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Das jüdische Centralblatt · 1882-05-01 · 9 (1.5.1882) · p. Seite 104

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
9 (1.5.1882)
Date
1882-05-01
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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104 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. aufgericht hatte, ertheilt er am Schlüsse seines Sendschreibens allen gewissenhaften den eindringlichsten Rath das Land, wo Bekenntniszwang herrscht, zu verlassen, auf die Beschwerden des Weges, auf Hab und Gut nicht zu achten und Tag und Nacht dahin zu wandern, wo man ungestört, ohne Furcht und Bangen, der Thor.i und ihren Satzungen leben könne; denn Raum genug hat die Erde! So lange man aber unter dem Zwange leben musss. habe man sich im Herzen als einen Religionsverächter, als einen sündhaften Menschen, zu betrachten man bestrebe sich, die Vorschriften der Thora auszuüben, sei aber auch nachsichtig gegen solche, die notgedrungen öffentlich eine Sünde begehen, und suche sie mit Sanfmuth und Liebe der Pflichterfüllung zuzuführen. Vom Wahne seien aber alle diejenigen befangen, die keine Anstalten zur Auswanderung treffen und in dem Glauben leben, der Messias werde bald in Magreb erscheinen, sie von den Leiden erlösen und nach Jerusalem führen. Die Hoffnung auf die Ankunft des Messias vermöge niemanden von seinen religiösen Pflichten zu entbinden und sie ändere nichts an den Vorschriften der Religion. Mäimuni begnügt sich jedoch mit dieser Gegenschrift noch nicht. Er fuhr fort seinen unglücklichen Glaubensgenossen aus Herz zu legen, auszuharren im Glauben i rer Väter und womöglich das Land solch schmählichen Religinoszwanges zu verlassen. Er belehrte die Unwissenden Märkte die Entmuthigten und eiferte mit heiliger Begeisterung für Gott und seinen Glauben. Wie sollte er es zusehen, wie die unwissende Menge vom rechten WTege sich immer weiter entfernte, wie Glaube und Gottesfurcht immer mehr aus ihrer Mitte schwand! Ja, Maimonides ging in seinen Bestrebungen durch Wort und That. die unter der Maske des Islam vermummten Juden ihrem angestammten Glauben ungeschwächt zu erhalten, so weit dass er in Lebensgefahr gerieth. Die fanatische Obrigkeit kam nämlich den Bestrebungen Maimunfs auf die Spur, sie bedrohten ihn mit dem Feuertode. Nur der einfiussreicheii Verwendung eines muhamerianisehen Theologen und Rechtsgelehrten. Namens fbh MMcha, gelang es, die sichere Gefahr von ihm abzuwenden und ihn zu i etten. Seit der Zeit wurde der Familie Maimun der Zustand unter diesen Verhältnissen immer unerträglicher. Die heiligsten Gefühle stets geheim zu halten und die innigsten Ueberzeugungen zu verbergen, unter dem Drucke eines solch schmählichen Religionszwanges zu leben, welch ein trauriges Loos! Zu diesem qualvollen Seelenzustand. in dem die frommen Familienglieder lebten, hatte sich noch das Gefühl der Unsicherheit, die beständige Angst vot der über ihrem Huupte schwebenden Lebensgefahr hinzugessellt. Viele gottesfürchtige Männer, die sich in ihrem Gewissen beunruhigt fühlten, warfen eines Tages die verhasste Maske des islamitischen Bekenntnisses ab. traten öffentlich als Juden auf und mussten dafür ihre Seele als Märtyrer aushauchen. Ein solches herzerschütterndes Ereigniss trug sich auch unter den Augen der Familie Maimun zu. In ihrem Wohnorte Fes erlitt der hervorragende Talmudgelehrte Rabbi Jehvda Hakohei^ der Maimonides' Lehrer gewesen sein soll, den Märtyrertod. Die hohe Mission, die die fromme Familie nach dem Ratschlüsse Gottes hier zu erfüllen hatte, war bereits vollbracht. Vater und Sohn hatten mit heiliger Begeisterung, mit Gefahr ihres eigenen Lebens für Gott und seine Lehre geeifert, die ganze Familie leuchtete als Muster tiefinniger Frömigkeit und edler Menschenliebe; ihren unglücklichen Glaubensgenossen vor, und nun rief eine höhere Stimme ihnen zu: Fort von hier. In nächtlicher Stunde (an einem Sonntag, Jjar 3925 | 18. April 1165) verliessen sie die Stadt Fes und bestiegen ein Fahrzeug, welches nach Palästina segelte. Innige, tiefempfundene Freude ergriff die Herzen Aller, als sie sich von oer der Küste des Landes entfernten, welches anstatt als Zufluchstätte ihnen zu dienen, nur neue Qualen ihnen geboten hatte, und Dankgebete stiegen aus der Tiefe ihrer Brust zu dem Gotte ihrer Vätter empor. — Doch, wie von einem Unglücksstern verfolgt, sollte die fromme Familie auch hier, vor den , Menschen keine Ruhe finden. Kaum hatte das Schiff eine sechstägige Fahrt zurückgelegt, erhob sich ein furchtbarer Sturm: düsteres Gewölk umzog den Himmel, heftige Donnerschläge rollten durch die Luft, die schläumemlen Flutheii thürmten sich berghoch und das schwache Fahrzeug, ein Spielball der Wellen, schien unfehlbar verloren. Todesangst bemächtigte sich der Herzen aller Insassen; doch Moses Maimuni stand und betete. Den Eingewanderten, denen ihr Ruhm vorangegangen war, wurde von der Gemeinde in Akko freundlicher, ehrenvoller Empfang zu Theil, was ihnen nach der gefahrvollen Seereise um so mehr wohlthat, als sie schon seit Wielen Jahren die grausamsten Verfolgungen und i Unterdrückungen zu erdulden hatten. Moses Maimuni, der überall nur Wissenschaft und Bildung aufsuchte, I machte bald die Bekanntschaft der dortigen Rabbiners .hfi>t ben Elia und pflog Umgang mit den einheimischen Talmudgelehrten, während sein jüngerer Bruder Dawid wohl Handesgeschäfte trieb und ihr Vater, der alte Maimun, der nach den überstandenen Qualen das Ende seiner Tage herannahen fühlte, den Rest seines Lebens mit der Ausübung frommer Werke zubrachte. — Nach Verlauf von ungefähr sechs Monaten verliess die Familie Maimun die Stadt ihres Aufenthaltes und reiste von Akko nach Jerusalem. Hier wollte sie die Sehsucht ihres ' Herzens, an der geweihten Stätte, wo einst der Tempel in seiner Herrlichkeit prangte, den Gott ihrer Vater an-! zurufen, befriedigen und von den Vorwürfen ihres Ge- : wissens. unter dem Drucke des Islam so lange gelebt zu haben, durch Reue und Busse sich befreien. In einem so hohen Ansehen standen die Familiengiieder.

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