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Der israelitische Bote · 1879-10-30 · 44 (30.10.1879) · p. [Seite 2]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
44 (30.10.1879)
Date
1879-10-30
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
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betreffende Fall bezieht sich aus eine Beschwerde, welche der Synagogen-Vorstand in Labes an die Regierung in Stettin gerichtet hatte, weil der Konrektor Gentzke während des Schulunterrichts die Juden mit Schmarotzerpflanzen verglichen hatte. Der Synagogen-Vorstand erhielt einen Bescheid von der königlichen Regierung, in welchem es unter Anderem heißt:» ... Der Vorgang ist dieser gewesen, daß — nicht in der Geschichtsstunde, wie die Beschwerde unrichtig behauptet, sondern in der französischen Stunde, im Anlaß einer Belehrung über den auf die Rechtschreibung im Französischen influirenden Unterschied zwischen den Juden als Volk und den Juden, welche dies nicht mehr sind, die Letzteren von dem Lehrer mit Schmarotzerpflanzen verglichen wurden, um den Schülern das äußere Sich- -Msetzen statt des inneren Hervorwachsens deutlich zu machen. Der Konrektor Gentzke stellte durchaus in Abrede, diesen Vergleich in einem gegen die Juden gehässigen Sinne gemacht zu haben und erklärt, daß, wenn er daran gedacht hätte, daß unter den Schülern ein jüdischer Knabe sei, er sich aus pädagogischen Rücksichten anders ausgedrückt haben würde. Derselbe hat auch sofort gegen diejenigen Schüler, welche in mißverständlicher Auffassung seiner Aeußerung sich zu Schimpsreden gegen jüdische Knaben haben verleiten lassen, die gebührende Strafe eintreten lassen. Nach dieser Sachlage bedarf es selbst nicht mehr einer warnenden Belehrung des Konrektors Gentzke, und noch weniger kann von einer vorläufigen Entbindung desselben von seinem Amte die Rede sein. Eine Zurückhaltung vom Schulbesuch hat sich übrigens bis jetzt nicht gezeigt. Wäre dies geschehen, oder geschähe es noch, so würden die gesetzlichen Schulversäumnißftrafen gegen die Väter einzutreten haben. Königl. Regierung. Abtheilung für Kirchen- und Schulsachen. Wagner. (Privat-Mitth.) Ein Lichtblick in trüber Zeit. Am 10. d.M. feierte der in der Stadt Halle a./S. allbekannte und hochverehrte Schuldirektor der städt. Bürgerschulen Herr Scharlach sein SOjähriges Jubiläum. Von Seiten seiner älteren Schüler ist zu diesem Zwecke am 11. d., Abends, ein Commers in den Räumen des neuen Theaters veranstaltet worden. Unter den vielen christlichen an dieser Feier sich betheiligenden Schülern, befanden sich auch zwei Israeliten, der hiesige Kaufmann Herr Adolph Sernau und der praktische Arzt Herr Isidor Pinner. Letzterer hat die unter der Direktion des Jubilars stehende Bürgerschule bis zum 14. Jahre besucht, wurde dann 5V2 Jahre lang Kaufmann und widmete sich dann im Alter von 191/2 Jahren den Wissenschaften mit so glücklichem Erfolge, daß er in diesem Sommer im Alter von 27 Jahren bereits das medicinische Staatsexamen bestanden hat. Letzteres wurde vom Jubilar an dem besagten Abende, auch vor der versammelten Menge rühmlichst erwähnt. Denn nachdem Herr Pinner vom Comits veranlaßt, benf Festtoast auf den Jubilar ausgebracht hatte, erhob sich wie die „Saale-Zeitung" berichtet, ein wahrer Sturm der Begeisterung. Der Jubilar erhob sich und indem er die Reihen der während der verflossenen 50 Jahre gehabten Schüler im Geiste überblickte, so gedachte er theils in ernster, theils in heiterer Stimmung vieler derselben und fügte am Schluffe hinzu: „Ja, ich hatte sogar einige