Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 43 (23.10.1879)
- Date
- 1879-10-23
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ein schönes, schuldenfreies Grundstück als Mitgift zu geben. Jousel Kakowski, so hieß der bieder Pole, kam durch die Ueberredungskünste und die Verlockungen so sehr ins Gedränge, daß er halb zusagte; nur bat er sich noch 14 Tage Bedenkzeit aus, die ihm gerne gestattet wurde; somit stand Jausel dem Taufbecken schon sehr nahe. — Von diesem unsaubern Treiben des Pietisten und Consorten bekam der fromme Rabbiner der Gemeinde, Dr. S. Nachricht. Im that es um den jungen, unerfahrenen Menschen und seine Angehörigen leid und er beschloß, ihn den gelegten Schlingen zu entziehen. Ohne Verzug ließ er den Gesellen zu sich rufender mit beschämtem Gesichte, niedergeschlagenen Augen und am ganzen Körper zitternd vor dem Rabbiner stand. Dieser bot ihm freundlich die Hand, und hieß ihn Platz nehmen. Ohne ihm irgend einen Vorwurf zu machen, stellte er ihm seinen leichtsinnigen und verwerflichen Entschluß mit dringlichen, überzeugenden Worten vor, erinnerte ihn an seine Eltern und Geschwister in der Heimath und sagte ihm endlich, daß ihm als Israelit jederzeit ein solches Heirathsglück mit einem jüdischen Mädchen bevorstehe, wenn er sich von nun ab moralisch führen und als gesetztreuer Jude leben würde. Bei seiner Geschicklichkeit in seinem Handwerke werde es ihm an guten, jüdischen Werkstätten nicht fehlen; dafür solle übrigens gesorgt werden. — Jausel Kakowski saß erschütternd, reuvoll und in Thränen gebadet da. Endlich sprach er mit schluchzender Stimme: VIKtsn ich habe sehr gesündigt, will aber Gott bitten, mir meine Sünde zu sein, mir zu verzeihen. Ich fühle große Reue und will pßltP Buße thun! Der würdige Rabbiner tröstete ihn mit Bibel und Talmudsprüchen und versicherte ihm, daß der ewigeinzige Gott ihm vergebe, wenn er von jetzt ab, an den göttlichen Geboten festhalten werde. Jausel versprach alles mit Mund und Hand, und bat schließlich den lieben Rabbi, er soll loben, ihn zu benschen, zu segnen und ihm noch einen neuen frommen Namen zu geben. Ein solcher Name werde ihn stets an seine Pflichten als Israelit erinnern und vor bösen Thaten, vor dem jnn 12^ böse Begierden, schützen. Der Rabbiner war gern bereit, ihm zu willfahren, und fragte ihn nach seinem jüdischen Namen. Ich heiße Jausel (Joseph) erwiderte der Gefragte. Segnend legte der Rabbiner seine Hände ans das Haupt Jausel und sprach: Du sollst von jetzt ab auch noch Moses heißen. "7 Der Vorsteher der Gemeinde, welcher dieser seltenen Scene beigewohnt hatte, fragte den Rabbiner, aus welchem Grunde er dem Gesellen gerade den Namen Mousche oder Moses gegeben habe, warum nicht nach den Erzvätern, wie das doch übtich ist. Aus dem einfachen Grunde, versetzte der Rabbiner, denn inrWö D'ÖPI p. L. I. Braunhart. — Baron Adolph von Reinach, Chef des bedeutenden Bankhauses Kohn-Reinach zu Frankfurt a. M. ist daselbst in seinem 65. Lebensjahre gestorben. Die ff. Gemeinde beklagt in seinem Tode Eines der intelligentesten und wohlthätigsten ihrer Mitglieder. (Intoleranz.) Bei den Bulgaren wie bei den Rumänen: Zwei Herzen und ein Schlag. Da wird aus Bukarest dto. 16. Oktober berichtet: In Kalafat kam es vorgestern bei dem Besuche des Fürsten Alexander zu einem großen Scandal. Die Juden hatten einen Triumphbogen errichtet, der reich mit Tempeldecken behängen war. Die Bulgaren rissen die Decken herab und cs entstand eine Prügelei. Der Fürst schützte die Juden mit Mühe gegen weitere Mißhandlungen. (Zum 50. Geburtstage Lasters) schreibt heute die „Nat.