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Der israelitische Bote · 1879-11-27 · 48 (27.11.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
48 (27.11.1879)
Date
1879-11-27
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Der Israelitische Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. Erscheint jeden Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. JZser'ate: Die Petitzeile oder^eren Raum 10 Vf. ^Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag! erbeten. v. Jahrgang. Monn, 27. Wovemöer 187S (5640). M^48 ■M m Leitender Artikel. Bonn, 25. Nov. Unsere geschätzten Leser werden sich noch erinnern, daß wir in unserer Nro. 43 (Siehe Beilage „Vorläufige Anzeige"), einer Broschüre aus der Feder des Herrn Ludwig Stern Schuldirektor zu Würzburg Erwähnung gethan. Wir machen nun hiermit besonders aufmerksam auf die sensationelle Vertheidigungsschrift, die unsere Leser in gegenwärtigem Leitartikel beleuchtet finden. Redaktion. Literarisches. Die Lehrsätze des neugermanischen Judenhasses mitzbesonderer Rücksicht auf W. Marr's Schriften historisch ' und sachlich beleuchtet von Ludwig Stern, Schrrl- Direktor in Würzburg. I. W. Marr's Schrift„Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum" hat bereits zehn Auflagen erfahren; von Tausenden, Juden, wie Nichtjuden, wird sie gekauft und gelesen — die Saat des Hasses gegen das Judenthum wird nach allen Richtungen hin gestreuet, zusehends wächst seine Frucht — und all' die Rührigkeit unserer Widersacher hat bis heute nicht vermocht, es dahin zu bringen, um jüdischerseits einen energischen Protest hervorzurufen, nicht vermocht, eine geistige Macht zu bewegen, die des Feindes Anstrengungen paralisirt haben würde. Im Gegentheile: die Einen, Männer der Opportunität, glauben genug, ihre Pflicht gethan zu haben, wenn sie sich in tiefes Schweigen hüllen, behauptend, ein kräftiger Zurückschlag würde nur das „Rischuß" noch gesteigert haben; Andere wieder verlassen ihre Neutralität nur in so fern, als sie sich defensiv verhalten, wagen es aber nicht die Offensive zu ergreifen; die Dritten endlich — und das sind gerade Diejenigen, auf die wir am meisten zu zählen berechtigt gewesen wären — sind leider für die Art von Kämpfen, wie sie das Judenthum heute zu bestehen hat, ganz und gar untauglich, denn „Speere werfen und die Götter ehren" sind Dinge, die gelehrt und gelernt zu werden verlangen, nun aber existirt weder ein Rabbiner-Seminar noch irgend eine Hochschule, wo gelehrt wird, wie man dasJudenthum zu vertheidigen habe, 6r§o — kann auch nichts geschehen. Freilich traurig, aber wahr. Wir bitten jedoch alle die g. Männer, die sich durch diese Bemerkung verletzt fühlen sollten, uns nicht mißverstehen zu wollen und uns ein bescheidenes, ehrlich gemeintes Wort nicht als Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. Weil ich dies wußte, darum schob ich ihn hinaus, ich geizte mit den Momenten die uns vergönnt waren —“ „Wir müßten uns trennen?“ wiederholte Borchardt. „Warum, Geliebte, ich kann nicht annehmen, daß ich deinem Vater kein willkommener Schwiegersohn wäre." „Für Hanna nicht für mich." sagte sie dumpf. Ei, er wird sich in den Tausch schon finden," lachte Borchardt, ward aber, als er in Esthers todestrauriges Gesicht blickte, sogleich wieder ernst. „Ich höre, dein Vater kommt heute," redete er eifrig weiter, „man rühmt ihn allgemein als einen hochachtbaren, verständigen Mann, er muß einsehen, daß du für mich Paffest und nicht jenes Kind, er kann uns nicht seiner Laue opfern." „Es ist keine Laune", betheuerte Esther, „weder dir noch einem andern Manne gäb mich mein Vater zum Weibe, daß Gesetz verbietet es." Anmaßung anzurechnen. Es