Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 47 (20.11.1879)
- Date
- 1879-11-20
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Werden Sie etwas beginnen, was fruchtbringend ist für Sie und Ihre Nachkommen? Werden Sie Segen des Himmels zu erwarten und zu hoffen haben für dieses Ihr Beginnen? Nun, werthe Anwesende! alle diese Fragen werden und müssen Sie sich vorgelegt haben, alles dieses weiden Sie bei einem solchen Schritte sich reiflich überlegt haben, ehe Sie sich entschließen konnten, den Plan zu fassen, eine Gemeinde zu verlassen, der Sie und Ihre Vorältern angehört haben, und an die Sie gewiß manches liebe Andenken, manche rheure Erinnerung sehnsuchtsvoll knüpfte, eine Gemeinde, in der Sie Ihre Erziehung genossen, in der Sie ausgewachsen, mit der vereint, Sie Ihr Gebet zu Gott emporgesandt haben und sich gefreut bei frohen Ereignissen, mit der Sie Ihre Klagen vergossen in wehmüthig, trübe stimmenden Fällen. Wohlan denn! stellen wir heute in dieser ernsten, heiligen Sabbathstunde Betrachtungen darüber an und machen uns h.ute an dem hehren, gottgeweihten Tage, den er geheiligt hat für alle Zeiten zum Forschen und Denken über seine Gesetze, hier vor der Lade seines ewigen, unveränderlichen Wortes noch ein Mal die Gründe dafür klar, aus daß wir nach gewonnener, reiflicher, heiliger Ueberzeugung um so ernster auf der betretenen Bahn sortschreiten und dem Ziele zu steuern, welches wir vor Augen haben. Dazu möge uns der Herr Einsicht und Kraft verleihen p-U In dem heutigen Wochenabschnitte lesen wir: (folgt Text: 1. B. M. 18.19). „Und Abraham wird sein zu einer großen und mächtigen Nation, und es werden sich mit ihm segnen alle Völker der Erde. 'Denn ich habe ihn erkannt, daß er befohlen hat seinen Söhnen und seinem Hause nach ihm, daß sie behüten den Weg des Ewigen, auszuüben Gerechtigkeit und Recht, damit der Ewige bringe über Abraham, was er über ihn geredet hat." Dies sind die Worte, welche der Herr gesprochen und dies die Bedingungen, welche unserem Erzvater Glück und Segen und uns, seinen Nachkommen, Frieden und ewige Glückseligkeit verheißen. Es ist daher Pflicht jeder jüdischen Gemeinschaft, die dieser Segnungen theilhaftig werden will, den Weg des Herrn kennen zu lernen und ihn zu wandeln und nicht von ihm abzulenken, weder nach links noch nach rechts. Wo ist aber dieser Weg wohl anders zu finden, als in seinem geoffenbarten Worte, wo anders, als in der Lehre, die er seinen Getreuen überliefert, von unseren Ahnen über Scheiterhaufen und Verwüstungen hinweg durch viele Entbehrungen, unendliche Leiden, trotz unsäglicher Beschwerden und tausendfacher Prüfungen und Entsagungen zu uns herübergebracht worden. Sie ist unser Panier und sie allein ist unsere Richtschnur. Und wenn sie verlassen wird, dann hören wir auf, Kinder unseres Erzvaters zu sein, dann wendet sich ab von uns unser Hort, dann schwindet unser Glück, und Gott läßt seine Verheißung uns nicht angedeihen. Dann sind wir nicht mehr die Söhne vom alten Geschlecht; wir sind nicht mehr die Träger des Gottesgesetzes, wir verdienen nicht mehr den Namen: Kinder Abrahams. Und diese Sorge um unsere Thora, diese Sorge um Ihr Heil ließ Sie nicht ruhen, ließ Sie nicht rasten, so. lange Sie der alten Gemeinde angehörten. Denn' Sie sahen, daß man auch hier dem Grundsätze huldigte armns'i DnnrQPIK, „Ich liebe das Fremde und nach ihm trachte ich." Denn es kommen leider