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Der israelitische Bote · 1879-12-25 · 51/52 (25.12.1879) · p. [Seite 2]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
51/52 (25.12.1879)
Date
1879-12-25
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
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Rousseau, die Encyclopedisten und die Philosophen hinter uns haben. Unsere Väter fanden vor sich Juden, die, durch Verfolgung erbittert, sich ihrerseits zu rächen suchten: Durch Haß — an der Verachtung; durch Fluch — an der öffentlichen Beschimpfung; durch Wucher — an den Quälereien (freilich gilt das nicht von Allen, aber immer von Vielen). Wer würde unter solchen Umständen ihnen Vorwürfe machen wollen? Böses kann wieder nur Böses erzeugen, und es gab mithin für die Einen wie für die Andern wenigstens etwas, das man als Entschuldigung hinnehmen könnte. Aber was gibt es denn heute noch? — Es ist betrübend, die Anklagen anzuhören, die unsre Gegner erfinden: sie lasten mich erröthen vor meinem Jahrhundert, vor der Humanität. Von diesen Gebrechen — bittere Früchte der Verfolgung und oft genug Ursachen derselben — haben sich die Juden längst losgesagt, nicht allein in den Ländern, wo sie emanzipirt sind, sondern auch — durch den wohlthätigen Einfluß des Beispiels — da, wo sie als Sklaven seufzen, wo sie durch ihren Glauben leiden und sterben. Mit ihren häuslichen und religiösen Tugenden, mit ihren activen, praktischen und industriellen Eigenschaften, die sie durch alle Jahr underte zu bewahren wußten, vereinigen sie heute in eben dem wenn nicht in noch größerem Maße als ihre Verläumder die höchsten sozialen Tugenden: Würde, Uneigennützigkeit. Patriotismus. Für dieses Rumänien, welches sie als Parias behandelt, haben sie in den letzten Kriegen die heldenmüthigsten Opfer gebracht, sie haben dafür ihr Blut vergossen, ihr Gold verschwendet. Rumänien selbst hat dies anerkannt, ihnen dafür gedankt. . : hat sich aber bald wieder eines andern besonnen. In dem freien Amerika und im größten Theile Euxopa's habt Ihr die Juden emanizipirt, Ihr habt ihnen jede Laufbahn offen gelassen. Run haben sie die verschiedenen Laufbahnen betreten, reuistrt, machet Ihr ihnen ein Verbrechen daraus?! In andern Ländern, in glücklicherweise minder zahlreichen und mehr zurückgebliebenen, wollet Ihr ihnen die natürlichsten Menschenrechte streitig machen; Dank der freiheitlichen Zeitstcömung, die es nicht zuläßt, sie zu verjagen oder zu mißhandeln, duldet Ihr sie, d. h. lasset Ihr sie leben. Da man aber nicht leben kann ohne zu arbeiten, müßtet Ihr ihnen manchen Industriezweig, manchen Erwerb gestatten. Nun arbeiten sie, speculiren, und gewinnen — sich selbst bereichernd, heben sie den Wohlstand des Landes und bereichern es — und daraus wollet Mr ihnen ein Verbrechen machen? Ein Verbrechen, .iches euer Werk ist, euer Glück und zuweilen eure Größe; und was noch mehr ist: ein Verbrechen, das Euch zum Muster dient. Anstatt eifersüchtig zu sein, ahmet ihnen nach! Lernet ihre mächtigen Tugenden, ihre Geduld, ihre Ausdauer, ihren Eifer zur Arbeit, entwickelt wie sie eure industriellen, artistischen, wistenschastlichen uud literarischen Anlagen, und bald wird das Monopol, das Ihr ihnen mit Recht oder Unrecht zum Vorwufe machet, zu exsttiren aufgehört haben. — Ich mache mich hier auf zwei Einwendungen entgegengesetzter Natur gefaßt: Die eine wird von Nichtjuden — Christen oder Freigeistern — die andere von meinen Glaubensgenossen selbst erhoben werden. Die Ersten werden mir erwidern: daß ja alle diese Klagen gegen den Liberalismus der Zeit bloße Ausnahmen von der Regel bilden; denn wenn es wahr ist, daß bie