kann ja nie in unsrer Absicht gelegen haben, Jemand Vorwürfe zu machen ob seiner Unfähigkeit zur Vertheidigung unserer materiellen wie geistigen Interessen, ebenso wenig, wie es Einem in den Sinn kommen würde, den Feldherrn zu tadeln, weil er nicht zu gleicher Zeit die Dienste des Feldpaters versieht. Ein Mensch kann ja unmöglich alles verrichten und auch nicht alles wissen. Nur „alle Menschen wissen Alles" meint Victor Hugo. Wie gesagt, keine Vorwürfe, blos die Thatsache sollte constatirt werden: Die heutigen Geisteshelden Israels sind der Aufgabe, Angriffe wider es energisch zurückzuweisen nicht gewachsen. Mittlerweile aber gewinnen Herr Marr und seine Leute immer mehrjMuße, das Land mit ihren Broschüren zu überfluthen, die, unter der Maske der Wissenschaft Ignoranz und böswillige Verleumdung verbreitend, die Gemüther zu erobern und sie gegen uns feindselig zu stimmen suchen. Dieser Umstand aber wäre noch immer nicht der allerschlimmste. Wir schätzen vielmehr den Schaden, den judenlästernde Schriften in jüdischen Kreisen anrichten, für bedenklicher als denjenigen, den sie nach Außen zur Folge haben: Juden werden zu Judenfeinden, indem man dem jüdischen Volke die Lehre von seiner Nichtsnutzigkeit so lange vorschwätzt, bis es endlich daran zu glauben anfängt. Und das ist, das bleibt in der ganzen Affrire das besorgnißerregende psichologische Moment, das nicht nachdrücklich genug der Beherzigung aller Treugesinnten empfohlen werden kann, und in diesem Gefühle nähern wir uns auch dem Gegenstände unserer Besprechung: Zweifach ist die Gefahr, d^e dem Judenthume droht, und zweifach muß der Widerstand sein, der zur Beseitigung derselben entgegengesetzt zu werden verlangt. Nach keiner Seite hin ist bisher etwas unternommen worden, und schon begann die Lösung der Fragen „Wen sollen wir schicken? „Und wer wagt es, für uns zu gehen?" uns ernste Besorgnisse zu verursachen, als sich glücklicherweise die alte Wahrheit „Nicht verwaist ist Israel" aufs Neue bewährte. Denn ein Stern hat uns geleuchtet: ein Stern der guten Hoffnung; und so large ein Volk wenn auch nur einen Mann besitzt, von dem Muthe, dem Talente, der Begeisterung desjenigen, dessen Name als Verfasser der „Lehrsätze des neugermanischen Judenhasses" an der Spitze dieses Artikels glänzt, braucht es wahrhaftig nicht zu verzweifeln. Herr Ludwig Stern hat sich durch diese Vertheidigungsschrift ein Monument für alle Zeiten in der Geschichte des Judenthums errichtet. Gleich geschickt, gleich stark im Angriffe wie in der Vertheidigung, hat derselbe in einer eleganten und männlichen Sprache, und dies mit einer seltnen Offenheit, sich zum Anwälte seiner Nation erhoben, als er die/infamen Anklagen .—..— „Das Gesetz?" rief Borchardt. „Welches Gesetz?" „Daß Gesetz unserer Religion." „Esther, ich verstehe Dich nicht. Ich bin von Jugend auf im Gesetz unterwiesen worden, habe offt schwer genug unter seinen Satzungen gelitten, wie es sich aber zwischen uns drängen kann, das begreife ich nicht." „Es ist ein trauriges Verhängniß" seufzte Esther. „An das ich nicht glaube. Nenne es mir, wir müssen es besiegen!" versicherte er zuversichtlich. „Es ist stärker als wir", entgegnete sie mit traurigem Kopfschütteln. „Wiffe, ich bin einem andern Manne vermählt." „Du einem Manne vermählt? Wo ist er, wie heißt er?" „Das weiß ich nicht," versetzte sie mit schmerzlichem Lächeln. „Geliebte, Du sprichst in Räthseln, willst Du mir das Geheimniß nicht enthüllen?" Sie schwieg eine Weile und blickte düster vor sich hin, endlich sah sie entschlossen auf. „Ich will es erzählen," sagte sie, „bis zu dieser Stunde glaubte ich, es sei das Schwerste, mit eigener Hand den Schleier zu heben