Schüler, die den Meister übertroffen haben, wie z. B. unser Herr Pinner. Von den 5 zur Verherrlichung des Festes gedichteten Tafelliedern waren von den beiden anwesenden Israeliten je eines verfaßt worden und als dasjenige des Herrn Pinner abgesungen war, er- Sie sich denn eigentlich ein, Madame Löwenthalen, was Sie verstehen, das habe ich schon lange vergessen. — Sie brauchend mir aber gar nicht zu erzählen, ich kann's mir schon denken und werde mich künftig hüten, mich wieder mit Leuten zu befassen, die, die"- sie schnappte nach Luft. „Frau Commerzienräthin, Sie mißverstehen mich, ich kann Ihnen wirklich nicht erklären —" „Brauchen Sie auch nicht, was gehen Sie und Ihre Mädchen mich an. Ich habe schon viel zu viel mit Ihnen geredet. Dort ist Ihre Gesellschaft, gehen Sie nur zu denen." Frau Löwenthal wollte noch etwas erwidern, die Erzürnte wandte ihr aber den Rücken und wollte sie unliebsames Aufsehen vermeiden, so blieb ihr nichts übrig, als sich zu entfernen. „Das hat man davon, wenn man sich mit solchem Judenpack einläßt," schalt die Frau Commerzienräthin ihr nach, „in meinem Leben darf mir keiner von der Bande wieder zu nahe kommen. Aber dem Professor will ich noch ein Licht anstecken, der Prinzessin Esther versalze ich die Geschichte, darauf kann sie sich ver- ' ^en, die soll an mich und an Charlottenbrunn denken; ihr die Augen offen stehen." dazu fand sich eher als sie gedacht hob sich Herr Lehrer Tittel und hielt eine Rede von ungefähr folgendem Inhalte: Es seien nun bereits viele Vorzüge der Schule theils in Reden theils in Liedern gefeiert worden, einen glaube er noch erwähnen zu müssen, daß unter den vielen Schülern dieser spezifisch christlichen Schule sich auch stets eine kleine Anzahl jüdischer Schüler befunden habe, und daß diesen von Seiten der Lehrer stets die größte Toleranz entgegengebracht worden sei. Freilich müsse er betonen und er betone dies in unserer Zeit, in welcher dem Judenthume von allen Seiten Vorwürfe, Schmähungen und Beschimpfungen zn Theil werden, gerade aus vollstem Herzen, daß die jüdischen Schüler nicht zu den schlechtesten gehört haben; ja es habe sogar einige darunter gegeben, welche nach der Schulzeit vermöge der erworbenen Kenntnisse die höchsten Staffeln der menschlichen Gesellschaft erreicht haben. . Was speziell den Herrn Pinner betrifft, so sei er stolz darauf, denselben als seinen Schüler gehabt zu haben und es gereiche ihm dies zur größten Ehre, dies dadurch zu bezeugen, daß er die verehrte Gesellschaft bitte, mit ihm das Glas zu erheben und ein Hoch zu bringen auf den Dichter des so eben gesungenen Liedes. Die Gesellschaft kam dieser Aufforderung mit größtem Jubel nach, und als sich der Sturm der Begeisterung etwas gelegt hatte, bat Herr Pinner ums Wort. Meine Herren, begann er: „so unbescheiden es auch klingen mag, sich an diesem dem Jubilar geweihten Abende in den Vordergrund zu drängen, fühle ich mich doch dazu veranlaßt, um meinem sehr geehrten Lehrer Herrn Tittel Folgendes zu erwidern: Wenn ich mich zurückdenke in die Zeit, als wir in die Schule ausgenommen wurden, so muß mich einige gewisse Wehmuth beschleichen, denn gerade uns Juden wurde von Seiten eines großen Theils der christlichen Mitschüler, ja sogar leider auch von Seiten einiger Lehrer, unsere Religion bei vielen Gelegenheiten uns offen und unumwunden zum Vorwurfe gemacht, und mancher Schmähung, mancher thätlichen Mißhandlung waren wir deshalb ausgesetzt, manche Strafe traf uns — uns, denen man nichts Anders vorwerfen konnte, als daß wir Juden — waren. — Freilich die Liebe