Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 50 (11.12.1879)
- Date
- 1879-12-11
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber wie schmerzlich hat sich seitdem Alles bei uns geändert.^ Das Interesse für die heilige Sache und die religiöse Heiterkeit ist längst aus vielen, vielen Häusern geschwunden. Es hat sich leider Alles verändert, und wir sind dabei wahrlich nicht glücklicher geworden. Die dürre Gegenwart hat, wie jene Aehren im Traume Pharaos, wie uns der diesmalige Wochenabschnitt erzählt, eine freudige blühende Vergangenheit verschlungen, und es ist ihr nicht anzusehen, welche Jahre ihr vorangegangen. O, welche tiefe Beschämung muß uns ergreifen, wenn wir uns in jene Zeiten zurückversetzen, in welchen das Chanukafest gegründet wurde. Mit welcher unerschütterlicher Treue, Kraft und Gottesfurcht sahen wir damals Greise, Jünglinge und Frauen jeder Zumuthung widerstehen, von dem Gebote ihrer heiligen Religion abzuweisen, jeden fremdartigen Gebrauch, der selbst nur dem Anscheine nach, auf eine Anerkennung einer fremden Religion schließen ließ, mit Entrüstung zurückweisen. Das Chanukahfest zeigt uns, wie man damals über den heiligen Glauben dachte, und wie es in unserer jetzigen Zeit aussieht. — Wie viel giebt es zu bedenken, wenn wir bemerken, wie das, wofür unsere Väter ihr Leben hingegeüen, einer großen Anzahl ihrer Nachkommen kaum irgend einer Berücksichtigung werth scheint. Während in jener Zeit die Eltern es für heilige Pflicht hielten, ihre Kinder für den göttlichen Glauben zu begeistern, sieht man leider in der Jetztzeit, wie sie dieselben der Religion immer mehr entreißen. Für ein anderes Fest begeistern sich jetzt unsere Glaubensgenossen. Eilig strömt Jung und Alt auf den Weihnachtsmarkt um einen Baum und alles, was dazu gehört, einzukaufen, um das Weihnachtssest recht würdig zu begehen. Ein Fest, welches unsere.Vorfahren nur durch die davon entstandenen Leiden und Verfolgungen kannten. Und erklärt man den Alten, wie widersinnig diese Sitte sei, und daß sie im schroffsten Widerspruche mit dem jüdischen Hause stehe, dann geben sie zur Antwort: „Es ist ja nur ein harmloses Spiel zur Freude der Jugend!" Sie bedenken nicht, daß dieser Baum nichts weniger als „harmlos* vielmehr ein grausames Spiel mit dem Herzen .der Jugend ist. — — ms Xtnw eine Pflanze deren Wurzel das zarte Herz der Jugend total überwuchert, e8 vergiftet, kein Plätzchen für den o^nn yy den Lebensbaum gestattet, und für jede Lehre der Torah unempfänglich macht. Was soll, was kann das jüdische Kind sich denken, wenn in dem Hause seiner Eltern bei einem Feste, das seinem ganzen Wesen nach der jüdischen Religion fremd, ja zuwider ist, illuminirt wird, während es vom Chanukahfeste, dem wahren Zeugniß thatsmächtiger Begeisterung für das Judenthum, keine Spur sieht. — Allein sollte es gar nicht möglich sein die Fehler, welche die Eltern an ihren Kindern begangen, nach Kräften wieder gut zu machen. Wohl stehen uns keine Zwangsmittel zur Ausübung der Satzungen zu Gebote. Aber sie Mittel der Belehrung sind uns in den Händen gegeben, welche, mit Verständniß gehandhabt, sich wirksamer zeigen als der Zwang und diese unbenutzt zu lassen, wird den Lehrern Israels zur Sünde gerechnet werden müssen. Der Religiouslehrer muß es verstehen, das Kind zu belehren, wie wichtig und bedeutungsvoll für alle Zeiten das Chanukahfest ist, wie unjüdisch hingegen der