von dem Geheimniß. das mich umgiebt, jetzt habe ich erfahren, daß es noch weit Schwereres gibt und nun erscheint es mir wie eine las, die, den Schein der Wahrheit sich gebend, geeignet sind, die materielle wie nationale Existenz eines edlen Volksstammes zu untergraben. Die Eigenschaft, tüchtiger Schulmann zu sein, kömmt bei seinem Unternehmen dem rühmlichen Verf., noch mehr aber uns Allen zu Gute. Wie ein gewissenhafter Lehrer den Schüler, so läßt auch er seinen Leser nicht von der Hand, bis er die Ueberzeugung gewonnen, überzeugt zu haben. — Mit einem ihm eigenen feinen Takte sagt derselbe den Feinden des Judenthums Wahrheiten, an die vielleicht auch Andere gedacht haben mögen, aber nur gedacht — geäußert, nie! Herr Stern bekundet die ungewöhnliche Gabe, mit vollster Seelenruhe die heftigste Polemik zu führen; mit liebenswürdiger Artigkeit gewaltig zu zürnen; stets belehrend, wird er nie verletzend, und so ist es ihm mit Hilfe seiner eminenten Geschichtskenntniß gelungen, ein solch meisterhaftes Playdoyer auszuführen. Stern hat mit einem Worte eine Broschüre geschrieben, die epochemachend zu werden verspricht; sie macht hundert andere überflüssig, bereitet den zehn Auflagen Marr's eine eclatante Niederlage; rehabilitirt das Judenthum in seinen eigenen Augen und erobert ihm die von Seiten der Außenwelt verlorene Achtung wieder. — Daß wir mit unserm Lobe nicht verschwenderisch gewesen, davon werden sich alle jüdischen wie fremden Leser der „Lehrsätze des neugermanischen Judenhasses" bald überzeugen, wir hoffen vielmehr, daß sie Lob dem Lobe spenden werden. G. R. (Ein zweiter Artikel folgt.) Predigt gehalten bei der Einweihung der orthodox-israelitischen Privat-Synagoge zu Witten an der Ruhr am 15. Marcheschwan KT1 5640 (1. Nov. 1879) von Simon Frankfurter, Prediger zu Wesel. Fortsetzung. Der Sabbath, der heilige Tag, das Characteristicum unserer heiligen Religion, der da war geweihet von der Urzeit an, und auf dessen Verachtung und Geringschätzung das Gesetz den Tod setzt, er ward nicht mehr beachtet von unseren Brüdern. Die Sucht nach den Glücksgütern dieser vergänglichen Welt ließ gering erscheinen das ewige Heil, die Fortdauer unserer Seele. — Während Moseh, unser heiliger Lehrer auf dem Berge Sinai 40 Tage und 40 Nächte hindurch ohne Speise und Trank verweilte,, da konnte das Volk, das solche Wunder nicht kannte Erleichterung, es zu erzählen. Setzen wir uns jetzt auf jene Bank." Schweigend führte sie Borchardt dahin, nahm an ihrer Seite Platz und wartete, bis sie sich gesammelt hatte und mit gedämpfter Stimme zu erzählen begann. „Es ist jetzt siebzehn Jahre her, da fuhren meine Eltern, die damals in der kleinen schlesischen Stadt S. wohnten, nach dem benachbarten L. zu einer Hochzeit und nahmen mich, meinen ältesten Bruder und meine Schwester Sarah mit. Es war das erste Mal, daß ich einer Hochzeit beiwohnte und vielleicht deßhalb; vielleicht aber auch, weil die sich daran knüpfenden Ereignisse einen so einschneidenden Einfluß auf mein ganzes Leben geübt haben; bewahrt mein Gedächtniß genau alle Einzelheiten der Ceremonie, die nach so streng jüdischem Ritus vollzogen wurde, wie er heute selbst in den orthodoxesten Familien nicht mehr beobachtet wird. — „Ich' sehe mich, ein elfjähriges Kind, im weißen Kleide mit rosa Schleifen im Haar unter den Frauen und Mädchen sitzen, welche die in weißen Atlas gekleidete, mit einem grünen Myrthenkranz geschmückte Braut umgaben und in wehmüthiger Spannung des Augenblicks harrten, wo der Vorsänger mit den Musikern erschien, um ihr, begleitet von dem Frauenchor, da? Brautlied vorzusingen. Noch höre und sehe i<&'

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