-Z.": An diesem Dinstag begeht Euard Laster seinen fünfzigsten Geburtstag. Es sind nun bald fünfzehn Jahre her, daß er in das politische Leben und in ihm schnell in die vorderste Reihe trat, Mit den großen gesetzgeberischen Schöpfungen, die seit dieser Zeit entstanden sind, ist sein Name auf das Engste verknüpft; in einer großen Zeit war es ihm vergönnt zu wirken; seinem Leben ist ein großer und reicher Inhalt gegeben morden. So ist ihm das Höchste zugefallen, auf was ein Mann im politischen Leben rechnen darf, wenn man absieht von äußerlichen Ehren und von der wechselnden Gunst und Ungunst der Tagesströmung. Auf diesen Höhepunpt des Lebens tritt Lasker gerade in dem Augenblicke, da die Schöpfungen, an denen er sich hauptsächlich betheiligte, die ernste Probe zu bestehen haben, die ihnen von den Gegnern derselben bereitet werden soll und wie es scheint, hat das Abgeordnetenhaus, in welchem sein Worr so oft maßgebend gewesen ist, heute keinen Platz mehr für ihn. Auch das ist ein Schicksal, auf welches " Politiker vorbereitet sein muß. Was den Inhalt des Wirkens von Lasker bildete, das untersteht dem Urtheil von Freund und Feind; aber dieser Inhalt steht schon hoch genug, daß das letzte Urtheil die Geschichte abgeben wird. Was Lasker seine Zeitgenossen bezeugen werden, was sie ihm einstimmig zuerkennen, ist ein trefflicher Wille, ein unermüdlicher Fleiß, eine unübertroffene Selbstlosigkeit. Diejenigen, die Eduard Lasker politisch und menschlich näher stehen, verehren in ihm einen treuen und warmen Freund. Nicht ohne Befriedigung kann Eduard Lasker heute auf die Zeit so unausgesetzten und harten Ringens zurücksehen, in der Sicherheit des für seinen Lebensinhalt bereits Gewonnenen und im Bewußtsein eines ungebrochenen und jugendsrischen Strebens nach dem, was ihm als das ideale Ziel seines Daseins gilt. Unsere herzlichen Glückwünsche begleiten ihn bei seinem Feste. — (Ehrengabe für Lasker.) Frankfurter Blätter berichten: Dem Vernehmen nach hat sich aus dem Kreise der hiesigen zahlreichen Verehrer Lasker's ein Comite gebildet, um diesem bisherigen Landtags-Abgeordneten des Frankfurter Wahlkreises an seinem 50. Geburtstage — 14. Oktober 1879 — als Zeichen der Anerkennung eine Ehrengabe zu überreichen. Dieselbe wird in einer in reichem Renaissance-Geschmack gearbeiteten, mit einer Justitia gekrönten Vase bestehen. Der Grund ist Gold, die ciselirten Reliefs sind in mattem Silber. In einzelnen Feldern sind in paffender Vertheilung neben der Widmung die Daten der wichtigsten Momente der parlamentarischen Thätigkeit Lasker's bezeichnet. — Die Feier des 50. Gebnrtstages Dr. Lasker's, für welche persönliche und politische Freunde desselben ein Festmahl vorbereitet hatten, hat nicht stattgesuaden, da Hr. Lasker, welcher geräuschvolle Huldigungen nicht liebt, seine Theilnahme ablehnte. Die Tochter als Minderjährige, als Braut und als Gattin. Treu nach der Talm. Literatur gezeichnet von vr. Jsaae Gastfreund in Wien. (Fortsetzung.) Scharf und nachdrücklich ward es betont, daß der Vater eine Rüge verdiene, wenn er seine Tochter bis zur Volljährigkeit unverheirathet läßt (Sanhedr. 