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Der israelitische Bote · 1879-10-30 · 44 (30.10.1879) · p. [Seite 1]

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Journal
Der israelitische Bote
Volume
5 (1879)
Issue
44 (30.10.1879)
Date
1879-10-30
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Bestellungen nehmen alle Postanstallen entgegen. Verantwortlicher Redacteur Moritz Baum in Bonn, Expedition: Petersstratze Nr. 8. V. Jahrgang. Monn, 3«. HKtoöer 187S (5640). Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. Zahlbar hier. Inserate werden bis Dienstag erdete Mo. 44. » Leitender Artikel. Verkappte Judenfeinde. „Ein Nebel kommt selten allein" sagt ein altes Sprichwort. Diese traurige Erfahrung hat die jüdische Nation erst unlängst dem vollen Umfange nach an sich zu machen Gelegenheit gefunden. Nach Treitschke, Marr, Stöcker hat sich eine ganze Menge bis jetzt im Hinterhalte verborgen gebliebener Judenfeinde entpuppt. Da bildet sich unter der Firma „Antisemiten-Liga ein Verein, dessen Statuten man nur zu lesen braucht um zu erfahren, wie die Antisemiten, diese würdigen Jünger Stöcker's, ihren Meister an Intoleranz weit hinter sich lassen. Doch nicht nur die große, auch die kleine Gesellschaft, die zarte Jugend soll in Judenhaß eingeweiht werden. Und wenn zu diesem Zwecke die Muttersprache nicht hinreicht, so soll eine fremde Sprache als Aushilfsmittel dienen. Ein Prof. — der sich nachträglich allerdings seiner Lehrmethode wegen zu entschuldigen sucht — hat in der französischen Lektion die Begriffe: uatiou und peuple zu erklären. Die Juden z. B. bilden zwar eine Nation doch^kein peuxle. (Wir erlauben uns zum Verständniß letztern Satzes auf Ploetz, vocabulaire systematique hinzuweisen.) Nun freuet es den Hrn. Professor nicht länger auf sprachlichem Boden zu verweilen; seine Phantasie schwingi sich auf politisches Gebiet und verleitet ihn zu seine jüdischen Schüler — die er freilich nicht bemerkt haben will — verletzenden Aeußerungen. — Wir sehen hiermit, wie epidemisch das intolerante Vorgehen freier Männer im politischen Leben auch auf Schulbeamten in Kinderkreisen wirkt, und begreifen, wie der Judenhaß von der politischen Werkstätte in's Schullokal und — vice versa getragen wird. — Hören wir zudem, wie die „Berliner Volksztg." ääto. 19. Okt. über die beregten Vorgänge sich äußert: Aus Sachsen. Leipzig, 19. Oktober. Die immer mehr um sich greifende Judenhetz-Propaganda ist wohl das sprechendste Symptom dafür, wie tief das Giftgewächs der Reaktion sich schon eingewurzelt hat, wie frech es schon das Haupt zu erheben wagt. Es ist der traurige Ruhm der Herren Glagau, Marr und Stöcker (ein edles Kleeblatt, dessen Namen einst die Signatur und Ueberschrift eines der traurigsten Kapitel der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts werden!) die Saat ausgestreut und das aufkeimende Unkraut unermüdlich genährt und gepflegt zu haben. Schon beginnen sich die Früchte zu zeigen. Dahin rechne ich den bekannten Vorfall bei der Wahl in Breslau, dahin die seitens der königlichen Regierung in Stettin erfolgte Verweigerung jeden Vorgehens gegen jenen pommerschen Gymnasiallehrer, der in der französischen Unterrichtsstunde die heutigen Juden als Schmarotzerpflanzen bezeichnet und dadurch Neckereien und Schimpfereien der Schüler gegen ihre jüdischen Mitschüler herbeigeführt hatte, ferner gehört ganz besonders in dieses Gebiet die von der „Volks-Ztg." besprochene Gründung einer „Antisemiten-Liga" in Berlin. Wenn so etwas in der „Stadt der Intelligenz", wie Berlin sich so gern nennen hört, möglich ist, kann natürlich unser „aufgeklärtes" Sachsenland nicht Zurückbleiben. In Dresden hat sich ein „Deutscher Reformverein" gebildet, der diejenigen Grundsätze zu den seinigen gemacht hat, die in einer in echt Stöcker'schem Geiste geschriebenen Broschüre eines gewissen Egon Waldegg über die Judenfrage vertreten