Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 6 (15.3.1882)
- Date
- 1882-03-15
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 69 keit entfalteten und in ihren Wohnsitzen zu einem gewissen Wohlstande gelangten, begann man vor dieser Zeit an immer engere Schranken um sie zu ziehen und sie in ihrer socialen Entwicklung zu hemmen: es brach für Israel jene unglcükselige Zeitperiode heran, welche man so recht eigentlich als das finstere Mittelalter bezeichnen kann. Die Leiden und Verfolgungen, von denen das jüdische Volk seit seiner nationalen Zerstreuung niemals ganz verschont geblieben, waren bis jetzt mehr vereinzelt aufgetreten und hatten mehr den Charakter der gesetzlosen Willkür an sich getragen. Seit der Mitte des zwölften Jahrhunderts jedoch häufen sie sich immer mehr und mehr und treten als Vorgänge auf, die gleichsam zur Tagesordnung gehören. Was früher mehr das Werk \ momentaner, erregter Volksleidenschaft war, wird in den späteren düstersten Jahrhunderteu md darin besteht das Charakteristische des Mittelalter* von Fürsten und I Ständen zu Gesetzen erhoben. Denn was anderes sollten fast sämmtliche Judengesetze und Judenverordnungen, welche geistige und weltliche Machthaber im Mittelalter so häutig erliessen. bezwecken, als Bedrückung und Herabwürdigung des jüdischen Volkes! In fast allen christlichen Staaten Europa's sind es die Kreuzzüge, die über die Nachkommen Jakcb's unsäglicheLeiden heraufbeschwören Durch die Glaubenswuth, weicht ihre treibende Kraf bildete, haben die Kreuzzüge der christlichen Menschheit jenen unversöhnlichen bittern Hass gegen die Bekenner des Judenthums eingetfösst, den im Laufe der kommenden Jahrhunderte Ströme jüdischen Blutes nicht zu löschen vermochten. Sie sind es, welche den grauenvollen Anfang zu jener traurigsten aller Tragödien machten, die sich länger denn ein halbes Jahrtausend vor den Augen Europa's abspielte und deren Held und Dulder Israel war Auch in Spanien, das unter der Herrschaft des Islam stand, begannen um dieselbe Zeit mit den Religionsverfolgungen fanatischer Horden, die plünderend und eroberend vom Orient vordrangen, für die Söhne Israel's die Leiden des Mittelalters. Die pyrenäische Halbinsel die seit dem Untergange der babylonischen Lehrhäuser den Mittelpunkt der geistigen Thätigkeit der Juden bildete und auf allen Gebieten des Wissens die herrlichsten Früchte zeitigte, verlor unter den unbarmherzigen Verfolgungen der Almohaden immer mehr ihre weitgebietende Bedeutung und fiel dem allgemeinen Lose der Unduldsamkeit und der Religionswuth anheim. Der Himmel der jüdischen Geschichte begann sich allmälig allerorten zu verdüstern: die Nebel des Wahnes und das Irrthums verdichteten sich zu gewitterschweren Wolken. Die mannigfaltigen Leiden, welche die unheilschwangere Zukunft für die Bekenner des Judentbums in ihrem Schosse barg, nahten allmälig, aber sicher heran. Doch ehe die verhängnissvollen Stürme religiöser Unduldsamkeit und socialen Ausschliessung von allen Seiten über das Haus Jakob hereinbrachen, ehe das Blut zahlloser jüdischer Märtyrer in Strömen vergossen wurde und die Bekenner des Judenthums, über die ganze Erde zerstreut, vergebens eine Zufluchtstätte suchten, ehe die Leiden und Verfolgungen bis zu jener fürchterlichen Höhe stiegen, dass es scheinen mochte, Israel könnte dem Drucke der Zeiten erliegend seine heilige Mission aus den Augen verlieren: sollte noch einmal am Horizonte der jüdischen Geschichte ein Stern erster Grösse aufgehen, dessen weithin strahlender Lichtschein das Düster des finsteren Zeitalters et hellte, sollte dem jüdischen Volke noch pinmal ein Mann erstehen, der als zweiter Moses von der Vorsehung gewissermassen dazu bestimmt war, „die Zukunft Israel's auf seinen starken Schultern zu tragen", der Lehre seiner Glaubensgenossen einen neuen Geist einzutasten, dem entnervten Judenthum vor dem Anbruch j der wilden, barbarischen Zeit Kraft und Widerstand gegen feindliche Angriffe und die Ausdauer zur Erfüllung seiner weltgeschichtlichen Sendung zu verleihen. Dieser Manu ' war tiahbi Mösts heu Maimun. Das Leben und Wirken dieses grossen Mannes, bei dessen Namensklange jedes jüdische Herz höher schlägt, soll in den nachfolgenden Blättern darzustellen versucht werden. 7 Maimun's Jugendjahre und seine erste Wirksamkeit Moses ben Maimun (Maimonidesi auch Maimuni, abgekürzt hamham genannt, erblickte am 30. März 1135 (14 Nissan) unter dem milden Himmel der iberischen Halbinsel, in der Stadt Cordova das Licht der Welt. Er wurde am Rüsttage des Passahfestes, der auf einen Sabbath fiel, nach 1 Uhr Mittag geboren. Sein Vater Maimun ben Josef, gehörte einer alten Gelehrtenfamilie an, die ihre Abstammung vom Könige David herleitete, und war einer der bedeutendsten Männer, die aus der Hochschule des grossen Talmudisten Josef ben Meir ibn Megas in Lucena hervorgegangen waren. Gleich seinen Vorfahren in acht Geschlechtern aufwärts bis auf den Stammvater den „weisen Rabemi Obadja", war auch er Mitglied des Rabinatskollegiums, Dajau, in seiner Heimatsstadt Cordova. Maimun hatte nicht nur auf dem Gebiete der rabbinisch-talmudischen Literatur bedeutende Kenntnisse er schrieb einige talmudischen Schriften-sondern besäss auch in anderen wissenschaftlichen Disciplinen ein so ausgebreitetes Wissen, dass er im Stande war, den Unterricht seines Sohnes Moses auf den verschiedenen Geistesgebieten selber zu leiten. Wer die Mutter war, die diesem grossen Sohne das Leben gegeben, ist nicht bekannt.