Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 3 (1.2.1882)
- Date
- 1882-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. Franz Liszt und die Juden. Wenn wir erst so spät mit einigen Worten der Schmähungen gedenken, welche der bekannte Abbe in seinem letzten Werke: „Des Bohemiens et de leur musique en Hongrie" über die Juden ausgestreut hat, so ist es besonder.: der Umstand, dass wir es mit einem Matadore zu thun haben, der wol nicht der letzte seines Stammes ist, dessen von dem politischem Winde der Gegenwart stark bewegten Zweige den müden Wanderer keineswegs zur erquicklichen Ruhe einladen, sondern zur Flucht in das eigenen Ich dem Selbstschutze verweisen. Also Franz Liszt; was ist das für ein Patron, der so lange Zeit seine schmerzerfüllte Brust, wer weiss welchem Gönner zu liebe, zum Schweigen verhielt, welches sind wol die Beweggründe, dass er bis zu seinen siebzigsten Jahre seinem gepressten Herzen keinen Ausdruck verliehen, um sich über die Juden in der nicht mehr neuen Manier schmähend und höhnend zu ergehen? — Ein Klavierspieler und nebenbei auch Kritiker in Herzenssachen aber — nicht in echten, sondern in falschen und bloss scheinbar richtigen. Denn um von dem Titel seines Werkes zu sprechen, hat der Priester wol recht verstanden, was der Ausdruck „des Bohemiens" bedeutet, wenn er unter die Kategorie derselben auch die Juden schlechtweg und insbesondere jene hervorragenden Vertreter auf musikalischen Gebiete, denen er die adelige Herkunft gerne streitig machen und deren Bruderschaft in Apollo er um jeden Preis verleugnen möchte, rechnet? Gehören wol Meyerbeer und Mendelssohn zu jener Classe von Künstlern, deren Existenz fragwürdig, deren Charakter nicht in klaren Lichte erschien? O des blassen Neides und der verwerflichen Verleumdungssucht! Spät bist du zur Erkentniss gekommen, verehrter Meister, oder du hattest nicht den rechten Mut, zu einer gelegenen Zeit im Kampf der Worte oder besser der Ideen mit diesen Fürsten des Gesanges dich zu messen. Begabst du dich also desshalb unter den Schutz des „heiligen Vaters" und krochst unter seinen „heiligen Stuhl", wie jene Schlangen, nachdem sie den Laokoon und dessen Söhne zerfleischt unter den Schutz der Curgöttin sich begaben? Nein — es ist nicht möglich, dass aus demselben Munde, aus dem nur das Wort der Liebe und Versöhnung fliessen soll, verleumderische und unwahre Äusserungen strömen und dazu noch auf so geheiligtenBoden: denn es scheint mit Sicherheit angenommen werden zu können, dass die leszte Auttage des genannten Werkes in Rom besorgt ist. Wie dem nun auch immer sei, es ist nicht das letzte Lästermaul, das sich jetzt über eine von redlichen und vernünftigen Menschen als lebensfähig und existenzberechtigten Nation aufgethari hat. es ist nicht der letzte Kritiker und falsche Prophet, der seinen ungewaschenen Mund in ungerechtfertigter Weise geöffnet hat, um über die edelsten Geister eines Volkes herzufallen, dessen Wurzein weit in die Vergangenheil reichen, dessen Stamm und Krone nicht die widrigsten Stürme der Jahrhunderte erschüttern konnten, und dessen Früchte den Völkern aller Zeiten und aller Länder so segensvoll und erspriesslich geworden sind — es ist nicht der letzte seines Stammes, der den Samen der Zwietracht, genährt von ränkevollem Neide und von blindem Hasse, aus Unfähigkeit und eigener Schwäche mit den erlauchten Geistern den Kampf um das Leben nicht bestehen zu können, den Samen der Zwietracht ausstreuen wird, unter die Feinde jener vielgeprüften und beleidigten Nation. Über die Juden in Bosnien und der Herzegovina. (Nach Vj. Klaic'e Bosna). Die Juden kamen im Ende des 15. und. zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Bosnien. Als nämlich in Spanien die Macht der Mauren zu sinken begann, vertrieben die katholischen Herrscher nicht nur die Mauren, sondern, auch die Juden, welche während der maurischen Herrschaft I ruhig und ungestört dort lebten. Viele Juden verliessen | daher Spanien und gingen in die Türkei, wovon ein j grosser Theil sich in Bosnien niederliess. Die bosnischen Juden erinnern sich lebhaft ihrer ] spanischen Abkunft (1) und der schönen Tage, welche ' ihre Vorfahren in Spanien verlebt. Unter einander | sprechen sie immerwährend spanisch, wenn auch etwas; verdorben, (2) überdiess aber sprechen sie auch kroatisch i und unterscheiden sich in der Sprache ganz und gar \ nicht von den übrigen Bosnjaken. Sie wohnen grössten- | theils in den Städten und besonders in der Hautpstadt I Sarajevo. Die Ärmeren leben als Bauern, Gewerbsleute I Gärtner, Diener; die wolhabenden ernähren sich vom i Handel und Geldwechsel, und viele von ihnen dienen! auch^Dolmetsche und Kassiere bei verschiedenenÄmtern. i IhrenWeligiösen Gebräuchen und Anordnungen zollen sie j die grösste Hochachtung und Gewissenhaftigkeit, sonst! aber sind sie sehr intolerant gegen Andersgläubige und nicht sehr gebildet. Ihre Tracht ist wie die der übrigen Bosnjaken, ihr Kleid ist gewöhnlich von schwarzer Farbe, nur ihre Frauen haben manchmal rothe Kittel und weisse Mäntel. Viele ihrer Greise gehen im Alter in das heilige Land, damit ihre Gebeine daselbst bestattet | werden. Sons* sind die bosnischen Juden sehr friedfertige Leute, erweisen der Regierung viel Dienste, trotzdem verachten (1) Über spanische Juden in der Neuzeit uud ihre Bestrebun- I gei) schrieb Dr. M. Grünwald in Nr. 20 und 21 des ungarischen | Israelit vom Jahre 1877, in A. Edlinger's Hefte für Literaturj geschichte Februar 1878. in Dr. A. BrülPs populaerschaftHchen 1 Monatsheften Maorz 1881. (2) Dans äas TCspagnolische keineswegs verdorben, sondern; vielmehr das Spanische reiner erhalten hat, als das hmilye Spanisch I hat Dr. M. Grünwald;rt seiner Arbeit: Über den jüdisch-spanische» Dialekt, auch Ladino genannt, nachgewiesen.