst Nichtromanisten, ächte und unverfälschte spa- | nisch-portugiesische .luden, deien Bekanntschaft ich machte, benuzten sogar bei ihren Arbeiten ein modernes spanisches Wörterbuch. Der nunmehr verewigte A. Semo, Redaeteur des Correo di Vienna und der Politica, und der Guerta de historia sprach das reinste Castilianisch neben dem jüdisch-spanischen Dialekt, und erkannte sehr wol deren beiderseitige Unterschiede; Alschech, <l< Mayo, Russo, Familien wo ich in Wien verkehrte, beherrschen das moderne Spanisch vollkommen und sind genaue Kenner der gesamten spanischenLiteratur. ,1a es besteht sogar ein spanisch jüdische spanische Grammatik, dh. eine Grammatik wo das jüdisch-spanische durch das spanische erklärt und erläutert wird. Wir werden am Schlüsse dieser Arbeit Proben der litera lischen Leistungen der spanisch-portugiesischen Juden nach ihrerVertreibung aus diesen Ländern mittheilen, woraus i zu erkennen sein wird, dass viele Arbeiten im reinen Spa- | nisch abgefasst sind und dass daher d> los Rios Ansicht eine gänzlich unbegründete ist. Bei der Untersuchung darf man ja nicht vergessen, das die vor fast 4 Jahrhunderten gesprochene spanische Sprache eine von der heutigen! in vielenPunkten ganz verschiedene war; geht es uns bei dem! Studium romanischer und germanischer Sprachen, wenn wir! deren Literatur cor 4 Jahrhunderten gründlich kennen wollen, doch nicht besser, wenn wir nicht Grammatik und Syntax des betreffenden Jahrhunderts genau kennen. Und auch diess darf bei einer unparteiischen Beurtheilung nicht I ausseracht gelassen werden, dass erst nach 1492 und nach | der Reformation sich auch ein Umschwung in der spani- I sehen Literatur geltend machte. Dass die spanisch-jüdische Literatur vorzüglich um jüdisch I religiöses Leben und Leiden sieh drehen wird, ist jedem denkenden Manne klar. Von der mütterlichen Erde losgerissen, vogellrei gestellt, haben sie nur ein Gut, und das ist ihre Religion, haben sie nur ein Buch und das ist die Bibel, die allerdings für sie eine nie versiegende Quelle der Belehrung, des Trostes, ja sogar der Freude mitten im grössten Unglücke wurde. | Das Wort des frommen Sängers ('): „Wenn das Studium deiner Lehre mir nicht Freude bereitet hätte, wäre ich I lange schon in meinem Unglücke zu Grunde gegangen," es \ fand mächtigen Widerhall. Glauben, Bethätigung und Verwirklichung in Israels schmerzensvollen Tagen. Rituelle Fragen werden in gleicherweise vor und nach der Vertreibung in spanischer Sprache erledigt, und bietet | gerade dieser Theil für die sprachlichen Untersuchungen . reiche Ausbeute, weil die hervorragendsten Autoritäten auf diesem Gebiete spanische Juden waren. (Fortsetzung folgt.) (<) Psalmen, Cap. 119, Vers 92.

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