Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 7 (1.4.1882)
- Date
- 1882-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 DAS JÜDISCHE zwei Töchter: Bellafior, die zum Christenthum übergieng und auch das Vaterland verliess und Lea, welche sich 1724 mit Moses, einem Sohne Bonajuto Sullams aus Latisana (ebenfalls im Friaul) vermählte; dann einen Sohn Benetto. mein Grossvater, geboren im December 1713. Als er sich 1737 in Venedig aufhielt, sah er zufällig eine dort verheirathete veronesische Frau> welche die Psalmen sehr korrekt recitirte, und er sprach: Wenn ich ein Mädchen fände, das sie eben so gut auswendig kennt, würde ich sie zur Frau nehmen. Jene Frau antwortete: Nun, ich habe eine Schwester, die sie besser hersagen kann als ich. Am darauffolgenden 27. Feb. 1738 stipulirte Benetto in Venedig die Ehepakten mit Rahel, Tochter des damals schon verstorbenen Rabbi Anselm Isaak Grego von Verona, mit einer Mitgift von 1100 Ducaten. Die Braut war schön, sang trefflich Q^nn un(* besass alle Tugenden einer guten und wackern Gattin; aber die versprochene Mitgift fehlte. Letizia verlangte, dass er seine Braut verlasse; Benetto aber wollte nicht, und zog sich durch diese Heirath den Hass der Mutter zu, welche in Folge mir unbekannter Umstände die eigene Mitgift von 2000 Dukaten, (welche damals, da der Familienvater schon 30 Jahre todt war, fast das ganze Vermögen ausmachten,) ihrer Tochterstochter Benvenuta Sullam schenkte, und Hess so Benetto in grösster Noth. Benetto trug, unterstützt von dem besten Weibe, muthig sein Unglück» und da sie mit der grössten Kargheit lebten, er theils als Kinderlehrer beschäftigt, theils mit alten Kleidern, Eisenzeug und Holz handelnd, und sie, später auch die Tochter mit Seidezupfen, Spinnen und andern weiblichen Arbeiten unermüdlich fleissig waren, erhielten sie ihre Familie ehrenvoll, und erübrigten noch. Seine Rechtlichkeit war so bewährt, dass ein Christ, der ihn kannte, zu ihm ging, als er sich eine Kuh kaufen musste, damit er sie ihm versorge; und als Benetto ihm erklärte, dass er nie mit Vieh gehandelt habe und ihn daher nicht dienen könne, antwortete ihm der andere: Alle Geichäfte, die ich durch Ihre Vermittlung gemacht habe, sind mir geglückt, und so will ich das Thier, dass ich jetzt brauche von keinem Andern als Ihnen kaufen; drum kaufen Sie eine Kuh und dann verkaufen Sie. sie mir. Und Bennetto, zwar in Verlegenheit doch im Vertrauen auf die Vorsehung, handelte um dem Freunde zu dienen, mit einem Artikel, den er nicht kannte. Rahel hate 17 Geburten, von denen jedoch nur zwei männliche und vier weibliche Kinder lebten. Von dreien dieser Töchter war schon die Rede Die Erstgeborne, Namens Consola (HftPD) vermählte sich nicht, sondern war unablässig bemüht denAeltern und Geschwistern beizustehen; in der Jugend unterzog sie sich den niedrigsten und mühevollten Arbeiten zur Erleichterung der gemeinsamen Dürftigkeit. Als einst Benvenuta Sullam dieselbe zu deren Gunsten die alte Letizia den Sohn Benetto in Noth und Armuth CENTRALBLATT versetzt hatte, auch in Elend gestürtzt war, und sie und ihr Sohn von einer bösen Krankheit befallen darniederlagen, fand sie in der Cousine Consola eine liebevolle Stütze und Krakenwärterin, die nicht Mühe und nicht Nachtwachen scheute, bis .sie genesen waren. — Consola war nicht nur in weiblichen Arbeiten, sie war auch in hebräischen Wissenschaften, darin sie ihr Vater unterrichtete, weit vorgerückt, ja sie verstand sogar den Talmud. Im Januar 1806 starb sie 65 Jahre alt, nachdem sie durch 20 Jahre an einer Schwäche gelitten, die ihr weder zu gehen, noch aufrecht zu stehen erlaubte, sondern sie ungeheuer verkrümmte, so dass sie das Antlitz nur eine Elle über der Erde trug. Das Leben dieses Weibes mag eine unverständliche Seite scheinen, im Buche der Gottesgerechtigkeit, Doch so schien es ihr selber nicht, die mit frommer Ergebung das lange Leiden ertrug; noch dachte so ihre Familie, die sich an ihrem heiligen Beispiele gestärkt und erbaut fühlte. Ja, wenn sich die göttliche Gerechtigkeit immer offenbar zeigte, verlöre die Tugend all ihrem Werth, denn sie würde aus Berechnung geübt, aus Speculation befolgt. Aber der tiefer Forschende wird bald den Trost erkennen d-en ein reines Gewissen, von der Achtung und Liebe Aller umgeben, bietet, und wird finden, dass ein solches Bewusstsein inmitten aller physischen Leiden, beneidenswerther sei als das geräuschvolle Glück der Gottlosen, die nur Hass Verachtung, Gewissensbisse und Furcht umgibt. — Die beiden Söhne hiessen David und Ezechia. David hatte sich frühzeitig nach Triest begeben, lernte dort das Drechslerhandwerk, worin er Vorzügliches leistete auch in anderen Künsten war er geschickt und malte recht hübsch. Auch er war eine Zeit lang Kinderlehrer und noch mit 40 Jahren begann er die hebräische Grammatik zu studiren, worin er beim Rabbiner Vital (^^fil) -^en" jamin Segre, dem Vater meines Schwiegervaters, Unterricht nahm. Er starb im August 1806, 60 Jahre alt, an Wassersucht; und hinterliess den Ruf eines genialen Menschen. Ezechia war mein Vater, Die Juden hatten in den Staaten der venetianischen Republik keinen stabilen Aufenthalt, aber sie wohnten da Kraft eines Dekretes, Condotta genannt, das auf 10 Jahre galt und mit jedem Jahrzehend erneuert wurde. Im Jahre 1777 wurde die neue Condotta veröffentlicht, aus 96 Kapiteln (oder Paragraphen auf 40 Seiten in Quart) bestehend. Im 83. Kapitel wird den Juden das Wohnen in jedem Dorfe des Staates verboten; wofern der Senat nicht eine besondere Erlaubniss dazu ertheilt hätte. Die jüdische Gemeinde in San Daniel, (gleichwie die andern, welche in verschiedenen Dörfern der venetianischen Provinzen wohnten,) löste sich dadurch auf, ganze Familien befanden sich ohne Zufluchtsstätte uud viele ohne die nöthigsten Mittel zu ihrer Erhaltung. Es war ein grosses Glück für jene Unglücklichen, dass sie einen Patrioten in Triest hatten, den schon oben genannten R. Marco Luzzatto der das Mitleid der Triestiner zu ihren Gunsten anregte, und von mehreren grossmüthigen Reichen dieser Stadt