Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 44 (30.10.1879)
- Date
- 1879-10-30
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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verfügt worden, daß Schriften dieser Art nicht wieder die Zensur passiven, und keine Anzeigen und Schriften dieses Gegenstandes in den Zeitungen und Jntelligenzblättern ausgenommen werden dürfen, welches zur Nachricht und Achtung hiermit bekannt gemacht wird. Königlich Preußisches Polizei-Direktorium. B. D. Z. Frankenau. Herr Lehrer I. Werth an schreibt uns: Folgendes wollen Sie gefälligst in Ihrem gesch. Blatte veröffentlichen. Bekanntlich wurde stets der Satz mSDö nn^D im Judenthum beachtet und zwar voll und ganz. Leider finde ich aber in einem s. Z. sehr hoch geschälten Buche über jüdische und jüdisch-deutsche Briefe und Aufsätze folgende Grabschrift als Muster: .2^22 NQ1 212>2 ^2N 5^>D DIN ptM ND Ist das nicht absurd wie alle Pietät verletzend, die den.Todten wir schuldig sind? Bad Homburg. (Trauerfall.) Frau Thekla Binge, die tugendhafte, ihres gott- und menschengefälligen Lebens wegen berühmte Gattin des Kgl. Regierungs-Anwalts Herrn S. Binge ist hier gestorben. n'n'^n r. m. Hamburg. (Verschiedenes). So wäre denn die Eröffnung einer neuen Synagoge, die ganz unabhängig von irgend einer der hiesigen drei Gemeinden steht, ein fait accompli, das sich nicht wegleugnen läßt. Am Jungfernftieg, der schönsten Straße Hamburgs belegen, erfreut sich die Synagoge Nwe Scholaum und besonders aber die allsonnabendlich wiederkehrende oratorische Glanzleistung des Rabbiners Dr. Jsaacsohn eines so regen Besuches, daß die heiligen Pforten sich seit Kurzem nur gegen ein auf ein Jahr gültiges ka886-xLrtout für 6 M. dem Besucher öffnen. — In der Einweihungsrede betonte Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Jsaacsohn seinen Standpunkt auf der Grundlage des Schulchan Aruch, die Mitglieder seiner Gemeinde denken und können daher auch principiell gar nicht daran denken, aus dem hochdeutschen Dynagogenverband auszutreten, der unter der Aegide Sr. Ehrw. des Herrn Oberrabbiners Stern auf denselben Prinzipien fußt. Pendants zu dem modernen Hepp-Hepp-Geschrei liefert von Zeit zu Zeit ein hier erscheinendes obscures Blättlein, das sich „Gerichts-Zeitung" nennt, und Nachfolger des s. Z. infolge des Socialistengesetzes verbotenen „Hamburg-Altonaer Volksblattes" ist. Dasselbe bringt von Zeit zu Zeit Carricaturen in Holzschnitt, welche als Juden bezeichnet werden, und knüpft daran faule jüdisch sein sollende Witze, die alles eher als jüdisch und nichts weniger als Witze sind. Als ein kleiner Beleg hierzu mag dienen, daß kurz vor den verflossenen Feiertagen auf einer Nr. des genannten Blattes als Titelbild ein dicker Mensch mit Schmerbauch und obligater gebogener Nase neben mehreren Geldsäcken stgurirte. Oben drüber stand das vielversprechende Wörtlein: Rebus und unten drunter stand in verkehrtgedruckten Buchstaben.; Lösung: Moses und die Propheten." Der Vorurtheilsfreie mag sich nun bemühen, ein Fünklein Witz darin zu entdecken, oder das tortium compa-rationia zwischen der schmerbäuchigen, krummnasigen Carricatur und dem großen Moses einerseits und den Geldsäcken im Vergleich zu den Propheten anderseits. Und die Herren schimpfen sich die Jünger Lassale's (des Juden) und haben sein Bild mehrere Male im Redactionszimmer der genannten Zeitung hängen. — Erfreulicher ist es zu berichten, daß ein kürzlich hier verstorbener angesehener Kaufmann christlicher Confesston an hiesige jüdische Anstalten 15,000 Mk. testamentarisch hinterlassen hat.