Das jüdische Centralblatt
- Journal
- Das jüdische Centralblatt
- Volume
- 1 (1882)
- Issue
- 2 (15.1.1882)
- Date
- 1882-01-15
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9620166-9626018-9625156--008-9625159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/ J? DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT. 15 Zur Geschicte der Juden in dem vereinigten Königreiche Kroatien, Slavonien und Dalmatien. Das Wahre kann bloss durah seine Geschichte erhoben und erhalten, das Falsche bloss durah seine Geschichte erniedrigt, und zerstreut werden. Wie dem Naturforscher das winzigste Thier, der unbedeutendste Grashalm, das gewöhnlichste Mineral, der ganz wertlose Stein von gleich grosser Wichtigkeit und hohem Interesse ist, und sein muss, falls er seiner Aufgabe genügen will, so ist dem Geschichtsforscher keine Nation, und sei sie noch so klein, und kein Gemeinwesen, und scheine es noch so unbedeutend, der Aufmerksamkeit unwert. Wenn diess nun schon im Allgemeinen heutzutage als Wahrheit anerkannt wird, so ist diess un so mehr bei den Juden der Fall, da sie bekanntlich das numerisch geringste Volk sind, und die Zerstreuungen, denen sie ausgesetzt waren, sie noch viel unansehnlicher und geringer erscheinen Hessen, als sie in Wahrheit waren. Und gerade diese zerstreuten Elemente der Geschichte aufsuchen, sie zu einem Ganzen vereinen, den inneren Causalnexus herstellen, ist die Aufgabe des Geschichtsforschers. Den geheimen Fäden der Geschichte nachgehen, sie zu begreifen, und klar und ungeschminkt darstellen, ist Sache des wahrheitsliebenden Historikers. Wir wollen in folgenden Blättern die Geschichte der Juden in den Ländern der Kroatischen Krone der Wahrheit getreu wiedergeben, sine ira et studio d.h. ohne Voreingenommenheit und ohne Ärgerniss über die den Juden in früherer Zeit angethane Unbilden, denn das jüdische Herz schreibt Unbilden in den Sand, dass sie spurlos verschwinden; erwiesener Wolthateu hingegen, erinnert es sich stets in rührender Dankbarkeit. Und so wollen wir dem Gotte unserer Väter, der der Gott der gesamten Menschheit ist, aus tiefstein Herzens - gründe danken, dass er uns erleben liess, dass an Orten, wo bis zum Jalire 1868 kein Jude sich aufhalten durfte, die Pfieffe jüdischer Wissenschaft dugebahnt und bebaut werden darf. Dass solches auch für die Hebung der Cultur im gesamten Königreich Kroatien von Vortheil ist, liegt wol auf der Hand und braucht nicht des näheren ausgeführt zu werden, denn nur in der Wolfahrt aller Einwohner eines Volkes ohne Unterschied der Religion und des Standes kann ein Staat wahrhaft gedeihen. Das Gute reift hier wie überall im Leben langsam, aber sicher und unausbleiblich. Die Geschichte der Juden war bis vor einigen Jahren so romanhaft, dass sie in der That zu Romanen verwendet wurde. Soll ich sie schildern die Geschichte der Juden, die so viel Stoff Dichtern und Romanschriftstellern gege>en. Wer kennt nicht Eugen Sue's ewigen Juden, wer nicht Robert Hamerling's Ahasver in Rom, wer nicht des ungarischen Dichters Arany Janos, Az örök zsidö. Aber wenigen wird der traurigste Gedanke, der sich dem erhlich denkenden Geiste fast unwillkührlich aufdrägnt, in den Sinn gekommen sein, der traurigste und nieder drückendste Gedanke, der Gedanke nämlich, nirgends zu Hause zu sein, kein Vaterland