76, a). Traf sich keine paffende Parthie bis dahin, so soll er nicht davor zurückweichen, seinen eigenen Sklaven in Freiheit zu setzen, und ihm seine Tochter zur Ehegattin anzugeloben (Peßachim 113, a). Nichtdestoweniger, bei aller Eile die dem Vater auferlegt war, seine Tochter so frühzeitig als möglich zu verheirathen, mußte er doch bedacht sein, mit der Verheirathung nur das Glück seiner Tochter im Auge zu behalten und nicht etwa aus anderen niederen Gründen die Wahl seines Schwiegersohnes zu treffen. Daher es jeglichem Vater, der ohnehin verpflichtet wurde seiner Tochter Mitgift zu verabreichen (vgl. Kethubot 52, b) dringend mahnend eingeschärft wurde: daß, wer seine Tochter einem alten Manne giebt, von dem heißt es in der heiligen Schrift: Gott wolle es ihm nicht verzeihen (Sanhedr. 76, b), wer ferner seine Tochter an einem gemeinen Manne verheirathet, der hat sie gleichsam vor einem Löwen gebunden, hingeworfen (Peßach. 44, a). Hingegen treffen alle Verheißungen der Propheten jenen Vater, der seine Tochter einem Gesetzeskundigen zur Gattin giebt, weil dieser sie am besten zu schätzen, zu würdigen, und edel zu behandeln wisse (Berachot 34, a). Nur wer seine Tochter einem Gesetzeskundigen giebt, verschwägert sich gleichsam mit der Gottheit selbst (Kethubot 111, a). Die Tochter als Braut. Die hebräische Sprache räumt in ihrer eigenthümlichen Bauart, in ihrem kunstvollen Satzgefüge in ihrer Bezeichnung der Familien-Angehörigen und deren Benennung, dem weiblichen Geschlechte eine hohe Stellung ein. Sie bekundet nach den verschiedenen Stufen, eine unverleugbare Werthschätzung für die Jungfrau, wenn sie in den Brautstand tritt. Sie läßt mit dem Ausdruck: die aus dem Mädchenstünde in die Ehe tretende Jungfrau in einer Art von Weihe und Verklärung erscheinen, welchen Ausdruck die Römer sowenig als die Griechen haben (vgl. Friedlander ibid. S. 450). Das Wort nämlich bezeichnet nicht allein die Bekränzte, sondern auch die an Vorzügen reife, vollendete und vollkommene, deren Bezeichnung später auch auf den L-abbath übertragen war, der bei seinem Eintritte, gleich einer geliebten Braut begrüßt wurde (Sabbath 109, a). Damit hängt es vielleicht zusammen, daß die hebräische Sprache keinen Namen für das Abstractum der Ehe bietet, welches eigentlich erst in der talmud. Zeit gebildet wurde, weil nämlich schon von der Zeit der Verlobung die Seelen beider Verlobten innig vereint waren, und der Eheakt selbst bloß eine natürliche Folge der bereits vorangegangene Uebereinstimmung und Hingebung war. Mögen wohl die Eltern bei den Verlobungen mit einander unterhandelt haben, wie viel ein jeder dem Ehepaare sich verpflichten will zu geben (Moed-Katan 18, b. Kethubot 66, b) und dieser mündliche Vertrag hieß: (Mjuöot 102, b); möge auch die Gegenwart der sich Verlobenden bei dem Verlöbniß selbst nicht unumgänglich nöthig gewesen sein, da dieselben auch durch Bevollmächtigte sich vertreten lassen konnten (Kidduschin 41, a); jedenfalls aber ging der Verlobung ein freies Werben und Freien voraus, in