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Das jüdische Centralblatt · 1882-03-15 · 6 (15.3.1882) · p. Seite 62

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Journal
Das jüdische Centralblatt
Volume
1 (1882)
Issue
6 (15.3.1882)
Date
1882-03-15
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. zu leben, neue Schlüsse zu folgern und richtige Ideen zu bilden. Wie Geschäftsleute nur gern mit denen verkehren, die ihnen Geldgewinn bringen, so verkehrten sie mit ihren Schülern, um durch die Unterredung mit ihnen zur Erkentniss der zweifellosen Wahrheit zu gelangen, durch gegenseitige Mittheilung und Belehrung Gedanken, und Ansichten zu ergänzen und um die Seele an die Urbilder der Ideen wiederzuerinnern. Sie befinden sich selbst in der' Einsamkeit, umgeben von Forschungen deren Annehmlichkeiten sie an die irdische Bedürfnisse vergessen liess. Die zeitgenössischen geistesleeren Philosophen jedoch bei ihrer geringen erworbenen Weisheit und der mangelhaften angeborenen Erkenntniss finden in der Beschäftigung mit der Wissenschaft nicht andauernd Ersatz und Befriedigung für die ihnen auferlegten Entbehrungen. Sie werden daher den Anstürmen der ihnen eingepflanzten Triebe, welche nur so heftiger sind, je länger sie niedergehalten wurden, sicher unterliegen und verfallen. Mit dem ihm eigenen psychologischen Verständnis* hat hier J. H. das Wesen der Ascetik erfasst, und ihre verderblichen, unausbleiblichen Folgen dargelegt Aber auch innerhalb des Judenthums hielt er es für nothwendig, diese ihm fremdartige, durch äussere Einflüsse hineingetragene weltnüchtige Erscheinung zu entfernen, welche begünstigt durch die damalige Verfolgungen und Bedrückungen, gefördert durch Baehja's „Herzenspffichteri* mit ihren düstern und trübseligen Gedanken alle Gemüther beherrschte, in diesen das demütigende Bewusstsein menschlicher Nichtigkeit erzeugte, und so jede frische Thätigkeit und Lebensfreudigkeit lähmte. War ja doch Juda Halewi selbst von diesem allgemeinen Zug seiner Zeit, von dem selbstanklagenden und selbstquälenden Gefühl früher begangener Schulden zeitweilig ergriffen und durchdrungen, klingt ja auch durch >eine Betrachtungen und Dichtungen oft ein Ton der Misstimmung ob der dem verächtlichen Lehmgebilde, dem Körper, anhaftenden Sündhaftigkeiten; (1) nur bewahrten ihn, den gottgesegneten Dichter und Denker ein heiterer lebensfroher Sinn vor gänzlich resignirender Verzweiflung, dass er sich von solchen wehmüthigen Wahrnehmungen nicht hinreissen liess, dieselben vielmehr mit aller Geisteskraft sofort überwand. Alle Mittel der Dialektik und Argumentation bietet er auf. um diese vermeintlich fromme, in Wirklichkeit aber irreligiöse Richtung zu bekämpfen (2). Die Abtödtung der von Gott ans eingepflanzten Sinne widerspricht dem Geiste der jüdischen Religion, irelche ah Lohn für gute Handlungen (1) Kus. I, 8-68. IV. 23. v. Keduscha, Sachs Geist der rel. Poesie p. 33 Virgo S. TODivaii S. 12. 13. 18. 23. Kaufmann Juda Halewi S. 33 und Note 5 deutet die daselbst vorkommenden Ausdrücke n^fc^n auf Veptische Speculationen, Zweifel im Glauben welche J. H. früher gehegt haben soll. Wenn ich auch seiner Zeit zu dieser Ansicht aus Kus. I, 67. 87. 91. II. 2. 26. III, 17. IV, 16. 17. V. 21. Belege brachte, so scheinen doch diese Ausdrücke sich nicht auf solche abstrakte Sünden zu beziehen siehe auch die zu Num. 27, 3 von Ihn Esra gebrachte Erklaerung Jehuda Halevi's. no IKEnm "^sb Wtfljn (2) Kus. 3, 1. v. Jes. 45, 19. Sgn. 11, 17. Koh. 5, 18 \ ein langes glückliches Leben verheisst und dieses als ein Geschenk der göttlichen Liebe zu uns bezeichnet, weil es ja die Vorstufe zu unserer Vervollkommnung, zur | Erlangung der Jenseits bildet. Wohl haben sich in Pa- I lästina, als dieses Land noch der Sitz des Gottesherr- I liehkeit gewesen, besonders heilige Männer auf der Stufe! des Chanoeh und Elijahu stehende Profeten und ihre . Jünger in die Einöde zurückgezogen, wo sie denn! doch auf die Kenntniss der Gotteslehre und die von ihr vorgeschriebenen praktischenGebote, insofern diese zur Führ-; ung eines reinen,derFrömmigkeit beh'issenenLebens beitragen Rücksicht nehmen, allein diese einzelnen Ausnahmen waren auch in der Einsamkeit nicht allein, den es gesellten sich; ihnen, theils in Wirklichkeit, theils in der Idee Engel, die Geister der hingeschieden Profeten ihresgleichen. Sie fühlen sich den irdischen Genüssen entrückt, und das geräuschvolle Treiben hinieden war ihnen zur Last. Nachdem sie die denkbar höchste Vollkommenheit bereits erreicht haben, wünschten sie den Tod, die Erlösung aus den beengenden Fesseln des Körpers und sehnten sich nach dem göttlichen Lichte. Unter den Verhältnissen seiner Zeit und seines Geschlechtes sei jedoch eine solche Abgeschiedenheit unthunlich, unzulässig. Schon das thörichte Beginnen eines solchen unnatürlichen Lebenswandels setzt innere Zerfallenheit und äussere Zernichtung, körperliche und geistige Krankhaftigkeit voraus, deren Spuren sich auch auf dem Gesichte des Sonderlings ausprägen, welche nur fälschlich als die Folgen seines gegenwärtigen Zustandes angesehen wurden. Der Schmerzen und Fesseln der Welt überdrüssig, glaubt er durch die Abschliessung von derselben sich davon zu befreien. Da aber nicht Lust an der Einsamkeit, nicht Liebe zu seinem Gott sein Motiv zu dieser Zurückgezogenheit ist, wird er den Weltschmerz jetzt noch heftiger fühlen und empfinden. Und was sollte ihn auch von ihm abziehen uud ablenken. Besitzt er doch nicht die Fähigkeiten und Anlagen zu höherer geistiger Thätigkeit, welche ihm die sinnlichen Genüsse ersetzen sollte. Von der Menschheit losgesagt, für die Verbindung mit dem Göttlichen ungeeignet, schwebet er zwischen Erde und Himmel. Gewähren ihm auch Gebete und fromme Uebungen durch den Reitz der Neuheit für die erste Zeit Befriedigung, so werden sie doch für die Dauer ihre Wirkung verlieren, seine Triebe nicht beschwichtigen. Wenn nun diese in seiner Beschäftigungslosigkeit ungestüm an ihn herantreten und er die Verkehrtheit seines Unternehmens, die Verwechslung der ihm obliegenden Pflichten des Haus-Armen-und Religionswesens einsieht, dann wird er voll Reue und Vorwürfe darüber vom Göttlichen, dem er auf unrichtige Weise näher zu kommen glaubte, sich noch mehr entfernen. (1) (1) Mit dieser Auffassung der schwierigen Worte Sp^p u21£* HN*"i Schluss 3, 1. stimmt Cassel nach einer briefliche Mittheilung überein.

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