— Eine heroische That zweier hiesiger Juden erfreute sich vorige Woche Hierselbst allgemeiner Anerkennung: In der Synagoge in der Marksiraße war, wie schon oft nachträglich bemerkt worden war, die Spendenbüchse mittelst Nachschlüssels geöffnet und beraubt worden. Um die vermutheten Diebe abzufassen, ließen sich zwei Vorsteher der Synagoge Sonnabend Nachts im Männerraume derselben einschließen. Sie verbargen sich da und erwarteten den Besuch der Diebe. Um Mitternacht kamen auch wirklich zwei Vermummte herangeschlichen, öffneten mittelst Nachschlüssels das Betlokal und machten sich schon daran die gleiche Procedur an der Sammelbüchse vorzunehmen, als die beiden Wächter sich auf die Einbrecher stürzten. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich, der aber leider mit der Flucht der Einbrecher uud der Verwundung der Wächter endete, die Polizei soll den Missethätern aber bereits auf der Spur sein. — In unserer Nachbarstadt überwies kürzlich ein Mitglied der dortigen Gemeinde dem Hrn. Oberrabbiner daselbst eine größere Summe Geldes zu wohlthätigen Zwecken, mit dem Bemerken, daß er dieselbe zwar zu einer Reise aus Gesundheitsrücksichten ursprünglich zurückgelegt, dieselbe aber nun wohlthätigen Zwecken überweise, in der sichern Hoffnung, daß v -* nfleS .oSfifg ibn hierdurch geistig und leiblich kräftigen Wird. Ki lo almon Jisroel. liebenden Fortbestand der Altonaer Israelitischen Gemeindeschule ist das letzte Wort noch immer nicht gesprochen. Bei dem Systemwechsel im preußischen Cultusministerium ist jedoch die gegründetste Aussicht vorhanden, daß die Schule fortbestehen wird. In dem Stadtverordneten-Collegium daselbst stand die Subventionirung der Schule von Seiten der Stadt auf der Tagesordnung. Der dahingehende Antrag des städtischen Schulcollegiums wurde aber abgelehnt. Wenn auch die zu gewährenden jährlichen 600 Mark durchaus keinen Einfluß auf die Existenz der Schule haben kann, so ist es doch charakteristisch, daß ein jüdischer Stadtverordneter mit besonderem Eifer, der einer bessern Sache werth war, gegen den Antrag der Schulcommission plaidirte. In dem vom Freiherrn von Fircks in der „Preußischen Statistik" veröffentlichten Aufsatz über „die Bewegung der Bevölkerung im preußischen Staat von 1816—1847“ einer umfassenden Arbeit auf Grund offiziellen Materials, die 315 enggedruckten Quartseiten umfaßt, wird unter anderem, gegen die bisherige Annahme nachgewiesen, daß bei den Juden die Geburtenziffer niedriger als bei den Christen ist, die Sterbeziffer aber, erfreulicherweise, durch ihren außerordentlich niedrigen Stand diesen Unterschied zum Vortheil der Juden ausgleicht. Von 1816—1874 betrug nämlich bei den Christen die Geburtenziffer 40,01, bei den Juden hingegen nur 35,46 pro MUe, trotzdem stelle sich aber die natürliche Vermehrung bei den Juden um 2,45 pro Mille günstiger als bei den Christen, was nicht allein in Preußen, sondern auch in Oesterreich-Ungarn und Frankreich auf Grund statistischen Materials nachgewiesen ist. — Sollte diese Erscheinung nicht auf unfern heil. Keuchheits- und Speisegesetze zurückzuführen sei? da aber bei allen Statistiken der Erfahrungssatz feststeht, daß „es als ein Moment höherer Cultur gilt, „wenn eine Volksvermehrung nicht durch eine „hohe Geburtsziffer sondern durch eine niedrige „Sterbeziffer erlangt wird," so könnte Herrn Marr*) und Genossen, dieses durch Zahlen bewiesene Ergebniß einer unserer jüngsten Wissenschaften viel zu denken geben. *) aä vocem Marr höre