zu unserer Religion hat dadurch in unserem kindlichen Herzen nur erstarken können und so kam es, daß gerade wir unter solchen Verhältnissen, von dem das Judenthum jetzt leider durchwehenden Jndifferentismus unberührt geblieben und hoffentlich auch stets bleiöen werden. Wenn nun Herr Tittel des kleinen Häufleins jüdischer Schulen mit Lob erwähn^ so ist dies nicht anders möglich, wo sich in einer großen Majorität eine verschwindend kleine Minorität sich befindet, welche sich anstatt -unverdienter Schmähungen, verdiente Achtung erwerben muß. Und wodurch? Durch solche Eigenschaften, welchen selbst Neid und eingewurzelter Religionshaß die Anerkennung nicht versagen dürfen, nämlich durch strenge Redlichkeit und durch eifriges Stre- -ben nach den höchsten Gütern, soweit sie zu erreichen dem Sterblichen beschieden sind. Was nun aber die Schmähungen, Verläumdungen und Aufwiegeleien anbetrifft, welche jetzt wieder von Neuem gegen das Judenthum in Scene gesetzt werden, so sind die Befürchtungen, welche durch sie hervorgerufen werden könnten nur sehr wenig begründet, denn die Anklagen gegen das Judenthum sind theilweise so widersinnig, theilweise so haltlos, daß sie wohl bald der Vergessenheit anheimfallen werden und ihren Zweck in das biedere rechtlich denkende deutsche Volk derartige schändliche Gedanken hineinzutragen, werden sie wohl nie erreichen, dafür bürgt eben der Gerechtigkeitssinn und die wahre Religiösität des deutschen Volkes, denn die christliche Religion verlangt vor allem Duldung, Nachsicht und Schwiegermutter getrennt, den Professor in ein Gespräch verwickelt und sich dabei mit ihm von den Damen entfernt, die ihrerseits auf die ziemlich aufgeregt von der Unterredung mit der Commerzienräthin zurückkehrende Mutter stießen und es für gerathen hielten, ohne das Herankommen der Herren abzuwarten, nach Hause zu gehen. Als Rosenblatt ihre Entfernung bemerkte, verabschiedete er sich von Borchardt und dieser machte keine Miene, ihn zu begleiten. Der Mann war ihm ohnehin nicht sehr sympathisch, heute hatte er sich ihm aber doppelt unangenehm gemacht, indem er Winke fallen ließ, als existirte ein Hinderniß für Esther, einem Manne ihre Hand zu reichen. „Ich frage ihn nächstens geradezu, was er mit diesen Bemerkungen sagen will", gelobte sich Borchardt, „er war nur heute so aalglatt, daß ich ihn gar nicht zu fassen vermochte." In heftiger Erregung schritt er an der Commerzienräthin vorüber, ohne sie zu beobachten, da fühlte er sich plötzlich am Arm gepackt. Aufblickend gewahrte er zu seiner größten Verwunderung Frau Marie an seiner Seite. — „Wohin denn so eilig, Herr Professor?" fragte sie. „Jch^habe Briefe zu schreiben," antwortete er abwehrend. Liebe gegen den Nächsten, gegen den Andersgläubigen, Wollte man auch die Lehre Christi zu entstellen suchen, seine Worte enthalten keinen andern Sinn; hat er nicht sogar für seine Feinde gebetet und um Vergebung für dieselben gefleht? Und gewisse Herren wollen nun den Deckmantel der Religion, des Christenthums für solch finstereszTreiben benutzen? Handelt sie dann in dieser thörichteu Absicht, wie sind sie dann zu beklagen, sind aber ihre Geister sich dessen bewußt, was sie thun, wie sehr hat sich dann das Christenthum vor solchen guten Freunden zu wahren und zu schützen. Denn in Wirklichkeit sind doch nur diese wahren Feinde des Christentums, welche die erhabensten Lehren über Menschenwürde, Duldung und Liebe durch Haß, Zwietracht und Unfrieden beschmutzen^ So lange der kernige Sinn des deutschen Volkes, die wahre Religiösität desselben bestehen