Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 43 (23.10.1879)
- Date
- 1879-10-23
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Vernichtung herein zu stürmen. Nur dies Volk selbst hat nicht gewankt in seiner Treue; unbeweglich steht es noch da in seinem Glauben und in seinen Gebräuchen.; . . . Wo wohnet ein Volk auf Erden, das mit solcher Treue bestanden hätte? wo ein Volk, daß solche Opfer gebracht, solche schimpflichen Mißhandlungen, erduldet, solche Marter euhig ertragen hätte, ohne dem Drange der Zeir zu weichen? Was ist doch selbst das in seiner Tapferkeit bewunderte Volk der Römer gegen diese Beispiele der unerschütterlichsten Glaubenstreue und des freudigsten Glaubensmuthes? Was sind die meisten Helden der alten Welt gegen diese oft geschmähten Söhne Jakobs, die kühner und herrlicher als jene Helden im Gewühle der Schlacht, den Kampf gegen das eiserne Schicksal bestanden? Wahrlich, man denke nicht gering von diesem Volke und seinen Thaten! Der Niedrigste in seiner Mitte ist ein Glied jenes seltsamen Stammes, der durch alle Zeiten fest im Boden der Menschheit gewurzelt und nach allen Weltgegenden aus seine Sprößlinge getrieben hm; der ärmlichste Jude, der vielleicht kaum des Anblickes gewürdigt wird, trägt den Stolz seiner Stammeltern und ihren felsenfesten Sinn in sich nnd würde, träfe ihn die Vorsehung, für seinen Glauben zu leiden und zu sterben, vielleicht muthiger und ehrenvoller bestehen, als Hunderte von Denen, die seinen Wahn verachten und seiner Sitten spotten. Gewiß, groß und herrlich hat bis jetzt das jüdische Volk in der Zeit seiner Prüfung sich bewährt; wie tief es auch jxtzl noch steht im Ansehen bei der Welt, eine hohe Bewunderung hat es sich doch erworben bei Allen, die Ehrenvolles und wahre Größe zu schä?en wissen; sein Ruhm ist höher, als seine äußere Geltung, und mitten aus seinem Schimpfe strahlt ein leuchtender Glanz seiner Ehre hervor, der immer heller scheinen wird, wenn erst die Stimme der Leidenschaften schweigen und das längst verkannte Volk Gerechtigkeit in der christlichen Welt finden wird. Vieles hat in unseren Tagen sich geändert; milder ist das Loos des jüdischen Volkes geworden; viele Lasten sind von ihm genommen und gesichert lebt es jetzt unter dem Schutze der Gesetze, ohne Furcht, daß die Schrecknisse der früheren Verfolgungen sich ihm wieder erneuern würden. Jndeß, auch jetzt noch bleibt ihm Manches mit Recht zu wünschen übrig. Noch ist die die Verachtung nicht gehoben, die auf diesem Stamme ruhet; noch begegnet ihm oft ein stiller Haß und unchristliche Lieblosigkeit; noch ist er nicht zum vollen Genüsse der Freiheit gelangt und erst unfern Tagen war es Vorbehalten, auf seine endliche Lossprechung von Jahrhunderte langen Fesseln zu denken und die vorenthaltenen Rechte ihm wieder zu geben, aber auch mit diesem edlen, menschenfreundlichen Bemühen einen Streit zu entzünden, dessen Feuer vielfach noch in hellen Flammen brennt. Wie viel Vorurtheil und Leidenschaft auf Seite der Judenhasser selbst in unserm aufgeklärten Jahrhundert und in diesem Lande der Gewiflens- und Glaubensfreiheit zu finden ist, davon geben die jüngsten Vorgänge ein nur allzu trauriges Zeugniß. Oder ist es mit den Gefühlen der Menschlichkeit oder gar mit den Geboten der christlichen Liebe zu vereinbaren, wenn in den Blättern der sog. rechtgläubigen Partei jener Corbin'schen