Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 48 (27.11.1879)
- Date
- 1879-11-27
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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TV':'. V7 und im Lande des Unglaubens und des Aberglaubens erzogen war, einen Fehltritt Ihnen und in seiner Kurzsichtigkeit und in seiner Unwissenheit opfert es dem goldenen Kalbe und rief "itMR "jn^Ä Dn^D ]nKD Tibyn, dies ist dein Gott, Israel, der dich herausgeführt aus dem Lande Aegypten". Und Gottes Zorn entbrannte über sie und vernichtet hätte er sie, wenn nicht Moseh, ihr Führer, zu Gott hingetreten und gefleht hätte für das kurzsichtige, unwissende Volk. Wir aber, die wir die Wunder Gottes von unseren Vorältern vernommen, die uns nicht die Unwahrheit berichtet 'npt£^ *6 0*01, die wir selbst schauen, wie des Allmächtigen Hand sich augenscheinlich an uns groß bewiesen hat, anderenfalls wir ja längst untergegangen wären in Folge all der Verfolgungen, die über uns ergangen, wir, sage ich, sollten dem goldenen Kalbe, den irdischen Gütern abermals Opfer bringen, während doch das Gesetz unter uns wohnt, Gottes Wort sich so oft als wahrhaftig und wunderbringend bewiesen hat? Fern sei das von uns! — Und derjenige, der sich so vergißt, derjenige, welcher das Heilige so in den Staub zieht, mit ihm können wir keine Gemeinschaft haben. Und wenn wir zu unserem Leidwesen sehen, wie die Geschäfte betrieben werden an unseren heiligsten Tagen, und die Führer selbst nicht nur nicht in die Bresche treten und nicht einmal die Pietät gegen die alten, ehrwürdigen, durch Jahrtausende geheiligten Satzungen sie dazu veranlaßt, das Wort zu ergreifen und zu eifern für den Herrn, sondern sogar selbst in solchen Wegen wandeln, da ruft das Gesetz uns zu 'np ID „wer zum Herrn hält, der komme zu mir", wie einstens Moseh gerufen; wer nicht in den Sumpf gerathen will und mit untergehen, der suche eine neue Gemeinschaft, eine Gemeinschaft, die da hält, was Gott geheiliget hat, eine Gemeinschaft, die da Nespect hat vor den Jahrtausend alten Institutionen, die uns, selbst im Unglück, Trost gespendet und die Familienbande Israels fest und dauerhaft gemacht haben. Und wie umschlang sonst Israel ein einziges, festes Band, wie war es vereint und einig durch die Einheit seiner Gebete zu Gott, wie fühlte sich der Fremde einheimisch, und der Verbannte glaubte sich auf heimathlichem Boden, wenn er die Beihäuser seines Volkes betrat, und überall und allenthalben dieselben Gebete erschallen hörte aus dem Munde seines Volkes, dieselben Gebete, die einst seine Eltern ihn gelehrt, als er anfing zu lallen die Worte, dieselben Gebete, welche ihn aufnahmen in den heiligen Bund des Glaubens, vn derselben Sprache, in welcher einst die treuen Freunde am Sterbebette seiner Eltern zu Gott gefleht, in derselben Sprache, in welcher Gott einst auf Sinai geredet, und in welcher man auch uns einstens Trost im Sterben reichen wird. Und diese altehrwürdigen Gebete, die Herzensergüsse wahrer Gottesmänner, diese alte, ehwürdige Sprache auch an sie hat man die Hand gelegt und Fremdes sucht man einzuschmuggeln in den Tempel unseres Gottes, und, so das Ehrwürdige antastend, hat man das NO52N der Alten uns entfremdet und einen Dienst eingeführt, der nicht aus dem Innersten wahrer Gottesverehrung entstammt, einen Dienst, der der Eitelkeit fröhnt und die Sinne umgaukelt. In die Wohnung unseres Gottes, der Ernst verlangt von unserem Gebete, der selbst seine Opfer vorgeschrieben und die Art, wie er gedient sein will, hat man