Juden im Oriente, in Afrika und anch in manchen Ländern Europas verfolgt werden, so werden sie doch in Frankreich, wie unter den meisten civilistr- Völkern geliebt, geachtet und verehrt: Die meisten dieser Völker sind ja frei von Vorurtheilen und von Haß. — Wollte Gott, daß dem so wäre! Wohl giebt es allenthalben erhabene Geister, grade und rechtschaffene Herzen, welche die Menschen nicht nach ihrem Glauben, sondern nach ihren Thaten beurtheilen, für welche der so einfache und so große Satz Mirabeau's gilt: Ein Mensch ist ein Mensch. Aber wie viele giebt es solcher? Wie viele würden in den höheren Klassen, unter den Männern der Politik, der Presse, der Literatur, die Hand auf's Herz, betheuern können: Ein Jude ist für mich ein Mensch wie jeder Andere; freilich besteht die Gleichheit aller Bürger in unfern Gesetzen, aber diese Gleichheit ist noch nicht in unsre Sitten übergegangen. Man wird mich entheben, dies zu beweisen: Beweise dafür bieten sich täglich dar, vervielfacht, präsentirt den Augen aller oder lebhaft in dem Andenken Aller. Andererseits werden meine Glaubensgenossen mir einwenden, mir und meinen Collegen in der jüdischen Presse: „Das, was Sie da sagen, ist nur allzu wahr, aber dies müßte nicht uns vorgehalten werden. Das hieße ja den Bekehrten predigen. Ihre Worte gehen nur an jüdische Ohren; doch sind es die Christen, um die es sich aufzuklären handelt." — Leider, ich gestehe es, liegt darin die Schwierigkeit unsrer Lage. Wir sind Partei und Richter zugleich. Wir bekämpfen ein Vorurtheil, dessen Opfer wir sind, und daher verliert unser Wort an Autorität. Derjenige, welcher pro domo sua plaidirt, ist stets verdächtig, so gerecht auch seine Sache sein mag. Gegen voreingenommene Christen kann nur ein Christ mit Erfolg kämpfen. Mit Freude constatiren wir daher die Symptome einer wohlthuenden Reaktion, die seit einiger Zeit in diesem Sinne sich Bahn bricht in der liberalen Presse der beiden Hemisphären. Es ist erfreulich wahrzunehmen, wie sich den fanatischen Auslassungen des Predigers Stöcker, der giftvollen Prosa eines Marr, eines Glagau, eines Richard Wagner solche Zeugnisse gegenüberstellen, wie die eines Otto v. Meixuer, (im Berliner Wochenblatt unter dem schönen Titel: „Mehr Licht,") eines Scharlach (Universitätsprofessor zu Halle, bei Gelegenheit seiner Jubiläumsfeier, 10. Okt.); eines Dr. Spaeth (geistlicher Jnspector, Breslau, 15. Okt.); wie dasjenige eines anonymen Geistlichen in der „Union" dem officiellen Organ der «Vereinigten Evangelischen Gemeinden Nordamerikas." So haben wir unlängst einen kleinen Journalartikel aus dem „Rappel" gebracht, der von den besten Gefühlen der Gerechtigkeit und der Humanität für die jüdische Sache inspirirt ist. Auch haben wir vor uns den so gelungenen Artikel des Herrr: Bouadeau, (Jonrnal des Debats) welcher seinerseits herbeikam, um die thörichten Angriffe der deutschen Presse zu rächen." — (Der „Univers Jsraelite" fährt nun fort, das eben erwähnte Urtheil der amerikanischen „Union", das wir unfern Lesern bereits in Nr. 43 des „Jsr. Voten" mirgetheilt, zu zitiren. — Zu dem Debats-Artikel, von dem der „Jsr. Bote" ebenfalls in Nr. 47 Notiz genommen, seinem Verfasser dankend, «weil er sich auf die Seite der Schwachen gestellt, da wo ihm die Starken im Unrechte zu sein schienen," bemerkt der «Univers nmin mi) Ist die Thora ursprünglich in assyrischen oder samaritanischen Schristcharakteren niedergeschriebeu worden? Raschi erklärt: „Unter yiTItiOn 2712 versteht man die Schrift welche verändert worden ist. Der betreffende Vers befindet sich in Esra, zu dessen Zeiten man eine andere Schrift schrieb, welche durch den Engel verändert