heutzutage in Israel allenthalben OWD D^nnn D*Ottp „Füchse, ganz kleine „Füchslein", wie das Hohe-Lied sagt, den Weinberg zu verderben." Auf gar schlaue, feinlistige Weise suchen Leute, die da klein dastehen in Erkenntniß des Gottesgesetzes, die nicht im Stande waren, einzudringen in die unermeßlichen Tiefen seiner Wahrheiten und seiner Weisheit, nicht zu erkennen vermochten die unvergleichlichen Schönheiten und Lauterkeiten seines hohen, edlen Wesens, weil ihr Auge verblendet war, weil sie nicht entsagen konnten den Genüssen dieser Welt und Zwerge waren, unansehnliche Zwerge gegen die riesig angelegten Geister, welche das Gesetz erforscht, weil sie in ihrem Dünkel sich größer und klüger wähnten, als unsere heiligen Lehrer und, ihrer wahnwitzigen Eitelkeit stöhnend, den Himmel stürmen zu können meinten. Wohlan! vor diesen Füchslein heißt es auf der Hut sein, ehe sie den Berg des Herrn untergraben und seine Frucht vernichten. Diese Leutchen nun, die da, wie ich sagte, allenthalben herumkriechen und ihr Unwesen treiben, eben diese haben auch gewirkt auf die Institutionen Ihrer Gemeinde. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Cöln, 14. Nov. (Priv.-Mitth.) Am 9. d. feierte ^"sige vnvn min das Fest ihres 60jährigen Bestehens durch Generalversammlung und Festessen. Im großen Saale der Gesellschaft „Harmonia" versammelten sich ca. 80 Mitglieder der.nn^n. Einen guten Eindruck machte es, daß der Unterschied der socialen Verhältnisse an diesem Abende ausgeglichen schien, da Männer, welche sonst gesellig sich nicht vereinigen, an Einem Tische saßen. Die Hauptrede hielt Herr Rabbiner Dr. Frank. Anknüpfend an mehrere Midraschstellen hob der hervor, wie das Judenthum aus rrnn und beruhe, zwei Sachen, welche die rTQfl auch seit ihrem Bestehen gepflegt habe. Seine Rede gipfelte in einem Toast auf den fernem Bestand der Gesellschaft. Beredet und zündend, wie die Vorträge des Herrn Dr. Frank überhaupt sind, fand der Vortragende auch an diesem Abende rauschenden Beifall. Herr Fleck betonte noch als eine von den Säulen des Judenthums überhaupt, sowie dieser rrnn insbesondere als Drittes das ONON Herr Andr. Frank erwähnte der früheren großen Lehrer der Thora besonders des sel. Dr. Schwarz, obgleich er historisch nicht genau referute. Noch andere Reden und Toaste wurden gehalten und ausgebracht. Besonders bemerkenswerth war die Rede des Vorsitzenden des Vorstandes der Synagogen- Gemeinde, des Herrn Jacob de Jonge, der für die Gründung eines Waisenhauses in Cöln sprach und 32000 Mark der in voriger Woche aufgelösten Gesellschaft „Harmonia" für diese Anstalt in Aussicht stellte. Auch sonstige Kapitalien sind schon für diesen Zweck angesammelt. — Hoffentlich wird es nicht ber Worten bleiben und werden die guten Vorsätze alle, die an diesem schönen, ohne Mißton verlaufenen Feste gefaßt wurden, auch ihre Früchte tragen. Trier. Es hat hier allgemein erfreulich gewirkt, daß Sie, geehrter Herr Redacteur, offen und mannhaft für die gerechte Sache aufgetreten sind. Kaum je ist aber in so niedriger Weise von gewissen Seiten gelogen und gehetzt worden, als in der Angelegenheit des Trierschen Streites. Während es im Anfang hieß, man freue sich, daß nunmehr 2 orthodoxe Rabbiner in Trier fungiren, geschieht jetzt Alles um den einen derselben zu verdächtigen und zu verketzern. Von der Briefkastennotiz, welche den Rabbiner Hrn. Dr. Holländer beschuldigte, trotz