werden. Allerdings kommt Herrn Waldegg nicht das alleinige Verdienst an dieser Vereinsgründung zu, vielmehr hatte ihm auf dem Gebiete der Judenhetze schon seit Langem ein dresdener Preßorgan auf's Eifrigste vorgearbeitet, die „Dresdener Nachrichten" nämlich, jenes — leider! — gelesenste Blatt Sachsens, das in „Demokratie" und widrigstem Byzantinismus, in „Volkswohl" und Schutzzoll, vor Allem aber in Partikularismus und Judenhatz machte, dessen umfangreicher Briefkasten regelmäßig eine Sammlung von Zoten und Gemeinheiten ist und das nebenbei der sächsischen Regierung dient. Gewiß ein Blatt mit der vollsten Berechtigung, im Namen der christlich-germanischen Sittlichkeit gegen die dieselbe verletzenden Juden aufzutreten! Die ^Dresdener Nachrichten" hatteu^§!§o den Boden vorbereitet, dazu kam die Anregung des Herrn Waldegg — und der neue Verein war fertig. Die Hauptforderung, die Herr Waldegg aufgestellt hat und für deren Verwirklichung besagter Verein thätig sein will, ist: „Verdrängung der Angehörigen der semitischen Race aus den gesetzgebenden Körperschaften des Reiches und der Einzelstaaten, sowie aus den ihnen eingeräumten Stellungen im „Reichs- oder Staatsdienste", ferner soll den Juden fortan kein Bürgerrecht mehr gegeben werden und endlich soll es dahin gebracht werden, „daß den Juden ihr gelobtes Land wiedergegeben und sie alle dahin geschickt werden". So wörtlich zu lesen! Und dabei erklären die Herren Stöcker und Konsorten, es handle sich bei ihrer Agitation nicht im Entferntesten um eine Judenhetze, nur um die angeblich verloren gegangene „Gleichberechtigung der Christen mit den Juden" und wie die lügnerischen Phrasen sonst heißen. Ist das Gleichberechtigung der Christen und Juden, weun jene das Staats- und Gemeindebürgerrecht erlangen können, diese aber nicht, wie es Herrn Waldegg's und seiner dresdener Anhänger offen ausgesprochene Forderung ist? Wahrlich, man möchte wünschen, das Thun und Treiben dieser Schüler Stöcker's todtschweigen zu können, damit dem Auslande von ihren an die finsteren Zeiten des Mittelalters mit ihren Judenverfolgungen erinnernden, für ganz Deutschland schmachvollen Bestrebungen nichts bekannt werde! Denn eine sehr ernsthaft gemeinte und bereits weit verzweigte Propaganda mit ganz bestimmten Zielen und fanatischen Anhängern haben wir vor uns, und es ist nicht mehr möglich, die ganze Sache einfach als lächerlich, was sie ja im Grunde genommen ist, aufzufaffen und ihre Besprechung den Witzblättern zu überlassen. Eine nach Hunderttausenden zählende Genossenschaft von Bewohnern unseres Vaterlandes, deren Voreltern zum großen Theile seit Jahrhunderten in Deutschland heimisch waren, soll wirklich aus allen Ehrenstellen entfernt, durch Entziehung des Bürgerrechts zu einer Klaffe von Ehrlosen, von Parias herabgedrückt und endlich ans dem Lande gejagt werden. Und das Alles eigentlich aus keinem anderen Grunde, als weil dieJuden einer anderen Race angehören, die doch schon darum unmöglich auf einer niedrigeren Stufe als die germanische stehen kann, weil alle Judenhetzer vor der angeblichen Ueberlegenheit der Semiten sich so sehr fürchten. Dem Racenhaß gegenüber kommt natürlich nicht in Betracht, daß die Juden Deutschland nicht nur auf dem Gebiete der Politik, für das sie nach dem bekannten Ausspruche des Reichskanzlers besonders veranlagt sind, sondern auch in fast allen Fächern der Wissenschaft, Kunst und Literatur eine lange Reihe tüchtiger Kräfte geliefert haben, während der vermuthlich pseudonyme Herr Waldegg und sein Anhang im besten Falle „dunkle Ehrenmänner" sind, -deren Verdienste -bis jetzt „im Stillen geblieben" sind. Nichts desto weniger erklären sie mit einer wahren Unfehlbarkeitsmiene, bis das deutsche Volk ihr Programm nicht ausgesührt habe, werde und könne es in Deutschland nicht besser werden, wobei sie noch so liebenswürdig sind, mit der Entziehung der bürgerlichen Ehrenrechte