hineingetragen :DDrvDx di-w >6 *1*0 nnpD nwn „Neues vor Kurzem Aufgebrachte, das unsere Vorältern nicht gekannt. Der Weibersang, der dem Ernste des Gebetes nicht entspricht, der nur die Sinne lockt, der nur der Eitelkeit den Sieg erringen will, von dem unsere Weisen sagen: 'rnhy fflPiO blp „der Weibersang verleitet zur Unkeuschheit", er ertönt im Hause unseres Gottes, des Gottes Abraham's, Jsaac's und Jacob's, und an dem heiligsten der Tage, an dem der hohe Priester in weißen Gewändern, in Kleidern der Reinheit und Lauterkeit einging in das innerste Heiligthum, da ertönt solch uugeweihtes Lied in dem tDVD t£HpD in dem stellvertretenden Heiligthum, und, verspotten» die Traditionen unserer Väter ergötzt man sich da an unerlaubter Musik. Und so lockert man die Bande, und so verstößt man gegen Gesetz und Recht. Wenn nun einst die Söhne Ahron's, die da nur aus übertriebenem Diensteifer und Liebe zu Gott fremdes Feuer dardrachten, von diesem Feuer verzehrt wurden, wie leicht könnte auch dieses Fremde, welches aber nicht aus Feuer, sondern aus Kälte, aus eisiger Kälte besteht, welches nicht etwa aus übertriebenem Eifer, sondern aus Vernachlässigung und unverschämter Verachtung der Gesetze entstanden ist, wie leicht könnte dieses uns verzehren und ins Verderben stürzen uns und unsere Kinder! Die Söhne Ahron's, sie glaubten Gott zu dienen mit fremdem Feuer, aber fraget sie, welche den fremden Dienst in Gottes Heiligthum hineingetragen, ob sie glauben, damit dem Herrn dienen zu können. Und wenn sie die Stirne haben, es zu bejahen, so schauet ihre Thaten, so blicket auf ihren Wandel, und gestehen müßt Ihr euch, daß ihr ganzes Dichten und Trachten nur eitel ist und Hoffart. Und sowie einst Therach, als sein Sohn Abraham die Götzen zerschlagen und einem unter ihnen den Stab in die Hand gelegt und seinem Vater sagte, der eine, der den Stab in der Hand halte, habe die anderen erschlagen, diesen Glauben nicht setzte in seine Idole, so setzen sie, die da huldigen dem fremden, unerlaubten Cultus keinen Glauben in ihre Idole und möchten, gleich wie Therach einst seinen Sohn dem Nimrod zur Bestrafung überantwortete, diejenigen, welche Gott von Herzen dienen, verfolgen und das Gesetz gegen sie anrufen, aber Gott selbst hat uns beigestanden und das Gesetz unseres Staates, der da weise gelenkt wird von einem edlen Könige, verleiht uns Schutz gegen unsere Widersacher und bewahrt nns vor den fanatischen Angriffen der Feinde Gottes. Und nicht brauchen wir Gemeinschaft zu machen mit denen, so da sich ihm entfremdet haben, und dienen können wir Gott m'O'lDlp QVltym Dhy wie in früheren Zeiten und vormaligen Jahren. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Bonn. (Seelensängerei.) Altmodisch getauft worden (nach Art der ersten Apostel) ist unlängst ein jüdisches Mädchen von 15 Jahren durch den Prediger der sich nennenden Baptisten-Sekte in Berlin. Das leichtsinnige Kind ließ sich verleiten und nahm sich mit ganzem Herzen vor, Anhängerin der genannten Sekte zu werden. Doch machte es die Rechnung ohne die Wirthe. seine braven, jüdischen Eltern, die durch ihr Veto das Einschreiten der weltlichen Behörde veranlaßt, um den von einem eifrigen Seelsorger bereits vollzogene Akt der Taufe (bestanden in einem ceremoniellen Untertauchen in einem abgelegenen Flüßchen) zu Nichte zu machen. Zwischen Vater und Tochter kam es dabei zu einem unliebsamen Prozesse. Das Töchterchen, für seine unüberlegte Handlung von dem Vater mit einer gehörigen Tracht Prügel belohnt, strengte gegen