Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 9 (1.5.1882)
- Date
- 1882-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9620166-9626018-9625247--103-9625254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 103 aufthut, glaube ja nicht sich mit seinem Gotte dadurch abzufinden, wenn er sich zu Haube in ein einsames Kämmerlein begiebt und die Gebete Israel's klagend verrichtet. Es sei diess vielmehr noch eine besondere Gotteslästerung und gereichte ihm zu einer besondern Sünde. Er werde als Nichtjude, als Apostat betrachtet, sein Zeugnis« habe keine Giltigkeit und gegen ihn hören natürlich alle Pflichten auf, die man gegen einen Religionsgenossen hat. Diese öffentliche Kundmachung rief unter den afrikanischen Juden eine um so grössere Bewegung hervor, als sie sich mit einem Schlage aller ihrer Beziehungen zu ihren Religionsgenossen beraubt und die heiligen Bande, die sie an die Religion ihrer Väter innerlich fesselten, gewaltsam gerissen sahen. Die Frommen und Gläubigen, denen das Judenthum theuer war, fühlten sich in ihrem Herzen schwer belastet, und diejenigen, die ohnehin durch den anhaltenden Religionsdruck in ihrem Glauben schwankend geworden waren, erwogen es schon in ihrem Innern, ob sie nicht lieber vollständig zum Islam sich bekennen und einer Religion den Rücken zukehren sollten, von der sie als Unwürdige uud Abtrünnige gebrandmarkt werden. Welch ein Elend, welch einen Jammer würden die Behauptungen des frommen Eiferers in den Kreisen der jüdischen Familien angerichtet haben, wenn sie nicht zur rechten Zeit in entschiedener, und kräftiger Weise widerlegt worden wären! Maimonides, der diese üblen Folgen voraussah, betrachtete es nun als eine heilige Pflicht, sich und seine Leidesgenossen öffentlich zu vertheidigen, die Gewissensruhe derselben wiederherzustellen und seine Glaubensbrüder zum treuen Ausharren in der Religion ihrer Väter zu ermuntern. Er trat mit einer Gegenschrift in arabischer Sprache (Iggeret ha-Schemad oder Maamar Kiddusch ha-Schem genannt) in die Oeffentlichkeit, worin er vom talmudischen, streng religiösen Standpunkte aus das Verfahren der Scheinmuhamedaner mit solcher logischen Schärfe und mit solchen schlagenden Beweisen rechtfertigte, dass sich jeder von der Richtigkeit seiner Ansichten überzeugt fühlen muss. Das Verdamungsurtheil, sagt Maimuni, das der angefragte über seine unglücklichen Glaubensgenossen fällt, sei ebenso unbegründet als lächerlich. Gleich der Anfang, wie unlogisch! Wer unter der Maske des Islam, behaupte der Eiferer, seine Religion verheimliche und ihn (Muhamed) als Prophet anerkenne, sei dem Gotte Israel's abtrünnig geworden. Zum Beleg diene ihm der talmudische Ausspruch: Wer sich dem Götzendienste hingiebt, hat die Thora mit allen ihren Satzungen verleugnet. Als ob kein Unterschied wäre zwischen dem, der ungezwungen aus bösem Herzenstriebe, wie z. B. Jerobeam und seine Genossen, förmlich dem Götzendienste huldigt, und demjenigen, der gezwungen, aus Furcht vor Tod und Verderben, seinem Glauben verleugnet. Jener sei natürlich als Apostat, dieser aber noch immer als Jude zu betrachten. Allerdings gebietet ein unverbrüchliches Gesetz des Judenthums: Wenn ein Israelit zum Götzendienste gezwungen wird, so müsse er den Märtyrertod erleiden und den Namen Gottes heiligen. Wer daher einem solchen Zwange gegenüber, seinen Glauben an den einigeinzigen Gott mit seinem Blute besiegelt, der hat eines der höchsten Gebote der jüdischen Lehre erfüllt, er leuchtet uns als Muster vor. Wer aber den Opfermuth eines Märtyrers nicht besitzt, wer nicht die Kraft hat, für seinen Glauben den Scheiterhaufen zu besteigen, der erfüllt nur nicht ein Gebot der jüdischen Lehre, nämlich das, Gottes Namen zu hei- | ligen; er gehört aber noch immer zur Gemeinschaft des Judenthums. Dem Zwange gegenüber, so lange das gezückte Schwert über unserem Haupte schwebt, hat die! Thora alle ihre Vorschriften und jede Verpflichtung zu denselben aufgehoben. Unterliegt ja derjenige, der I nothgedrungen eine Sünde begehen muss, von Seiten j des jüdischen Gesetzes keinerlei Strafe, und wie sollte ein solch Unglücklicher, der sich dem Glaubenszwange fügen muss, als Abtrünniger und Götzendiener gleich j demjenigen, der aus freiem Antriebe handelt, verdammt werden? „Wehe über die Frage und über die Antwort!"! Maimuni geht sodann tiefer auf das Thema ein und i sucht den Nachweiss zu liefern, dass das Aussprechen des islamitischen Bekenntnisses noch kein Götzendienst sei. Die Religionsverfolgungen — so setzt er auseinander — unter welchen Israel jetzt schmachte, seien ganz eigentümlicher Art und unterscheiden sich wesentlich von j denjenigen, die zur Zeit der Talmudisten herrschten. Damals habe man zu einer sündhaften Handlung wie z. B. den Sabath zu entweihen, oder unerlaubte Speisen zu geniessen, gezwungen, während man jetzt nur zu einem sündhaften Ausspruche genöthigt werde. In der Ausübung der religiösen Gebote hingegen werde man ja sonst nicht gehindert, da es jedem freigestelltt; sei, in Geheim nach den Vorschriften der Thora! zu leben. Ja, selbst die Religionsverfolger wissen und | fühlen es, dass es die Nackommen Jakob's mit dem | Bekenntnisse, welches sie gezwungen ablegen, nicht ernst! meinen, und sie dringen nur darauf lediglich aus dem Grunde, um den Zorn des Machtabers auf sich nicht zu I laden. Es sei also unter den obliegenden Verhältnissen keineswegs Pflicht eines jeden gottergebenen Juden eines Märtyrertodes zu sterben, um das Lippenbekenntniss welches ihm nur der Form nach abgezwungen wird, nicht auszusprechen. Wer sich aber dennoch als Märtyrer hinopfert, um Muhameds Prophetenberuf nicht anzuerkennen, dessen Heroismus müssen wir bewundern, dessen überaus grosser Frömmigkeit Verehrung zollen. Wenn aber jemand die Frage vorlegt, wie er sich dem Religionsdrucke des Islam gegenüber zu verhalten habe, so müsse man dem jüdischen Gesetze nach ihm den Rath ertheilen, sein Leben der Vernichtung nicht preiszugeben. Nachdem Maimonides das Wesen der Scheinmuhamedaner in das rechte Licht gestellt, den gesunkenen Muth und das geschwächte Gottv ertrauen der gedankenlosen Menge