Weihnachtsbaum, so daß das Kind, zu dessen »Freude* angeblich diese neue Sitte stattfindet, selbst die Eltern aus die Werthlosigkeit dieser Ceremonie in jüdischen Häusern, wie auf die Wichtigkeit des Chanukahfestes aufmerksam macht. Wenn diese Mittel recht benützt werden, dann wird es gelingen, die Augen zu erleuchten und die Herzen zu erwärmen im weihenden Strahle LerChanukahlichter, und wir werden die Freude genießen, dieses schöne Fest feiern zu sehen, wie in früheren Zeiten. Einst und jritt. Betrachtung zum gegenwärtigen Chanukafeste von G. R. Mit Heldenthaten und Siegen seiner Ahnen großthnn, hieße: sich mit fremdem Ruhme krönen. Eine solche Eitelkeit lag auch nie im Charakter des jüdischen Volkes. Wenn die Geschichte von den Siegen eines Jehnda Maccabi über der Syrerkönig Antiochus Epiphanes (174— 164 vor Ehr.) berichtet, und wenn wir zweitausend Jahre später noch das Andenken feiern jener von so glänzendem Erfolge begleitet gewesenen Thaten den Hasmonäer, die mit einer unverhältnißmäßigen Minderzahl gegen die aus allen Theilen seines weiten Reiches zusammengezogenen Truppen des Antiochus den Sieg davongetragen, so geschieht dies, indem wir, Bundesgenossen derjenigen, die einst für Gewissensfreiheit so wacker gefachten, deren Namen theuer bewahren und den Gott der Väter, der heute als Gott aller Menschen anerkannt ist, damals jedoch von den Heidenkönigen der Erde als jüdischer Nationalgott und für besiegbar gehalten wurde, loben und ihm unsre Dankgefühle weihen, ihm, dessen waltende Hand sich so mächtig und wundervoll den Muthigen gezeigt. Mehr aber noch wie die siegreichen Erfolge unserer Vorfahren zu jener Zeit, wollen wir die Ursachen iu's Auge fassen, die sie zu ihren Heldenthaten herausforderten. Es hat zu allen Zeiten Tyrannen, geistige wie leibliche, gegeben, die die Menschen in deren natürlichen Rechten zu beschränken suchten. Wie Letztere zu denken, was sie zu thun haben, das zu überwachen, hielten sich Erstere für berufen, das jüdische Volk unterschied sich aber von jeher in diesen beiden Punkten gerade von allen andern Völkern. Sich zwar der jeweiligen herrschenden politischen Ordnung willig fügend, das allgemeine Wohl stets hochhallend, dachte und that es da, wo es sich um seine intimen Lebensverhältnisse handelte, nach den Vorschriften gewisser Gesetze, die ihm als heilige Rezepte galten zur Eonservirung von Körper und Seele. Die Tyrannen des Alterthums, mit aller Welt fertig, da bereits Alles nach ihrem Wunsche ging, fingen sie mit Israel an. Wo alles gehorcht, sagten sie sich, da wird sich doch wohl dies kleine Völkchen nicht hartnäckig zu sein unterfangen. Dabei muß man der alten Zeit die Genugthuung wiederfahren lassen, daß es in ihr den Gewaltigen der Erde nicht immer darauf ankam, Israel seiner politischen Freiheit zuberauben. Nicht dieser galt es oft, vielmehr der Glaubensfreiheit. Auch der Syrerkönig Antiochus würde es verschmähet haben, jedes andere Attentat, als das, welches gegen die jüdische Religion, gegen die Idee eines unsichtbaren Gottes gerichtet ist, an Israel zu verüben. Aber gerade diese ideale Seite war es, nach der hin er seine Herrschaft geltend zu machen suchte: Israels Geist, Moral und Glauben wollte er besiegen. Menschenvergötterung war dem jüdischen Geiste ewig fremd; wie sollte nun auch eine solche negative Gesinnung dem heidnischen Könige Wohlgefallen? Betrachtet er sich ja andern