Folge dessen gewiß ein gegenseitiges Kennenlernen der sich Verlobenden stattfand, wie dies folgende Erzählung bezeugt: Am 15. Ab und am Versöhnungstage, pflegten Jungfrauen, bekleidet mit weißen geborgten Anzügen, damit die Reichen vor den Unbemittelten Nichts voraus haben, hinaus in die Weingärten zu ziehen und beim Tanze die jungen Leute zur Ehe aufzufordern. Alle waren bestrebt ihre Vorzüge ins rechte Licht zu stellen und sie zu verwerthen. Die Einen priesen ihre Schönheit, Andere ihren Familienadel, wieder Andere, denen jene Vorzüge fehlten, sprachen von der Jugend und Sittsamkeit (Jeruschalmi Taanit c.. IV. bab' Taanit. 31, a). Die Braut, welche vom Bräutigam mit Prunk und Glanz abgeholt war (vgl. B. Batra 146, b), bildere den Mittelpunkt aller fröhlichen Bewegung und alles heiteren Aufwandes bei der Hochzeit. Man sah nämlich in ihr nicht bloß die jungfräuliche Schönheit, mit allen deren Reizen und Anziehungen, sondern man verehrte in ihr alle die Vorzüge der künftigen Mutter,, welche die Heiligkeit der Ehe schon im Voraus ausstrahlte. Daher war das ganze Streben der Gäste und anwesenden Freunde nur darauf gerichtet, ihr Huldigungen zu erweisen und ihr Lob zu spenden. Dieser, der Braut gezollten Feierlichkeit gemäß, bildete sich jene moralische Pflicht heraus, der zufolge man sich an dem Brautzug unbedingt und ohne Verzug anzuschließen habe, (Peßach. 101, b), so daß selbst Gesetzeslehrer es nicht versäumten bei derartiger Fröhlichkeit die gewöhnliche Mäßigkeit zu überschreiten. Der eine Lehrer, in seinen Händen Myrthenstengeln tragend, tanzte vor der Braut und rief: welch eine schöne und keusche Braut! ein Anderer warf Myrthenstengel in die Luft und fing sie wechselweise wieder auf; ein dritter gelehrter Lehrer Hub die Braut auf den Rücken und machte mit ihr Luftsprünge. Als ihn seine gelehrten Genossen fragten, ob denn ein derartiges Verfahren gestattet sei? Ja wohl, versetzte der lustige Lehrer, wenn er ihr nur dabei, wie ich nichts Üebles denkt (Kethubot 17, a). Während man nun in Palästina unangefochten zu singen pflegte: die Braut ist weder gefärbt noch gepudert, noch geschmückt und dennoch so reizenb schön (ibid.), — wie auch bei den Griechen vor der Brautkammer ein Lied abgesungen ward, welches mit einem alten deutschen Worte: „Das Brautlob" übersetzt werden könnte (Böttinger: die Aldobrodinische Hochzeit S. 74), entbrannte ein Wortftreit darüber: mit welchem Lobe darf man vor der Braut tanzen? die strengen Schamaiten meinten, damit man nicht zu lügen versucht werde, solle man nur die wirkliche Beschaffenheit der Braut in Lob anstimmen; die milden Hilleliten hingegen wollten jedweder Braut den Zuruf, wenn er auch der wirklichen Beschaffenheit nicht entspricht, ertönen lassen: Welch eine schöne und keusche Braut (Kethubot 17, a). (Fortsetzung folgt.) Literarische Anzeige. „Rischuß" oder Judenidiosynkrasie. Ein Zeitstudie von Dr. X Lulzbach. Loeblau (Westpr.) Druck u. Verlag von Rich. Skrzeczek. 1879. -Preis 60 Pfg.- Die Broschüre ist für unsere dieswöchentliche Nummer zur Besprechung zu spät eingetroffen. Einstweilen erlauben wir uns, diese für Juden und Christel) zugleich interessante wie lelrreiche Zeitstudie unsern Lesern bestens zu empfehlen. Hierzu eine Beilage.