Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 51/52 (25.12.1879)
- Date
- 1879-12-25
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Bierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. Inserate: Die Petitzeile oder^deren Raum 10 Ps. Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. V. Jahrgang. Aonn, 25. Dezember 1879 (5640). An llie geckrten Abonnenten lies',JZrne!itiscken Iro. 5«» Möge doch unsern geehrten Abonnenten der Gedaltkc keine Sorge machen, als wollten wir sie mit der langweiligen Lectüre eines zeitgemäßen Einladungs-Artikels überraschen. Nichts weniger als das. Gehörte es doch nie zu unserer Schwäche, Modejäger zu sein. Auch fanden wir nie Geschmack daran, Stilproben in Form von „Ein Wort an die Leser" abzulegen. Außerdem machen Artikel dieser Art auf uns den Eindruck jener Charlatane auf den Carresuren in Großstädten, die sich die Kehle aus dem Halse schreien, um ihre Waare anzupreisen. Ja wir hatten diese Maulhelden am Werke zu betrachten oft genug Gelegenheit gehabt: wie sie da ihr Gestell aufrichten, sich gravitätisch darauf postiren, und, während sie ihre Zungenfertigkeit bewundern lassen, allerlei albernes Zeug zu Tage fördern. — Und was hätte es im Grunde genommen für ein ernstes Journal auch zu bedeuten, die Leserwelt durch eitle Phrasenmacherei captiviren zu wollen? — daher zur Sache: Mit dem Schlüsse des bürgerlichen Jahres schließt auch der fünfte Jahrgang des „Israelitischen Boten^. Er tritt sodann, s. G. w., in das sechste Jahr seines Bestehens ein. Ohne uns der Ueberhebung schuldig zu machen, dürfen wir es mit bestem Gewissen aussprechen, bisher alles Mögliche aufgeboten zu haben, um unsern Lesern eine gesunde, geist- und herzstärkende Lectüre in den Spalten des „Jsr. Boten" zu bieten. Die Leitartikel unseres Blattes im Verlaufe des letzten Quartals werden hoffentlich noch bei Vielen unserer Leser in gutem Andenken sein. Gediegene Aufsätze, die talmudische Literatur beleuchtend, wie lehrreiche Besprechungen jüdisch-literarischer Erscheinungen bildeten stets die Hauptabschnitte in unserm Blatte. Interessante Neuigkeiten, Juden- und Judenthum angehend, unterhaltende Feuilletons, deren Inhalt das jüdische Familienleben in mannigfacher Beziehung schildert, füllen die untern Räume des Blattes. — Mithin wagen wir es, uns der Hoffnung hinzugeben, daß auch in Zukunft die Teilnahme der jüdischen Leserwelt an dem Fortbestände des „Jsr. Boten" dem Aufwande an materieller und geistiger Kraft entsprechen wird, den wir, im Vertrauen auf Gott und die gute Sache, muthig und ohne Opferscheu, an das Werk zu setzen nie Anstand genommen. Neu hinzutretende Abonnenten erhalten auf Wunsch die bereits angefangenen Feuilletons: „Im Banne des Gesetzes", „Ein Schächter als Bischof", die Abhandlung „Die Tochter als Minderjährige re." von Dr. Gastsreund, soweit der Vorrath reicht, gegen Nachzahlung von nur 1 Mark franco nachgeliefert. Eine neue höchst interessante Erzählung, betitelt „Aus dem Leven eines jüdischen Waisenknaben" hat bereits in einer frühern Nummer begonnen. Unter dem Titel „Der Arzt und seine Braut" werden wir im nächsten Quartal eine große spannende Original-Novelle bringen, welche vom Verfasser (einem eifrigen Mitarbeiter unseres Blattes, trotz seinem Alter von 73 Jahren) frisch