Menschenkindern gegenüber als Gott den Herrn, und für das möchte er auch angesehen werden. Der Feind, dem die Maccabäer gegenüberstanden, strebte das an. was tausend und einige hundert Jahre nach ihm in ihrer GlaubenSwuth Andere angestrebt, und dies im Namen einer Religion, die Gott als Vater aller Menschen anerkennt, deren Dekennern man nie derartige Verirrung zugemuthet haben würde. Das Mittelalter bildet gewissermaßen einen mildernde« Umstand für Israels Feinde im Alterthum: Diese kämpften ohne Bewußtsein Gottes gegen Gott, jenes mit Gott gegen Gott. Wirft man nun einen Blick auf die Geschichte des jüdischen Volkes von einst und jetzt, so stellt sich bald Folgendes heraus: In der allen Zeit suchten heidnische Fürsten Israel in seiner moralischen Freiheit zu unterdrücken, sie wollten ihm seinen Gott streitig machen, aber Gott, mit dem sie concurriren zu können glaubten, half uns; im Mittelalter wieder suchten gleichfalls die Fürsten, Israel von seinem Glauben abwendig zu machen und es gleichzeitig materiell zu ruiniren. Aus diesem Kampfe kam leider das jüdische Volk blutend zerschlagen heraus; in jetziger Zerr suchen (nicht mehr sind es Fürsten, sondern) Menschen unsersgleichen aus gemeiner Neidsucht (nicht etwa die jüdische Religion zu verdrängen, sondern) den jüdischen Charakter anzuschwärzen, das Existenzrecht der Juden außerhalb Palästinas in Frage zu stellen. Dazu hat man die „Judenfrage* erfunden. Und gegen dieses Uebel können und müssen wir uns selber schützen. Aide-toi, et le ciel t’aidera! Zeitungsnachrichten und Eorrespondenze». Deutschland. Bonn. Anfangs Dec. Ueber das entsetzliche Brandunglück, welches sich in dem Hause Nr. 21. der Wexstraße zu Hamburg ereignete und dem, wie die ,Hamb. Nachrichten' melden, nicht weniger denn 13 Personen (sämmtlich Frauen und Kinder) zum Opfer geworden, erhielten wir eine Privatmittheilung dato Hamburg 1. December, welche folgende traurige Details bringt: Dem jüngst hier stattgesundenen Brande, sielen acht jüdische Menschenleben zum Opfer. Bei der Beerdigung der acht Leichen sprachen die Herren Oberrabbiner Stern und Dr. Katzenstein ergreifende Worte an die zahlreich erschienene Versammlung. Unter den Unglücklichen befanden sich nämlich auch zwei Mädchen die die Privatschule des Dr. Katzenstein besuchten. Gerade in der Abendstunde als die Gedachten mit Erledigung israelitischer Schulaufgaben beschäftigt waren, ereilte sie das Unglück. Bonn. Aus Paris wird geschrieben: Wie verlautet, soll zum Commandanten von Baris der General Lambert berufen werden. Derselbe zählt zu den jungen Generälen in der französischen Armee und ist Jude. Auch der Brigaden-General See zu Paris gehört dem jüdischen Stamme an. 8 BreSlau, 28. Nov. (Orig. Corresp.) Trotz der beiden Neligionsschulen, die die hiesige Gemeinden mit je 3 Lehrern unterhält und trotz der bestehenden hebräischen UnterrichtSanstalt des Hr.Dr. Neustadt giebt es hier dennoch 100 von jüdischen Kindern die ohne religiöse Unterweisung aufwachsen. Der JndifferentiSmus hat bei vielen eine solche Ausdehnung gewonnen, daß sie auch nicht einmal im Jahr« daran denken die Unterpfänder ihrer Liebe auf die Vergangenheit ihres angestammten Volkes und auf die Aufgaben des Judenthums hinzuweisen. Mehr als die Eltern sind hier die armen Kinder zu bemitleiden, welche häufig genug in die Lage kommen, sich solcher Unwissenheit zu schämen. Indessen kommt es nicht