Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 6 (15.3.1882)
- Date
- 1882-03-15
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/9620166-9626018-9625208--063-9625214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66 DAS JÜDISCHE CENTKALBLATT. II. Zur Aussprache des j als ch in den romanischen Sprachen ist Plinius zu vergleichen: Quos ex bis honori deorum damus chydaeos äppellaeit Jüdaea gens contumelia numinum insignis (C. Plinii Secundi Naturalis historia ree. D. Detlefsen Berol. 1866 — 1873 Weidmann.) (Fortsetzung folgt). Zur vergleichenden Sagenkunde. Der reiche Nutzen, der der Culturgeschichte aus der vergleichenden Sagenkunde erwächst, ist seit dem Auftreten der Gebrüder Grimm zu anerkannt, als dass diess näher erwiesen werden müsste; den Sagen des Talmud und Midrasch hingegen wird noch lange nicht die verdiente Anfmerksamkeit geschenkt; ausser den zusammenhängenden Arbeiten von den Dr. Perles, Güdemann, S. Back und Gaster ist sehr wenig in dieser Hinsicht geleistet werden, und dennoch ist der Stoff ein so riesengrosser und zugleich lohnender, dass es wahrlich an der Zeit wäre, dass jeder Theologe sein ScheiHem zur Vervollkommung dieses allzulange vernachlässigten Gebietes beitrage. Einzelne Splitter, die bis jetzt unbeachtet gelassen wurden, wollen wir nach und nach in unserer Zeitschrift veröffentlichen (1), ohne irgendwie Vollständigkeit zu beanspruchen. I Der Hut aus Fingernägelspitzen. In dem esthnischen epischen Gedicht Kalewipoeg (2), Gesang XIV, Vers 610 liest man: „ Wümche durch den Schnitzeihut gleich dich fort zu deiner Heimath; die schöne Zeit verstreicht, wo du dich noch retten könntest. Hiezu ist die Anmerkung zum Verständniss beigefügt : Der Wortlaut der Stelle ist: Küünelaastus kübar und bedeutet: ein TTut ans Fingernägel spitzen. Letztere soll der Teufel sammeln, sie in Filz verwandeln, um daraus den Wünschelhut zu formen. Manche abergl'««bische Esthen suchen gegenwärtig ihre abgeschnittenen Nägel sorgfältig zu verbergen, damit der böseFeind sie nicht auffinde und zu seinen Zwecken verwende, Nun ist es bekannt, dass auch bei den Israeliten das Nägelabschneiden mit einer besonderen Zeremonie verbunden ist, dass man dieselben sorgfältig sammelt, ein Stückchen Holz hinzulegt und sie dann in (1) Vgl. ferner in Graetz' Monatschrift die Aufsätze von Dr. M. Grünwald 1) zur Amlethsage und 2) Fragmente zur Aufhellung derAgadah. (2) K. verdeutscht von C. Reinthal und Dr. Bertram. Dorpat 1861. Druck von H. Lackmann. den Ofen wirft weil diess bei den Zauberern gefährlich werden kann (Q^S^D1? HtTp^T QltPp)- lch möchte aber diese Redensart TV&pl DUPtt dahin erklären, dass die Rabbinen deshalb diese Oeremonie anordneten, um dem Aberglauben zu steuern, indem sie nämlich sagten, dass die Zauberer solches bei abergläubigen Menschen, denn auch die ungebildeten Juden waren zum Theil abergläubisch, ausnützen könnten. (1) Übrigens ist die Nägelfrage von sehr hohem Alter. Schon im Midi asch Bereschit rabba Paraseha 20 wird zur Stelle HUnr bemerkt nrbrwp anci pigüb rn n*pbp "iek st dass die Bekleidung glatt wie ein Nagel war und schön wie eine Perle. Eine zwTeite Midraschstelle bringt die Erzählung, dass Adam's ganzer Körper, mit solchen Fingernagelspitzen bekleidet gewesen sei, und nachdem er gesündigt, sei diese schützende Hülle von ihm gewichen und nur an den Fingerspitzen übrige geblieben. Aber auch den Germanen entgieng die Wichtigkeit der Fingernagelspitzen nicht. So lesen wir beider Schilderung des Weltunterganges in der nordischen Sage (1). Der Adler schreit und zerreisst Leichen, die Woge braust und das SchiffNaglfard, das aus den Nägeln der todten Menschen gemacht ist, wird los und vom Riesen Hrymer gesteuert. Daher schneidet man bei den .luden am Freitag die Nägelspitzen ab, daher kommt es, dass ein Pünktchen auf den Nägeln eine angenehme Ueberraschung für uns bedeutet, wie derVolksglaube es woll. Doch den eigentlichenGrund zu linden, den Nagel auf den Kopf zu treffen ist mir nicht gelungen. Auch in der deutschen Sage wird berichtet, dass Sigfried den Finger in das Bächlein heisses Fett steckte und dann gewahrte, dass er sich mit einer Hornhaut überzog; nur blieb, ohne dass er es während des Badens gewährte, eine Stelle an der Schulter ohne Hornhaut. Ferner muss man sich gerade am Freitag (nicht nur bei den Juden) die Nägel verschneiden, weil das vor Zahnweh bewahrt. (Allgemeiner Glaube bis nach Tyrol hinab und Schlesien und Obersachsen hinauf) (1) (1) Vgl. übrigens Niddah 17 a |p*ftl bftlJPl "£7£m2 5**nnt2 We*" die Nägel abschneidet und sie wegwirft wagt sein Leben. (1) Unlands' Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage 7. Band Stuttgart Cotta 1873 p, 24. (1) Fenilleton der Neuen Freien Presse vom 31. Oct. 1876. unter dem Titel: Der Kalender des Aberglaubens von Moritz Busch.