denselben gerichtliche Klage an, welche jedoch ohne Resultat blieb, weil im vorliegenden Falle das Recht der Züchtigung dem Vater nicht nur zusteht, sondern die Anwendung dieses Rechtes ihm sogar zur Pflicht wird. Bonn. Dem „Berliner Tageblatt" entnehmen wir nachstehendes seltsames Geschichtchen: Warschau. (Kinderaustausch.) Vor dem Kreisgericht in Peterkow wird gegenwärtig ein ganz eigenthümlicher Prozeß verhandelt. Vor dem Gerichte stehen zwei Frauen, eine christliche und eine jüdische, von denen jede behauptet, daß ein ebenfalls an der Gerichtsstelle befindlicher Knabe ihr Sohn sei. Die Sache soll sich folgendermaßen verhalten. Ein reicher jüdischer Schankwirth in Lodz hatte keinen einzigen Sohn, dafür aber eine große Anzahl Töchter. Das,verdroß ihn und er drohte seiner Frau, sich von ihr scheiden zu lassen, falls sie nicht einem Sohne das Leben g»be. Die arme Frau begab sich in ihrer Verzweiflung zu einer christlichen Bäuerin und kam mit derselben überein, daß diese gegen eine bestimmte Entlohnung ihr nächstes neugeborenes Kind, falls dasselbe männlichen Geschlechts sein würde, gegen ihr, der Jüdin, Kind eintausche, wenn dasselbe wieder weiblichen G fchlechts sein sollte. Diese Vorausersetzung erfüllte sich und der Tausch erfolgte, wie verabredet. Das von der Bäuerin hergegebene Knäbchen wurde im Hause der Jüdin nach mosaischem Ritus erzogen. Indessen starben sämmtliche Kinder der Bäuerin bis auf das Mädchen, welches dieselbe von der Jüdin eingetauscht. Die Bäuerin faßte diese traurige Thatsache als eine Strafe Gottes auf und theilte das ganze Geheimniß ihrem Manne mit. Nun ging das Paar zu der Jüdin und verlangte den bereits 14 Jahre alt gewordenen Sohn zurück; die Bauersleute wurden aber von den jüdischen Eheleuten zurückgewiesen. Da wandten sich die christl. Eltern an das Gericht und dieses wird nun diesen gewiß sehr seltenen Rechtsfall zur Entscheidnng bringen. Die Kläger brachten mehrere Zeugen mit, die beim Tausche der Kinder zugegen gewesen sein sollen. Bonn, im Nov. (Ihr 25jähriges Amtsjubiläum) feierten vor Kurzem: Herr Dr. Lehmann in Mainz, der im orthodoxen Judenthum rühmlickst bekannte Redakteur des „Israelit". (Herr Dr. Lehmann hat es vorgezogen, diese Feier ganz ohne Geräusch im stillen Familienkreise abzuhalten) und Herr Rabbiner Dr. Joel zu Breslau. Aus der Danksagung, die Letzterer ääto. Breslau 19. Oktober veröffentlichte und die wir* nachstehend wiedergeben, ist zu ersehen, daß die Feier des offiziellen Prunkes nicht entbehrte. Beiden Jubilaren gratulirt aufrichtig der Redakteur des Israel. Boten. — Den tiefempfundenen Gefühlen des Dankes für Alle, die ihm bei Gelegenheit seiner Amtsfeier freundlich entgegenkamen, gibt Dr. Joel in folgender Danksagung beredten Ausdruck: Danksagung. Die hiesige Synagogen-Gemeinde sowohl in ihrer officiellen Vertretung, dem Vorstande und den Repräsentanten, als auch in ihren einzelnen Mitgliedern, hat den Tag, an dem ich vor 25 Jahren meine amtliche Thätigkeit in Breslau begonnen, mir mit einer Großsinnigkeit und Liebe geschmückt, die mich durch Gaben wie durch dabei bekundete Gesinnung erdrücken würde, könnte ich nicht einen Theil der mir gewordenen Anerkennung von meiner Person auf die Sache, in deren Dienste ich stehe, abwälzen. Die Gemeinde wollte bekunden, oder richtiger, die Gemeinde hat bekundet ohne Witze und Grimassen, mit denen der Possenmacher die Gesellschaft unterhielt, bis das Zimmer der Männer sich öffnete und der Rabbiner mit den Vätern und Brüdern des Brautpaares in das FrauengemaL