selten vor, daß sich einige i« letzten Momente, d, h. in der Regel wenn die Zeit zur Barmizwah-Feier der Knaben heranrückt aufraf- und Endbuchstaben ihres Namens paßte, den ihr verstorbener sehr gelehrter Vater ihr ausgewählt, und gleichzeitig als Trost für jede Lebenslage mit auf den Weg gegeben hatte. Er lautete: TOO unw nb L>M ffP O'P " 1 Tl-Q Gelobt sei Gott von Tag zu Tag, ladet er uns auch Last auf, so ist er doch wieder der Gott unserer Hülfe. Unzählige Male, wenn ihr Mann muthlos werden wollte, wenn Mißgeschicke sich eingestellt, hatte sie ihren Lieblingsspruch gebraucht, und in dem Herzen des Knaben hatten diese Worte sich tief eingegraben. Mit der größten Zärtlichkeit hing er an dieser seiner zweiten Mutter, und als eines Tages die Nachricht kam, daß seine wirkliche Mutter das Zeitliche gesegnet, empfand er weniger den Schmerz darüber, durch die Gewohnheit in seiner neuen Heimath. Die Bilder der ersten Jugendjahren waren durch Zeit und Entfernung schon stark in ihm verwischt. So lebte der Kleine unbekümmert um die Außenwelt, wie um die eigene Zukunft, im Hause seines Onkels nter den Augen der besten Frau, als ihn früh Mor- 7 die Neuigkeit überraschte, es sei in der Nacht ein Mädchen angekommen und er habe nun ein sterchen. war dies die Erfüllung eines lang gehegten »'•nnaeeltern, aber wie der Mensch oft nicht weiß, um was er den lieben Gott bittet, hatte auch der Onkel unseres Benjamins nicht geahnt, daß die Geburt eines Kindes seiner lieben Bertha das Leben kosten werde. Da stand er nun, der arme Mann, an der Bahre seines treuen Weibes, mit einem Wesen das ihr alles verloren hatte, ohne sie gekannt, und ihr nur ein einziges Mal ins treue Auge gesehen zu haben. Zu theuer war das Leben dieses Kindes erkauft, und starr und sprachlos folgte auch Benjamin dem Sarge seiner Wohlthäterin. Er fühlte nun mit einem Male, daß sie ihm so unendlich viel gewesen, und er um seines besten Schutzes, seines treuesten Herzens beraubt sei. Er nahm sich vor, wenn das kleine Mädchen herangewachsen sei, ihm alles zu lehren, so wie er von dessen verstorbener Mutter gelernt, er wollte über das Kind wachen, wie auch sie über ihn gewacht; aber der Mensch denkt, und Gott lenkt. Im Hause ging alles seinen gewohnten Gang. Langsam erholte sich der Onkel von dem ihn getroffenen harten Schlag, und er dankte Gott, daß seine Magd, die schon längere Zeit bei ihm diente, sich der Pflege seines Kindes so sehr annahm, sie sorgte für Alles, ihm selbst fehlte es an keinen seiner gewohnten Bequemlichkeiten, sie beachtete sein ganzes Hauswesen, nud besonders sein Kind. Nur Benjamin fühlte die Lücke, me zwischen dem Onkel und ihm entstanden, denn jeder hatte jetzt nur Augen für sein Kind, und wie es schien, 'auch bald für dessen Pflegerin. Fortsetzung folgt. Die Tochter als Minderjährige, als Braut und als Gattin. Trru nach der Talm. Literatur gereichnrt von vr. Jsaae Gastfreund in Wien. Die Tochter als Gattin. Die Polygamie hat stets durch die Nebenbuhlerschaft der Weiber den Frieden im Hause der Gatten gestört, und die Siitenreinheit getrübt. Es frägt sich nun zuvörderst, ob die Polygamie bei den Juden in der talmudischen Zeit im Gebrauch war? und wobei wir auch im Allgemeinen zu untersuchen haben, wie nachtheilig dieser Einfluß auf das eheliche Leben gewirkt hat? Die erste Frage muß entschieden mit Ja beantwortet werden. Einige Stellen im Talmud zeigen Spuren von