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Der israelitische Bote · 1879-11-20 · 47 (20.11.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
47 (20.11.1879)
Date
1879-11-20
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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f M Q Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postrmstalten entgegen. Erscheint jeden Donnerstag. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. - Inserate: Die Petitzeile oder'deren Raum 10 Pf. ^Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erbeten. mk v. Jahrgang. Wann, 20. Wovemöer 1879 (5640). Mo. 47. Leitender Das Ton- und Interpunktions-System in der Thora. Kein Vernünftiger wird bezweifeln, daß, wenn Gott sich den Menschen mitgetheitt hat, dies in der höchst vollkommenen Form derjenigen Sprache geschehen ist, deren er sich bediente. Dazu gehört die Aussprache der Consonanten durch die Vokale, das Verbinden und Trennen der Sylben je nach dem Erforderniß, die Variirung der Stimme nach Tiefe unb Höhe, nach Länge und Kürze sammt den angemessenen Pausen an der richtigen Stelle; denn ohne dieses Alles wären die Sätze für den Hörer bis auf einen gewissen Grad unverständlich geblieben. Wenn z. B. der Ewige zu Kajin sprach: „Was hast du gelhan?" „die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir aus der Erde hervor u. s. w.", so kann hierüber kein Zweifel obwalten, daß die Stimme, welche von Kajin gehört wurde, die Sylben deutlich nach dem Sprachaesetz betonte, diese wiederum mit ihren zugehörigen Consonanten und Vokalen zu Worten verband uud diese Worte endlich je nach derem Sinne zusammenfasste oder auseinanderhielt. So z. B. verband sicherlich diese Stimme das Wort HD mit dem Worte machte darauf eine kleinere Pause, verbunden mit ttner Hebung des Tones bei dem Worte rwy nach Art eines Fragenden. Eine größere Pause mochle bei dem Worte eingetreten sein, weil mit diesem der Inhalt der Ursache abgeschlossen wird und derjenige der Wirkung beginnt und zwar mit den Worten: p nnx "NIX nnyi 1)1 n^nan. Bei dem dem Satze: '1)1 -pns W i?1p hielt die Stimme sicherlich ein wenig inne und zwar bei dem Worte: fpnN, woselbst die Bezeichnung des Subjektes aufhört und diejenige des Prädikats beginnt und zwar im Ausspruche: DpJJI*. Ueber die Partikel p als Präposition, welche nur von secundärer Bedeutung im Vergleich mit dem auf sie folgenden Worte ist, ist zweifellos die Stimme schnell ohne jeglichen Aufenthalt hinweggeeilt; dahingegen wird sie bei dem Worte ein wenig inne gehalten haben, weil mit demselben die Darstellung der Wirkung der That ihren völligen Abschluß erhält. Die Worte, welche diesen folgen, bezeichnen nur die Richtung, wohek^stch diese Wirkung offenbart und zwar sind dies die Worte ilDlxnp. Alle diese Erwägungen sind für den Grammatiker offenkundig und beruhen zum Theil auf denselben Regeln des Ton- und Jnterpunktionssystems, durch welches sich die hebräische Sprache so vortheilhaft vor allen übrigen uns bekannten Sprachen auszeichnet. In diesen giebt es keine so genaue und sinnvolle Bezeichnung, nach welcher die Verbindung und Trennung der Worte so innig mit der Verbindung und Trennung der Gedanken übereinstimmt, so zwar, daß die Sprache mit der Seele gleichen Schritt hält und die äußere Rede mit der innern vollkommen identisch ist. Es ist nicht genug mit der bloßen Trennung und Verbindung der Worte, welche eben durch die Accente bezeichnet werden, denn gesetzt auch, es würden die Worte genau ausgesprochen, bald im rast en bald im langsamen Tempo, jedoch ohne die dem Gedanken gemäße Abwechselung in der Stimme, so glichen sie dennoch einem vertrockneten Skelette, das von keinem Lebensodem durchhaucht wird und gewährten kein getreues Bild von dem, was den Sprechenden in seiner Seele bewegt und gewährten sie es auch, so fehlte ihnen