Decrete in Manhattan Beach mit allem Eifer vertheidigt und gerechtfertigt werden? — — Gottlob, es haben die Stimmen jener Eiferer keine allzu große Bedeutung mehr — sie sind nicht im Stande, den Gang der weisen Weltregierung aufzuhalten. Wie kurz oder lange es auch vielleicht noch währe, und welche Schwierigkeiten auch noch von christ- Ein Schächter als Bischof. Ei« Skh;e aus den Erinnerungen meines Lebens, von Bramchart. Fortsetzung. Meine Geschichte ist etwas lang. Doch da wir hier im Wagen nichts Besseres zu thun haben, so will ich Ihnen, vielleicht zu Ihrer Belehrung, eine Skizze aus meinem Leben entwerfen. Wie schon erwähnt, bin ich in F. geboren, und schon frühzeitig von meinen frommen Eltern zum Studium des Hebräischen und zur Gottesfurcht angehalten. Später studirte ich bei einem Talmudisten Talmud; da ich aber keine Aussicht hatte, mich zum Rabbiner auszubilden, aber eine ziemlich gute Stimme hatte, so faßte ich den Entschluß Kantor und Schächter zu werden, zu welchem Zwecke ich das letztere Fach bei einem practischen tDIYltP erlernte und vornherein bekannten Rabbiner ni?3p erhielt. Ich bekleidete anfänglich eine Stelle in einer kleinen Gemeinde, versuchte es in einer größern; allein ich hatte ''n Glück. Ueberall wurden die polnischen Juden -ländischen vorgezogen. In den Gemeinden, wo "''er fungirte, verlangte man von dem Vorlicher und jüdischer Seite hinweg zu räumen sind: kommen wird und muß die Zeit, die kein Vorurtheil mehr gelten läßt, in der keine Verachtung nnd kein Haß dem jüdischen Volke mehr begegnet, in der es den vollen Gebrauch seiner Freiheit und seiner Rechte genießen wird." Die lalmudische Tradition. (Fortsetzung siehe Nr. 38.) Ein kurzes Wörtchen: „ppi ’Hp", diente den als sinaisch tradirte anerkannten Satzungen zum Schutzmittel vor der Vergessenheit. Scheinbar corrigirt jenes Wörtchen manche Wortform des sancirten Textes der heiligen Schrift, ohne jedoch masforetische Autorität zu beanspruchen. Es wird durch das „rP2 np" wohl eine andere Leseart ponirt, ohne jedoch die schon vorhandenseiende und anerkannte zu verdrängen. Vielmehr wird durch jenes nur zu der schon bestehenden noch eine zweite hinzugefügt, um dadurch manches im Andenken zu erhalten, was nicht schriftlich in der Thora, dennoch aber sinaisch freundlich angeordnet ist. So heißt es (Tract. Rösch haschanah f. 24.) Y'3 t^X'1 tmpD BHipö nnx yw oyrtoi tcnipD -iöix des jüdischen Gerichtshofes Oberhaupt sprach bei des Neumondes Sichtbarwerden „eingesegnet ist des neuen Monats erster Tag!" und aber auch die gesammte beiwohnende Gemeinde spricht darauf: „Eingeweiht, Eingeweiht!" So war der religiöse Act des Kidusch hachodesch streng vorgeschrieben auf Grund sinaischer Tradition. >^Q^N5v? „worauf denn stützt sich die Observanz der Miletnstimmung der Gemeinde mit t£H)pD?“ fragt d. Gemana. Und R. Chaja ci'irt im Namen des N. Gehuda Hanasi: r6xa. „DnX :rra np '.DITlX liOpn icwm Das Vehikel ist also gefunden in dem überflüssigen „1" im Worte orfiX- Dieses „V' dem DnX vorgesetzt, heißt DHX1 und auch Jsr., d. h., die Gemeinde, sollet mitsprechen EHlptt ,BHlpD. Dieser Akt der BHnn tfi^Yp ist (HYinn p) mo,aisch geboten. Eben so ist der Gebrauch von NNlLDN pt£> für jeden Israeliten bei?N3-Strafe ausdrücklich in der Thora verboten (6xod. 30, 32), für Qims 0*63, aber und DYID nörD ist der Gebrauch per Tradition erlaubt. Für diese wirklich überraschende Exception von ms da sogar t’Vtt p31 vor der Jnstallirung, der Gebrauch des ptp nntPDn verboten bleibt, auf Grund, daß er noch immer (Maim. ibläem. 