seiner NDN2 die Gräber des hiesigen Friedhofes betreten zu haben, ist Ihnen durch die Entgegnung des hiesigen Vorstands Kunde geworden. In jenem „Briefkasten" hieß es auch schon, daß abgesehen von der letztgenannten Sünde, bereits andere religiöse Bedenken gegen Dr. H. vorlägen. Interessant ist es nun. wie sich z. B. der „Mainzer Israelit" gegen die vom Vorstande der hiesigen Gemeinde, veröffentlichte Berichtigung verhält. Dieses wahrheitsliebende Blatt hat natürlich gar nicht geahnt, daß die Anfrage aus Trier auf Hrn. Dr. Holländer Bezug haben könnte, es ist die personificirte Unschuld vom Lande, und traut seinen Lesern zu, daß sie ihm dieses aufs Wort glauben: Run kann er doch uicht umhin, seinen Ausspruch, daß Dr. H. ein biblisches Verbot überrreten habe zu modificiren und meint, es sei bisher in Trier für Kohanim unerlaubt gewesen, die fraglichen Punkte auf hiesigem Friedhofe zu betreten, Dr.H. habe also gegen ein talmudisches Verbot: D>nn*0 bnmön Dm*! p*>n,*P wi nnx *>x tidw pn urw gefehlt. Dies ist jedoch eine neue Unwahrheit, da im Gegentheil der genannte Weg auf welchem sich Herr Dr. Holländer befand, stets von Kohanim anstandslos betreten wurde und eigentlich zu diesem Zwecke angelegt worden ist. Es ist endlich auch eine Entstellung der Wahrheit, wenn behauptet wird, daß noch vor dem Anfänge jenes Weges sich Gräber befinden; dieselben befinden sich vielmehr seitwärts vom Wege, und beginnt dieser Weg gleich beim Eingänge des Friedhofes. Wie „ehrenwerth und wahrheitsliebend" der hiestge Gewährsmann des „Israelit" ist, das ist schon aus den religiösen Bedenken ersichtlich, welche derselbe ohne Weiteres gegen Hrn. Dr. Holländer äußert, ist auch schon daraus ersichtlich, daß er, selbst für den Fall, Herr Dr. H. wäre wirklich den Gräbern zu nahe gekommen voraussetzt, daß dies in der Absicht einer Verletzung des Gesetzes geschehen sei. „O, Ihr Weisen! seid behutsam in Euren Reden" (Aboth 1.) und auch in euren Correspondenzen, möchten wir hinzufügen. Storckow. In unserm kleinen Städtchen wurde am 28. v. Mts. ein Mord versucht. Der Sohn eines Nagelschmiedemeisters K. trat in den Laden des Schnittwaarenhändlers Gumbert ein und feuerte als Herr G. sich umwandte, um das geforderte Zeug zu holen, einen Revolver auf denselben ab. Der Schuß streifte glücklicherweise nur. Als der jugendliche Verbrecher gefragt wurde, waruck er die That begangen, gab er zur Antwort : „Weil ich die Juden hasse!" Gewisse Lehren der Gegenwart scheinen also Frucht zu tragen. B. Tagb. Kolberg, im November. Vorigen Monats fand Hierselbst im Ralhhause vor Notar und Zeugen die Ziehung der Lotterie zum Besten des jüdischen Kurhospitals planmäßig statt. Der erste Hauptgewinn im Werthe von 3000 Mark fiel auf Nr. 2388, im Besitze der Herrn Gebrüder Wolfs in Bernburg; der zweite Hauptgewinn im Merthe von 1500 Mark fiel auf Nr. 12928, im Besitze der Anstalt. Die Herren Gebrüder Wolfs haben nunmehr, wie sie sich selber ausdrücken, als „Zehnten" der Anstalt ein Geschenk von 300 Mark überwiesen. Aus Württemberg wird uns folgendes geschrieben: Die Hetzereien gegen die Juden gewinnen auch bei uns an Verbreitung. Die ultramontauen Blätter und andere Organe der Reaktion schüren fortwährend die Gluth des Haffes gegen uns. Besonders thut sich in dieser Beziehung das „deutsche Volksblatt", redigirt von Pfarrer Weitbrecht in Schweigern hervor. Der fromme Priester rechtfertigt