Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Centralblatt · 1882-04-01 · 7 (1.4.1882) · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
7 (1.4.1882)
Date
1882-04-01
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9620166-9626018-9625221--073-9625224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 75 Autobiographie des S. D. Luzzatto. (Fortsetzung.) Ich müsste zu weitläufig werden, wollte ich einen Auszug dieses Werkes geben; ich werde nur das sagen, was ich über die Tendenz und den Zweck des Vei lassers denke. Ks war das Jahrhundert des Cartesius. Die Autorität des Aristoteles war erschüttert, die Scholastik die sich beflissen hatte, die Philosophie mit der Theologie zu vereinen, war geringgeschätzt, die Systeme der alten griechischen Philosophen kamen wieder in Schwung, die heilsamsten Glaubenssätze drohten unterzugehn. Unser Simon Luzzatto, ein sehr gelehrter Philosoph, und zugleich ein frommer Mann, fand es für den Glauben erspriesslich und dem gesellschaftlichen Wohle förderlich, die Unsicherheit der menschlichen Spekulationen in heiles Licht zu setzen, nicht um die Menschen zum Skeptizismus zu führen, sondern um die Keckheit der Afterphilosophen zu demüthigen, und den Gläubigen die Waffen gegen ihre Angriffe zu geben Er selbst drückt sich folgender Massen aus: (S. 1) vDas vorgesetzte Ziel dieser Arbeit ist nicht die ,.\ ertheidigung der trägen sich blähenden Unwissenheit, „welche voll Eigendünkel ist und aufs Geradewohl sich „leitet, sondern der schüchternen, bescheidenen, welche! „sich nicht verwegen etwas anmasst. das ihr nicht gehört, „Sokrates bekämpft das menschliche Wissen — nicht j „das eingegebene, von einem höhern Geiste offenbarte; „und aus dieser Abhandlung ergibt sich, dass wir — die Schwäche unseres angeborenen Verstandes erkennend — „uns den Aussprüchen und dem Zeugnisse der heiligen „Schriften anschmiegen sollen." Wenn sich unser Simon als philosophischer Schriftsteller fromm zeigte, zeigte er sich in der Ausübung seines Rabbineramtes als Philosoph und frei von Fanatismus. Er schrieb einen langen P<>.ssdk. worin er behauptet, dass das Herumfahren in Venedig auf Gondeln am Sabbattage, talmudisch erlaubt ist. Als er seine Schrift dem engen Rathe (Ausschuss) (Yfäp der israelitischen Gemeinde in Venedig vorlegte, lobte dieser, nach Berathung mit den andern Rabbinern, die Arbeit, entschied Jedoch, dass es nicht eben klug wäre eine Sache für erlaubt zu erklären, welche vom Volke als gesetzlich verboten betrachtet wird, und verbot auch die Veröffentlichung dieser Schrift (*). — Wir haben schon gesehen, dass im Jahre 1662 Simon Luzzatto noch Rabbiner in Venedig war. (•) Diese werthvolle Nachricht wurde uns durch den verdienstvollen Rabbiner und Arzt Isak Lampronti in seinem "^^S '~H*£»* Artikel Hiy'SDw aufbewahrt. Dieser Artikel gehört zu jeuoin Theil des Werkes, welcher noch nicht erschienen. Der verstorbene Rabbiner Daniel Terni welcher das Manuscript des pniS" "inS m Händen hatte, schöpfte diese Notiz daraus, und veröffentlichte sie in seinem ft'—m (Florenz 1803) Vol. 1. Fol. 52. Die Stadt Venedig, vermuthlich der erste Sitz der Luz-! z?tttos, hatte durch mehrere Jahrhunderte eine Synagoge die Luzzatto-Schule genannt, welche ohne Zweifel von! den alten Luzzattos, in einem Hause, das ihnen gehörte gegründet wurde. Dieses, wie vereshiedene andere Häuser des Ghetto in Venedig, wurde in den letzten Jahren abgetragen, da es Einsturz drohte. Die alten ' Besucher dieses Gotteshauses verlegten dieses nun in ein anderes Gebäude, behielten jedoch den Namen •»Karte trnp brp bei. Hochberühmt ist Mos< Chajim Luzzatto aus Padua, gehören daselbst 1707, gest. im gelobten Lande im Jahre 1747, dessen sehr gediegene und ausführliche Biographie von meinem Freunde, Herrn Giuseppe Almanzi, im Kerem Ghemed (3. Band S. 112—Hit)) sehr lesenswert!1. (-) Dieser ausserordentliche Manu, in einer unglückliehen Zeit geboren, da die Treftiiehkeit seines Geistes nicht gewürdigt werden konnte, war der Wiederhersteller des guten Geschmacks in den schönen Wissenschaften der Ebräer, und der Erste, der das Wortspiel verbannte, das damals lehr beliebt war, und in Prosa und Versen so schrieb, dass man es wörtlich in andere Sprachen übersetzen konnte. Kaum 17 Jahre alt, gab er seinen Q'TftS j'wte heraus, eine Abhandlung über Rhetorik mit den technischen Ausdrücken auf Hebräisch, Latein und Italienisch und mit den Beispielen zum Theil aus der heiligen Schrift, zum Theil aus seiner eigenen Erfindung. Der Geschmack und der gesunde Verstand, den er sowohl in diesem Werke, das er im ersten Jünglingsalter verfasste. als in seinen letzten Schriften offenbarte, so wie jene Rechtlichkeit, jenes tiefe moralische Gefühl, welches alle seine Werke athmen. hindern mich ihn für einen Fanatiker, einen Schwärmer oder einen Betrüger zu halten, wie so viele es glaubten. (3) Ich vermuthe vielmehr, dass dieses leuchtende und fruchtbare Genie sich zum Reformator des Mvsiizismus, der damals unter seinen Glaubensgenossen herrschte, erhoben habe, und sich vornahm, ihn in ein neues System umzugestalten, das mit der Vernunft und der Religion übereinstimmend sei. Die Methode aller früheren Reformen im Innern des Judenthums befolgend, welche war: nicht mit dem Alten zu kämpfen, sondern das Neue als Beleuchtung des Alten darzustellen, gab Mose Chajim den an (-') Eine deutsche Bearbeitung derselben befindet sich in Jost's Analen, 1. Jahrgang (1839) Nr. 4. Der Rabbiner Mose Tedeschi veröffentlichte neulich einen grösseren Auszug im Vessillo isr. Ich besitze viele Anmerkungen hiezu von Alm ans's eigener Hand. J. L. Im .fahre 1878 veröffentlichte ein Zögling des Breslauer jüd. theol. Seminars S. lsacs eine Biographie M. Ch. Luzzatto's unter dem Titel: A. modern hebrew Poet.The life and writings of Moses Chaim Luzzatto. New. York. 1878. M. G. (*) Das von ihm verfasste Statut der in seinem Hause sich versammelnden cabbalistischen Academie, schon dem Almanzi von Schonin Brody mitgetheilt, ist jetzt bei mir und beweis dass jene kleine Gesellschaft von de reinsten Absichten beseelt war J. L.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.