1, 10) ein ist, fand d. Gemana ein Vehikel: zrUTD "p"X7 -pD’» xi? fTQ >1p1 das „V' im Fut. a verbo "JDJ ist überflüssig, es wird hinter „D" translacirt und wird zum Fut. Hiphil. Es ist also durch das IY2 *Hp der per sinaischen Tradition erlaubte Gebrauch des heiligen Salböls für BYH3 und DY1D wohl aufgefunden und so auch erhalten worden. Ebenso im Tract. Peßachim 64. rDT X3VH pn 1D1X *pyöt5> "p - »rant nnt xr^n pm v>mtx n^n^x? »R. Simon spricht sich über den ausdrücklichen Satz m der Thora: « Exodus 23, 18 und 34, 23) x^M *YQtD*T psn hv tontm Schlachte nicht, während noch gegorenes Brod (am Rüsttage des Peßachfestes im Hause ist) mein Schlachtopfer folgendermaßen aus: wann des Peßachopfer vorschriftsmäßig geschlachtet wird (i. e. am 14. Nissan) macht man sich keiner NIp^Q-Sünde schuldig, wenn man andere Opfer bei noch vorhandenseiendem Chamez schlachtet, an jedem andern Tage des Peßachfestes aber darf keinerlei Opfer beter auch noch deutsche Vorträge, die ich aber mit meinem kärglichen Deutsch nicht zu halten vermochte. Dies zwang mich, mein Projekt vorläufig aufzugeben, behielt aber zur Vorsicht meine Schlachtmesser, die ich mir aus Königsberg für schweres Geld hatte kommen lassen. Mit einer kleinen Baarschaft ging ich nach Hamburg, um in dieser berühmten Handelsstadt irgend einen kleinen Handel zu ergreifen. Aber schon nach einem achttägigen Aufenthalt in dieser freien Reichsstadt wurde ich auf das Polizeiamt beschieden, wo mir mit barschen Worten eröffnet wurde, daß ich bei Gefängnißstrafe innerhalb 48 Stunden Hamburg zu verlassen habe, und zwar aus dem Grunde, weil ich keine gewisse Existenz Nachweisen könnte, und besonders, weil ich ein Jude aus der Provinz Posen, als solcher hätte ich kein Recht, mich in irgend einem Theile Deutschlands dauernd niederzulaffen.. Man händigte mir meinen Reisepaß ein, auf dem mit großen rothen Buchstaben zu lesen war: Retour nach der Heimath! Heimath? dachte ich, wo giebt es für die Juden der civilisirten Welt, außer Frankreich, eine eigenthümliche Heimath? Ueberall stehen sie noch unter Ausnahmegesetzen; überall werden ihnen die bürgerlichen Rechte, obgleich sie mit den andern Staatsbewohnern gleiche Pflichten nnd gleiche Lasten zn tragen haben, noch bei noch im Hause seiendem Chamez geschlachtet werden." R. Simon kannte keinesweges eine solche Dispense von der Malkut-Strafe für andere Opfer am 14. Nissan auf seine Autorität gestützt haben, sondern er wußte, diese Dispense beruhe auf einer sinaischen Tradition, die sich erhalten. Dazu brachte er das Vehikel in dem sich wiederholenden „^rQT" woraus »rat Plural meine Schlachtopfer, die andern alle außer dem nur ein Mal vo.kommenden Peßachopfer, wird. Das iJYQnp ist also der Träger der sinaischen Tradition für Dispense des ikSj in Bezug aller andern Opfer am 14. Nissan. Ebenso im Tract. Synhedrin 54 sagt R. Akiba: es heißt in der Thora zwar nur „nt^X ‘QDtt'D 13t£TI i6 -DinXl“ liegt neben 33t£T) im Kal auch 2312Y! im Niphai. Die NYpV-Strafe (Maimon. hilch. Jssurei Biah P. I. 14) dem aufzulegen, da es in der schriftlichen Thora nicht ausdrücklich notirt ist, kann nur sinaisch mündlich angeordnet worden sein. So tradirte es sich