die Bestrebungen Stöcker's und Marr's, und m^cht vabei heftige Ausfälle gegen die Juden (tout oornmo chez nous, vergl. D. Reichs- Ztg. ddto14. d. —). In Laupheim fanden vor Kurzem Beschimpfungen der dortigen Juden durch halbbetrunkene Bursche statt*). Die Sache ist bereits dem Gerichte übergeben. Viele Blätter sehen jetzt ein, wohin die Hetzereien führen und mahnen zum Frieden. — Die isr Central-Kirchenkaffe hatte im Jahre 1878—79 82195 Mk. Einnahmen (worunter 23323 Mk. Zuschuß aus der Staatskasse) und 63792 Mk. Ausgaben. Das Vermögen beträgt gegenwärtig: 163400 Mk. *) Wir lassen nachstehend eine diesbezügliche Zeitungsnotiz dato Laupheim 4. Nov. folgen: Laupheim, 4. Nov. (Judenhetze). Am letzten Sonntag und Montag abends war laut Oberschw. Ztg. die Kapellenstraße dahier Zeuge bedauerlicher Rohheiten hiesiger Jugend. Am Sonntag Abend reizten und provozirten halbbetrunkene Bursche die Bewohner der Kapellenstraße durch Spottlieder und Beschimpfungen, mit der untermischten Aufforderung: „Heraus, Ihr Juden, wenn Ihr was raus habt! Jtzig heraus!" rc. Statt den Ermahnungen der Bürger zu folgen und Ruhe zu halten, entstand eine Schlägerei zwischen diesen und jenen, wobei einige mit Stöcken und Steinen bewaffet waren. Endlich ergriffen die Bursche die Flucht. Um sich jedoch zu rächen, kamen sie in der Nacht des folgenden Montags abermals in die Kapellenstraße und demolirten was sie vorfanden. So wurden Gartenräune eingerissen, Pflanzungen beschädigt und zum Hohne Warnungstafeln des Verschönerungsvereins an den demolirten Plätzen und Gegenständen aufgestellt. Die Uebelthäter werden gerichtlich verfolgt. — Oesterreich. Prag. Der israelitische Freitisch-Verein veröffentlicht seinen Jahresausweis für das abgelaufene Schuljahr, dem zu Folge die Ergebnisse als überraschend günstige bezeichnet werden. Es stieg die Anzahl der Kostnehmer von 115 aus 156, wodurch die Zahl der verausgabten Portionen von 11653 aus 18244 angewachsen ist. In Folge dessen betrug die Auslage für die Beköstigung im abgelaufenen Jahre 2689 fl. 41 kr. während im vorhergegangenen Jahre hiefür blos 1569 fl. 7 kr. verausgabt worden sind. In gleicher Weise hat die Zahl der Mitglieder zugenommen und haben die Einnahmen und das Vereinsvermögen sich vermehrt. Gegen das Vorjahr ist die Mitgliederzahl von 478 auf 679 und sind hiedurch die Jahresbeiträge von 1950 fl. 20 kr. auf 2388 fl. 20 kr. gestiegen. Die Spenden zu den currenten Auslagen, welche 1877—1873 318 fl. 15 kr. betrugen, haben im abgelaufenen Vereinsjahre 611 fl. 29 kr. betragen, ebenso sind die eingegangenen Interessen des Vorjahres mit 399 fl. 75 kr. auf 548 fl. 6 kr. gestiegen, und endlich ist der unangreifbare Fond von 7800 fl. auf 9600 fl., bestehend in diversen Effekten angewachsen. (Nachbemerkung der Red.) Wir ersuchen alle College«, für diesen Verein recht oft und kräftig zu wirken, da er im wahren Sinne des Wortes ein Wohlthätigkeitsverein für Studenten vom Lande ist. Wir wünschten, daß das wohlthätige Beispiel der Prager Israeliten in allen größeren Städten, Nachahmung fände, wodurch den mittellosen, jüdischen Studenten die Nothwendigkeit benommen würde, schon frühzeitig die jüdischen Speisegesetze zu verletzen. England. Wie aus London berichtet wird, hat Sir Moses Montefiore am 8. Marcheschwan seinen 95jährigen Geburtstag gefeiert. Unzählige Gratulationen von Nah und Fern und aus allen Schichten der Gesell-