doch der rechte Geschmack gleich dem Faden ohn° Salz unb dringen nicht in das Herz des Hörers, um ihn zu belehren. In diesem Sinne sagen auch unsere Weisen einmal (Mrgillah Ende): „Wer bei dem Lesen und Lernen der Thora nicht die richtige Betonung anwendet, auf dem findet d<r Vers seine Anwendung: „Ich überliefere sie Satzungen, die nicht gut sind und Rechten, darin sie nicht leben können. (Zech. 20, 25). Ein jegllcher Gedanke, erhält seine Abstufungen in der Sllmme und in der Betonung je nach seiner Wirkung in uer Seele. So har die Frage ihre eigne Betonung und die Verwunderung ihre eigne Betonung. In gleich-r Weise, verhält es sich mit der Liebe und dem Hasse, dem Zorne und dem Wohlwollen, der Warnung und der Rache, der Freude und der Trauer! So z. B. drücke.-, die-Worte: „Wo ist dein Bnrdee Abel" eine bloße Frage aus, bei w-lcher die Seele in keiner Weise erregt ist. Die Frage: „Was hast du gethan?" enthält eine Mischung von Staunen und Warnen dem Sünder gegenüber; dem Ausspruche: „die Stimme deines Bruders u. s. w." haftet eine Gefühlsmischung an von Mitleid über das unschuldig vergossene Blut und Eifer, dieses Blut an dem zu rächen, der es vergossen. Die Schlußworte sprechen die Drohung, den Zorn und die Bestrafung aus, welche der verruchten That folgen wird und zwar mit dem Ausspruch: „Von nun an sollst du verflucht sein von der Erde hinweg u. s. w.! Obgleich es zur Bezeichnung dieser verschiedenen Afekte leine deutliche Merkmale in der Schrift giebt, so muß doch derjenige, der seinen Worten den rechten Nachdruck geben will, jenen Stimmenwechsel anwenden, der zum Verständniß des Gedankens unumgänglich nothwendig ist und der das richtige Verhältniß darstellt zwischen der Erregtheit der Seele und der Höhe oder Tiefe der Stimme und der Betonung. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Moses alle die Worte der Thora in ihrer vollendetsten Klangschönheit unter Anwendung aller Ton- und Jnterpunktionsregeln, demnach mit der höchstmöglichen Präcision so wie in der angemessensten Zusammenfassung vernommen habe, so zwar, daß nichts hieran fehlte. Solcher Gestalt überlieferte er die Lehre dem Iosua, dieser wieder den Alten, und von diesen vererbte sich die überlieferte Lehre von Geschlecht zu Geschlecht. Der Sohn, der aus dem Munde seines Vaters lernte, oder der Schüler, der den Lehrer anhörte, vernahm von diesem die Sätze in der ihnen zukommenden völlig richtigen Aussprache; ganz so wie dieser selbst sie von seinem Vater'und seinem Lehrer überkommen hatte, schärfte er sie" auch seinen Kindern und Schülern ein. denn also lautet^das Gebot: „Und du sollst sie einschärfen deinen Kindern, d. h. daß die Worte der Thora ihnen geläufig gemacht und richtig mitgetheilt werden. Demnach hat man die heilige Schrift nicht etwa dem Kinde oder dem Schüler in die Hand gegeben, um es ihnen selbst zu überlassen, aus derselben zu lesen und zu lernen, da sie sonst für sie ein versiegeltes Buck geblieben wäre, vielmehr hat man ihnen aus dieser Schrift vorgelesen und mit ihnen gelernt mit deutlicher Stimme und richtiger Betonung. Hierdurch vermittelte man ihnen das Verständniß des Sinnes der Thora und ließ sie nachempfinden die süße Anmuth ihrer Rede, so daß ihnen die Worte tief ins Herz drangen und gleichsam niet- und nagelfest in ihrer Seele gemacht wurden. -v. 1 Predigt gehalten bei der Einweihung der orthodox-israelitischen Privat-Synagoge zu Witten an der Ruhr —- am 15. Marcheschwan XT1 'S'p'W 5640 (1. Rov. 1879) von Simon Frankfurter, Prediger zu Wesel. Hochgeehrte Versammlung! Ein wichtiges Ereigniß ist es, welches uns am heutigen Tage hier vereinigt, ein Ereigniß, bedeutungsvoll und folgenschwer und von großer Tragweite. Sie haben ihre alte Gemeinde verlassen, sich von ihr losg.sagt und die Bande, welche Sie mit derselben verknüpften, zerrissen. Nun wollen Sie eine neue Gemeinschaft gründen, welche Ihnen dasjenige gewähren soll, was die alte Ihnen nicht mehr gewähren konnte, nicht mehr gewähren wollte. Und was ist der Grund, daß Sie diesen Entschluß gefaßt, welches waren die Motive, die Sie dazu getrieben? War es zeitiger Gewinn, der die Ursache gab? Waren es Selbstsucht oder Ehrgeiz? Waren es lautere oder unlautere Beweggründe? Können Sie dieselben verantworten Ihrem Gewissen gegenüber und den etwaigen Anklagen Ihrer Mitmenschen? Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. (Fortsetzung siehe Nr. 44.) „Aber was bedeutet das?" fu^r er nachdenklich fort, „diese alte böse Klatschschwester spricht eigentlich nur aus, worauf Esther's Schwager schon hingedeutet hat. Welch Geheimniß lastet denn auf Esther's Leben? Was es auch sein mag, es ist ein Unglück, aber keine Schuld. Ich eile zu Rosenblatt. Auf der Stelle muß er mir Rede stehen." Er machte einige Schritte vorwärts und blieb dann plötzlich stehen. „Weshalb zu Rvsenblatt gehen?" fragte er sich.— „Ein Geheimniß, das Esther betrifft, darf ich nur aus ihrem eigenen Munde vernehmen. Was die Welt auch über sie spricht, ich glaube nur, was ich von ihr selbst höre. In ihrem Munde und in ihrem Herzen wohnt Wahrheit! Noch heute muß es klar zwischen uns werden. Ich biete ihr meine Hand, nimmt sie sie an, ohne mir ihr Geheimniß anzuvertrauen, so existirt keins." „Wo ein Wille ist, da ist ein Weg," sagt das Sprichwort und so fand sich denn auch noch an demselben Nachmittage für den Professor die Gelegenheit zu der gewünschten Unterredung. Herr Notenblatt hatte von seinem Schwiegervater ein Telegramm erhalten, daß er ihn von Altwasser abholen solle und war mit seiner Frau dahin gefahren, Frau Friedchen hatte Borchardt einen neuen Roman gebracht und sie damit für einige Stunden in einer Laube des Gartens dingfest gemacht und Hanna hatte sich einer Gruppe von jungen Mädchen zugesellt, die lachend und schwatzend vor dem Hause saßen und bei denen es ihr besser gefiel als bei dem präsumtiven Brä tigam, der sich mit ihrer Schwester schon wieder in ein gelehrtes Gespräch vertieft hatte. Anfänglich schritt der Professor an Esthers Seite den Garlln auf und ab, endlich führte er sie aber unvermerkt den Weg nach dem Karlshain hinauf. „Lassen Sie uns in den Schatten treten und uns auf jene Bank setzen," bat er, „wir sind hier ungrstört und ich habe Ihnen so viel zu sag-n." Esther fuhr erschrocken aus, lat) sich um und bat: „Nein, nein, wir wollen umkehren, u,au wirv mich vermissen." — „Sowohl ihre Mutter wie Ha-ma sind beschäftigt," sagte er, „Niemand vermißt Sie. Warum weichen Sie mir aus, Esther? fragte er ihre Hand ergreifend, „sagt Ihnen Ihr Herz nicht, wovon ich zu Ihnen reden will? Warum wollen Sie mich nicht hören? Sie machte ihre Hand aus der seinigen los, legte sie über die Augen und sagte mit gepreßter Stimme: „Weil ich Sie nicht hören darf." „Warum nicht, Esther, ich bitte, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir, was steht zwischen uns? Muß ich es Ihnen noch betheuern, daß ich Sie liebe? Sie wissen es, wie ich weiß, daß mir Ihr Herz gehört. Leugne es, wenn du kannst." Sie blickte ihm voll in's Gesicht. „Ich liebe Sie," sagte sie mit leiser, aber fester Stimme, „ich habe es gefühlt, daß wir zu einander gehören, vom ersten Augenblicke an, wo ich Sie sah —" „So bist du mein," jubelte Borchardt, „was könnte uns trennen, wenn wir uns haben und halten wollen für Zeit und Ewigkeit!" _ Er zog sie. an seine Brust und sie ruhte in seliger Selbstvergessenheit einige Minuten in seinen Armen, dann aber richtete sie sich aus und sagte mit schmerzlicher Stimme: „Wir lieben uns und müssen uns trennen. Der Augenblick, in dem wir uns unsere Liebe gestanden, muß auch der letzte unseres Beisammenseins fein.,-

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