ich, daß seine zweite Frau eine Jüdin sei. (Anmerk. d. Eins.) — Der Sohn des Obercantors der Altonaer portugiesischen Gemeinde, (dessen Tod diese Blätter vor Kurzem gebracht), Dr. Joseph Piza, starb kürzlich nach einer langwierigen schweren Krankheit. Derselbe war einer der populärsten Männer Hamburgs. Er wirkte an der jüd. Stiftungsschule viele Jahre als Lehrer, ebenso als Chef-Redakteur der „Reform", sowie als Obercantor der Tempelgemeinde und Mitglied des Bürgerschafts-Collegiums. Um die Stellung der hiesigen Juden hat er sich viele Verdienste erworben; auch leistete er ohne Ansehen der Parteistellung aufstrebenden jüdischen Talenten jeden möglichen Vorschub. Alle Honorationen der Stadt folgten der Leiche. Am Grabe wurden mehrere Reden gehalten. Die Bestattung ging ganz in der Weise des alten portugiesischen Ritus vor sich. Rumänien. Bukarest. Seit der Annahme des Revisionsgesetzes durch die Kammer, gehen zahlreiche individuelle Gesuche um Naturalistrung ein. Die hervorragendsten in Rumänien wohnenden Israeliten sollen die ersten gewesen sein, welche sich den neuen Gesetzen unterworfen haben. Die Journale konstatiren, daß die Bevölkerung allenthalben über die Art der Lösung der Judenfrage sehr befriedigt sei. Literarisches. „Rischuß" oder Judenidiosynkrasie. Ein Zeitstudie von Dr. X Suftbach. Verlag von Rich. Skrzeczek, Löbau (Westpr.) Noch bevor wir in den Inhalt seiner Broschüre eingedrungen, hat uns der Verfasser bereits zum Danke verpflichtet ob der trefflichen Definition des Begriffes Rischuß. Was bezeichnet dies häßliche Wort, das zwar jüdisch seiner Etymologie nach und doch dem jüdischen Hörer so widerwärtig klingt? „Rischuß" sagt der Verfasser, „ist der Ausdruck für einen begrenzten Begriff, es ist der Ausdruck für eine ganze Geschichtsepoche, für die Geschicke des jüdischen Stammes von seiner Entstehung bis auf die Gegenwart. Alle Tonarten der Abneigung gegen Juden und Judenthum, von dem leisesten Widerwillen im Herzen eines Nichtjuden gegen eine gebogene Nase bis zu dem blutigen Haß, der den Juden für vogelfrei werden durch das Wort Rischuß bezeichnet.“ — Um sich aber auf dem weiten Gebiete, wo Rischuß blüht, leichter zu orientiren, ist es nöthig, dasselbe zu classifiziren: Zwei Arten von Rischuß gibt es und zwar erstens, das instinctive oder dumme Rischus(^D2^1), und zweitens, das intelligente oder politische Rischus yt&H) D"iy). Ruft auf offener Straße dir, dem harmlosen Passanten, ein dir unbekanntes Kind, ein dir unbekanntes Jndividium, das Wörtchen «Jüd“ zu — was doch, in Anbetracht der gemeinen Absicht des Zurufenden allerdings Ungezogenheit wie Menschenverachtung verräth —, so ist das: dummes Rischuß: das mag vielleicht daher kommen, weil einst deine Väter I. CH. gekreuzigt; adressirt sich jedoch der Ruf „Jüd“, in Wort und Schrift, an deine ganze Nation, hat das Rischuß den individuellen Charakter aufgegeben und einen allgemeinen angenommen, so ist das: politisches Rischuß. Beide Arten, gleich lästig, gleich verletzend, müssen daher auch gleich behandelt, vorsichtig aber gebührend zurückgewiesen werden. Dummheit soll mit wieder Dummheit, Intelligenz mit Intelligenz bekämpft werden. Macht dir Jemand deine Nationalität zum Vorwurf, so thue du dasselbe: Bonjour, Mr. lejuif! — Bonjour, Mr. le chrötien! — Wie aber Intelligenz mit Intelligenz zu bekämpfen sei, darüber ertheilt uns der Verfasser nützlichen Rath. Nachdem derselbe das „rein historische Urtheil" Treitschke's über ein jüdisches Bankhaus, das «die Schattenseiten seiner Race sichtbar zur Schau trägt", in eine rein historische Lüge verwandelt; nachdem der Vers. Hr. Prof. Treitschke auf's Gründlichste belehrt, macht er demselben folgende Entdeckung: „der denkende Jude, welcher die Literatur der Neuzeit verfolgt, hat sich noch nie der Illusion hingegeben, als sei das Rischuß aasgestorben, Bildung und Wissenschaft schützt vor der Juden-Jdiosynkraste nicht." — Welch ein schmeichelhaftes Compliment! — Doch möge Herr Treitschke sich trösten! Denn „Herr T.