auch fort. R. Akiba fand aber durch das!Y3 i^p, wodurch im Fut. Kal iDtm durch Vocal Kamez unter das Niphal auch enthalten, und dadurch das sinaisch mündliche Verbot in Bezug auf den der Vergessenheit weniger ausgesetzt ist. Es standen also alle jene hochgelehrte Talmudlehrer, die auch mit den profanen Wissenschaften damaliger Zeit sehr bekannt waren, und in Folge ihrer subtilen Denkkraft, wie nicht minder ob der Tüchtigkeit ihres excellenten, vielseitigen Wissens eines sehr celebrirten Rufes selbst bei den Weisen der heidnischen Völker sich erfreuten, wodurch der Name Gottes, des Einzigen geheiliget wurde, auf dem Gebiete des Glaubens an die Göttlichkeit, der dem Mose auf Sinai mündlich mitgetheilten Lehren, die als Ergänzung zur schriftlichen Thora sich per memoriara und per Tradition — wie es heißt ntPD wrv6 moDi ^dd rmn^np u. s. w. (Abot. i, i). »Mose tradirte die mündliche von Gott empfangene Lehre dem Josua, dieser tradirte sie wieder den Skeim, diese den Propheten, diese tradirten sie den Männern der großen Rathsversammlung" erhielten. Demnach ist es, der Talmud, welcher der orthodoxen Richtung auf dem Bereiche der jüdischen Religion eine heilige Gestalt verleihet. Es wurde auch diese Richtung von unfern Vorahnen seit der Diaspora aewürdiaet und festgehalten. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Bonn, 17. Oktober. Der „Israelit" berichtet: L a u p h e i m, 12. Okt. Die Gemeinde Buttenhausen (Württemberg) hat seit ungefähr einem Jahre ihren Rabbiner, Herrn I. Stern, faktisch außer Dienst gesetzt; er durfte nimmermehr vorbeten, nimmermehr predigen, und wollte er dennoch wagen es zu thun, so verließ Alles, wie auf Commando, den Gottesdienst. Zudem strengte sie bei der königl. Israel. Oberkirchen- Behörde eine Klage gegen ihn an auf dessen Enthebung vom Amte und zwar: 1) aus dem Grunde, weil er von aller Welt als der Verfasser jener berüchtigten Broschüre „Der alte und neue Glaube im Judemhum" herausgegeben unter dem fingüten Namen Dr. William Rubens, worin jüdisches Leben, jüdische Sitten und Gebräuche ver-' höhnt, verspottet und im Kothe herumgezogen, gehalten wird, wenn er gleich nur zugibt, nach einer Seite hin ein Bischen hierbei thätig gewesen zu sein und immer vorenthalten, und mir armen Menschen gönnt man nicht einmal in einer freien Stadt einen Aufenthalt, um mich ehrlich zu ernähren! So dachte ich damals. Voller Verzweiflung verließ ich das Büreau, schaffte mir bei Glaubensgenossen noch etwas Geld zusammen, und Herr Mannsfeld, der berüchtigte Makler schaffte noch auf ein elendes Segelschiff, wo ich auf dem Verdecke Wind und Wetter, oder im untern Raume auf Butterfässern dem Ersticken ausgesetzr war. Mit mir theilten noch 5 Israeliten das Elend 13Tage lang auf der Fahrt von Hamburg nach London; denn in England hoffte ich das Eldorado zu finden. Auf dem Meere hatten wir stets ungünstigen Wind und heftigen Regen; besonders an einem Freitagabend erhob sich ein gewaltiger Sturm, der einen Mastbaum zerbrach und das Fahrzeug ganz auf einer Seite legte. Es müßte sehr stark gepumpt werden, denn das Wasser drang in den untern Raum und die Wellen gingen so hoch, daß sie über das Verdeck wegfuhren. Die Angst war Jedem auf dem Gesichte zu lesen, und die Verwirrung sehr groß. Wir beteten mit großer Inbrunst um Rettung aus dieser Gefahr, und bereiteten uns förmlich zum Tode vor.