wurde, der unter Daniel die Worte: mene, mene, tekel ufarsin niederschrieb in aramäischer Sprache und aramäischer Schrift. Von diesen letzrern heißt es: Und sie konnten die Schrift nicht lesen, nämlich diejenige, deren der Engel zur Zeit Belschazars sich bediente, und da dortselbst viele Juden vorhanden waren, so geht daraus hervor, daß an jenem Tage die Schrift verändert wurde. Mit den Worten: minn 7WD n# wollte Moses andeuten, daß die zu seiner Zeit gebräuchliche Schrift einst sich umändern werde von der ebräischen in die assirische, welche letztere zur Zeit Daniels ihnen gegeben wurde und in der Esra später die Thora niederschrieb. (Rabbi sagt): In dieser Schrift ist den Israeliten die Thora gegeben worden zur Zeit Moses. Warum aber konnten sie die Schrift nicht lesen? Weil dieselbe den Israeliten, da sie zur Zeit des ersten Tempels die Thora mißachteten, in eine fremdländische verwandelt wurde. — Man denke bei dem Worte an ]>snn* Es zerbrach — d. h. vernichtete diese letztere das Andenken an die ehemalige Schrift, mit andern Worten: diese gerieth in Vergessenheit." — Die Erklärung Raschis ist sehr schwer begreiflich, denn die Deutung der Worte *)171t£0n 2712 als die Schrift welche verändert wurde, ist nicht die im ersten Wortsinne liegende. Vielmehr bedeutet das Wort 1171V2N wo immer es sich in Esra findet, so viel wie Brief: vgl. „Esra 4, 17. 24. Raschi selbst erklärte auch zu Esra 4, 17: „Ul yirmi 2D21 die Schrift deS Briefes war aramäiscy und in die aramäische Sprache übertragen! Ist dem aber so, welcher Beweis wäre es denn herzuleiten von der Schrift, deren sich jene Judenfeinde in ihrem Schreiben an den König bedienten, für diejenige, in welcher Esra die Thora niederschrieb! Ueberdies schrieben Jene doch nicht assyrisch, sondern aramäisch, wie es ausdrücklich heißt: „unv die Schrift war aramäisch." Wenn nun die Schrift selbst mit yintwn 2712 bezeichnet werden sollte, das heißt als die Schrift, in welche die bis dahin gebräuchliche sich umzuändern geeignet wäre, so wäre es schwierig festzustellen, in welcher Schrift eigentlich der Engel zur Zeit Belschazars schrieb, welche man nicht lesen konnte: dazu kommt, daß wir immer noch nicht wußten, wer eigentlich die Schrift veränderte; das einemal wird dies dem Engel, das andere Mal Esra zugeschrieben. Endlich ist es unerfindlich, warnm R. Jose, der Vertreter der in Rede stehenden Meinung, indem er zur Unterstützung seiner Ansicht drei Verse ansührt, zuerst den Vers aus Esra, darauf den aus Daniel und zuletzt den aus der Thora anführte. Wie immer dem sei, ich kann mich in den Worten der Boraita nach der Erklärung Raschis in keiner Weise zurechifinden! Mir würde es daher scheinen, daß die betreffenden Worte unserer Gelehrten auf folgende andere Weise zu erklären sind: Der Brief, von welchem berichtet wird, daß er in aramäischer Schrift und in aramäischer Uebersetzung abgefaßt war, war eine feindselige Anklageschrift, welche die Cuthäer gegen die Israeliten an den König Artachschaschta richteten, um den Bau des HeiligthumS zu Hintertreiben, wie es also heißt: „Da waren Rechum; der Rath, und Schimfchai, der Schreiber und ihre übrigen Genoffen aus Din und Afarsatach, Tarpal Afaras, Erach, Babels Deha, Elam Völkerschaften, welche Sanherib nach Samaria versetzte,) und andere Stämme, welche Osnapar, der große und prächtige, wegführte und in die Stadt Schomron und in andere Plätze diesseits des Stromes verpflanzte." Die letztere Benennung kommt daher, weil der Euphrat zwischen Palästina und Babylonien dahinströmt, so daß die auf palästinänsischer Seite wohnenden Volker den Babyloniern gegenüber die diesseitigen genannt werden (Raschi). Diese