“ fährt der Verfasser fort, «steht in unserm „aufgeklärten" Jahrhundert nicht allein". Das grobe Rischuß, welches die nervige Faust drohend erhebt oder mindestens seinem Gefühle in groben Schimpfwörtern Luft macht, ziehen wir hier nicht in Betracht, das ist in dem Theile Europas, den wir als civilisirt bezeichnen können, unschädlich. Gegen Ausschreitungen, welche direkt Gesundheit und Vermögen eines Juden bedrohen oder thatsächliche Aufreizung hervorzurufen im Stande ist, schützt die Polizei und der Gerechtigkeitssinn der höchsten Behörden. Aber das civilisirte Rischuß, das seine Angriffe mit philosophisch klingenden Floskeln zu verhüllen versteht, das im Gewände unparteiischer Geschichtsforschung auftretend, um der Humanität willen zu kämpfen vorgibt und in Wirklichkeit gegen die Humanität kämpft, das rein objectiv sein will und in Wirklichkeit sogar subjectiv ist, das immer glauben machen will, es meine die Sache und in Wirklichkeit die Person trifft: das ist das gefährliche Rischus, und dieses kann nicht genug bekämpft werden." — Nach Allem durfte Hr. Prof. Treitschke, der den Werth einer guten Lection am besten zu würdigen weiß, für diese jüdische Lehre recht dankbar sich zeigen. Schonungslos aber immer würdevoll wie T., dem eigentlichen Feinde gegenüber, verfährt Verf. mit den übrigen Bundesgenossen Treitschke's: die «Germania", die „fliegenden Blätter", welche beide in Rischußmacherei gerade nicht ganz ungeübt sind, der Verfasser der Schrift „Ueber nationale Erziehung“, der moderne Geschichtsschreiber Otto Henne Am-Rhyn, die Alle an der fixen Idee leiden, daß die Juden ein schädliches Element in der Gesellschaft bilden, das zu entfernen man zum Wähle der Menschheit bestrebt sein müsse, wurden kraft der Argumente, die unserm Verf. zu Gebote stehen, gründlich widerlegt und eines Bessern belehrt. — Das historische Problem, wie dem Uebel des Judenhasses abzeholfm werden könnte, löst Verfaffer dadurch, daß er räth, Rischuß nicht mit Rischuß zu vertreiben. Im Gegentheile meint er: „Die Mittel, welche gegen den Judenhaß angewendet werden müssen, sind sowohl positive als negative. Wir haben, wie es auch bisher geschehen ist, durch die That zu beweisen, daß Alles das, was der Judenhaß den Juden als Nationalsehler aufmützen will, böswillige Verleumdung ist. Wir werden fortfahren durch Werke der Liebe und Menschlichkeit zu zeigen, daß wir jeden Menschen ohne Ansehung der Confesston als unfern Mitbruder betrachten re. rc." Als negatives Mittel hingegen empfiehlt der Verf.: Schweigen, denn „einen Judenfresser bringt man am besten zum Schweigen, durch Schweigen." Indem wir uns Vorbehalten, in einem besondern Artikel noch einmal auf die Broschüre zu kommen, um unsere unmaßgebende Ansicht über gewisse Punkte, wo wir mit dem Verfasser nicht übereinstimmen können, derjenigen des Verfassers gegenüber zu stellen, haben wir einige Kraftstellen aus der Broschüre angeführt. Der Leser derselben wird indessen noch viele interessante Details, so manche nur selten zum druck gelangte Wahrheit in elegante Form ihr finden. - -