sich einstweilen begnügen zu wollen und von der Landesverweisung vorläufig abzusehen. Nun, deutsches Volk, was wirst Du thun? Wirst Du jene Rathschläge befolgen oder wirst Du sie gleich für den Ausbruch einer Art von Fieberparoxysmus ansehen, der zwar epidemisch geworden ist, aber sein höchstes Stadium eben in den Waldegg'schen Vorschlägen erreicht hat und darum bald wieder der gesunden Vernunft Platz machen wird? . . . Auf alle Fälle bleibt die Geschichte von Herrn Waldegg und seinen dresdener Freunden in doppelter Beziehung lehrreich: einmal zeigt sie im Allgemeinen, was für Blüthen eine frische, fröhliche Reaktionszeit zu treiben vermag, und sodann im Speziellen, was ein königlich preußischer Hofprediger, Alles fertig bringen kann, wenn er es nur an Fleiß und Eifer nicht fehlen läßt. .Dasselbe Blatt berichtet ferner: Der in unserer gestrigen Korrespondenz aus Leipzig erwähnte, einen pommer'schen Gymnasiallehrer Im Banne des Gesetzes. Erzählung von Jenny Hirsch. „Ich will auf mich und ihn achten, damit es zu keinem Geständniß seiner Liebe kommt, will lieber die Gelegenheiten vermeiden, mit ihm allein zu sein, denn ihn zurückweisen, das ginge über meine Kräfte, und doch müßte es sein." In Folge dieses Entschlusses wußte es Esther so einzurichten, daß sie nie mit dem Professor allein war und Frau Rosenblatt, der ihr Gatte seine Befürchtungen mitgetheilt hatte und die in Folge dessen selbst aufmerksam geworden war, kam ihr in diesem Bestreben trefflich zu Hilfe. „Man fühlt die Absicht und — man ist nicht verstimmt", lächelte der Professor, als er diese Manöver bemerkte, „ich gewöhne mir das Citiren am Ende auch noch an —. Die Familie Löwenthal scheint sich nun einmal in den Kopf gesetzt zu haben, daß ich ihre Jüngste heirathen soll und mir deshalb jede Verstärk digung mit der Aeltesten abzuschneiden. Sie mögen Die Frau Commerzienräthin saß wieder zwischen den beiden Kammerjungfern und ertheilte den promenirenden Kurgästen Audienz. „Löwenthalen, liebe Löwenthalen, kommen Sie mal her", rief sie Frau Friedchen zu, die soeben mit ihrem eifrig gestikulirenden Schwiegersohn vorüberschritt, „ich habe nothwendig mit Ihnen zu reden." Rosenblatt eilte seiner Frau und seinen Schwägerinnen nach, die mit Borchardt vorangegangen waren, und Friedchen nahm neben ihrer Gönnerin Platz. „Ich wollte nun fragen, ob's denn nun nicht bald Verlobung gibt," begann die Commerzienräthin ohne Umstände. „Ich dächte, das Scherwenzeln und Haseliren hätte nun lange genug gedauert." „Haben Sie es auch bemerkt?" seufzte Friedchen mit einem Blick gen Himmel. „Zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten Liebe goldne Zeit." „Na hören Sie mal, über die erste Liebe sind die doch Beide weg." „Wie meinen Sie das?" „Na bei einem Mädchen wie Esther wird's doch mit der ersten Liebe gute Wege haben." „Esther! was denken Sie? Der Professor soll Hanna heirathen." Esther will? Mein Geschmack wär's nicht, ist aber seine Sache." „Ich versichere Ihnen, er wird Hanna heirathen." „Na hören Sie mal, dann ist das wohl bei Ihnen so Mode, daß man die eine Schwester heirathet und der andern die Cour schneidet." „Aber liebe Frau Commerzienräthin, es ist ja gar nicht möglich, wir können Esther nicht verheirathen I" rief Friedchen. „Warum denn nicht?" „Das sind Verhältnisse, die man mit dem Schleier des Geheimnisses bedeckt." „I was Sie sagen," versetzte die Commerzienräthin näher rückend. „Also so was kommt bei Ihren Leuten auch vor. Erzählen Sie doch mal, wie war denn die Geschichte?" „Das kann ich nicht," versetzte Friedchen. „I, wir sind ja unter uns, Ihr könnt dort runter spazieren gehen," erlaubte oder gebot sie den Kammerjungfern. — „Nun beichten Sie mal los," drängte sie dann. — „Wenn ich es Ihnen wirklich erzählen wollte verstünden es nicht!" betheuerte Frau Löwen^ „Was? ich verstünde es nick^

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