schritt, um die Braut mit der großen Decke zu verhüllen. „Noch ist es mir, als höre ich das Knirschin der Scheere, unter der ihr schönes schwarzes Haar fiel, noch sehe ich, wie ihr die Haube aufgesetzt, sie unter Weinen und Schluchzen von den Eltern gesegnet ward. Der ganze Auftritt hatte für mich etwas Schauriges. Ich konnte gar nicht begreifen, wie die Musikanten unmittelbar darauf wieder einen lustigen Walzer aufspielen, der Possenmacher seine Spässe treiben und man essen und trinken, tanzen und lustig zu sein vermochte. Ich rührte von den mir gereichten Süßigkeiten fast keinen Bissen an und wartete nur mit Angst und Zagen auf das, was noch kommen würde. „Der zweite Theil der Feierlichkeit, die eigentliche Trauung, gefiel mir ungleich besser als das Bedecken. Ich wurde wieder ganz fröhlich und ließ mir das Hochzeitsmahl» das uns Kindern an einem besonderen Tische aufgetragen ward vortrefflich schmecken. Während nach dem Tischgebete der Rabbiner die Schrift erklärte, der Vorsänger einen Kadisch •) nach dem andern vortrug, der Gemeindediener die Hochzeitsgeschenke und deren Spender auscief und der Possenmacher seinen Witz daran übte, gingen wir in den Garten, tummelten uns eine Weile herum und kamen dann auf den Einfall, »Hochzeit" zu spielen. Mein Bruder, der soeben konfirmirt**) worden war und sich auf seine Kenntnisse im Hebräischen viel einbildete, machte den Rabbiner, andere Knaben waren Vorsänger, Gemeindediener u. s. w., die Braut sollte ich vorstellen und zum Bräutigam wählte ich mir einen schönen stillen Knaben, der mit seinem.Vater, einem armen, wandernden polnischen Juden, nach L, gekommen und vom Hochzeitsmahl gespeist worden war. „Ich sträubte mich gegen das Bedecken, das mir gar zu schrecklich vorkam, aber mein Bruder, der Rabbiner, versicherte mit wichtiger Miene, das müsse sein, das Gesetz gebiete es, und dieser Ausspruch hätte für uns etwas so Unumstößliches, daß ich selbst im Spiel nicht wagte, mich dagegen aufzulehnen. So ließ ich mir denn das Haupt geduldig mit einem herbeigeschleppten Umschlagetuch verhüllen, eine aus einer weißen Schürze fabrizirte Haube aufstülpen und war heilfroh, daß man mir wenigstens meine Flechten nicht abschnitt. **) Geschieht bei Knaben mit der Vollendung des dreizehnten Jahres. Vier kleine Mädchen hielten die Stangen des improvistrten Trauhimmels, zwei andere kleinen Mädchen führten mich darunter, zwei Knaben erwiesen dem Bräutigam denselben Dienst, ein kleiner goldener Reif, den ich am Finger trug, wurde ihm übergeben und mit dem größten Eifer steckte er ihn mir an den Finger, indem er Wort für Wort den ihm von meinem Bruder in hebräischer Sprache vorgesagten Spruch: „Hierdurch nehme ich dich zum Weibe nach dem Gesetze Mose" nachsprach. Um die Ceremonie vollständig zu machen, ließ man uns noch Wein aus demselben Becher trinken, von dem Bräutigam ein Glas zertreten, und dann erscholl aus sämmtlichen Kinderkehlen das jubelnde „Maseltow." ***) Wir waren noch einige Zeit lang fröhlich, dann wurde mir plötzlich mein Bräutigam weggeholt, sein Vater wollte noch an demselben Abend mit ihm weiterziehen." Esther hatte vor sich hinblickend, beinahe mehr zu sich als zu Borchardt gesprochen. Nachdem sie sich einmal zu der Erzählung entschlossen, drängten sich ihr alle in ihrer Seele ruhenden Bilder so auf, daß sie sie schildern mußte, ohne daran zu denken, sie brauchte nicht so ausführlich zu sein, da der Professor die Ceremonien einer Trauung gewiß ebenso gut kenne wie,sie. ***) Glückwunsch. *) Hebräische Melodie.