Kuthöer nun, die Schreiber des Briefes, welche weiß noch, wie stolz und dankbar ich war, als Du mich zum Bräutigam wähltest, höre mich noch Deinem Bruder die Worte nachsprechen, die Dich an mich banden, und weiß noch, wie unsäglich traurig ich war, alS ich meine kleine Frau verlassen mußte." — «Ist Dir oder Deinem Vater die Aufforderung des meinigen nie zu Gesicht gekommen?" fragte sie. Er schüttelte mit wehmüthigem Lächeln den Kopf. «Ein armer polnischer Judenknabe, der es in Berlin zu etwas bringen will, hat wahrlich andere Dinge zu thun, alS Aufforderungen in den Zeitungen zu lesen." „Aber Dein Vater?" „Wenige Tage nachdem er mich nach Berlin gebracht, raffte ihn eine schnelle Krankheit dahin. Aber meine Mutter lebt, o wie glücklich wird sie sein, wenn ich ihr die Tochter zuführe. Oder verlangst Du von dem Löb Baruch den Scheidebrief?" fragte er im Uebermaße seines Glückes, vom tiefsten Ernste zum Schwerz überspringend. „Da ich mich mit dem Profeffor Ludwig Borchardt vermahlen will, wird ihm wohl nichts übrig bleiben, als ihn mir zu geben," sagte sie auf seinen Ton eingehend. «Es ist mir lieb, daß Du mich Ludwig und nicht "» nennen wirst," fuhr er fort, „denn an den letzte- Namen knüpfen sich für Dich gar zu traurige Erinnerungeu. Sage, mein Herz, hast Du die unschuldige Ursache Deines Unglücks nicht gehaßt?" «Nein," antwortete sie, „im Gegentheil, ich hegte eine gewisse Dankbarkeit gegen ihn." „Wie so?" „Er bewahrte mich davor, verheirathet zu werden wie die Töchter unseres Volkes, ich hatte ein Grauen vor einer solchen Ehe und hätte mich doch den Geboten meines Vaters und des Herkommens zu fügen gehabt, wäre nicht mein unbekannter Gatte ein Hinderniß gewesen. So ließ man mich in Ruhe und störte mich auch nicht, wenn ich mich meinen Neigungen gemäß beschäftigte. Da ich ja doch niemals eine Hausfrau sein konnte, mochte ich in Gottes Namen eine Gelehrte sein. Fürchtest Du Dich nicht, einer solchen das Regiment Deines Hauses anzuvertrauen?" „Ich will es wagen", lächelte Borchardt, „um so mehr, als mir ja gar keine Wahl mehr bleibt!" Noch lange saßen die Glücklichen in angelegentlichem Gespräch. Jeder kleine Vorfall deL kurzen und für Beide doch so folgenreichen Beisammenseins ward erörtert und auch der leisist? beseitigt, daß Löb und Ludwig eine Person Von der Vergangenheit eilten dann ihre G-^u- ' zur Zukunft, die sich hell und licht vor ihnen ausbreitete. „Ich kehre sofort nach B. zurück und richte Dir das HauL ein, Esther, es dürfen nur wenige Wochen vergehen bis ich mein Weib heimführe," rief Borchardt. „Ein Wort dabei haben meine Eltern doch auch wohl noch mitznreden," lächelte sie, und fuhr dann erschrocken auf. «O mein Gott! Mein Vater muß ja jetzt schon angekommen sein, was wird er sagen, daß ich nicht da war, ihn zu begrüßen?" „Wir wollen ihm die Ursache Deiner Abwesenheit erklären, da wird er Dir die Versäumniß wohl verzeihen. Laß uns jetzt zu ihm gehen," sagte Borchardt. * * Während Esther und der Profeffor im seligen Beieinandersein die ganze Außenwelt vergeffen hatten, war Herr Moses Löwenthal in Charlottenbrunn angekommen. Sein Schwiegersohn Rosenblatt hatte es doch für gerathen gehalten, ihn schriftlich vom Stande der Drnge zu benachrichtigen und er war herbeigeeilt, in der Absicht, der Sache ein baldiges Ende zu machen. «Will der Profeffor Hanna heirathen, so halten wir morgen Verlobung," sagte er zu Rosenblatt und dessen Frau, die ihm auf dem Wege von Altwaffer nach Charlottendrunn noch einmal Bericht abgestattet hatten, „wtll er nicht, so fahren wir auf der Stelle nach Frankfurt." Fortsetzung folgt.

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