und äußerst anziehend geschrieben ist. Wir bitten um zahlreiche Betheiligung und gefällige Empfehlung in Freundeskreisen. Alle Postämter, sowie die Expedition des „Israelitischen Boten" nehmen Bestellungen entgegen. Abonnements-Preis pro Quartal 8 Mark; Inserate pro ^etit-Zeile nur 10 Pf. Für den 6. Jahrgang, der im nächsten Monat^Ms "1. Quarrt beginnt, haben wir außer den angeführten Lecturen noch viele böchst interessante Original-Arbeiten und schöne Erzählungen zum^ druck bereit. Die Redaktion und Expedition des Israelitischen Boten. Leitender Artikel. G. ft. „La Haine du Juif" (Der Judenhaß.) Düsen modernen Namen trägt ein Artikel in dem pariser „Umbers Jsraelite," der den Redakteur des genannten Blattes, Herrn Rabbiner L. Wogue, Prof. j am Rabbinerseminar zu Paris, zum Verfasser hat.! Der gelehrte Berfasser hat es verstanden, seinem Gegen-! stände, über welchen Inder neuesten Zeit unverhältj nißmäßig viel gesprochen und geschrieben wurde, so! manche neue Gesichtspunkte abzugewinnen. In Folgen-! dem wollen wir nun unsern Lesern den Inhalt dieses Artikels in der Uebersetzung treu wiedergeben. Leider ist es noch immer nicht unzeitgemäß, über Judenhaß zn reden. Noch immer treten sporadisch Fälle von Menschenhaß auf, die uns Juden bedenklich stimmen. Der „Uuivers Jsraelite" läßt sich also vernehmen: ’ „Ich b'tte meine Leser und namentlich meine christlichen Leser — die zufällig diese Zeilen zu Gesichte bekommen sollten — sich Eine Sache gesagt sein zu lassen, nämlich die: daß düse Zeilen von einem völlig unparteiischen Standpunkte ausgehen. Nicht als Israelit, sondern als Mensch will ich reden. Ich denke mich für einen Moment weg von meinem angeborneu Glauben, meiner religiösen Erstehung, meinen confessionellen Gefühlen; ich will hier weder meine Bewunderung für die Helden unserer Geschichte, noch den Schmerz ob dessen, was sie gelitten, weder meinen Zorn gegen die Scharfrichter, noch meine Sympathie für die Opfer reden lassen: ganz eine ira et studio. Als einfacher Beobachter, wie dies der erstbeste Christ sein könnte, als Philosovh ohne Leidenschaft und ohne Vornrtheil, als unparteiischer Zeuge der Thalsachen meiner Zeir will ich die Dinge betrachten und fragen: Woher stammt düster Judenhaß, selbst in den civilü sirtesten Ländern, bei vollster Herrschaft des neunzehnten Jahrhunderts, achtzig Jahre nach einer Revolution, die, indem sie uns emancipirte, doch wohl auch alle Geister emancipjren, aller Unterdrückung und aller Bevorzugung ein Ende machen, alle Fesseln zerreißen allen Haß tilgen müßte? Wie konnten aufgeklärte Nationen eine solch traurige Erbschaft von der Vergangenheit acceptiren? fortsetzen, und dies zuweilen durch eigene Zurhaten, die verhaßtesten Traditionen! der Menschheit?! Ja, wir haben nicht einmal (wohl gemerkt: ich rede da nicht als Jude) zu unsern Gunsten die mildernden Umstände, die unsre Bäter für sich anrufen konnten: Jene waren unwissend, während wir das Jahrhunderl der Aufklärung sind; Jene waren fanatisch, während wir Freigeister oder nur ziemlich schlechte Glaubensbekenner sind; Jene hatten hinter sich Peter den Einsiedler, den h. Bernhard, Valverde und Savonarolr, während wir Mirabeau, Gregor, Voltaire und 3« Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. (Fortsetzunz