Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 9 (1.5.1882)
- Date
- 1882-05-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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102 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. Wie ich damals den Text der heil. Schrift verstand, welche Ideen ich von der egyptisehen Sklaverei, von der Befreiung der Israeliten mittelst Wunder, von der göttlichen Befehlen hatte, weiss ich natürlich nicht. Aber ich will einen meiner alten Gedanken nicht verschweigen deren Wahrheit viele bereits gefühlt, ihn zu äussern aber wenige den Muth gehabt haben werden. Ich glaube, dass die geistige Entwicklung vielmehr gehindert als gefördert wird durch einen methodischen Unterricht und durch Bücher, die nur für Kinder berechnet sind. Als im Jahre 1804 viele Kinder in Triest maserten, schickte mich mein Vater mit meiner Mutter, obgleich ich schon davon frei war, auf einige Wochen in das Haus eines Verwandten nach Görz. In einem an seine Frau gerichteten Briefe bittet er ja darauf zu aditen. dass das Kind (aus Güte der Gastgeber) sich nicht an Wein oder Cafe gewöhne. Im Alter von 41 Jahren gieng ich in die öffentliche Schule [Talmud Tora]. Einen Monat früher gebar meine Mutter eine Tochter, seitdem hatte sie keine Kinder mehr. Ich erinnere mich durchaus nicht, was für Lehrer ich in den ersten Jahre hatte, Ich weiss nur, dass ich über einen aufgebracht war, weil er als er mich die zwiefache Aussprache der Kamez lehrte, mich papageimässig gewisse ihm von seinen Oberen vorgeschriebenen Regien nachsagen liess. in welchen die grammatischen Termini Nach ajin und Kefulini deren Bedeutung er mir nicht zu erklären vermochte, vorkamen. (Fortsetzung folgt). Maimuni's Jugendjahre und seine erste Wirksamkeit. (Fortzetzuug.) Und Moses Maimuni? So traurig die Verhältnisse in diesem Lande der Unduldsamkeit für ihn sein mochten, so fand er doch, da die Andersgläubigen in ihm den Juden nicht erkannten, reichlich Gelegenheit mit muhamedanischen Gelehrten und Philosophen Umgang zu pflegen. Er vertiefte sich in die Philosophie des Aristoteles, die ihm durch arabische und jüdische Quellen zugänglich war, und war bestrebt seine Kenntnisse zu bereichern und über viele Wissenszweige auszudehnen. Mit besonderem Eifer gab er sich dem Studium der Heilkunde hin, durch deren praktische Ausübung er sich nachher die Existenzmittel verschaffen sollte. Während aber Maimuni die fremdartigsten Elemente in seinem Geist aufnahm und unter dem Drucke des Islam als Bekenner der sinaitischen Lehre öffentlich nicht auftreten durfte, blieb er im Stillen mit seinem Denken und Fühlen der Religion seiner Väter treu ergeben und beobachtete die Vorschriften des Judenthums I mit desto grösserem Eifer. Ja alle Kenntnisse der i profanen Wissenschaften, die er sich anzueignen so | sehr bestrebt war, stellte er in den Dienst eines I heiligen Zweckes: sie sollten ihm nur zum tiefern | Verständmss und zur Verherrlichung des Judenthums I dienen. Diess zeigt er in seinem Mischnah Commentar,! an dem er während seines Aufenthaltes in Fes mit | grossem Eifer arbeitete; er verwerthete darin die neu | gewonnen Kenntnisse und Erfahrungen und war bestrebt einer Religion gegenüber, die mit Feuer und j Schwert die Herzen zu gewinnen wähnte, den erhabenen | Geist des Judenthums betrachten zu lassen. Während! also seine Glaubensgenossen unter dem Drucke der | ReligionsVerfolgungen immer mehr in Irrthum und! Unwissenheit geriethen, drang er immer weiter vor j in das Reich der Wahrheit, stieg er zu einer immer j höhern Stufe der Gotteserkenntniss empor. Mit aufi opfernder Liebe und feuriger Begeisterung ergriff er I daher die Gelegenheit, die sich ihm zum ersten Male darbot, für die Interessen seiner unglücklichen Glaubensgenossen öffentlich aufzutreten und seine Ansichten über j das Judenthum zum klaren allgemeinen Ausdrucke zu | bringen. Ein jüdischer Gelehrter, der wie es scheint unter den fanatischen Religionsverfolgungen wenig zu leiden hatte, , wurde von einem Glaubensgenossen befragt, wie man sich i unter dem Drucke des Islam zu verhalten habe. Der Gelehrte stellte nun die Behauptung auf, dass alle diei jenigen Juden, die sich äusserlich zum Islam bekennen und als Scheinmuhamedaner die Religion ihrer Väter öffentlich verleugnen, selbst dann, wenn sie ihrem angestammten Glauben mit ganzer Seele treu blieben und! die mosaischen Satzungen heimlich auf das sorgfältigste I beobachteten, doch als Abtrünnige und Götzendiener zu betrachten seien. Verpflichtet ja ein unverbrüchlicher Grundsatz des Judenthums jeden seiner Bekenner, den Märtyrertod zu erleiden, wenn er eine jener drei Capital- 'sünden zu begehen gezwungen wird: Götzendienst, Unzucht und Mord. Die muhamedanische Religion sei aber offenkundiger Götzendienst. In der heiligen Stadt Mekka in der Kaaba, werde noch heutzutage derselbe Götze göttlich verehrt, den die vormuhamedanischen, heidnischen Araber angebetet haben. Dem wahrhaften, gottergebenen Juden müssen seine religiösen Ueberzeugungen höher stehen als sein Leben; er sei daher nach jener talmudischen | Vorschrift verpflichtet, eines Märtyrertodes zu sterben, | um sich nicht dem Islam, der mit dem Götzendienste identisch sei. vor den Augen der Welt anzuschliessen und den Namen Gottes öffentlich zu entweihen. Wer I daher unter der Maske des Islam, so fuhr der fromme Eiferer in seinen Behauptungen fort, eine Moschee besucht, obwol er in derselben seinen Mund zum Gebete nicht