wird, so lange werden auch diese Angriffe spurlos an uns vorübergehen. Denn, wenn ich bedenke, wie der freie deutsche Geist, die erste Menschenwürde sich aus düstern Vorurtheilen heraus doch Bahn gebrochen hat, so glaube ich auch gerade hierin die Bürgschaft sehen zu dürfen, daß wir auch auf dieser Bahn weiter fortschreiten und einer schönen Zukunft entgegen gehen werden. Denn, was bedeuten am Ende überhaupt die künstlich gezogenen Schranken der Religion, wenn nicht der Mensch im Menschen zu ackten und zu ehren ist? Die Menschlichkeit, die Humanität, welche uns ohne allen Unterschied des Standes und der Religion hieher geführt und zu diesem schönen Feste so brüderlich geeint hat, sie möge auch fernerhin immer mehr und mehr erstarken und wachsen. Und nun m. H. bekunden Sie mir, daß ich in Ihrem Sinne gesprochen und leeren Sie mit mir Ihr Glas auf die Humanität der Humanität, sie lebe hoch! Ein endloser Jubel erhob sich nach diesen Worten und der Triumph, welcher von diesem Augenblicke an das Judenthum an diesem Abend feierte, vermag wohl keine Feder zu beschreiben. Erwähnen will ich nur, daß der als streng gläubige Christ bekannte Jubilar den Redner vor der ganzen Versammlung umarmte und küßte, und daß der Veranlasser dieser eu tempore gesprochenen Worte Herr Lehrer Tittel dem Beispiele des Jubilars folgte. Die 3 hiesigen Zeitungen übergingen diesen Vorfall mit Stillschweigen. Herr Dr. Pinner war lange Zeit Schüler unserer Religionsschule. Wenn jeder Jude sich so bestreben möchte Wlpb dann würde in Erfüllung gehen ns mm my mm. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Breslau, 26. Oktober. Im Hinblick auf die jetzt in Szene gesetzte Judenhetze dürfte es von mehr als historischem Interesse sein, an einen Regierungserlaß zu erinnern, der im Jahre 1803, als "durch egoistische Motive, einer gewissen Clique ähnliche Blüthen wie heute gezeitigt wurden, publizirt wurde. Das Schriftstück lautet: Berlin, 26. September 1803. Obrigkeitliche Bekanntmachung. Der Unfug, der seit einiger Zeit durch Druckschriften für und wider die Juden und deren Verkündigungen durch die öffentlichen Blätter veranlaßt und getrieben worden, macht es nothwendig, hiermit auf Befehl eines hohen General-Obersinanz-, Kriegs- und Domänen-Direktoriums sestzusetzen und bekannt zu machen, daß zur Steuerung dieses Unfuges die ernsthaftesten Vorkehrungen getroffen sind. Besonders ist Die dicke Frau war nicht gerade die Gesellschaft, die er sich in diesem Augenblick wünschte. „Die laufen nicht fort", lachte sie. „Oder sind's etwa die Verlobungsanzeigen?" „Frau Commerzienräthin, was berechtigt Sie —" „Via thuen Sie nur nicht so grimmig. Wofür hat man denn seine Augen im Kopf. Ich will Ihnen übrigens einen guten Rath geben, Professorchen", fuhr sie eifrig fort. »Erkundigen Sie sich doch ein Bischen genauer nach Ihrer Charmanten. Von der Fräulein Esther Löwenthal erzählt man sich hier in Charlottenbrunn allerlei Geschichten. —" „Frau, was unterstehen Sie sich!" fuhr der Professor auf. „Na, fressen Sie mich nur nicht. Verliebte sind blind, ich wollte Ihnen nur den Staar stechen!" Damit ließ sie den wie betäubt vor sich hinstarrenden Borchardt stehen, winkte ihren Kammerjungfern und entfernte sich, sehr zufrieden mit ihrem Tagwerke. „Schlange, Schlange, hast du dein Gift verspritzt!" zürnte der Professor. „O, es ist nur zu natürlich, ein Wesen, so hoch, so edel wie Esther muß dir ein Dorn im Auge sein, denn es ist ein beständiger Vorwurf für deine Niedrigkeit und Gemeinheit!

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