Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 3 (1.2.1882)
- Date
- 1882-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9620166-9626018-9625169--028-9625179- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
34 DAS JÜDISCHE CENTEALBLATT. wen kann, begreifen nie. Hypothesen machen neuen Hypothesen Platz, eine Vermuthung drängt die andere, um nach Jahrhunderten wieder unter einem neuen Namen und etwas moditicirt aufzutauchen. Aber dass das Uebermass in der Natur nur nachtheilig wirkt, das sieht mann überall. Zu viel und zu wenig Wärme und Kälte verderben die Pflanzen, zu viel und zu wenig in allem, was auf und in der Natur ist, ist verderblich und nachtheiUg auf die Gesammtentwicklung eines jeden Organismus. Jn den oberen Klassen der MittehchnUn heam-pniehen wir fortan eine solche Vereinigumg von Religion und Moral, In Oesterreich wird leider der Religionsunterricht stiefmütterlich behandelt, wird an der Ober-Realschule der Religionsunterricht überhaupt nicht ertheilt. In Deutschland wird er jedenfalls viel besser gehandhabt, umsomehr, da man das neue Testament und am Gymnasium sogar das alte Testament im Urtext lie*t. In Frankreich, das trotz seiner strengen katholischen Priester und des allerchristliehsten Lande*, die grösste Toleranz oder vielmehr volle Gleichberechtigung allen anderen Oonfessionen zu Theil werden lässt wird der Religionsunterricht am schlechtesten gehandhabt. Ich war selbst Professor an einem französischen Gymnasium und hatte vollauf Gelegenheit die völlige Ignoranz der Schüler in Dingen der Religion wahrzunehmen. Ihren Katechismus wussten sie zwar auswendig und Dogmatik auch etwas, aber das war alles. Ethik und Moral im allgemeinen Sinne waren ihnen fremd bis auf den Namen. ^Ibceffen. Hille! der Aeltere. Von Lic. Dr. Aug. Wünsche. Wie nothwendig es ist. bei manchen Relationen des babylonischen Talmud die entsprechende im jerusalemischen anzuziehen, um entweder die richtige Lesart oder den treffenden Sinn zu erhalten, beweist eine Äusserung des älteren Hillel beim Wasserschöpffeste. Im babylon. Talmud Tractat Succa fol. 53 heisst es: Von Hillel dem Alten wird erzählt, dass er bei der Freude des Wasser- Schöpffestes zu sagen pflegte. Wenn ich hier bin) ist alles hier. Wenn ich nicht hier bin, wer ist denn hier? Im jerus. Talmud heisst es dagegen in demselben Tractate c. V, 4 (fol. 21a Edit. Zitomir): Wenn Hillel der Alte sah, dass sie (die Versammelten) sich leichtsinnig betrugen, sprach er zu ihnen: Wenn wir hier sind, wer ist hier? Braucht Er (Gott) unsre Lobpreisungen? Es heisst doch dann 7. 10: Tausendmal tausend dienen ihm und Myriadenmal Myriaden stehen vor ihm. Sah er aber, dass sie sich anständig benahmen, so sprach er: Wenn wir nicht sind, wer ist denn hier? Denn obgleich viele Lobpreisungen an ihn gerichtet werden, so ist ihm doch von allen Israels Lobpreis am liebsten, wie es heisst 2 Sam. 23, 2: „Lieblich sind ihm die Gesänge Israels" und Ps. 22, 4: „Er thronet unter den Lobliedern Israels". Während die Lesart des jerus. Talmud einen ganz richtigen Sinn giebt, sind die Worte in babyl. Talmud:. po <fc f*C DR*S JK5 Söfi }JO *3X && wenn sie nicht fragend genommen werden, rein unverständlich, ja im Munde Hilleis sogar als eine Anmassung erscheinen. J"VECENSIONEN. Dr. B. Fischer Bibel uud Talmud in ihrer Bedeutung für Philosophie und Kultur, zweite Auflage der bibl. talmud. rabbinisehen Blumenlese. Leipzig, Ambrosius Barth. 1881 „Gegen den Übelstand unserer Zeit soll das vorliegende Werk ein Protest sein, als wissenschaftliche Leetüre, als Lehrbuch in religiöser Verklärung und als Religionsiebre mit Berücksichtigung der Wissenschaft". In diesen Worten drückt der durch seine Ausgabe der Buxtorfschen Coneordanz rühmlich bekannte Verfasser Ziel und Tendenz seines Buches aus, und fürwahr wir können ihm das Zeugniss nicht vorenthalten, dass er ernst und mit Erfolg an dem Zustandekommen des von ihm ersehnten Zieles gearbeitet. Lassen wir dem hochbegabten Verfasser das Wort, das uns ganz aus dem Herzen gesprochen ist: „Die Zeit, wo man in dem jüdischen Literaturschatze nichts denn Dogmen und religiöse Satzung wähnte, dielleligion für nichts als für den Begleitschein betrachtete, durch welchen in Bussgewande gehüllt man in das Himmelreich gelangt, wo allein die Tugend ihre Triumphe feiert, -wo der einzige Lohn unser harret für edles Wirken und Schallen, diese Zeit engherziger Befangenheit ist für uns vorüber oder nahet sich wenigstens ihrem Ende. Denn dem Blüthenstäubchen gleich, wie die Talmudisten trefflich des Bildes sich bedienen, das vom Sturme hingetragen auf kahles, hartes Gestein, dort Wurzel schlägt, zerspaltend den Fels um in herrlicher Blüthenpracht empor zu blühen; weil, wie sie die grosse Naturerscheinung erklären, j jenes weiche winzige Blüthenstäubchen den Keim des Wacbsthums, also Leben in sich birgt, bewältigen muss den Tod, jene starre leblose Felsenmasse: also der wahre, lebendige Glaube, in welcher religiösen Gestalt immer er auf das menschliche Herz fiel, er musste als ewiges Leben zersprengen die Kruste, die um dasselbe sich lagerte, das todte Gebilde des Dunkels und der Selbstsucht, und unsere Zeit längt nun an zu begreifen, von welch hoher Bedeutung die Religion für alle sitt- . 'iche Entfaltung des Völkerlebens ist, und wie in der I &ttKchkeit allein die Bürgschaft liegt für das Gedeih-n j und den Fortbestand der Gesellschaft. Namentlich war es die jüdische Religion, die voii [jeher fern von aller Form Steifheit, Einseitigkeit und dog-