siehe Nr. 49.) - Der Pole und sein Sohn sind wie vom Erdboden verschwunden, der Mann, dem ich vermählt bin, ist nicht aufznfinden. Vielleicht lebt er nicht mehr und ich bin Wittwe-, fügte sie bitter hinzu, »jedenfalls steht sein Schatten zwischen uns, ich bin sein Weib und unerbittlich ist das Gesetz!" Sie schwieg. Die so lange behauptete Ruhe und 'Festigkeit verließ sie; schluchzend barg sie das Gesicht in den Händen. Borchardt ergriff die beiden Hände, zog sie ihr vom Gesicht weg und sagte, fiesest in der seinigen haltend: „Esther, wenn Löb nun doch nicht verschwunden wäre, wenn ich ihn aufzufinden wüßte?" „Sie, Sie wüßten ihn aufzufinden?" fuhr sie auf. „O, hoffen Sie das nicht, auch ich glaubte früher, man könnte ihn doch vielleicht noch entdecken und ihn vermögen, mich frei zu lasten, längst habe ich jede Hoffnung darauf aufgegeben. „Ich entdecke ihn," sagte der Profeffor zuverfichtj lich, „weiß aber ganz bestimmt, daß ihn alle Schätze der Welt, kerne Macht der Erde dazu vermögen, Esther den Scheidebrief zu gebend fügte er innig hinzu. „Sie kennen ihn, kennen ihn wirklich?" rief Esther, „es ist nicht blos eine leere Hoffnung, Sie haben eine bestimmte Spur." „Ich kenne ihn.* „Und Sie behaupten, er würde mir den Scherdebrief nicht geben?" „Nie und nimmer!* „O, so suchen Sie ihn nicht auf. Ich glaubte, es gäbe kein größeres Elend, als auf den verzichten zu müssen, den ich liebe, und jetzt öffnet sich mir die Aussicht aus ein noch furchtbareres Geschick." Länger vermochte sich Borchardt nicht mehr zu j halten. „Esther, meine Geliebte, meine Braut, mein Weib," rief er, „ahnest, fühlst Du es denn nicht, daß der Gesuchte vor Dir steht. Ich bin jener Löb, der Sohn jenes armen bettelnden polnischen Juden, mir bist Du vermählt, ich bin derjenige, um dessentwillen man Dich mir versagen wollte!" Er schloß sie in seine Arme unb bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Willenlos, einer Ohnmacht nahe, ließ sie den Strom seiner Zärtlichkeit über sich ergehen, und erst als er sie still und selig wie ein müdes Kind Minuten lang in seinen Armen gehalten, fand sie Fas suug genug um zu fragen: „Sie wären jener Löb? Ich kann es nicht glauben es wäre des Glückes zu viel. Sie täuschen sich." „Ich täusche mich nicht, Esther. Als ich Dich hier in Eharlottenbrunn zum ersten Male sah. blickten mich Deine Augen so lieb und bekannt an. Es war mir, als hätte ich sie schon gesehen und sie wären der Leitstern gewesen, der mich durch das Leben begleitet, der köstlichste Lohn, der mir am Ziele meines Strebens gewinkt. Wo ich sie aber geschaut, das konnte ich mir nicht klar machen — jetzt weiß ich es. Es waren die Augen jenes Kindes, das einst im Spiel mir angetraut ward. In der Arbeit, im Ringen und Kämpfen habe ich jenes Kinderspiel vergeffen, aber Dein Bild ist mir geblieben. Haft Du keine Erinnerung mehr an den Knaben? „Ja,"' sagte Esther, „aber sein Bild hat keinen Zug von dem des Mannes." „Kein Wunder, ich mußte auch von Grund auf ein Anderer werden und das Antlitz ist der Spiegel des Innern", versetzte der Professor sinnend. „Ulch doch bin ich jener vöb Baruch. wenn ich auch soga^ den Namen abgelegt habe, den er einst trug. Al Einzelheiten jener Hochzeit in L. sind mir bei Dei' Erzählung wieder in die Erinnerung gekommen.