Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 7 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 81 ihre Kinder, stolz auf ihre edlere Abkunft, schauten verächtlich auf den stumpfsinnigen Knaben herab und nannten ihn einen Fleischerjungen, der mit der Wissenschaft nichts zu thun habe und nur zu einem gemeinen Handwerk geboren sei. Eines Tages wurde er auch von seinem Vater in Gegenwart seiner Mitschüler hart getadelt, Dies ging dem kleinen Moses zu Herzen. Er verliess heimlich das väterliche Haus, irrte lange planlos umher, bis er in später Abendstunde eine Synagoge erblickte. Hier brachte er die Nacht unter Klagen und stillem Nachdenken zu, schlief endlich, ermüdet, ein und fühlte sich am andern Morgen beim Erwachen ganz anders und für die Wissenschaft begeistert. Sein Stumpfsinn war, wie durch einem plötzlichen Zauberschlag, in Scharfsinn und seine Trägheit in brennende Lernbegierde verwandelt. Heisser Wissendurst zog in sein Inneres ein und eine höhere Stimme schien ihm zuzurufen, dass er zu etwas Grossem geboren sei. Von dem dunklen Vorgefühle einer grossen Bestimmung geleitet, begab sich der junge Maimuni nach Lucena zu den berühmten Rabbi Maier ben Josef ibn Megas. Dieser ausgezeichnete Mann nahm sich des armen und verlassenen Knaben den er trotz seiner Unwissenheit gleich lieb gewann, treuherzig an und reihte ihn in die Zahl seiner Schüler ein. Anfangs sass er in sich gekehrt und lauschte den unverständlichen Worten des grossen Meisters; doch mitunter blitzte ein Funkenschlag des Genius aus der Seele Maimuni's. Seine ausserordentlichen Anlagen, die sein unruhiger Sinn an ihrer Entwicklung gehindert hatte, wurden hier im grossen Lehrhause, in dem ein.-t sein Vater seine Ausbildung erhalten, immer mehr geweckt und zur Entfaltung gebracht. Maimonides gar sich dem Studium des Talmud und der rabbinischen Literatur mit einem solchen Fleisse hin, das er nicht nur bald das früher Versäumte einholte, sondern sich auch in verhältnismässig sehr kurzer Zeit ausserordentliche Kentnisse aneignete. Noch in seinen Jünglingsjahren. so berichtet die Sage weiter, kehrte Maimuni, von einem innern Drange getrieben, nach seiner Vaterstadt zurück und hielt am Sabbath, ohne sich vorher seinem Vater gezeigt zu haben, in der Synagoge einen talmudischen Vortrag. Alles erstaunte über die ungeheuere Gelehrsamkeit, die der junge Redner an den Tag legte; wen aber am meisten der Ton seiner Stimme bewegte, war der alte Maimun. das Bild seines von ihm verstossenen und für verloren gehaltenen Sohnes stand vor seinen Augen und dunkle Ahnungen stiegen in seiner Seele auf. Welche Freude, welches Entzücken ergriff daher den alten, überraschten Vater, als er in dem angestaunten Redner seinen eigenen Sohn erkannte! Es schien, als ob den Vater ein Vorgefühl von dem überkommen möchte, wozu die Vorsehung seinen Sohn bestimmt habe: Führer des Judepthums zu sein. Er drückte ihn freudig vor den Augen Aller an sein Herz und nahm ihn mit Jubel in sein Haus wieder auf. Soweit die Sage, welche das Dunkel, das über Maimuni's Jugendzeit ausgebreitet ist, in ihrer dichtenden Weise zu lichten sucht und bereits um sein junges Haupt einen Strahlenkranz windet, den der gereifte Mann in vollstem Masse verdient hat, Nach der gewöhnlichen Annahm^ jedoch, empfing Maimuni von seinem gelehrten Vater den ersten Unterricht und legte in seiner Heimath den Grund zu seiner spätem Grösse. Der alte Maimun Hess seinem Sohne Moses, der gleich in seiner Jugend ausseri ordentliche Begabung verrieth. eine sorgfältige Erziehimg angedeihen und war bestrebt, ihn zu einen würdigen Sprössling seiner grossen Ahnen heranzubilden. Allein bald sollte dieser strebsame, hoffnungsvolle Jüngling aus seiner stillen, zurückgezogenen Thätigkeit herausgerissen werden, um im Kampfe mit der Welt und den beengenden Verhältnissen seiner Zeit sich jene Grund- sätze anzueignen, die seinem «pätern Leben und Wirken I Halt und Form gaben. Schon jetzt, noch in seinen | Jünglingsjahren, sollte er Gelegenheit finden, seine Weisj heit und Erkenntnis nicht nur aus den Quellen der Vergangenheit, aus den Schriften der Vorfahren, sondern unmittelbar aus dem Leben, aus der Natur zu schöpfen und das Erlernte und Selbsterfundene mit der Wirklichkeit in Harmonie und Einklang zu bringen — ein Unistand, welcher nicht wenig zur Klärung seiner spätem Anschaungen beigetragen hat. Im Jahre 1148 überschritten die Almohaden unter ihrem fanatischen Anführer Abdulmumen, nachdem sie die Juden von Nordafrika theils zur Verleugnung ihres Glaubens, theils zur Auswanderung gezwungen hatten, die Grenzen Spaniens, eroberten die Stadt Cordova und Hessen den Bewohnern nur die Wahl zwischen der Annahme des Islam und der Auswanderung. Die Synagogen wurden in Trümmerhaufen verwandelt, die Lehrhäuser geschlossen. Das Schicksal dieser angesehenen Gemeide, die seit dem Untergang der bubiionischen Lehrhäuser den Hochsitz jüdischer Gelehrsamkeit bildete, war ein so schreckliches, dass der ehrwütdige Rabbiner Josef ibn Zadik, Verfasser eines religionsphilosophischen Werkes „Mikraokosmus" (Olam Katan) den Untergang derselben nicht lange zu überleben vermochte. Tausende flohen | nach dem nördlichen Spanien, das unter christlicher! Herrschaft stand; die wenigen, die in ihrer Heimath zurückblieben, nahmen gleich ihren Schicksalsgenossen in Afrika zum Scheine dem Islam an. Sie besuchten die Moscheen und beteten in Verborgenen zu dem Gotte ihrer Väter, sie beobachteten heimlich die Bräuche und Satzungen des Judenthums und schmiegten sich öffentlich den Ceremonien des Islam an. Unter denjenigen, die den Wanderstab ergriffen und ihre Heimath verliessen, befand sich auch Maimun mit seiner Familie, die aus zwi Söhnen und einer Tochter bestand. Sie liesen sich zunächst in der Küstenstadt Älmeria nieder; vielleicht in der Absicht hier am Hafen des Mittelmeeres gleich ein Fahrzeug zu besteigen und nach einem Lande, welches freie Religionsübung gestattet, auszuwandern.