haben zu dürfen, nicht keines haben zu wollen. Das ist die Geschichte der Juden, und die Geschichte, | diese untrügliche Lehrerin der Menschheit, sie wird Zeugniss dafür ablegen, dass die Juden herumgetrieben, | verfolgt, geächtet, verketzert, dennoch dem Staate, in i dem sie kaum Menschenrechte genossen, treu waren! und das engste Bindeglied, die Sprache des Volkes I nämlich, sich aneigneten und sie pflegten. Im Jahre 1751 nämlich wurden die Juden in Essek als räudige Schafe betrachtet, die keinerlei Rechte i gemessen sollten. Von den orthodoxen Serien heisst es i in den Acten des Carlowitzer Metropolitan Archives: | Man.soll die serbisch orthodoxen Einwohner so behandeln, | wie die Juden in Essegg, sie sind verpestete und ausj geworfene Schafe. „Isti (serb. orthodoxe) treba da izkuse Jakose Judaei" : u Osjeku, oni su sugave i sablazitelne ovee" so ist der Wortlaut dieses Erlasses. (1) Doch lässt uns auch diess erkennen, dass Juden, wenn j auch unter äusserst drückenden Verhältnissen und! wahrscheinlich nur auf die Dauer von 24 Stunden, sich in Essegg aufhalten durften. Allerdings nur als räudige : Schafe, die anstekend auf die anderen durch längeren; Aufenthalt wirken körinten. - Aber die Voraussetzung mit dem räudigen Schafe, sie stellte sich gar bald als eine irrige und unrichtige heraus; | denn schon im Jahre 1792 (2) finden wir, dass Juden in | Essek wohnen dürfen: nach der freundlichen Mittheilung des Herrn Oberrabbiner Dr. S. Spitzer in Essek ist der I Name des ersten in Essegg ansässig gewesenen Juden i Samuel Pfeifer. Aus der vom Oberrabiner Herrn Dr. ' S. Spitzer gehaltenen Rede bei der Grundsteinlegung | des neuen israelitischen Gotteshauses in der Oberstadt : Essek (3) die in kurzen Zügen die Geschichte der 1) In richtiger Erkenntniss der internationalen Aufgabe der Wissenschaft ist der echte Priester, der Kaplan der griechisch orthodoxen Kirche zu Belovar so liebenswürdig, mir sämtliche Actenstücke die auf die Juden Kroatiens Bezug haben, zur Verfügung zu stellen. Ich spreche meinem lieben Freunde hiefür öffentlich meinen Dank aus. Das hier citirte Erlass findet sich im 1. Punkte der Kroatischen Beschwerden am Landtage zu Pozim (Pressburg vom Juli des Jahre 1751 (Tz hrvatskih otjago«ceni punkt I.) (2) Aus Vanicek's Specialgeschichte der Militaergraenze aus Originalquellen und Quellen werken, geschöpft ersehen wir, dass schon 1787 Juden in Esseg wohnen durften III. Bd. Seite p. 297. (Der Wortlaut ist: Ira Jahre 1787 wurde im Anfange der ungarischen Krone ansässige und contribuirenden Juden gleich dvn anderen Inländern der IluAideL gestattet. (3) Womit weihen wir den Stein? Rede gehalten bei der feierlichen Grundsteinlegung des neuen israelitischen Gotteshauses in der Oberstadt Essek am 2G. Mai 1869 (16. äivan 5629, von S. Sp tzer Oberrabbiner daselbst. Der Reinertrag ist der Vertheilung den Stadtarme ohne Unterschied der Confession am Einweihungs. tage des Gotteshauses bestimmt. Preis 50 kr. Unser ehrwürdiger und in der Gelehrtenrepublik mit Recht anerkannter Gelehrter und Collega Herr Dr. S. Spitzer würde sich ein grosses Verdienst erwerben, wenn er in den ihm gewiss zur Verfügung stehenden Archiven Essek"s nähere Daten über die TU schichte der Juden geben wurde. Er ist ganz der Mann dazu, diese Aufgabe glänzend zu lösen.